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Im Dezember 1988 fuhr ich nach Moskau. Es sollte mein einziger Aufenthalt in der Sowjetunion bleiben.

Wie war es dazu gekommen?

Eigentlich reiste ich schon immer gern. Wir Deutschen – hüben wie drüben – sind nun mal Weltmeister im Reisen, das war mir in meine Wiege gelegt, hatten sich doch meine Eltern in den dreißiger Jahren im Wanderverein kennengelernt.

Meine bevorzugten Reiseziele im Ausland waren die Tschechoslowakei und Bulgarien. In die Sowjetunion wäre ich liebend gern gefahren, aber dazu fehlte mir das Geld. Denn es war recht teuer, eine Reise als Individualtourist anzutreten. Meine Mutter, die über etwas mehr Knete verfügte als ich, hat das gemacht. Kostspielig wurde die Sache vor allem deshalb, weil man sich in Freundesland nicht so ganz privat als Freund unter Freunden bewegen durfte, sondern von Intourist einen privaten Reiseleiter und einen Dolmetscher gestellt bekommen musste, die dann überwachen konnten, dass man auch ja nur auf „genehmen Pfaden“ wandelt.

In einer Gruppe von DDR-Touristen zu reisen – das allerdings erschien mir der blanke Horror.

(Heiner Müller sollte später sagen, dass es nur verständlich sei, dass 10 DDR-Bürger dämlicher seien als ein DDR-Bürger. Und nun gar in einer Gruppe von mehr als 10 DDR-Bürgern eine Reise antreten???? Buh!!!)

Dennoch sollte ich genau das 1988 zum Weihnachtsfest machen. Woher dieser Sinneswandel?

Seit Jahren war ich Abonnent des SPUTNIK*, einer kleinen sowjetischen Monatszeitschrift. Mit Anbruch von Glasnost und Perestroika sollten die Beiträge dieser Zeitschrift immer kritischer und interessanter werden.

Bis – eines schlechten Tages im Oktober 1988 – das Neue Deutschland verkünden sollte, der Postminister der DDR habe den Vertrieb dieser Zeitschrift eingestellt, weil sie nicht dem Geist der deutsch-sowjetischen Freundschaft entspräche. Eine schöne Umschreibung für das Wort Verbot. (Der Postminister selber erfuhr davon erst durch diese Zeitungsnotiz.)

Auch bei der Partei konnte man mir keine genauere Auskunft über die Hintergründe dieses Verbots geben, ich hätte nur Vertrauen in die Partei zu haben. Ich wollte ja gerne vertrauen, hätte nur gerne die Hintergründe erfahren.

Ich hängte mich ans Telefon, informierte meine bulgarischen Freunde, die mir kurz darauf die Artikel, die den Anstoß unserer Regierung erregt hatten, mit der Schreibmaschine abtippten und zuschickten.

Inzwischen häuften sich die „Leserbriefe“ im ND, die das Verbot begrüßten. Ob es tatsächlich Leser waren, die in vorauseilendem Gehorsam diese Briefe geschrieben hatten, bleibt dahingestellt. Ich jedoch kannte genügend Leute, die FDJ-Gruppe meiner Schüler eingeschlossen, die in Briefen gegen diese Maßnahme protestiert hatten (Für Letztere hatte ich mich sogar vor der Partei zu verantworten. Meine weitere Lehrtätigkeit an der Universität wurde daraufhin in Frage gestellt). Diese Briefe jedoch erschienen nirgends.

In der Öffentlichkeit – Funk und Presse – wurde zunehmend ein Bild gemalt, als begrüßten die DDR-Bürger diese Maßnahme, in dem Maße, wie in der Stimmung der Bevölkerung genau das Gegenteil eintrat.

Da beschloss ich, in die Sowjetunion zu fahren.

Alle Widrigkeiten einer geschlossenen Touristengruppe nahm ich in Kauf und saß bald mit meiner Tochter Antje in einem Moskauer Hotel.

Die Reise war durch und durch organisiert. Zum Glück aber schienen Antje und ich die einzigen DDR-Bürger zu sein, die der in der Schule erlernten russischen Sprache auch mächtig waren. So konnten wir – in dem für die anderen unverständlichen Russisch – mit der Dolmetscherin Nina verabreden, wann wir uns – illegal quasi – von der Gruppe trennen und unserer eigenen Wege gehen würden.

(Dass einer aus der Gruppe, der deutsche „Reiseleiter“ nämlich, uns nur zu gut verstanden haben musste, begriffen wir erst viel später. Erst nämlich, als meine Tochter ihn auf der Straße in Uniform traf. Er wird wohl ein eifriges Protokoll über unsere Alleingänge geführt haben. Ich weiß es nicht; ich wollte mir die Akten der Staatssicherheit nie ansehen.)

Und so erschien ich im Dezember 1988 – irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr – in der Redaktion des SPUTNIK, sprach mit der Chefredakteurin. Ich wollte ihr nur mitteilen, wie die DDR-Bevölkerung wirklich über die Absetzung des SPUTNIK dachte.

Sie aber wusste das bereits. Sie breitete vor mir einen Stapel von Briefen, die sie aus der DDR erhalten hatte, aus. Wir weinten beide, versicherten uns gegenseitig, dass wir Kommunisten seien, aber genau wüssten, dass man so Kommunismus kaputtmachen würde.

Im Sommer fuhr ich dann wieder nach Bulgarien. Als ich zurückkam, hatte ich im Rucksack alle Hefte des SPUTNIK, die inzwischen erschienen waren. Meine bulgarischen Freunde hatten sie für mich gesammelt und aufgehoben.

Am Grenzübergang zitterte ich vor der Kontrolle. Der Beamte aber schaute nur kurz in meine Reisedokumente und fragte ungläubig: „Sie kommen über Ungarn? Und da kommen Sie in die DDR zurück?“ und ließ uns passieren, ohne in meinen Rucksack zu sehen.

Ein gutes Jahr später sollte es keine DDR mehr geben.

 

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