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DER WILDE OSTEN UND DIE TREUHAND
Konkret: Mein Chef handelte eigentlich mit Supermärkten in Amerika. Baute sie dort für reiche Deutsche und verkaufte sie
dann hier. Tolles Argument: Die Mieten waren dann hier steuerfrei. Nach der Wende fuhr er in die DDR. Sein Vorschlag:
Das Kapital der Wohnungsbaukombinate aufstocken, einen ostdeutschen Baukonzern gründen und dann an die Börse
bringen. Die Treuhand nickte eilfertig, räumte ihm entsprechende Optionen ein. Um auch die Kombinatsleitungen waren
glücklich über den Investor aus dem Westen. Keine Entlassungen, war sein Versprechen. Und wer wollte schon was
anderes hören. Vorab schickte er seine Leute in die Betriebe. Wir sollten uns umhören, was da läuft. Und natürlich ließ er sich unsere Dienste fürstlich entlohnen.
Die Beschäftigungsgarantie war nur von kurzer Dauer. Mein Chef kam mit der Umsetzung seine Pläne nicht weiter. Folge
in den Betrieben waren Entlassungen, massenweise Entlassungen. Auf die Idee, die Ostomanie der Investoren zu nutzen,
Geschäftshäuser in den Innenstädten zu bauen, Einkaufszentren zu schaffen und zu vermieten, um Beschäftigung zu
sichern, kam niemand. Ich will hier nicht einmal böse Absichten unterstellen, sondern gehe von Unwissenheit und
Kommunikationsproblemen aus. Für die Kapitalerhöhung sollte Risikokapital eingeworben werden. Es gab schon
entsprechende Firmen, die die einzelnen Kombinate kaufen und den Privatisierungsgewinn kassieren sollten. Problem war
nur: Die großen Investoren waren damals noch nicht so weit. Und klein klein, hätte sich nicht gelohnt. Also sollten die
Firmen gekauft und der Kauf über Darlehen finanziert werden. Problem war nur, meinem Boss fehlte das Eigengeld. Auch
das sollte beschafft werden. Er überzeugte die Unternehmen, dass man nach der Wende viel viel Geld bräuchte, um
gemeinsam loszuschlagen. Das Geld sollte sicher auf einem Notaranderkonto lagern. Der Notar ließ sich dann
breitschlagen, dieses Geld meinem Chef zu überweisen. Und plötzlich konnte er gegenüber der Treuhand sagen: Leute, ich habe das Geld.
Allerdings durchschaute die Treuhand das Manöver. Der Notar kam in Untersuchungshaft. Mein Chef konnte nicht mehr
zur Verantwortung gezogen werden. Er starb an einer Trombose in Asien. Plötzlich standen wir an die ostdeutschen
Firmen Ausgeliehenen vor dem beruflichen Nichts. Da war es doch schon mehr als hilfreich, als uns die bisherigen Auftraggeber meines Bosses einen Arbeitsvertrag anboten.
Nun kamen neue Aufgaben auf uns zu: Mein Chef hatte viel Geld aus den Firmen abgezogen. Teilweise ging das über
Briefkastenfirmen nach dem Motto: Wer im Nahen Osten bauen will, kommt ohne Bestechung nicht aus. Teilweise ging
das auch über seine bekannten Firmen. Nun sollten wir die Gelder wieder flüssig machen. Schon ein komisches Gefühl:
Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Ob da tatsächlich viel zurückgeholt worden ist, weiß ich nicht. Mit Hilfe der
Treuhand konnte ich zumindest Mio. DM 1 Rückzahlungsansprüche gegen eine seiner Firmen aus dem Verbund noch vor Insolvenz realisieren.
Käufer wurde nun ein anderer Bauunternehmer. Und er trat nicht persönlich an, sondern schickte seine Leute. Das ganz
Wichtige, die Restrukturierung unterblieb auch hier, und als es auffiel, waren die Firmen inzwischen pleite. 300 Millionen
DM soll dem Erwerber das Abenteuer zusammen mit Bund und Land gekostet haben. Dabei hat er nur DM 10 Mio.
angezahlt, da später festgestellt wurde, dass die Firmen schon zu diesem Zeitpunkt nichts mehr wert waren. Im zweiten
Stepp hat dann seine Holding DM Mio. 100 für nicht benötigte Grundstücke kassiert. Was sich aber so lukrativ anschob, endete wie gesagt im Fiasko.

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