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VORWORT
Während eines Gespräches unter Kollegen fiel irgendwann der Begriff “Trasse”. Das Wort war mir nicht unbekannt.
Bereits in den 70er Jahren machten Mitglieder der FDJ von sich reden, als sie im westlichen Teil der Ukraine die “Druschba-Trasse” errichteten.
Eigentlich stand fest, dass ich für einige Jahre im RGW in Moskau arbeiten würde. Auch der Termin für den Vorbereitungslehrgang in Berlin-Grünau lag schon vor.
Nun, im Jahre 1982 sollte die FDJ wieder beim Trassenbau in der UdSSR aktiv werden und im Rahmen eines Zentralen
Jugendobjektes an einigen Abschnitten in der Ukraine und der RSFSR arbeiten. Dieses Vorhaben interessierte mich außerordentlich und ich erkundigte mich nach den Bedingungen für einen Einsatz.
Schließlich stand mein Entschluss fest: ich wollte an die Trasse! Hauptsächlich durch die großartigen Unterstützung meines Beschäftigungsbetriebes, dem Forschungs- und
Rationalisierungszentrum Limbach-Oberfrohna, erhielt ich schließlich nach Durchlauf der komplizierten Auswahlverfahren meinen Delegierungsvertrag für die Teilnahme am sogenannten “Jahrhundertbauwerk”.
Darauf war ich ziemlich stolz. Schließlich hatte ich das zarte Jugendalter bereits überschritten und die Anzahl der
wirklich jugendlichen Bewerber übertraf den realen Bedarf an zukünftigen “Trassniks” erheblich.
Die gern zitierte These von der “Begeisterung und der ideologischen Einsicht, bei der Lösung dieser politisch und ökonomisch erstrangigen Aufgabe dabei sein zu wollen” war schlichtweg falsch.
Nahezu ausnahmslos lockten drei Kriterien: der gute Verdienst, das “GENEX-Konto” und die Aussicht auf kurzfristige
Lieferung eines PKW oder der Erhalt einer modernen Neubauwohnung. Daran gab es nichts zu rütteln. Was jedoch niemand vorausahnen konnte, war eine progressive Entwicklung der zwischenmenschlichen Beziehungen,
an der man in der DDR schon seit Jahren mit nur sehr bescheidenen Erfolgen bastelte. Hier, in den Wohnlagern und auf den Baustellen entstanden diese Beziehungen gewissermaßen aus dem Nichts heraus und dazu noch im
Zeitraffertempo.
Die Umstellung von der gewohnten Fünftagewoche, den “überpünktlichen” Feierabenden, den Wochenenden und
überhaupt dem gesamten bürgerlichen Trott auf knallharte Zwölfstundenschichten bei rollender Woche war allein schon
schwierig genug. Dazu kamen noch die Trennung von Familie und Freunden, die klimatischen Besonderheiten und die
außergewöhnlichen physischen Belastungen. Ein nicht geringer Teil der überwiegend jungen Leute konnte diesem
ungewohnten Druck und den rauhen Sitten dieser Großbaustelle nicht standhalten und reiste wieder zurück in die
Heimat. Unter den Zurückbleibenden jedoch entstanden eine Kameradschaft und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, die
für einen Außenstehenden wohl immer ein Rätsel bleiben werden. Dieses Verhältnis untereinander wirkte sich natürlich
positiv auf die Arbeitsleistungen aus. Das gewissermaßen aus dem Bauch heraus entstandene Motto: ” Geht nicht –
gibt’s nicht!” blieb keine hohle Phrase, sondern manifestierte tatsächlich erbrachte Leistungen, welche bei logischen Betrachtungen nicht einmal theoretisch möglich waren.
Verständlicherweise forderten diese harten Bandagen auch ihren Tribut: es wurde viel getrunken, und eine ganze Anzahl Ehen scheiterten.
Die gemeinsamen Erlebnisse, die vielseitigen Kontakte mit den dort lebenden Menschen und der Natur, aber auch die
Überzeugung, etwas nicht Alltägliches geleistet zu haben, verband die “Trassniks” zu einer eingeschworenen
Gemeinschaft. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn die ehemaligen Trassenbauer heute noch im Kontakt
miteinander stehen und ihren Kindern und Enkelkindern mit verdientem Stolz sagen können: ” Wir waren dabei!”
Ich schrieb die wichtigsten Tagesereignisse an der Trasse bereits von Anfang an auf. Erst aus Langeweile heraus, später
bewusst, um einige Erinnerungen an diesen wohl bedeutungsvollsten Zeitabschnitt meines bisherigen Lebens zu bewahren.
Diese Erzählungen sind keine literarischen Erzeugnisse, sondern realitätsbezogene Berichte ohne pathetische oder
nostalgische Hintergründe. Ich möchte damit einen Teil meiner persönlichen Erlebnisse an den verschiedenen
Bauabschnitten der Erdgastrasse schildern und dem interessierten Leser gleichzeitig einen bescheidenen Einblick in
unsere vielseitige Arbeit, unseren Umgang miteinander, unsere Beziehungen zu den einheimischen Menschen und der Natur vermitteln.

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