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WENDEERINNERUNGEN EINER JUGENDLICHEN
Anmerkung: Auf den Gedanken, diesen Text zu schreiben, hat mich die Ausstellung “Alltag in der DDR” im Stiftsmuseum Wissel gebracht.
Ich bin in Freiberg/ Sachsen 1976 geboren und in einer wohlbehüteten, christlichen Familie aufgewachsen, die versuchte,
sich mit dem DDR-Regime zu arrangieren. Um eine Chance auf Erweiterte Oberschule (EOS) und Studium nicht zu
verspielen, wurde ich in der ersten Klasse Jungpionier. Später trat ich auch den Thälmannpionieren bei. Bis zur FDJ
musste ich, Gott sei Dank, nicht mehr durchhalten, die Wende kam dem zuvor. Auch die Parteilosigkeit meiner Eltern
und unser christlicher Glaube konnte so manchen Stein in der schulischen wie beruflichen Laufbahn bedeuten.
Meine Kindheit war weitestgehend unbesorgt, aber ich wurde wachsam in Dingen, die ich zu anderen sagte. Vor allem
lernte ich zu trennen: Was in der Familie beredet wurde, war das eine, und was man zu Freunden oder in der Schule weitergab, das andere.
An die Zeit bis zur Wende kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Erst im Nachhinein wurde durch Erzählen meiner
Eltern mir so richtig bewusst, wie es zu DDR-Zeiten aussah. Die Wendezeit war dann eher etwas, woran ich mich noch
lebhaft erinnere. Bei Berichten, die heutzutage zu lesen oder zu sehen sind, bekomme ich eine Gänsehut und manchmal
feuchte Augen. Es ist damals einfach sehr viel in unwahrscheinlich kurzer Zeit passiert, was mein ganzes ruhiges Leben durcheinander brachte.
Im Sommer 1989 war ich 12 Jahre alt. Es war gerade Ferienzeit, als Berichte, meist nur über’s Westfernsehen, zeigten,
dass Menschen in der Budapester Botschaft auf ihre Ausreise bzw. Flucht warteten. Es kamen immer nur ein paar über
die grüne Grenze nach Österreich, um weiter in den “goldenen Westen” zu gelangen. Oft wurden Familien zerrissen und
mühsam aufgebaute Existenzen aufgegeben, um vom großen Kuchen etwas abzubekommen. Wenige Wochen später suchten auch Auswanderer in Prag und Warschau Zuflucht, und täglich wurden es mehr. Einige wurden gefasst beim
Durchschwimmen der Oder, aber auch beim Versuch, den Zaun zur BRD-Botschaft zu überklettern. Die im September
begonnenen Montagsdemonstrationen wurden immer besuchter und zu einem wöchentlichen Wagnis für viele, die eine
friedliche Änderung wollten. Denn allzu oft standen Demonstranten mit Kerzen in den Händen vor Polizei und Panzerfahrzeugen. Unser Pfarrer berichtete uns im Konfirmationsunterricht über seine Erlebnisse in Leipzig.
Bis dahin war für mich alles weit weg und nicht greifbar, eben nur ein Bericht im Fernsehen. Bis im Oktober ‘89 meine
Tante (Schwester von meinem Vater), Onkel, Cousine und Cousin eine Urlaubsreise nach Polen unternahmen, die aber
eine geplante Ausreise in die BRD war. Davon habe ich erst später erfahren, auch, dass sie meine Eltern gefragt hatten,
ob wir nicht mitkommen würden. Wir blieben, und sie waren in Warschau, keiner von uns allen wusste, ob und wann wir
uns einmal wiedersehen würden. Da zu Ostzeiten unsere Familie aus vielerlei Gründen eng miteinander verbunden war,
kam die Nachricht von der Flucht für mich völlig überraschend und unerwartet. Erfahren haben wir es durch ein
Telegramm von Ihnen. Ich konnte damals die Ausmaße noch nicht begreifen und war deshalb wie gelähmt. Keiner wusste von uns, ob wir jetzt nicht von der Stasi belästigt wurden bzw. wie es überhaupt weitergehen würde.
Abends sind meine Eltern in die Wohnung von meinem Onkel und meiner Tante gegangen, um noch persönliche Dinge
“zu retten”, weil die Gefahr einer Versiegelung bestand. Ich und mein Bruder mussten alle Kinderutensilien in unsere
Schränke einsortieren und als unsere unter Umständen ausgeben. Es war alles genau durchorganisiert bei den
abendlichen Ausflügen unserer Eltern. Wenn sie zu einer bestimmten ausgemachten Uhrzeit nicht wieder da gewesen
wären, sollten wir uns an die Großeltern wenden. Die Angst, von der Stasi gefasst zu werden, war nicht unbegründet so
groß. Zu viele Begebenheiten aus Freundes- und Bekanntenkreis war bekannt, die einige Unannehmlichkeiten mit den
Staatshütern zu tiefsten Ostzeiten hatten. Zum Glück sind meine Eltern jedes Mal heil wieder zurück gekommen.
Als dann die Ausreise von den vieren von Warschau in die BRD ohne große Vorkommnisse vonstatten ging, waren wir
erst einmal etwas erleichtert. Jeden Abend schauten wir gespannt Nachrichten, besonders, wenn Live-Übertragungen aus Warschau kamen, ob wir nicht vielleicht doch einen von den Vieren sehen konnten.
Die Demonstrationen wurden im ganzen Land ausgeweitet. Bald gingen auch viele Leute in Freiberg auf die Straße, so
auch wir. Begleitet von Polizei, wurden Parolen zum herbeigesehnten Ende der Unterdrückung und Diktatur gerufen, und
es war immer ein Tanz auf Messers Schneide. Niemand wusste, wer wen bespitzelte, und wenn es doch politisch wieder umschlagen sollte, wie es dann weitergeht.
Nur einen Monat später fiel die Mauer, eine Nachricht, die kaum jemand glaubte. Ich weiß noch, dass es uns mein Vater
sagte. Er selbst hat es im Krankenhaus erfahren. Nachts muss mitten in einer Operation eine Schwester von Ihrem Sohn
einen Anruf bekommen haben, dass er jetzt in Westberlin sei. Es war das erste Mal, dass im Freiberger OP-Saal das
Radio lief. Wenn man schon nicht dabei sein konnte, wollte es doch jeder immer wieder hören, um auch jeden Irrtum auszuschließen.
Wir konnten es kaum glauben. Auch dann noch nicht, als die ersten Trabis von einer jubelnden Masse Westdeutscher
begrüßt wurden. Es waren wahre Freudentaumel und Erleichterung, dass die erwartete blutige Revolution doch so
friedlich ausging. Nur wenige Tage vorher musste der Zug mit Ausreisenden aus Prag über Gebiete der DDR fahren. Die
Bahnhöfe wurden abgeriegelt, die Krankenhäuser auf Schussverletzungen freigeräumt, und die NVA saß mit scharfer
Munition einsatzbereit gegen das eigene Volk zu schießen. Menschen, die auf den Zug aufspringen wollten, wurden
gewaltsam mit Schlagstock ferngehalten und festgenommen. Der Zug durchquerte auch den Freiberger Bahnhof, und es
gab leider auch etliche Festnahmen und Zwischenfälle. Niemand konnte begreifen, warum der Zug gerade den Weg durch Ostdeutschland nehmen musste.
Es zeigte sich in den folgenden Tagen und Wochen immer mehr, dass die Grenze offen war und hoffentlich auch bleibt.
Wir waren noch im November in Berlin an der Mauer, ganz in der Nähe vom Brandenburger Tor, was wir sonst nur von
einigen hundert Metern aus sehen konnten. Und jetzt konnte ich auf der Betonbarriere stehen und mühsam einen Stein
herausmeißeln. Alle wollten nur diese grässliche Gefängnismauer weghauen und niederreißen. Aber schon da bekam ich
zu spüren, dass so ein festes Hindernis nicht einfach wegzutragen war. Die herausgeschlagenen Steine waren nur kleine Splitter. Erst jetzt wird mir das Sinnbild für diese Aktion bewusst.
Jetzt, da die Grenze offen und die Angst in den Hintergrund gerückt war, machten sich mein Vater und ein Freund sogar
bis nach Warschau auf, um den zurückgelassenen Trabbi von meiner Tante abzuholen. Zur damaligen Zeit war ein
fahrbarer Untersatz sehr schwer beschaffbar (Wartezeit bis zu 14 Jahre) und auch sehr teuer. Nun hatten wir 2 Autos und eine zerrissene Familie.
Bald kam für mich aber eine furchtbar einsame Zeit. Meine Cousine war als Spielkameradin nicht mehr da, und meine
beste Freundin packte auch ihre Koffer. Ich schloss mich nur noch in mein Zimmer ein, wollte mit niemandem reden. Meine Eltern wussten nicht mehr weiter. Oft kam ich nur gerade mal zum Essen aus meinem für mich noch
überschaubaren Versteck, um mich aber sofort wieder vor der so veränderten Welt zu verkriechen. Abwechslung boten ein Besuch in Marktrewitz und der zweite Besuch in Berlin. Das Begrüßungsgeld wollte abgeholt
werden. Diesmal machten uns Warteschlangen nichts aus. Genüsslich tranken wir kostenlose heiße Suppe. Das Angebot im Westen war einfach überwältigend. Wir sahen Dinge zum ersten Mal in unserem Leben. Es gab alles im
Überfluss. Kurz und gut, ich war wie überrollt und völlig erschlagen. Bis Weihnachten waren die Klassen samstags so gut wie leer gefegt, mindestens 2 Drittel fehlten. Offiziell meist wegen
Krankheit, jeder wusste aber mittlerweile, wo alle abgeblieben waren und das erste Mal im Stau standen. Wir kannten
keine Staus, so viele Autos gab es gar nicht. Also war es für uns ein riesiges Erlebnis, in so einer Blechkolonne ein paar Stunden zu verbringen.
Aufgrund des zunehmenden Schülermangels am Samstag wurde der Unterricht erst auf jeden 2. Samstag gelegt und später gänzlich für diesen Wochentag abgeschafft.
Unser dritter Westbesuch startete am 2. Weihnachtsfeiertag nach Oldenburg zu der anderen halben Familie. Ich kann
mich deshalb so gut an das Datum erinnern, weil gerade auch an diesem Tag meine beste Freundin mit ihrer Familie
nach Köln ausreiste. Aber jetzt stand erst einmal ein doch unerwartetes Wiedersehen an. Die Freude war wahnsinnig
groß. Unsere Cousine und unser Cousin führten uns in das noch so unbekannte Leben im Westen ein. Es mussten
Supermärkte wie Aldi und Kaufhäuser wie Horten, Woolworth oder Karstadt erkundet werden. Ansehen war erlaubt, zum
Kauf war kein Geld vorgesehen. Wir bekamen die Augen gar nicht weit genug auf. Ich fand es aber damals schon sehr
bemerkenswert, wie schnell sich die beiden eingelebt und zurecht gefunden hatten. Es ging uns schließlich auch nicht anders.
Die Hinreise war auch sehr abenteuerlich. Die Gefahren der Grenzkontrollen sind zu dieser Zeit noch nicht gebannt
gewesen. Also wurden auf der Fahrt bis zur deutsch-deutschen Grenze Ausreden überlegt. Die mitgebrachte Weihnachtsente war für uns gedacht, weil wir zu angeblichen Vegetariern fuhren. Das Silberbesteck konnten wir
dagegen etwas schlechter begründen. Denn es war fraglich, ob die Beamten uns es abgenommen hätten, dass unsere
Gastgeber über zu wenig Haushaltsgegenstände verfügen. Für die geschmuggelte wertvolle Madonnenfigur ist uns
bestimmt auch noch etwas eingefallen. Zum Glück sind wir nicht in die Verlegenheit gekommen, irgendwelche Ausreden
zu gebrauchen, denn unsere Straße war provisorisch mit Betonplatten ausgelegt worden und ohne Grenzkontrollen passierbar.
Zumindest hatten wir schöne Weihnachtstage mit sächsischem Entenbraten. Der Abschied war für alle dennoch sehr
schwer, auch wenn es nun fast sicher feststand, dass wir uns nun öfter sehen konnten. Erst da ist es mir richtig
bewusst geworden, dass sie nicht mehr in Freiberg wohnten. Deshalb war für mich das Ade-Sagen besonders schwer.
Eine Begebenheit fällt mir noch ein, und zwar war meine Oma die Erste, die meine Tante und meinen Onkel besuchte.
Damals schon 70 Jahre alt, reiste sie mit der Bahn. Im Handgepäck hatte sie die Geige von meinem Cousin, ein Fahrrad
und ihren Rucksack. Am Bahnhof wurde sie von ihrer Tochter begrüßt und gefragt, warum sie nicht gleich 2 Fahrräder
mitgebracht hat. Jetzt lachen wir alle darüber. Es war aber eine erstaunliche Leistung für sie, die Reise mit Umsteigen und dem ganzen Gebritte zu unternehmen.
Das waren im kurzen Überblick meine Eindrücke, die ich vor 11 Jahren hatte. Es kann gut möglich sein, dass ich Dinge
zeitlich durcheinander gebracht habe. Es sei mir hoffentlich verziehen. Es ging mir auch mehr darum, meine Erinnerungen so aufzuschreiben, wie sie mir noch im Gedächtnis sind und wahrscheinlich auch bleiben werden.

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