|
AUFBAU OST
Im Jahr 1991 wurde ich von meiner Geschäftsleitung mit der Aufgabe betraut einen Betrieb zur Produktion in den neuen Ländern aufzubauen.
Nicht weil zusätzliche Kapazitäten benötigt wurden, nicht um beim wirtschaftlichen Aufbau zu helfen, sondern um die neu
geschaffenen Fördermöglichkeiten zu nutzen und die eingeführten Handelshemmnisse für "Westbetriebe" ( Bevorzugung von Betrieben aus den neuen Bundesländern bei öffentlichen Ausschreibungen ) zu umgehen.
Aus diesem Grund besuchte ich auch einen VEB im äußersten Nordosten der Republik. Es ging um die evtl. Übernahme eines Betriebes mit ehemals über 800 Mitarbeitern.
Nach Vorgesprächen mit der Treuhand in Berlin und Neubrandenburg trat mein Unternehmen dem Kauf dieses
Unternehmens näher, zumal sich nun auch unser größter Wettbewerber für die Übernahme interessierte. ("dass muss verhindert werden")
Meine Planung sah die Übernahme des Betriebes, einen Umbau der Fertigung und die Übernahme von 50 - 60 Mitarbeitern vor. Insgesamt war ein Investitionsvolumen von 15 - 20 Mio. DM geplant.
Für unser sehr gesundes Unternehmen keine große Belastung. ("bezahlen wir aus der Portokasse, Hauptsache dort entsteht kein neuer Wettbewerber")
Lange Rede kurzer Sinn, irgendwann, nach 4 / 5 Monaten saß ich dann, mit Mitarbeitern des zuständigen Arbeitsamtes in
einem Besprechungsraum vor einem Berg von Kaderakten, um die Belegschaft von zu der Zeit noch 400 Mitarbeitern auf 40 - 50 zu reduzieren.
Mir zur Seite saßen auch 3 leitende Kader des ehem. VEB, - zur Unterstützung bei der Auswahl, bzw. bei der Beurteilung der Mitarbeiter. Was ich in diesen Tagen erlebte glich einer Satire.
Die devote Selbstverleugnung mancher ehemals hochrangigen Funktionäre war peinlich. Aber - nach dem Motto "erst kommt dass Fressen, dann die Moral, musste man die Situation meistern.
Hier im "Westen" hatten uns dass unsere Väter nach 1945 ja auch vorgemacht.
Wäre die DDR-Führung den Ansichten dieser 3 Kaderleiter auch nur ansatzweise gefolgt , wäre der sozialistische Teil
Deutschland dass Muster eines Wirtschaftwunderlandes geworden, …… denn die waren schon immer dagegen (konnten
es nur nicht zeigen) hatten schon immer gewusst ,(durften es nur nicht sagen) was im System zu ändern wäre. Alles schon mal da gewesen…. oder?
Einer der ehm. VEB Kaderleitung war vorher, wie ich erfuhr, zuständig für die Betreuung von Leuten mit "Berlinverbot" - ich, einfacher Wessi, wusste gar nicht dass es so etwas gegeben hatte.
Ich war mit meiner Aufgabe also hoffnungslos überfordert. (durfte dass aber keinesfalls eingestehen)
In Pausen bei dieser schweren Arbeit, vertrat ich mir die Beine auf dem Werksgelände und versuchte Kontakt zu den "Werktätigen" zu bekommen. Manchmal gelang dass auch.
Die Auskünfte die ich dann erhielt waren auch nicht besser verwertbar.
Die 3 Kaderleiter waren : "schlimme Finger ", "gar nicht so schlecht", "gehörten eigentlich eingesperrt", hatten "ihr Bestes
gegeben" , "hatten alle bespitzelt" , hatten den Mitarbeitern immer geholfen".
Für mich war nach kurzem klar, - diese 3 Leute, führten zurzeit den Betrieb kommissarisch weiter, waren also Herren über die Arbeitsplätze. Sollte man sich mit diesen Leuten anlegen?
Wer weiß in welchen Positionen die in dem "neuen" Betrieb auftauchen.
Schon nach kurzer Zeit stellte sich für mich heraus dass bei der Entscheidung "-der bleibt, der wird entlassen-" dass
hochwerfen einer Münze -Zahl bleibt / Wappen wird entlassen- die Chancen einer gerechten Auswahl deutlich steigern würden.
Die Entscheidungen wurden mir dann plötzlich abgenommen.
Mein Unternehmen wurde, nach dem Tod des Eigentümers, an einen nahen Verwandten aus dem Süden Deutschlands vererbt
Für diesen war die Entscheidung einfach zu treffen. "Mir ist dass zu weit immer nach da oben zu fahren, über 900 km, suchen Sie mal was in Südwestthüringen, dass liegt näher.
So schnell geht dass, so einfach kann die Entscheidung sein, wenn die Brieftasche so etwas ermöglicht.
Der beschriebene VEB ist mittlerweile komplett abgewickelt, einige Zwischenversuche der Mitarbeiter, den Betrieb zu retten sind gescheitert.
Wir "Wessis" waren bei der Wende auch überfordert.
Den "Schnitt" haben nur einige große gemacht. Die machen den immer, egal in welchem System.
Die 3 Kaderleiter sind - gut ausgestattet- in den Vorruhestand gegangen.
Die restlichen Mitarbeiter treffen sich auf dem Arbeitsamt und tauchen nur noch in der Arbeitslosenstatistik von Mecklenburg-Vorpommern auf. Das stört uns ja nicht weiter.
….. "wer arbeiten will der findet auch Arbeit, -die müssen nur flexibler werden, -auch mal Jobs außerhalb ihres Lebensraumes annehmen, -auch mal in Teilzeit und für Niedriglohn arbeiten".
Mein Vorschlag: morgens bei Mc. Donalds in München zur Aushilfe, mittags bei Carwash in Stuttgart und am Nachmittag vielleicht noch ein paar Stunden bei einer Gebäudereinigungsfirma in Berlin.
Man muss nur wollen, dann klappt dass auch.
Der Turbokapitalismus hat gesiegt, war also dass überlegende System.
Ein Versuch ein gerechteres System aufzubauen ist derart pervertiert worden und damit zu Recht gescheitert. Einen zweiten Versuch gibt es nicht.
Sozialistische Träumereien haben keinen Platz in unserer Gesellschaft. Nur die Starken können überleben, der Rest fällt durch den Rost. Die Globalisierung zwingt uns ……..
Die Weltwirtschaft verlangt von uns……. Es geht um wirtschaftliches Wachstum ……
Die wirklich klugen Bürger der "DDR" haben dass auch schnell verstanden und sind heute wieder in entsprechenden
Führungspositionen, haben ihr Schäfchen ins trockene gebracht. Der Rest war nur zu dumm die Chancen der neuen Gesellschaft zu erkennen und wird in keinem System zufrieden sein.
Ich bin, wie sich erkennen lässt, auch nicht zufrieden mit der Entwicklung der letzten 10 / 15 Jahre. Aber auch ich weiß keine Lösung.
Solange wir unsere, sicher manchmal begründeten Vorurteile von "Besserwessis" und "dummen Ossis" nicht ablegen können, kann sich auch nichts ändern.

|