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URLAUB IM SOZIALISTISCHEN GRENZGEBIET
Da meine Eltern von Beruf Lehrer waren, mussten wir immer in den Ferien in Urlaub fahren. Mein Vater
betreute Ende der 50er in den Sommerferien regelmäßig Kinder in einem Betriebsferienlager im Harz, und so lag es nahe, dass auch meine Mutter mit mir auf dem benachbarten Zeltplatz den Urlaub verbrachte.
Nachdem meine Eltern eine Anstellung in einem anderen Kreis bekamen, campten wir noch einige Jahre lang dort, obwohl mein Vater nicht mehr in dem Ferienlager arbeitete. Ohne eigenes Fortbewegungsmittel
bestand der Urlaub hauptsächlich aus Wanderungen in der näheren Umgebung des Zeltplatzes. Je nach den Interessen auch von Campingnachbarn wurden ab und an gemeinsam Pilze gesammelt oder Krebse
gefangen. Um flexibler zu sein, waren wir auch mal mit Fahrrädern dort, da erlebte ich diese Welt aber noch aus dem Sattel vor meinem Vater.
Mitte der 60er hatten meine Eltern dann auch einen Motorroller, mit dem mein Vater das Gepäck
transportierte. Meine Mutter fuhr mit mir mit der Bahn, und der Vater holte uns dann dort am Bahnhof ab, wobei er zweimal fahren musste. Aber wir hatten jetzt einen größeren Aktionsradius, und so fuhren wir
auch andere Campingplätze in der DDR an, bspw. Brandenburg oder Zittauer Gebirge. Zu den Wandertouren kamen nun mehr Besichtigungstouren in den Städten. Dort hatte schon der Zerfall
eingesetzt, aber das bekam ich als Kind zunächst nicht so richtig mit, da es überall so aussah. So konnte ich den Urlauben auch immer Schönes abgewinnen, weil es ständig was Neues zu entdecken gab.
1971 bekamen meine Eltern endlich ihren ersten Trabant auf die sieben Jahre alte Anmeldung meines
Vaters, und nun konnten wir wirklich zusammen fahren. Zu einem Problem war inzwischen die Buchung der Campingplätze geworden. Wir waren nach wie vor auf die Ferienzeit angewiesen, und ein Ferienplatz
an der Ostsee in der Saison wurde nun hoch gehandelt. Man musste Beziehungen haben oder konnte etwas anderes dafür eintauschen. Beides war für uns nicht möglich. Nach und nach entdeckten wir dann
auch mit dem Zelt und dem Trabbi die Schönheiten der CSSR, was jetzt Tschechien und die Slowakei ist. Dort sahen wir zum ersten Mal, wie gut man auf guten Straßen vorankommen kann. Trotzdem war es
recht zeitaufwendig, von A nach B zu kommen, da es in der CSSR nur die Autobahn von Praha nach Bratislava gab. Für die Anreisen mit dem Auto aus der DDR ins südliche Ausland wählten wir die Nacht,
weil wir besser voranzukommen hofften. Allzu oft machten uns da aber die Grenzer einen Strich durch die Rechnung. Erstaunlicherweise musste mein Vater immer mit dem Gepäck beim DDR-Zoll zum
Auspacken. Wir hatten verschiedene Vermutungen: Wollten die Zollbeamten des Nachts nur ihre Zeit mit uns rumbringen? Hatte mein Vater irgend einen Geheimcode im Ausweis stehen, von dem er nichts wusste?
In den 70ern erweiterten wir unsere Kreise dann auch bis nach Ungarn. Dort erschlug uns fast das
Angebot in den Läden. Gegen die Kaufhäuser in der DDR war das hier für uns der Westen, vor allem, was Klamotten, Obst und Schallplatten anbelangte. Ein Problem beim Shoppen waren allerdings die
Umtauschsätze. Bei Fahrten in die CSSR durften maximal 30 Mark pro Person und Tag umgetauscht werden, nach Ungarn maximal 40 Mark. Wir wollten uns nicht die Chance verbauen, auch weiterhin in
diese Länder einzureisen, so versuchten wir, damit auszukommen.
1977 war dann die nächste Autoanmeldung fällig, die meiner Mutter. Mit dem Lada konnten wir bis nach
Bulgarien zum Zelten fahren. Allerdings ging das nur durch Rumänien, denn Jugoslawien war für uns tabu, und für die Sowjetunion wurden Visa für Individualreisen nur nach Gutdünken der Behörden ausgestellt.
Für Rumänien wurden uns maximal 20 Mark pro Person und Tag zugestanden. An den Bahnschranken warteten die einheimischen Kinder auf Kaugummi und Zigaretten. Die Landschaften aber waren wunderbar
. Dies traf auch auf Bulgarien zu, wo wir daneben erstmals mit den Bauwerken orthodoxer Kirchen in Berührung kamen. Eine große Umstellung bedeutete für uns die Mimik des Ja- und Nein-Sagens in
diesem südosteuropäischen Land. Dass eine Art Kopfschütteln "Ja" bedeutete und Nicken "Nein", mussten wir erst verinnerlichen.
In den 80ern gründete ich meine eigene Familie. Da meine Frau Urlaub in einer Art Ferienwohnungen
gewohnt war, kam ich vom Camping ab. Unsere Kinder fuhren daneben noch gern regelmäßig mit meinen Eltern in die Nähe von Potsdam zelten, selten auch auf FDGB-Urlaub. Das waren von der Staats
-Gewerkschaft bereitgestellte Urlaubsplätze teils in deren eigenen Heimen, teils in Privatunterkünften. Diese Plätze waren vor allem in der Saison sehr begehrt und dementsprechend rar. Auch ich kam mit
meiner Familie in den neun Jahren bis zur Wende einmal in den Genuss eines solchen Urlaubsplatzes, als Schichtarbeiter (privilegierte Gruppe in der DDR) noch dazu im Grenzgebiet im Harz. Dafür wurde
natürlich ein Passierschein benötigt. Der galt nur für einen kleinen Bereich östlich des Brockens. Der
"Vorteil" des Urlaubs dort war, dass nur abgezählt Leute dort rein kamen, so dass es nicht so voll war wie in frei zugänglichen Gegenden. Doch waren die Gaststätten in der Saison in der DDR zur Mittagszeit
ebenso überlaufen wie andernorts.
Seit ich mich erinnern kann, mussten wir in allen Urlauben in der DDR halb zwölf essen gehen. Nach
zwölf gab es keine Plätze mehr in den Gaststätten, und ab eins wurden die meisten Gerichte auf der Speisekarte nicht mehr angeboten. Manchmal waren zwar noch leere Tische vorhanden, aber ein Schild
"Sie werden plaziert" verhinderte die Inanspruchnahme derselben. So wurde Arbeitsüberlastung verhindert. Dies war ein spezifisches DDR-Phänomen, in den sozialistischen Bruderländern gab es dieses Problem
nicht. Halb zwölf waren wir da meist die ersten und lange Zeit die einzigen Gäste.
Unterm Strich möchte ich die Urlaube vor der Wende nicht missen, da sie mir zeigten, dass Reisen
wirklich bildet. Doch ist es nach der Wende wesentlich einfacher geworden, abgesehen davon, dass wir jetzt wirklich fast überall hin fahren können, wohin wir wollen.

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