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9. EXKURSION NACH JAREMTSCHA
Schon seit längerer Zeit kursierte ein Gerücht, in Gorodenka würde Schluss sein, und der lineare Teil komplett nach
Mittelrussland verlegt. Inwieweit dies stimmte, wusste keiner von uns genau. Allerdings war erfahrungsgemäß an solchen Gerüchten meist etwas Wahres dran.
Noch älter als dieses Gerücht war der Wunsch vieler Kumpels: eine Fahrt in die Karpaten. Fast täglich sahen wir dieses
Hochgebirge. Einige waren während einer Rumänienreise in diesen Bergen gewesen und berichteten ganz begeistert von
deren Schönheit. Einheimische erzählten uns von Jaremtscha, einem herrlichen Kurort mitten im Karpaten-Nationalpark.
Allmählich wurde dieses “Jaremtscha” für uns zum “ ukrainischen Timbuktu”. Diese Stadt war nur reichlich 80 Kilometer
von Gorodenka entfernt. Trotzdem schien eine Fahrt dorthin nahezu ausgeschlossen zu sein. Es gab alle nur denkbaren Schwierigkeiten für eine solche Reise.
Die “reisewilligen” Kollegen arbeiteten in verschiedenen Gewerken, an unterschiedlichen Standorten und, durch den
Schichtbetrieb, auch zu verschiedenen Zeiten. Um aus dieser Vielzahl von Bewerbern die Anzahl herauszufiltern, die an
einem festgelegten Termin einen Reisebus füllen würde, war allein schon eine logistische Meisterleistung. Das stand aber erst am Anfang.
Jaremtscha befand sich außerhalb des Trassenbereiches, also des Gebietes, in dem wir uns frei bewegen konnten. Ein
Antrag auf Erweiterung dieses Bereiches musste die zahlreichen Mahlgänge einer bürokratischen Mühle passieren,
deren Mechanik hin und wieder Aussetzer hatte. Es brauchte nur einer der “Oberstempelbewahrer” nicht anwesend zu
sein, und schon wurde die Genehmigung des Antrages auf unbestimmte Zeit verschoben. Lag dieser Antrag auf Grund
einer wundersamen Fügung dann endlich vor, galt es, eine weitere Auflage zu erfüllen: Beim Reisebüro “Sputnik” musste
ein Mitarbeiter angefordert werden, der als Reisebegleiter an dieser Fahrt teilnahm. Erst wenn diese Person den Behörden namentlich gemeldet wurde, ging die “Schranke” hoch.
Was man den Lackschuhen auch alles an den Kopf werfen konnte oder wollte, hier hatten sie wirklich etwas organisiert.
An einem Sonntag versammelte sich also eine illustre Gesellschaft auf dem Platz vor der Lagerleitung. Nahezu alle
Gewerke waren vertreten, selbst einige Frauen und Mädchen aus der Verwaltung und der Küche wollten sich diese Fahrt
nicht entgehen lassen. Zwar würden uns die schönen Sonntagszuschläge durch die Lappen gehen, aber das Wetter versprach, schön zu werden. Die paar Mark ließen sich verschmerzen.
Punkt sieben Uhr sollte Abfahrt sein. Sollte, doch der Bus kam nicht. Der Küchen-LO stand mit seiner Mannschaft abfahrbereit. Sie sollten die Verpflegung der Reisegesellschaft absichern.
Der Busfahrer wurde gesucht. Er schlief noch und hatte nur vergessen, seinen Wecker zu stellen... Kurze Zeit später
rollte der Reisebus auf den Platz. Alle drängelten sich vor den Türen. Der Fahrer verkündete, dass er nur noch wenig
Diesel im Tank habe, aber unmöglich tanken könne. Durch den Schlamm auf dem Bauhof käme er unmöglich mit dem
Bus bis zur Tankstelle. Der Reiseleiter reagierte prompt. Er fuhr mit einem ARO bis zur Tankstelle und kehrte bald
darauf mit einem Zweihundertliterfass Diesel zurück. Mit einer Handpumpe wurde der Fahrzeugtank aufgefüllt.
Die nächste Pleite ließ nicht lange auf sich warten. Die Reisebegleiterin von “Sputnik” fehlte noch, obwohl das
Reisebüro ihre Teilnahme verbindlich zugesichert hatte. Der Dispatcher rief mehrmals vergeblich im Reisebüro an. Wir
warteten noch eine halbe Stunde, doch niemand erschien. Unser deutscher Reiseleiter bewies Mut: “Wir fahren trotzdem!”
Mit einer Stunde Verspätung rollte der Bus vom “Hof”, gefolgt vom Küchenfahrzeug. Bald passierten wir den ersten GAI
-Posten. Der Diensthabende schaute nicht einmal von seiner Lektüre auf. Das hatte aber wenig zu bedeuten, denn noch befanden wir uns im Trassenbereich.
Nach einer knappen Stunde hatten wir Kolomyja erreicht. In der großen und auch sauberen Stadt gab es gleich mehrere
Verkehrskontrollstellen, aber auch hier war uns das Glück hold: Die Verkehrsposten waren zu unaufmerksam...
Kurz hinter der Ortschaft Deljatin begann der eigentliche Bergpass. Die steile Straße wurde allmählich immer schmaler.
An einer Straßengabelung befand sich wieder ein GAI-Posten. Der Diensthabende stand vor dem kleinen Gebäude, sah
sich unseren Reisebus mit dem DDR-Kennzeichen genau an und lief anschließend rasch in das Häuschen. Die Straßengabelung war nicht ausgeschildert. Unser Fahrer wählte die Straße in Richtung der immer größer werdenden
Berge. Laut Karte waren es höchsten noch 8 bis 9 Kilometer bis zu unserem Ziel. Die Straße wurde immer steiler und schmaler. Eine Spitzkehre folgte der anderen. Im Gegenverkehr tauchte ein uralter
“Wolga” auf. Unser Bus bremste ab. Vorbei konnte der PKW nicht, dazu war die Straße zu eng. Der Fahrer des
betagten Vehikels fuhr in halsbrecherischem Tempo rückwärts einige hundert Meter vor uns her und lenkte dann in eine
kleine Straßenausbuchtung. Als wir das übervoll besetzte Fahrzeug passierten, winkten uns ein volles Dutzend Hände zu...
Unser Busfahrer schaute öfters in den Rückspiegel. Bis jetzt blieb die Straße hinter uns leer. Keine Miliz hing uns an
den Hacken. Die Schönheit der Berglandschaft zog uns in ihren Bann. Links von uns wuchsen bizarre Felswände in die
Höhe. Rechts lauerte hinter dem unbefestigten Straßenrand ein Abgrund. Die Berggipfel waren in “greifbare” Nähe
gerückt. Teilweise bedeckte dichter Wald die Täler. An den nackten Felsmassiven fristeten nur noch winzige Bäumchen und einige Pflanzen ein kümmerliches Dasein.
Eine Holzbrücke überspannte vor uns mit kühnem Schwung eine tiefe Schlucht. Auf der anderen Seite der Klamm
befand sich ein weiter, mit dichtem Gras bewachsener Platz. Eine ganze Anzahl geparkter PKW signalisierte uns, dass
wir hier nicht die einzigen Erholungssuchenden waren. Einige der einheimischen Ausflügler winkten uns mit beiden Armen herzlich zu.
Gerührt über diesen unerwartet freundlichen Empfang lenkte der Fahrer den Reisebus über die schmale Brücke. Ab und
zu knirschte der Bohlenbelag unter den Rädern, und die Brücke schwankte etwas unter der schweren Last des Busses.
Was konnte man schließlich von einer Holzbrücke auch anderes erwarten, das Holz “arbeitete” eben.
Auf dem Parkplatz gab es noch genügend Lücken für den Bus und den “LO”. Beide Türen schwangen auf und wir stiegen aus.
Einige Leute stürzten auf uns zu und riefen etwas. Allerdings war bei dem vielstimmigen Geschnatter kein einziges Wort
verstehen. Hoffentlich bestand hier für LKW und Busse kein Parkverbot! Ein Mann hatte unseren Fahrer am Arm gefasst
und zog ihn aufgeregt zur Brücke, dabei redete er ununterbrochen auf ihn ein. Verständnislos wandte sich der Busfahrer
zu uns um. Ich lief hin zu den Beiden und fragte den Mann nach dem Grund für die ganze Aufregung. Dieser ließ den
Arm unseres verdattert dreinschauenden Fahrers los und deutete auf ein Schild neben dem Brückengeländer. Als ich
die Aufschrift gelesen hatte, verspürte ich ein seltsames Ziehen in den Haarwurzeln. Auf dem Schild stand:
“Ostoroschno! Mostu grosit obwal! Choditch wospreschtschajetsa!” ( “Vorsicht! Die Brücke ist einsturzgefährdet!
Betreten verboten!”). Ich übersetzte dem Busfahrer, was auf dem Schild stand. Dessen käseweißes Gesicht sprach Bände.
Seltsamerweise war dieses Hinweisschild nur auf dieser Seite der Brücke angebracht worden. Wäre es auf der anderen
Seite auch vorhanden gewesen, hätte unser Fahrer mit Sicherheit angehalten, obwohl er es nicht lesen konnte.
Die Aufregung der Ausflügler, als auch unserer Reisegruppe, flaute nur allmählich ab. Einige hartverpackte Kollegen
meinten spöttisch, dass der “Schilderannagler” es vermieden habe, mit dem anderen Schild über die Brücke zu laufen. Aus Angst, dass sie unter seinem Gewicht zusammenbrechen könnte...
Trotz des eben überstandenen Schreckens schauten sich einige von uns die Brücke näher an. Auch ich konnte meine
Neugier nicht ganz zügeln: Die Pfosten des Brückenbelages waren teilweise morsch und an einigen Stellen bereits
durchgebrochen. Die Stützpfeiler machten auch alles andere als einen guten Eindruck. Es war tatsächlich ein Wunder, dass beide Fahrzeuge nicht auf dem Boden der Schlucht gelandet waren.
Bevor wir im Kurpark zu lustwandeln begannen, ließen sich sowohl der Busfahrer als auch der Fahrer des Küchen-LOs
von einem Ortskundigen eine sichere Strecke für die Rückfahrt in ihre Karten einzeichnen. Der Reiseleiter verkündete
noch, dass ab 13.00 Uhr gegrillt würde und Punkt 19.00 Uhr gäbe es Abendessen, gegen 21.00 Uhr würde der Bus zurückfahren.
Einige der “Rübensteiner” hatten sich unserer Gruppe angeschlossen. Mathias, der Graue Wolf und ich blieben
zusammen. Uwe hingegen begann bei drei hübschen Mädchen zu “baggern”. Neben uns lief ein rüstiger,
braungebrannter Großvater mit einer reichbestickten Kasachenkappe. Er wusste viel über Jaremtscha zu erzählen.
Es entstand Anfang der dreißiger Jahre in diesem Hochtal. Die saubere Luft und Mineralquellen machten Jaremtscha zu
einem Kurort für Asthmakranke und Herz-Kreislauf Patienten. Besonders Bergleute aus der gesamten Sowjetunion
erholten sich hier in sechswöchigen Kuren von den extremen Belastungen in den Kohle- und Erzgruben. Meist reisten
die Patienten gemeinsam mit ihren Familien an. Für die Kinder gab es sogar einen minimalen Schulunterricht.
Die Parkanlage war kein “Vegetationsschachbrett” mit schnurgeraden Wegen. Mit ihren gewundenen, kiesbestreuten
Pfaden um die zahlreichen Baumgruppen glich sie eher einem gepflegten, aber naturbelassenen botanischen Garten.
Die oft mehrgeschossigen Kurgebäude wurden von den Architekten geschickt in den Charakter dieser Parklandschaft
einbezogen. Die Gebäude entstanden in Holzbauweise. Sogar die Dachschindeln bestanden aus diesem Naturwerkstoff.
Aufwändige Schnitzereien verzierten die Balkone, die unter den weit vorgezogenen Dächern um die ganzen Gebäude herum führten. Zahlreiche Pavillons wurden für verschiedene Zwecke genutzt.
An einer großen Freilichtbühne blieben wir stehen. Die Bänke waren reichlich besetzt. Vorn auf der Bühne unterhielten
zwei Clowns eine kichernde Kinderschar. Neben der Freilichtbühne krabbelten die ganz Kleinen und kletterten auf
überdimensionalen Holzfiguren aus der russischen Märchenwelt herum. Das Häuschen der “Baba Jaga” (russische
Märchenhexe) auf seinen Hühnerfüßen stand bei den Kindern hoch im Kurs. Pausenlos wurde die Hexenbehausung von
ihnen in alle Himmelsrichtungen gedreht. Lebte die russische Hexe wirklich darin, dann wäre ihr sicherlich schon ganz speiübel davon...
An zwei einachsigen Kesselwagen standen die Leute Schlange: Frauen und Kinder am Wagen mit der Aufschrift “Kwas”
(alkoholfreies Erfrischungsgetränk aus geröstetem und vergorenem Schwarzbrot). Die Männer bevorzugten eher den zweiten Wagen mit der Aufschrift “Piwo” (Bier). Uns interessierte mehr das leckere Sahneeis.
Die Kurgäste hatten schnell mitbekommen, daß wir Ausländer waren – immerhin die ersten seit der Gründung Jaremtschas.
Ein großer Pavillon erregte unsere Aufmerksamkeit. Aus seiner Spitze wölkte leichter Rauch. Im Innern gab es keine
Fenster. Nur einige versteckte Lampen schufen ein geheimnisvolles Halbdunkel. In der Raummitte befand sich ein aus
Granitsteinen gemauertes Rondell. In seinem Inneren glomm Holzkohle. Einige Leute hockten an der niedrigen Mauer und hielten riesige, säbelförmige Spieße mit Schaschlyk über die Glut.
An verschiedenen Kiosken konnte man den Schaschlyk, aber auch Getränke, Obst und verschiedene Süßigkeiten
kaufen. Wir holten uns jeder so einen Monsterspieß und hielten ihn über die Holzkohlenglut. Vom langen Kauern
schliefen mir bald die Beine ein, und ich setzte mich kurzerhand auf die Mauer. Unser “Gastopa” hockte sich im
Schneidersitz auf die Fußbodenplatten. Eine ältere Frau lief mit einem Korb Holzkohle rings um den “Ofen” und warf einige Schaufeln Kohle auf die Stellen, wo die Glut schon heruntergebrannt war.
Wir probierten den Schaschlyk. Es war kein Schweinefleisch, sondern kräftig mit Knoblauch gewürztes Hammelfleisch.
Mathias verzog das Gesicht, er mochte keinen Hammel, trotzdem kostete er ein Stück und schien auf einmal seine Meinung geändert zu haben...
Völlig gesättigt von der mächtigen Fleischportion verließen wir die Schaschlykbraterei und schlenderten in Richtung der Kurhäuser.
Unsere Reisegruppe hatte sich bald aufgelöst. Ohne Aufdringlichkeit versuchten die Einheimischen mit uns Kontakt aufzunehmen. Einige von ihnen sprachen etwas Deutsch, während unsere Kollegen ihre Russischkenntnisse
strapazierten. Vor dem Eingang eines der Kurhäuser stand eine korpulente Frau. Aus einer Seitentasche ihres weißen Kittels lugte
wie ein Statussymbol ein Stethoskop. Ich wusste, dass Ärzte gern dieses Instrument mit sich herumschleppten und
sprach sie deshalb an. Ob wir wohl einen Blick in das Innere des prächtigen Holzhauses werfen könnten? Kein Problem,
lautete die freundliche Antwort. Die dicke Ärztin führte uns bereitwillig durch die verschiedenen Räume. Sie zeigte uns
die Behandlungszimmer, den Gymnastikraum und einige Patientenzimmer, von denen aus man auch auf den Balkon gelangen konnte.
Jedes dieser Kurhäuser war auf bestimmte Therapien spezialisiert. Die Patienten brauchten für ihre Behandlungen nicht
von einer Einrichtung in die andere zu laufen. Nur das Schwimmbad bildete eine Ausnahme. Es wurde von allen
Kurgästen und deren Angehörigen gemeinsam genutzt. Die Verpflegung kam aus einer zentralen Küche. Die Wege zum
Speisesaal waren kurz. Der Kurbetrieb wurde das ganze Jahr überaufrechterhalten. Ein eigenes Kraftwerk produzierte
Wärme und Strom. Im Winter allerdings mussten manchmal verschiedene Versorgungsgüter per Hubschrauber eingeflogen werden. Die Schneehöhen konnten hier extrem sein.
Der Großvater kannte die Ärztin, hatte aber trotzdem an der “Führung” teilgenommen. Anschließend wollte er uns sein Zimmer zeigen, das sich allerdings in einem anderen Kurhaus befand.
Uns fiel auf, dass jedes der Kurhäuser eine andere, spezifische Architektur hatte. Nur von weitem ähnelten sie sich.
Das Zimmer des Alten befand sich im ersten Stockwerk. Es war etwas kleiner, und es gab nur ein Bett. Seine Frau sei
vor fünf Jahren verstorben, meinte er und zeigte auf ein Foto an der Wand, die mehr einer Ahnengalerie glich. Wir fragten
uns, ob er wohl bei jeder Reise die ganzen Fotos mitschleppen würde. In einer Zimmerecke befand sich eine winzige
Kochnische mit einem Wandschränkchen, einem Kühlschrank und einem elektrischen Kocher. Der alte Mann brühte
einen außerordentlich starken Tee auf und schüttete aus einer Blechdose Gebäck auf einen Teller. Obwohl wir vom
Schaschlyk noch bis zur Halskrause voll waren, probierten wir das Gebäck seiner Tochter und tranken dazu den
gallebitteren Tee. Nach einer halben Stunde verabschiedeten wir uns. Der Großvater hätte uns gern noch begleitet, aber
sein Knie machte ihm zu schaffen. Uns blieb fast der Mund offen stehen, als er uns sagte, daß er schon über 87 Jahre
alt sei. “Da guck mor de Ardäppeln schon von unden ann.” meinte Mathias, als wir die Treppen hinunterstiegen.
An einem Zeitungskiosk gab es auch verschiedene Souvenirs zu kaufen. Neben billigem Ramsch gab es auch
anspruchsvolle Artikel. Ich kaufte mir einige Ansichtskarten vom Kurort und investierte 26 Rubel für eine Lackschatulle:
Auf dem Deckel hatte der Maler mit hauchfeinen Pinselstrichen in zarten Pastellfarben eine Karpatenlandschaft
dargestellt. Solche echten Lackarbeiten werden normalerweise nur in der Ukraine produziert. Die Herstellung dieses
Lacks gehört noch heute zu den bestgehütetsten Geheimnissen der ukrainischen Volkskünstler, wobei natürlich plumpe Fälschungen nicht auszuschließen sind.
Wir liefen zurück zum Parkplatz. Die Küchenmannschaft hatte bereits ihr “Inventar” aus dem “LO” geholt und begann
den Grill aufzubauen. Die Rübensteiner Sonntagsausflügler beobachteten neugierig das emsige Treiben der Deutschen.
Die meisten der Ausflügler bereiteten ebenfalls ihr “Picknick im Grünen” vor. Manche legten einfach eine Decke auf den
Rasen und stellten die mitgebrachten Lebensmittel darauf. Andere zeigten gegenüber den einfachen Bürgern Flagge und
stellten, sichtlich stolz über ihren Luxus, ihre Campingmöbel auf. Die mitgebrachten Fressalien wiesen allerdings keine
großen qualitativen Unterschiede auf: Eingelegte Gurken, marinierte Pilze, kaltes Bratgeflügel, Brot, Buletten,
hartgekochte Eier, Dörrfisch und anderes lagen auf den Decken oder standen auf den Campingtischen. Die Getränke
hingegen waren wiederum “standesgemäß” nuanciert: grüne Wodkaflaschen mit manipulierten Verschlüssen und
Weinflaschen ohne Etiketten standen auf den Decken - weiße “Stolitschnaja”- Flaschen mit Originalkappen und
Weinflaschen mit Etiketten auf den Klapptischen, dazu, als Sahnehäubchen, noch eine angebrochene Schachtel “Camel” mit obenauf liegendem Gasfeuerzeug...
Als unsere Jungs mit den blütenweißen Jacken und den blau-weiß karierten Hosen die ersten Lagen Thüringer
Rostbratwurst auf den Grill packten, verbrannten sich die neugierigen Kinder fast ihre Nasen. So etwas hatten sie noch
nicht gesehen! Die Brötchen, der Senfeimer mit Karl-Marx-Städter “Esina”- Senf, sogar die Pappteller und die ganzen
anderen Utensilien auf den weißgedeckten Tischen waren spannend und versprachen genügend Gesprächsstoff für die
Schule am nächsten Morgen. Die Männer hingegen verfolgten mit wehmütigen Blicken, wie der eine Koch fast eine ganze Flasche Bier über die brutzelnden Würstchen spritzte. Welch eine Verschwendung!
Unsere Exkursionsgruppe hatte sich inzwischen nahezu vollzählig eingefunden, doch nur einige holten sich eine Roster.
Die meisten von uns hatten sich mit Schaschlyk, Piroggen und Sahneeis vollgestopft.
Unentschlossen näherten sich einige Kinder dem Grillstand. Sie hielten Geld in den Händen und hielten es dem “Onkel”
mit der weißen Mütze hin. Verunsichert blickte dieser seinen Küchenleiter an. Doch der fand auch keine rechte Lösung
und wandte sich deshalb an den Reiseleiter - als die höchste Instanz vor Ort. Beide sprachen miteinander, dann wurde
das “Büffet” freigegeben – natürlich ohne Bezahlung. Die von uns größtenteils verschmähten Rostbratwürste fanden jetzt
reißenden Absatz, und die Küche war heilfroh, dass sie ihre Kühlbehälter restlos ausräumen konnte. Die Würste wären am nächsten Tag ohnehin in den Futterkübeln einer Kolchose gelandet.
Wurst wider Wurst. Auf Grund ihrer Freigiebigkeit wurden nunmehr die Deutschen im Gegenzug von den Rübensteinern
eingeladen. Ihrem Vorsatz, bis zum Abendessen noch eine kleine Bergtour zu unternehmen, blieben nur einige
Naturfanatiker treu. Im Nu bildeten sich “deutsch-sowjetische Freundschaftsgruppen”. Hier gab es kein steifes Gehabe,
wie es bei den organisierten Treffen in der DDR die Regel war: Aus umliegenden Garnisonen wurden einige sowjetische
Offiziere mit ihren Gattinnen an einem separaten Tisch “präsentiert” und ein gecharterter Russischlehrer musste die
üblichen Standardfragen übersetzen. Hier hingegen kamen die freundschaftlichen Gefühle schlichtweg aus dem Bauch
heraus. Die gegenseitige Sympathie wuchs proportional mit jedem Glas Wodka und jedem Becher mit selbstgekelterten
“Karpatentod”, einem ziemlich süßen Roséwein. Als dann noch die von den Kumpeln mitgebrachten Bierflaschen zu
kreisen begannen, schien es mehr als fraglich, ob die Jungs bei der Abfahrt heute Abend noch mit ihren eigenen Beinen in den Bus steigen konnten...
Unsere beiden Fahrer hielten sich abseits. Ihre Mienen hellten sich etwas auf, als ihnen ein angesäuselter Familienvater
mit Sakko, Schlips und Lederstiefeln zwei Riesenflaschen Wein schenkte. Zum Mitnehmen natürlich!
Ich stellte mir vor, wie viele PKW - Fahrer sich heute Abend bei der Heimfahrt mit ihren gläsernen Augen am schmalen
Band der Passstraße festsaugen würden, um den Kurs einigermaßen halten zu können. Einige würden aber auch an
Ort und Stelle übernachten und, je nach Platzangebot, ihren Rausch bis zum Morgengrauen entweder im Auto oder im
taufeuchten Gras ausschlafen. Das pausenlose, heftige Geknurre der “lieben” Ehefrauen würden sie dabei wie ein wohlgemeintes Schlaflied empfinden...
Einige Pessimisten und die wenigen Antialkoholiker behielten recht: Das für 19.00 Uhr geplante Abendbrot musste aus
“gesundheitlichen” Gründen ausfallen. Das Küchenpersonal verteilte die gesamten Vorräte unter den Einheimischen und
verstaute alles andere im “LO” - einschließlich einer stattlichen Anzahl Samogonflaschen. Gestiftet von den dankbaren Gästen...
Obwohl der Reiseleiter mehrmals ungläubig durchgezählt hatte, fehlte am Ende doch keiner, und die wenigen
Nüchternen schleppten ihre Kollegen wie Stückgut in den Bus. Ehe er losfuhr, grollte der Fahrer noch drohend ins Mikrophon des Bordfunks: “Dass mir ja niemand auf die Sitze kotzt!”
Verständlicherweise hatte er wenig Lust, den ganzen Vormittag “Sauerteig” aus dem Fahrzeug zu kratzen.
Von der GAI war nun nichts mehr zu befürchten. Schließlich befanden wir uns ja nun auf der Rückfahrt. Eher als geplant
rollte der Bus ins Wohnlager Gorodenka. Gemeinsam mit der Lagerwache wurden die “hilflosen” Kollegen auf ihre Unterkünfte verteilt, und damit fand die Exkursion nach Jaremtscha ihren würdigen Abschluss.

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