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DataIcon  ERINNERUNGEN EINES POLITIKERS

Eröffnungsrede zur Ausstellungseröffnung “Alltag in der DDR” im Stiftsmuseum Wissel

GEDANKEN UND ERINNERUNGEN EINES MENSCHEN, DER DABEI WAR, UND DOCH DEN ANDEREN NICHT KANNTE

Was wusste ich eigentlich vom Leben in der DDR vor dem Herbst 1989?
Meine Antwort: Fast nichts. Die Abschottung bestand bis in die Spitze unseres Staates. Ich gehörte sensiblen Ausschüssen des Deutschen Bundestages an: Forschung und Technologie, Rechtsausschuss, Gentechnikgesetz. Kontakte waren deshalb praktisch gleich Null. Ja, bis zum 9. November des Jahres 1989.
Der 9. November 1989 fing wie ein ganz normaler Arbeitstag an: mein Arbeitstag im Deutschen Bundestag. Wie jeden Donnerstag hatte er mit der Messe und dem Frühstück im Katholischen Büro begonnen. Dann vermerkt mein Terminkalender einen Gesprächskreis zum Thema “Schutz des Lebens”, Arbeiten im Büro, Sitzung des Gesprächskreises “Energie”, ein Gespräch der CDU-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen mit den Diözesanräten, dreimal für mehr als eine Stunde Teilnahme an der laufenden Sitzung des Bundestages und an fünf namentlichen Abstimmungen über Rentenreform, Beamtenversorgung, Abgeordnetenversorgung und das Vereinsförderungsgesetz. Aber dann steht in diesem Kalender: Um 20 Uhr herum wird die Sitzung unterbrochen. Irgendetwas ist in der DDR geschehen, sickert es in den Plenarsaal durch. Geraume Zeit später gibt es eine Erklärung der Bundesregierung zur Entwicklung in der DDR, vorgetragen von Bundesminister Rudolf Seiters: Die Mauer fällt. Wenn man sich umschaut: Vielen gestandenen Frauen und Männern laufen dicke Tränen über die Wangen. Irgendjemand stimmt die Nationalhymne an. Alle fallen ein: Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland. Was wir an diesem Abend aber noch nicht ahnen, ist: Der Zug zur Deutschen Einheit ist abgefahren.

Dass aber die Entwicklung dann sich in diese Richtung verstärkt, wird deutsch nach den Wahlen zur Volkskammer der DDR vom 18. März 1990. Immer häufiger finde ich Eintragungen, die auf ganz neue Beratungsgegenstände in den Ausschüssen des Deutschen Bundestages und es Bundestages selbst hinweisen: Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sind solche Stichworte. Unter dem 23. August 1990, unserem 30 Hochzeitstag, finde ich den Eintrag: Dramatische Abstimmungen zur Frage des § 218 - also des Schwangerschaftsabbruchs. Darf ich die Deutsche Einheit an dieser Frage scheitern lassen? Ich für meine Person hatte mich festgelegt: Es gibt hier sehr unterschiedliche Rechtsauffassungen, die erst noch zusammenwachsen müssen. Die Deutsche Einheit ist an diesem Tag wohl das höherwertige Gut.
In den ganzen Monaten ist es schon immer wieder zu Begegnungen mit Menschen aus der DDR gekommen. Da ich in Bonn fast immer erreichbar war, wurde ich immer wieder von der Bundestagsverwaltung und er CDU/ CSU -Bundestagsfraktion gebeten, für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Für die Stadt Tangermünde an der Elbe, eine wunderschöne alte Stadt, haben solche Begegnungen sogar sehr praktischen Nutzen gehabt. Hier wurden die Verbindungen durch die Frauen-Union der CDU im Kreise Kleve mit der FU Tangermünde geknüpft. Frau Ann Curdts aus Kalkar hatte noch irgendwelche Beziehungen dorthin, sie wurden im Laufe der Jahre von Frau Wynands aus Kleve ausgebaut und bestehen heute noch. Im Juli 1991 stelle der Bürgermeister Dr. Opitz aus Tangermünde fest: Es wird eine Kläranlage, eine neue Brücke über die Elbe und eine wichtige Umgehungsstraße für Tangermünde geben. Und er meint, das alles wäre ohne die Hilfe des Bundestagsabgeordneten Heinz Seesing aus Kalkar nicht möglich gewesen. Ich muss gestehen: Es wurde nur möglich, weil ich jederzeit mit den richtigen - gerade den so genannten “kleinen Leuten” in den Ministerien richtig umgegangen bin. Auch hier gilt: Der Ton macht die Musik.
Am 30. September 1990 fahre ich nach Hamburg zum 38. Bundesparteitag der CDU, der dann überleitet in den 1. Bundesparteitag der CDU Deutschlands. Während die anderen Kolleginnen und Kollegen sich am 2. Oktober nach Berlin begeben, um dort die Deutsche Einheit zu feiern, fahre ich nach Kalkar, um am Abend mit Freunden auch dieses Ereignis zu feiern. Mein Kalender vermerkt: “Ein Traum erfüllt sich.” Am 3. Oktober, dem ersten Tag der Deutschen Einheit, spreche ich in der Feierstunde der Stadt über die Bedeutung dieses Ereignisses. Ich habe damals unter anderem gesagt: “Heute ist nichts mehr wie gestern, morgen ist nichts mehr wie heute. Vor einem Jahr war die Welt ganz anders als heute. Und heute ist die DDR Geschichte. Seit 11 Stunden ist ein ganzer Staat Vergangenheit, nicht durch Krieg und Eroberung, sondern weil die Menschen in diesem Staat es so wollten, aus ganzem Herzen es so haben wollten.”
Am Nachmittag des 3. Oktober 1990 fahre ich nach Bonn. Das Bundeshaus ist leer, ganz ruhig. Vielleicht ein erstes Zeichen, dass sich Politik nach Berlin verlagert? Am Morgen des 4. Oktober fliege ich mit der ersten Linienmaschine der Deutschen Lufthansa von Köln-Wahn nach Berlin: Jetzt dürfen auch deutsche Flugzeuge wieder nach Berlin fliegen! 45 Jahre lang gab es das nicht!
In Berlin lerne ich die noch von der Volkskammer gewählten neuen Mitglieder des Deutschen Bundestages kennen. Ein neues politisches Leben beginnt.
Man muss nun nicht meinen, dass unsere ausländischen Freunde die Wiedervereinigung unbedingt als ein freudiges Ereignis betrachtet haben. So haben wir am 16. und 17. September 1990 in der Deutsch-Niederländischen Parlamentariergruppe durchaus um Vertrauen unserer niederländischen Gesprächspartner werben müssen. Am 19. September 1990 bin ich Gastgeber als Mitglied des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages für eine Delegation von 15 Mitgliedern des Senatsausschusses für Verwaltung und Recht des Königlich-Thailändischen Senats. Sie wollen schon die Frage diskutiert haben, ob sich Deutschland jetzt von der Welt abwenden und nur noch den eigenen Problemen zuwenden würde. Von der Größe der Probleme ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch recht wenig.
Die erlebten meine Frau und ich bei unseren Fahrten in die neuen Bundesländer in den Jahren 1991 und 1992. Ich war zu der Zeit Energiepolitischer Sprecher der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion. Wir besuchten also die Stadtwerke, die neuen Energiekonzerne, die Braunkohlenkraftwerke und die Pumpspeicherwerke, sahen das Gelände des Kernkraftwerkes Stendal, in dem man sehen konnte, dass man zu einer bestimmen Stunde einfach alle Arbeiten eingestellt hatte. Und wir sahen die schrecklichen Zerstörungen der Landschaft durch den Braunkohleabbau im Raum um Bitterfeld und in der Lausitz. Es war mir damals vergönnt, neue Dinge mit auf den Weg zu bringen. Die modernsten Kohlkraftwerke der Welt stehen heute in den neuen Bundesländer. Das ist ein Ergebnis der Arbeit von damals.
Vieles hatte sich 1991 zwar schon gewandelt. Aber immer noch wurde in den Kraftwerken nach den alten Vorgaben gearbeitet. Jedes Werk, gleich welcher Art, musste etwas für den Konsum produzieren. So wurden in einem Kraftwerk Babyhopser hergestellt. In einem anderen Kraftwerk wurden in den Wasserauffangbecken der Kühltürme Fische aller Art gezüchtet, unwahrscheinlich große und kräftige Fische. Aber eins war mir schon damals klar: Wenn die neuen Umweltbestimmungen, Sicherheitsbestimmungen, besonders aber die Arbeitsbedingungen einer Welt der Marktwirtschaft greifen würden, würde das ungeheure Auswirkungen auf die Arbeitswelt der neuen Bundesländer haben. Damals arbeiteten in einem Kraftwerk bis zu acht Mal so viele Menschen wie in den westdeutschen Anlagen. Die Frauen in den Betrieben wandten sich damals mit der Bitte an meine Frau, ihnen zu helfen bei der Arbeitsplatzsicherung. Sie fürchteten zu Recht um ihre Arbeitsplätze, weil es zu der Zeit noch besondere Einschränkungen für die Frauenarbeit z.B. in der Nacht gab. Und im Schichtbetrieb eines Kraftwerks, das ja rund um die Uhr läuft, kann es keine Ausnahmen vom Nachtdienst geben.
Zum Schluss möchte ich noch eine kleine Episode schildern. Im Jahre 1992 erzählt der Mitarbeiter eines Kraftwerkes, dass es früher - vor der Wende - doch eigentlich schöner gewesen sei. Man sei um vier Uhr von der Arbeit zu Hause gewesen. Man habe sich mit den Nachbarn auf der Haustreppe getroffen, eine Flasche Bier gemeinsam getrunken. Alles das gäbe es jetzt nicht mehr. Auf die Frage meiner Frau, wies - das könne man jetzt doch auch noch, komm die Antwort: neun, jetzt haben wir Autos.
Und so bleibt der nagende Zweifel, ob es bei der Deutschen Einheit nicht doch auch - oder gerade - um die Deutsche Mark und die Produkte des Weltmarktes ging. Dennoch bleibe ich dabei: Ich bin nach wie vor glücklich, dass im Jahre 1990 - vor zehn Jahren - die deutsche Einheit wieder erreicht wurde.
Diese Ausstellung zeigt nun, wie es im Alltag der Menschen der DDR zuging. Ich bitte darum, genau hinzusehen. Nur wenn man vom anderen weiß, kann man ihn verstehen.

 

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