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Ich habe da auf keinen Fall hingewollt. Da gab es nur Plattenbauten, Schlangestehen,. und die tranken alle gern. Gemeint ist die ehemalige DDR. Aber mein Chef meinte, wenn ich bei ihm arbeiten wollte, dann müsste ich schon zwei Jahre zu seinen Firmen in die DDR. Was soll man machen!
Auf der Hinfahrt trübte mich der Gedanke, bald nicht mehr telefonieren zu können. Ob die da auch eine lesbare Zeitung hatten? Ich kannte DDR-Presse von früher. Die hangelten sich von einem Sieg zum anderen und waren immer im Krieg: im Erntekrieg, im Zuckerrübenkrieg oder kämpften für den Frieden.
In Zarrentin musste man noch diesen Schlenker fahren über die ehemalige Grenzabfertigung. Da kam das wieder hoch: Da war man ein Nichts, die Grenzer gaben sich eiskalt. Wir waren eben der Klassenfeind. Wenn die Jungs und Mädchen Klasse gehabt hätten, hätten sie sich anders verhalten.
Jeden falls war die Autobahn noch wie früher: Es machte bumm und wieder bumm. Man wusste, wo man war.
Nach der Abfahrt nach Schwerin klappte es dann nicht mehr so richtig mit den Vorurteilen. Da gab es kleine Dörfer, kleine Häuser, wie es sie überall hier in Europa gibt. Die Gärten waren geflegt. Ich hatte ja mit niemandem über meine Vorstellungen gesprochen. Also brauchte ich mich auch nicht zu entschuldigen. Im Industriegebiet klappte es dann wieder . Diese Wunder sozialistischer Baukunst bewiesen mir: Der Einzelne war nichts, die Gemeinschaft alles. Doch was nützte sie dem einzelnen, und wer machte die Gemeinschaft aus?
Zunächst hatte man mir einen Platz bei der Bau-Union zugewiesen. Ich sollte dort als Jurist arbeiten. Ob die einen brauchten, das war nicht wichtig. Mein Chef hatte ihnen juristische Beratungsleistung verkauft und versprochen: Niemand wird entlassen, wenn ich den Laden kaufe. Natürlich waren alle begeistert, ich eingeschlossen. Dass mein Boss kein Geld hatte, um die Läden zu bezahlen, darüber habe ich vorsichtshalber nicht nachgedacht.
Dann wurde ich meiner Berufskollegin vorgestellt. Was sollte ich mit der armen Frau reden? Darüber hatte ich mir keinen Kopf gemacht. Also stellte ich ihr irgendwann die hirnlose Frage, ob sie sich durch die Wende um einen Teil ihres Lebens betrogen fühle. Das hat sie natürlich zurückgewiesen - und dann einfach den Raum verlassen. Ein negatives Erfolgserlebnis...
Ich sollte nicht in der Bau-Union bleiben. Mein Boss wollte auch die Baustoffversorgung aufkaufen. Als die Beraterin ausfiel und die drängten, musste ich da hin.
Der Komplex war in Gatow, einer Ansammlung von Baracken und düsternen Hallen. Außer mir gab es noch zwei Kollegen, die heftig mitsanieren sollten. Was die eigentlich taten, habe ich bis heute nicht verstanden.
Ich setzte mich zu meinem Berufskollegen. Es war Winter, aber heiß im Büro. Also rissen wir das Fenster auf. Dadurch wurde es auch nicht viel kälter. Ich bekam alles auf den Tisch, was liegengeblieben war. Es ging darum, den Grundstücksbestand zu retten, Vertragsstrafen und andere Forderungen einzuziehen. und natürlich: die Augen aufzuhalten.
Für viele Kollegen kam ich nicht einfach aus dem Westen, sondern war dessen Vertreter in Schwerin. Ich wurde also für die drohende Arbeitslosigkeit verantworlich gemacht und dafür, dass es bei uns Obdachlose gab. Gleichzeitig versuchten sich die alten Herren mit mir zu verbrüdern, wenn sie abgeschossen werden sollten. Ich weiß noch: Da war der Kaderleiter. Meine Kollegen erzählten mir, dass er es mit seinen Pflichten sehr genau nahm. Er besuchte die Stasi, und sie ihn... Bei Westreisen tat er sich besonders schwer: Ob jemand wirklich wiederkommt war wichtiger, als die Tochter zu verheiraten oder die Oma unter die Erde zu bringen. Er war einer der ersten, der die Kündigung bekam... Als ich ihn besuchte, da klagte er mir, isoliert von den anderen Kollegen, sein Leid: Er habe nur seine Pflicht getan. Da war es auch einen Moment mit meiner Neutralistät vorbei. Unsere Pflicht tun wir alle. Und das machen wir gerade hier in Deutschland. Darum geht es jedoch nicht. Sie erwarten hier Absolution von mir. Ich weiß nicht, wie sie ihre Pflicht getan haben. Wenn sie ein reines Gewissen haben, dann können sie enttäuscht sein. wenn es aber nicht da ist, sollten sie sich tunlichst nicht bei mir beschweren. Das Gespräch endete abrupt. Ich war über mich selbst erschrocken, aber ich war schließlich Dienstleister und kein Richter.
Untergebracht war ich in einem Hotel am Leninplatz. Jedes Mal, wenn die Straßenbahn um die Ecke fuhr, wackelte das Haus - und die Bahn fuhr oft vorbei... Ich hatte ein Fenster im Zimmer. das Fenster zum Hof. Fast den ganzen Winter lagen die kohlen herum. Wenn man morgens aus dem Hotel kam, lag so ein merkwürdiger Geruch in der Luft. Man sagte mir, dass käme von der Braunkohle.
Morgens schossen die Frauen mit ihren Kindern durch die Stadt. Es gab, so wurde mir erklärt, Krippenplätze für alle. Nur, wo die waren, war immer offen. Sie konnten auch am anderen Ende der Stadt sein. Arbeit bei der Wohnung, Krippe aber am anderen Ende der Stadt. Niemand war mit diesem Umstand glücklich.
Irgendwann war Schluss mit Beratung bei der Baustoffversorgung. Mein Boss hatte die Kohle nicht zusammengekriegt und die Treuhand hat alles an die Stinnesgruppe verkauft. Die ging, vielleicht aus überlegten Gründen, zu einer schöpferischen Zerstörung über. Ich wurde dann weitergeschickt, nach Rostock, nach Neubrandenburg.
Irgendwann starb mein Chef. Dann begannen die Hausdurchsuchungen. Er hatte den Unternehmen 100 Millionen abgeschnackt, die sie auf ein Notaranderkonto legen sollten, um angeblich nach der Privatisierung zu investieren. Dieses Geld hat er sich dann von seinem Notar auf sein eigenes Konto überweisen lassen und der Treuhand gesagt: “Schaut mal, Freunde, ich kann sogar bezahlen!” Dafür bekam sein Notar einen festen Wohnsitz in Berlin-Moabit...
Ich habe mich gefragt, wie solche Leute das schaffen. Vielleicht, in dem sie ein ganz normales Umfeld aufbauen und in dessen Inneren agieren. Ich hatte dazu gehört. Ich habe einem Betrüger seine Geschäfte ermöglicht, weil ich auch nur meine Pflicht erfüllt hatte. Auch wenn ich keine Schuld auf mich geladen hatte: War ich besser als der Kaderleiter?
Das Ergebnis war dann, dass auch ich entlassen wurde und arbeitslos auf der Straße stand. Wo doch die Ostdeutschen meinten, das Arbeitslos-Werden sei ihr Privileg. Es hat vier lange Jahre gedauert, in denen ich oft ans berufliche Aufgeben gedacht hatte. Meine Familie hat mich unterstützt, und heute arbeite ich in einem Großbetrieb an einer Stelle, von der ich immer geträumt habe. Heute diene ich keinem Betrüger, vielleicht, weil ich es nicht muss, ganz einfach Glück habe. Eigentlich mag Ich den Bibelspruch nicht: “Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein.” Aber hier, so finde ich, passt er!

 

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