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Meine Bewerbung und Delegierung, sowie alles Drum und Dran, verlief bis zur Erstausreise an die Trasse wie bei allen anderen Delegierten normal. Bei mir und einem Kollegen vom ABK (Autobahn Kombinat) aber nur bis zum Empfang in Schönefeld. Damals sind wir noch vom alten Flughafen gestartet. Wir wurden von Mitarbeitern des FDJ-Zentralrates herausgenommen und mussten warten bis alle im Transitraum waren. Man teilte uns mit, dass wir am nächsten Tag mit einer Touristenmaschine nach Kiew fliegen würden und uns ein Kraftfahrer aus Tscherkassy abholt.
Weil zwei Mitarbeiter vom Zentralrat der FDJ dringend an die Trasse mussten, sind wir umgebucht worden. Wir konnten unser Gepäck gleich dort lassen und wurden in das Interflughotel am Flugplatz gefahren. Am nächsten Tag, um 6:15 Uhr, verlief alles planmäßig und wir passierten Zoll und Grenze im Flughafen Borispol bei Kiew, wie es damals so ablief. Der ABK Kollege passte auf das Gepäck auf, und ich suchte auf dem Parkplatz vor dem Flughafengebäude ein Fahrzeug mit DDR Kennzeichen. Leider war es zum Zeitpunkt nicht eingetroffen. Auch später war es nicht da, denn ich ging alle 10-15 Min. auf den Parkplatz gucken. Wir verharrten so bis ca. Mittag 12:00 Uhr. Der ABK Kollege wurde schon mutlos und ich war etwas verärgert, weil man uns so hängen ließ. Hatte man vergessen, uns zu melden? Hatte der Fahrer einen Unfall? Hatten wir etwa das Fahrzeug verpasst oder übersehen?
Nun, alles Nachdenken half nicht weiter. Ich lief durch das Flughafengebäude und entdeckte dann ein Interflugbüro. Dort saß ein sowjetischer Mitarbeiter, der sich erst mal meine/unsere Angelegenheit anhörte. Er setzte sich telefonisch mit dem Konsulat in Kiew in Verbindung und bat uns dann im Wartesaal noch zu warten, es würde ein Konsulat Mitarbeiter kommen. Gegen 14:30 Uhr kam ein Herr in Interfluguniform. Er meinte nur, er sei eigentlich seit heute in Urlaub und kann uns nur nach Kiew fahren. Alles andere müssten wir selbst machen: Wir könnten mit der Bahn oder mit dem Flussschiff nach Krementschug oder Tscherkassy fahren. Wir hatten aber auch noch keine Rubel, und sich mit dem Gepäck im fremden Land abschleppen ist auch nicht gerade angenehm. Wir durften unser Gepäck im Interflugbüro deponieren und bekamen gegen Unterschrift je 25 Rubel. Dann fuhr uns der Herr mit dem Lada nach Kiew. Unterwegs sagte er uns, dass wir uns erst mal am Flusshafen erkundigen sollten und wenn da nichts fährt, dann sollten wir mit der Metro bis zum Hauptbahnhof und von dort mit einem Zug zu einem der Trassenstandorte fahren. Am Flusshafen angekommen, verabschiedete er sich von uns, wünschte uns alles Gute und fuhr weiter.
Der ABK Kollege begriff erst jetzt, was alles geschehen war, und bekam Panik. Für mich war die ganze Situation in der wir uns befanden auch nicht leicht. Ich staunte aber das ich die Fassung behielt. Ich beruhigte ihn und ging erst mal in das Flusshafengebäude um mich zu erkundigen. Eine große Landkarte erleichterte meine Entscheidung, denn Tscherkassy war ganz groß mit der Route und der Routenbezeichnung eines Schiffes eingezeichnet. Ich ging an den Biljetschalter [Anmerkung: Biljet = Ticket] und kaufte zwei Biljets bis Tscherkassy. Inzwischen war es 16:00 Uhr, und das Schiff, ein Schnellboot mit dem Namen “Raketa”, fuhr um 16:20 Uhr ab. Mein bisschen Schulrussisch hat mir zum Glück weiter geholfen. Obwohl ich in Erdkunde sehr gut war, habe ich allerdings die Entfernungen auf der Karte völlig falsch geschätzt. Ich rechnete mit 2 Stunden Fahrt. In Tscherkassy kamen wir schließlich um 22:00 Uhr an. Da war es bereit dunkel.
Das Schnellboot legte pünktlich ab und wir hatten auch einen prima Sitzplatz. Seit der Landung in Kiew/Borispol hatten wir nichts gegessen, und der Magen rebellierte jetzt. Die ganze Aufregung vorher hatte uns gar nicht an Hunger denken lassen . Auf der “Raketa” gab es ein Buffet.Da kauften wir uns Wurst, Brot, Salat, Fisch und russisches Bier “Schgulifskoje”. Es war kühl und schmeckte. Wir futterten alles auf und waren dann satt und soweit zufrieden. Mein Mitstreiter hatte sich wieder beruhigt und irgendwie hatte er nun zu mir Vertrauen. Dass mir alles bisher so gut gelang, freute mich sehr. Ich hatte aber auch eine Menge Glück gehabt. Nun konnten wir die Flussgegend genießen. Die ukrainischen Passagiere beobachteten uns seit dem Bordgang neugierig. Zum einen hatten wir ja unsere Trassenkleidung an, und zum anderen trugen wir lange Haare. Das war hier noch nicht so normal, eher eine Ausnahme. Wir kamen mit einigen ins Gespräch und bekamen von irgendjemanden je ein Glas mit Wein in die Hand gedrückt. Heute weiß ich, es war Portwein, ein sehr schwerer Wein. Natürlich mussten wir das Glas in einem Zuge leeren. Es ist wegen der Freundschaft, wie sie dann immer sagten. So hatte ich es auch noch in Erinnerung, was uns so über die Freunde und ihre Sitten und Bräuche erzählt wurde. Von der langen Reise schon ausgelaugt, hatte der Alkohol leichtes Spiel mit uns. Mein Kollege guckte auch recht komisch. Ich hatte einen Gehörigen sitzen. Das Glas Wein war aber nicht das Einzige. Wir bekamen noch Wodka (Sto Gramm) und eine Art Cogniac (auch Sto Gramm). Mein Kollege und ich, wir waren jetzt betrunken, sackten in unsere Sitze und schliefen ein. Kurz vor Kanjew wurden wir geweckt, denn wir hatten die Schleuse erreicht. So eine riesige Schleuse hatte ich noch nie gesehen. Es fuhren ca. 10 Schiffe rein. Einige waren so groß, wie ich sie im Rostocker Überseehafen gesehen hatte. Dann ging es hinab. Es waren bestimmt ca. 8-10 Meter. Alles war sehr aufregend und interessant. Wir hatten zwar noch einen Schwips, aber wir bekamen alles mit. An Schlafen war aber nicht mehr zu denken , denn inzwischen war es 20:00 Uhr, und mir wurde Bange, wann wir nun ankommen würden. Ein Matrose vom Schnellboot zeigte zwar auf der Uhr auf die 10 (also 22:00 Uhr), ich aber dachte, es seien nur noch 10 Minuten. Schweigend sahen wir uns die Uferlandschaft an, und ich fand die Häuser und kleinen Kirchen sehr schön. Mir war alles sympathisch und friedlich. Trotzdem dauerte es mir zu lange, und auch mein Kollege wurde ungeduldig. Als wir gegen 22:00 Uhr in Tscherkassy anlegten, waren wir zwar froh, das Ziel erreicht zu haben, aber wir waren ja noch nicht auf der DDR-Baustelle. Wir waren auch noch nie in der Ukraine, geschweige auf einem der Standorte. Wo also befanden sich diese? Bürger, die wir befragten, zuckten mit den Schultern, verneinten oder verstanden unser Anliegen nicht. Ein Taxi war auch nicht vor Ort, nur der Trolleybus (Oberleitungsbus). Ich meinte zu meinem Kollegen, dass wir jetzt mit dem Bus fahren. Dort, wo viele Reklamelichter sind, da muss das Zentrum sein und dort gibt es bestimmt Leute die wissen wo unser Wohnlager ist, oder wir treffen vielleicht auf Trassenerbauer.
Gesagt, getan! Gegen 22:20 Uhr stiegen wir an einer Haltestelle aus. Wir nahmen an, hier sei das Zentrum. Ob es das Zentrum war, kann ich heute nicht mehr sagen, aber es liefen noch viele Menschen durch die Straßen. Wir fragten einen jungen Mann. Dieser bot sofort seine Hilfe an und fuhr uns fast bis zum Wohnlager. Wir kamen an einem Kreisverkehr an, wo ein Neubaugebiet endete, und stiegen aus. Er zeigte uns in der Ferne die Baustellenlichter und meinte “Njemezki Lager” [Anmerkung: Njemezki = deutsch]. Wir bedankten uns bei ihm und begaben uns in Richtung der Lichter, die zum Wohnlager gehören sollten.
Inzwischen war es nach 23:00 Uhr. Am Wohnlager kamen wir ca. 23:15 Uhr an. Gleich am WL-Eingang stand ein Militärbeschallungswagen, der ein Vorgänger von Discomobilen war. Aus dem inneren hörten wir Musik und klopften an die Tür an. Ein großer blonder Hüne guckte aus dem Fahrzeug und griente: “Beim Steherrennen gewesen?” (Steherrennen hat nichts mit dem Radrennen wie z.B. in Forts/ Lausitz zu tun. Gemeint ist die ukrainische Disco, in der es keine Sitzgelegenheiten gibt.) Der blonde Hüne war der Kulturnik [Anmerkung: der Kulturbeauftragte] Dietmar Schürz. Wir erzählten ihm kurz unsere Geschichte. Je mehr ich berichtete, umso weiter stieg er aus dem Fahrzeug und guckte, als wenn wir von einem anderen Stern gekommen wären. “Donnerwetter, da habt ihr ja heute eine Menge erlebt. Los, kommt erst mal mit, wir gehen in die Küche, und da esst mal was.” Nun, zum essen sind wir kaum gekommen, denn die Küchenleute wollten auch alle unseren Reisebericht hören. Von Küche kann man zudem nicht sprechen, denn die “Küche” bestand damals aus den Bauwagen, die zu einer Wagenburg zusammen gestellt wurden (Stolowaja). Der “Speisesaal” war ein großes Militärzelt.
Der Kulturnik suchte unterdessen die Bürgermeisterin auf (das ist die Verantwortliche für das Wohnlager, also Leiter AV/DL Arbeiterversorgung/Dienstleistung), damit wir erst mal ein Bett bekamen und uns duschen konnten. Ich habe, wie mein Kollege, nur Katzenwäsche gemacht und bin erschöpft ins Bett gefallen. In unserem Zimmer schlief schon ein Trassenkumpel, und wir haben ganz leise die Betten beziehen müssen. Um 5 Uhr wurden wir jäh aus dem Schlaf gerissen . Stimmen, Gepolter, Musik, Licht - was ist los? Na klar, es ist Wecken und dann Arbeitszeit. Wir warteten, bis sich alles gelegt hatte, und sind dann in den Waschraum. Erneutes Pech: Wegen Bauarbeiten am Wohnlager war Wassersperre. Die Toiletten der Bürobaracke waren als einzige angeschlossen. Notdürftig wuschen wir uns in dem engen Vorraum der Toilette und begaben uns zum Essenszelt. Nach dem Frühstück warteten wir auf den Verantwortlichen, der uns nun weiter betreuen sollte. Die Sonne war schon um 7:00 Uhr unerträglich, und wir nahmen unseren Platz am Teekübel ein.

Ein Verantwortlicher des FDJ-Stabes kam zu uns und entschuldigte sich für die Panne. Man hatte vergessen, die Angelegenheit zu melden. Er beglückwünschte uns, dass wir trotzdem hierher gefunden hatten. Nun kam der Verantwortliche, der uns weiter nach Krementschug schicken sollte, denn dort war unser Einsatzstandort. Als er erfuhr, das unser Gepäck noch in Kiew/ Borispol ist, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. Nun musste der Kraftfahrer erst nach Kiew fahren, um unser Gepäck zu holen. Er fuhr gegen 10:00 Uhr los und kam gegen 14:00 Uhr wieder. In der Zwischenzeit hatte mein Bereichsleiter, der zu dieser Zeit seinen Sitz in Tscherkassy hatte, erfahren, dass ein Mitarbeiter, der zu seinen Bereich gehört, eingetroffen ist. Er kam zu mir in das Freizeitzentrum am Essenszelt, und ich musste meine Geschichte erneut erzählen. Er fand sie so gut, dass ich in sein Büro musste und den Kollegen das gleiche noch einmal berichten musste. Man füllte mich mit Kaffee voll, bis ich kurz vor einem Kollaps stand. Mein Mitstreiter schmorte unterdessen in der Sonne, denn ABK gab es in Tscherkassy noch nicht. Er hatte sich eine Bank aus dem Zelt geholt und saß im Schatten des Zeltes. Während er dort wartete, trank er fast einen ganzen Teekübel aus.
Nachdem sich der Kraftfahrer frisch gemacht hatte, sind wir kurz nach 15 Uhr nach Krementschug weitergefahren. Um 18 Uhr kamen wir am Standort an und wurden vom verantwortlichen Bürgermeister empfangen. Mein Kollege ging gleich zur ABK-Baracke. Ich musste hingegen in den Wald, in dem unsere Wohnwagen standen. Der ehemalige Ökonom von der Dienstleistung übte am Trassenanfang das Amt des Standortleiters aus und empfang mich. Natürlich musste ich noch einmal alles erzählen. Er brachte mich zu meinen Wohnwagen und ich richtete mich erst mal ein. Meine Dienstleistungskollegen waren am Dnepr baden, und so konnte ich in Ruhe alles erledigen. Gegen 20 Uhr kamen sie zurück und begrüßten mich: “Loß, wir gehen erst mal ins Freizeitzentrum, heute ist Kino.” Sie nahmen mich mit in das Freizeitzentrum, das auch im Wäldchen, nahe dem Wohnlager lag, und luden mich zum Bier ein. Die Tische und Bänke waren einfache Bretter. Diese lagen auf Stämmen, die in die Erde gerammt waren. Einfach, aber es erfüllte seinen Zweck. Schon am ersten Tag vor Ort hatte ich meinen ersten Kontakt mit Samagon. Das ist ein selbst gebrannter Schnaps der Urkainer. Das Schnapsbrennen ist natürlich verboten. Aber ich glaube, es gibt keinen Trassenerbauer, der nicht einmal während seiner Trassenzeit wenigstens einen Sammi getrunken hat.
Als ich den Sammi hinter hatte, muss ich ziemlich komisch geguckt haben, denn alle lachten. Nach dem Sammi kam ich mit mir für eine kurze Zeit nicht zurecht. Er zeigte sehr schnell seine Wirkung, und es kostete mich viel Mühe, aufrecht zu stehen. Nun musste ich meine Geschichte noch einmal erzählen. Inzwischen wurde es langsam dunkel, und irgendwie muß sich zwischen das Bier und richtigen Wodka auch noch Portwein gemischt haben. Jedenfalls haben der Sammi, das Bier, der Wodka und der Portwein mir alle Koordinationen genommen. Soviel hatte ich noch nie getrunken. (Man muß bedenken, daß die letzten zwei Tage sehr stressig gewesen waren.) Als der Film los ging, hatte ich mit zwei Leinwänden zu kämpfen. Doppelt hatte ich noch nicht gesehen, und mir war elend. Wie ich in meinen Wohnwagen gefunden habe, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls bin ich in meinem Bett aufgewacht. Mit einem leichten Brummschädel bin ich mit meinen Kollegen zum Essenszelt. Ich habe ausgiebig gefrühstückt und mir erst mal das Wohnlager angesehen.

Das war meine Anreise an die Trasse mit erschwerten Bedingungen. Natürlich gab es solche extremen Sauforgien nicht oft, aber es war nun mal eine Baustelle und es herrschten andere Bedingungen.

Weitere Episoden werden folgen.

 

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