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Affengeil war “Kunstfernsehen”. Dies hatte mit "fern sehen" zu tun... Man benutzte sein Dienstfernglas allerdings nicht dazu, um nach potentiellen Grenzverletzern Ausschau zu halten. Viel wichtiger war das Fernglas für 2 spannendere Angelegenheiten. Die erste Angelegenheit war "Stunde/Stunde" Das bedeutete, ein Kamerad schlief, der andere hielt nach der Streife, die uns bei dieser miesen Tat um Gottes willen nicht erwischen durfte, Ausschau. Man musste hier rechtzeitig geweckt werden, um nicht vertränt bei der Meldung herumzutorkeln. Es war manchmal nicht ganz einfach, einen tief schlafenden Kameraden sanft zu wecken. Manchmal half nur, die Kalaschnikow dem Kameraden in die Rippen zu dreschen. Ich war zum Glück immer schnell wach und konnte sogar im Sitzen schlafen, ohne den Kopf abklappen zu lassen. Oberaffengeil war die zweite Angelegenheit, nämlich "Spannen". Mit Begeisterung sahen wir besonders nachts in die Zimmer der Bürger. Das gleichermaßen in beide Richtungen. Nämlich in die Oststuben und -schlafzimmer und in die Weststuben und -schlafzimmer. Wir schauten nicht nur von unseren befehlsmäßigen Postentürmen und Postenpunkten, sonder kletterten auf alles, was einen besseren Überblick verschaffte und bauten sogar Leitern und Vorrichtungen um immer einen guten Einblick zu haben. Mit der Zeit bildeten sich bedeutende Schwerpunkte der Beobachtung heraus und mancher Grenzabschnitt war stundenweise verwaist, weil da kein Grenzer war. Die standen in irgendeinem Hinterhof und sahen aus 5 Meter Entfernung mit dem Fernglas in das Schlafzimmer von "Sylvia Kassuppke" und warteten bis "Sylvia Kassuppke" mit dem Fernsehen fertig war und mit "Heinz Kassuppke" ins Schlafzimmer zur ehelichen Verrichtung ging in Form einer Ostpornoproduktion für zwei Zuschauer. War Heinz zur Nachtschicht, war meist mehr los und mehr zu sehen. Dann war der Nachbar da. Die Vorhänge gingen in diesen Häusern nie zu, weil hier Grenzgebiet war und außer Spatzen niemand was in dieser Höhe zu suchen hatte. Gejohle gab es dann bei der Ablösung, wenn der eine Kamerad ein linkes dunkles Auge und der andere ein rechtes dunkles Auge hatte. Das kam von der Gummiblende des Armeefernglases. Nach einiger Zeit war man bestens informiert. Man wunderte sich nicht mehr, dass im Sperrgebiet bei einer Familie nur Westware auf dem Abendbrottisch war, “da wohnt ein Genosse von der Staatssicherheit, der hat halt sowas.” Man sah, wie Kinder verprügelt wurden und durfte nicht eingreifen. Familienzwistigkeiten sah man in Masse, weil das durch den Krach sofort auffiel. Schade war, dass man nicht immer ein Fernglas bekam, weil die Ferngläser nicht für alle Posten reichten. So wurde es Mode, sich ein privates Fernglas von zu Hause mitzubringen, um ja nur ordentlich Grenzdienst verrichten zu können. Ich hatte ein altes französisches Marineglas, was wunderbar in meine ausgebeulten Hosentaschen passte. Absoluter King war ein Kamerad, der ein halbes Scherenfernrohr aus dem 1. Weltkrieg von seinem Opa hatte. Damit konnte man über die Mauer um die Ecke gucken, ohne gesehen zu werden. Wenn er vom Dienst zurück kam, wurde immer gefrotzelt, dass er nun zwei Rohre in der Hose habe, nämlich das vom Opa und sein eigenes, und es wurden Wetten abgeschlossen, welches den nun das längere und härtere wäre.

 

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