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Renate
Als ich im Mai 1966 zur Fahne kam, hatte ich meine ersten Erfahrungen mit den Mädels hinter mir. Ich war 21 Jahre alt und ungemein prägend für mich war, dass ich ein Jahre vorher von meiner ersten Liebe, Renate B. wegen einem anderen verlassen wurde. Ich war beziehungsmässig total durcheinander und kurze Beziehungen - eine nach der anderen -, waren die Versuche, die "Grosse Liebe" wieder zu finden. Aber Renate B. ging erst mal nicht aus dem Kopf. Als ich dann bei der Armee war, hatte sie sich mit ihrem damaligen Freund verkracht. Sie schrieb einen Versöhnungsbrief an meine Thüringer Adresse, da sie nicht wusste, wo ich war. Meine Mutter hat diesen Brief geöffnet und in den Ofen geworfen. Sie meinte später, wer ihr Söhnchen einmal foppt, der foppt ihn nie wieder.

 

 

 

Elke
Ich arbeitete damals bis zur Einberufung im Leuna Werk und wohnte in dem kleinen Städchen Bad Dürrenberg in Sachsen Anhalt. Elke S. hatte ich im Frühjahr 1966 auf dem Tanz in Bad Dürrenberg kennen gelernt. Sie war damals 17 Jahre alt und ihre Eltern machten ziemlichen Druck gegen mich, da ich ihrer Meinung zu jung für mich war. Zudem sollte sie mit einem Armisten möglichst nichts zu tun haben. Nach 4-5 Briefen, in denen sie mir diese Einwände schilderte, schrieb ich sie aber wegen Brigitte S. ab. Das sagte ich ihr aber nicht. Ich schob nun auch die NVA vor und jammerte, dass ich sowieso so schnell keinen Urlaub bekommen würde. Ein Erlebnis schockierte mich damals bei der Armee gewaltig. Ein Bild von Elke, welches ich im Armeespind liegen (Anpinnen war verboten) hatte, wurde von einem Unteroffizier mit der Bemerkung zerrissen: "Die Schlampe hat in einem NVA-Spind nichts zu suchen!". Seitdem hütete ich mich, auch die Fotos von meinen Freundinnen herumzuzeigen. Neben dem Bett des besagten Unteroffiziers stand ein Fotoständer mit einer kleinen pickeligen moppeligen Frau. Dass meine Freundin ein bisschen hübscher als seine war, reichte schon aus, um mich zu demütigen.

 

 

 

Brigitte
So wie viele meiner Kollegen bin ich am Wochenende nach Weißenfels, Halle und Leipzig zum Tanz oder auf die Diskos ausgeschwärmt. Im März 66, zwei Monate vor der Einberufung lernte ich im Forsthaus Raschwitz in Leipzig Brigitte S. kennen. In Brigitte S. hatte ich mich ganz schön verknallt und schon deswegen fand ich die Einberufung zur Armee ein gewaltiges Übel. Fast jeden Tag schrieb ich Brigitte aus Berlin Wilhelmshagen. Angeblich wurden unsere Briefe, die wir in der Poststelle des Regimentes abgeben mussten, geöffnet - und so hab ich wohl wenig von den NVA -Zuständen in meinen Briefen berichtet. Als es das erste mal Ausgang gab, war ich nicht mit dabei, und Brigitte, die extra aus Leipzig angereist war, musste mich wohl oder übel in der Kaserne besuchen. Es war ein Sonntag und da war der Besuch von Angehörigen erlaubt. An der Wache deklarierte ich Brigitte als Cousine und Brigitte konnte in die Kaserne. Diesen Tag habe ich nie vergessen. Es war für uns beide der totale Horror. Die Kameraden höhnten und pfiffen, als wir auf einer Bank neben dem Exerzierplatz händchenhaltend auf einer Bank saßen. Ich hatte den Eindruck, dass die Offiziere nur bei mir vorbei liefen, damit ich aufspringen musste um Männchen zu bauen (Mit Hand an der Mütze grüßen). Als dann Kameraden aus einer Baracke im Chor brüllten, "f... sie!, f... sie!" war dass Maß voll und Brigitte wollte sofort raus. Aber es kam noch dicker. Ein Unteroffizier meiner Einheit schickte mich unter einem Vorwand zu einem anderen Unteroffizier, der mich erst einmal gehörig beschäftigte. Wärenddessen versuchte der andere Uffz., mit Brigitte angeregte Gespräche zu führen. Als ich wieder bei Brigitte war, saß die mit rotem Kopf und Tränen in ihren großen dunklen Augen da. Ich konnte sie nur noch frustriert zum Kasernentor bringen. Einige Tage später kam der Abschiedsbrief von Brigitte.

 

Marta
So wie die Zeit alle Wunden heilt, war auch nach einigen Wochen der Trennungsschmerz zwar nicht vergessen - der Liebeskummer bewegte sich aber in Bahnen, um in Berlin weiter nach den Töchtern des Landes Ausschau zu halten. Diesmal hütete ich mich aber davor, mich gleich wieder zu verlieben und ging das alles lockerer an.

Als Grenzsoldat in Berlin ein Mädchen kennenzulernen, war nicht ganz einfach. Viele Frauen hassten uns wie die Pest und in manchen Tanzsälen wurden wir offensiv geschnitten.

Marta lernte ich im Cafe Rathausstraße beim Tanzen kennen, als ich dort inkognito in Zivilklamotten war. Marta staunte nicht schlecht, als ich zum ersten Rendevouz in einer Uniform erschien, die den grünen Rand an den Schulterklappen hatte - "Grenze!". Aber da hatte es schon bei ihr ein bisschen Klick gemacht. Ich staunte auch nicht schlecht, als Marta mir sagte, dass sie schon zwei Kinder hat. Wir hatten uns eigentlich ganz gerne, aber die Umstände passten nicht. Zum einen war ich für Marta ein bisschen zu jung und zu grün hinter den Ohren, zum anderen musste ich gegen 11.00 Uhr aus ihrem Bettchen hüpfen, um Punkt 12 wieder in der Kasene zu sein. Ausgang bis zum Wecken gab es erst in den letzten Armeewochen. Marta hat sich sicher vor ihren Freunden und Verwandten geschämt, mit einem Grenzer liiert zu sein. Anfang 1997, als ich sie besuchen will, lässt sie mir durch ihre Mutter ausrichten, ich solle nicht wieder kommen, es wäre besser so. Und wieder brauchte ich einige Wochen, um diesen Liebeskummer zu verarbeiten.

 

Brigitte L.
wollte eigentlich was ganz festes, und es machte ihr ein wenig Probleme, dass ich in Berlin bei der Grenze diente. Aber ich war auch total frustriert und wollte mich so schnell nicht wieder auf eine feste Beziehung einlassen. Obwohl mir Berlin als Stadt gefiel, hatte ich im Zusammenhang mit meinen NVA-Grenzerfahrungen die Nase total voll von Berlin und wollte so schnell wie möglich wieder aus dieser Stadt verschwinden. Brigitte wollte in Berlin bleiben und auch wegen dieser Perspektivlosigkeit haben wir uns ohne viel Trara getrennt. Brigitte war Fotolaborantin und da haben wir viele Fachgespräche geführt. Auch war Brigittes Freundin immer mit dabei bei unseren Treffen.

 

 

 

Marta,
eine kesse Berlinerin hatte Langeweile und wollte nur ein bisschen Spass. Dass wir miteinander keine Beziehung aufbauen wollen, war uns beiden klar. So jammerten wir uns gegenseitig unseren Frust vor und machten uns einen schönen Tag oder eine schöne Nacht, wenn das Ausgangsregime meiner Einheit diese Zeit zuließ. Dass ich bei der Grenze diente, war Marta total egal. Sie war unabhängig, brauchte auf niemanden Rücksicht zu nehmen und schämte sich auch nicht mit mir in Uniform auszugehen oder einfach nur spazieren zu gehen. Ich steckte das alles in die Rubrik "Hörner abstossen" und machte mir weiter keinen Kopf. Als ich dann Traudel kennen lernte, war es kein Verlust, als ich mal vor ihrer Türe stand und in der Wohnung Männerlachen hörte.

 

 

 

 

Traudel
Warum der komplette Name unter dem Bild steht, hat einen einfachen Grund. Aber dazu später. Im Mai 1967 habe ich meinen zweiten NVA-Urlaub und fahre zu meiner Mutter in meine alte Heimatstadt nach Thüringen. Obwohl es uns Soldaten auch im Urlaub nicht gestattet war, in Zivilkleidung herumzulaufen pfiff ich auf diesen Befehl und bin mit meiner Schwester am vorletzten Urlaubstag auf ein Dorf in der Nähe zum Tanz gefahren. An meinem Tisch sitzt zufällig Traudel, welche sich mir gegenüber furchtbar darüber aufregt, dass ich mit meiner Freundin zum Tanz gehe und ständig mit anderen Mädchen tanze. Ich habe nun auch mit ihr getanzt und erzählt, dass ich doch wohl mal in meinem NVA Urlaub mit meiner Schwester zum Tanzen gehen kann . Aber nun bekam ich ein Problem mit ihr, weil sie mit einem Soldaten nichts zu tun haben wollte - "Mit einem Grenzsoldaten schon gar nicht!". Ich benötigte dann den ganzen restlichen Abend, um ihr zu verdeutlichen, dass ich nichts dafür kann - in dieser Armee und an der Grenze meinen Wehrdienst "abzuleisten". Ich brachte sie dann schön brav nach Hause und am anderen Tag traf ich Traudel noch einmal eine halbe Stunde am Bahnhof.

Von da an hatte ich den Rest meiner Armeezeit nichts anders im Kopf als diese Traudel. Ich nahm mir vor, diese Beziehung nicht mehr von dieser Scheiß-Armee kaputt würgen zu lassen. Die - nur DIE wollte ich haben! Traudel wollte mich auch. Die darauf folgenden Wochen und Monate startetete ich die möglichsten und unmöglichsten Tricks-Aktionen, um mit Traudel zusammen zu kommen. Ich zerteilte meine restlichen 6 Urlaubstage in Kurz-Urlaub und log, dass sich die Balken bogen, um nach Thüringen zu kommen. Meine Mutter musste ärztlich bescheinigt fast sterben, ich ließ mich im Kurzurlaub krank schreiben, fälschte nun endlich auch Urlaubsscheine, fuhr auf den Urlaubsschein eines Kameraden in Urlaub. Eine gewaltige Hürde war, dass ich in der Nähe des Grenzgebietes im Bezirk Suhl wohnte. Ab Eisenach wurden fast alle jungen Männer von der Transportpolizei kontrolliert. Da konnte ich schlecht mit einem Berliner Wochenende-NVA-Ausgangsschein aufkreuzen, mit dem ich mich nun regelmäßig fast jeden Freitagabend abseilte. Mein Passierpapier war hier der gefälschte Urlaubsschein.

Auch Traudels Vater machte Stress. Er war privater Einzelhändler und hatte mit einem Grenzsoldaten, der seiner Tochter den Kopf verdreht, nicht viel am Hut. Traudel bekam den dringenden Rat, mich zum Teufel zu jagen.

Meine Armeezeit bei der NVA brachte mir nicht nur Beziehungsfrust und Beziehungsprobleme. Als ich Traudel im NVA Urlaub kennen lernte, hatte ich den Partner fürs Leben gefunden. Im Sommer 1968, 8 Monate nach Beendigung meines Wehrdienstes haben wir geheiratet und uns oft an die ersten Wochen und Monate unseres umständlichen Kennenlernens erinnert. Später, viele Jahre später nach dem Fall der Mauer habe ich Traudel 1992 mal die Stätten meines Wirkens bei der NVA in Berlin gezeigt. Besonders der Postenturm am Treptower Graben, auf dem ich gefroren und oft an Traudel gedacht habe. Dieser Postenturm steht heute noch - und ist für mich eine besondere Erinnerungsstätte.

Nach vielen schönen Ehejahren ist Traudel 1994 an Krebs gestorben.

Als Resüme kann ich sagen, die Armeezeit brachte fast allen Kameraden Probleme. Den einen mehr, den anderen weniger. Man kann hier sicher dicke Bücher darüber schreiben.

Manche schrieben jeden Tag einen Brief, andere besoffen sich täglich vor Frust und/oder heulten wie die Schlosshunde auf dem Klo. Nicht wenige Beziehungen gingen durch die Armeezeit kaputt. Im Liebesstress schossen sich Kameraden mit der Kalaschnikow eine Kugel in den Kopf oder brachten andere um. Es gab aber auch, wie bei mir, kausale Glücksumstände, wo man in dieser Zeit seinen Lebenspartner eben durch diese oder trotz dieser Umstände kennen lernte.

 

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