|
8. KARSTLANDSCHAFTEN
Dass wir einmal auf dem Grund eines Urozeans arbeiten würden, hätte keiner von uns so richtig geglaubt, und doch war
es so. Vor vielen Millionen Jahren hatte sich hier ein Ozean ausgebreitet. Unzählige Kleinlebewesen sanken nach ihrem
Absterben auf den Grund dieses Ozeans, und ihre Kalkpanzer bildeten in unvorstellbaren Zeiträumen eine mächtige
Schicht. Die Sedimente wurden durch den gewaltigen Wasserdruck und das Gewicht der nachfolgenden Ablagerungen immer mehr zusammengepresst, bis der heutige Kalkstein mit seinem festen Gefüge entstand. Tektonische
Veränderungen der Erdkruste hoben den Grund dieses Ozeans allmählich an, und als schließlich die Karpaten
entstanden, begann das Wasser abzufließen und die Kalkformationen wurden freigelegt. Später, am Ende der letzten
Eiszeit, schmolzen die Gletscher mit der zunehmenden Klimaerwärmung ab. Die ungeheuren Mengen Schmelzwasser formten durch Strömungserosionen das heutige Landschaftsbild.
Das ausgedehnte Urstromtal konnte man auf den ersten Blick kaum überschauen. Es war kein total ausgeräumter
Talkessel. Auf dem Talgrund blieben Hügel und terrassenförmige Gesteinsformationen zurück. Das Kalkgestein besaß
schon nahezu die Festigkeit von Marmor. Während die weicheren Kalkschichten vom Wasser problemlos ausgespült
wurden, widerstanden die festeren Kalke der Erosion am längsten und blieben dadurch bis zur Gegenwart erhalten.
Am Ende des Tales befand sich ein Steinbruch. Bereits seit historischen Zeiten spaltete man in Handarbeit große
Kalksteinblöcke Diese wurden an Ort und Stelle zu handlichen Mauersteinen weiterverarbeitet. Die billigen,
atmungsaktiven Bausteine waren und sind bis heute Grundmauern von Neubauten. Für die Sanierung älterer Gebäude sind sie ohnehin unerlässlich.
Der Rohrgraben durchquerte das Tal in dessen gesamter Ausdehnung. Kurz vor dem Steinbruch wurde der Graben über
einen relativ flachen Abhang bis zu einem Hochplateau gezogen. Am Südufer des Dnestr stürzte er steil in die Tiefe.
Das Ausheben des Rohrgrabens gestaltete sich zu einem ziemlichen Problem. Mit Hydraulikmeißeln zerkleinerte man das Gestein so weit, dass es als Geröll schließlich ausgebaggert werden konnte.
Die Nachtschicht hatte den Rohrabschnitt schon für die anschließende Umlattung vorbereitet. Viele Rollen neuen
Fußbodenbelages hatte sie in passende Stücke zerschnitten, um das Rohr gelegt und mit dünnem Draht fixiert. Diese
zusätzliche Schutzschicht sollte verhindern, dass die Rohrisolation beim Zusammenziehen der Holzlatten beschädigt wurde.
Wir, die Tagschicht, waren gestern nicht ins Wohnlager nach Gorodenka zurückgefahren, sondern übernachteten im
Materialwagen. Olm hatte für solche Fälle schon längst vorgesorgt: Aus leeren Kartons fertigte er für jeden eine Art
“Sarg” und polsterte diesen mit weichem Textilfilz dick aus. Kaum zu glauben, doch in diesen “Behelfsbetten” konnte
man wunderbar schlafen, zumal es in unserer Schicht keine notorischen Schnarcher gab. An das eintönige Tuckern des Dieselaggregates gewöhnten wir uns schnell.
Nach dem Schichtwechsel begannen wir mit der Umlattung. Von einer Rolle Röteldraht wurden lange Stücken
abgeschnitten und mit genügend Spiel um den Rohrumfang gelegt. In die Drahtschlaufen schoben wir, von unten
beginnend, zwei Meter lange Holzlatten. An jeder Rohrseite arbeiteten zwei Kollegen. Die Latten mussten sehr dicht
zusammengefügt werden. War der Scheitelpunkt des Rohres erreicht, zogen wir die drei Schlaufen so fest zusammen,
bis der Saft aus dem frischen Holz tropfte. Die Holzlagen durften beim Einbringen in das Schutzrohr der Durchörterung
auf keinen Fall verrutschen. Diese Tätigkeit war physisch nicht besonders belastend, aber auf die Dauer äußerst langweilig.
Auf einem der Hügel weidete eine Herde Färsen. Ihr Fell leuchtete einheitlich rotbraun. Nur wenige Tiere besaßen einige
weiße Flecken. Zwei Hirten mit hochkrempigen Hüten beaufsichtigten die Färsen. Die langen Mäntel der Männer
reichten bis zu ihren Knien. Ein zottiger Hund zog unermüdlich seine Runden um die Herde. Trotz der nur hauchdünnen
Humusschicht wuchs das Gras üppig. Der poröse Kalkstein speicherte genügend Wasser, und davon profitierte die Vegetation in niederschlagsarmen Zeiten. Gelegentlich schauten die Männer zu uns herüber.
Nach dem Frühstück kam Lothar mit dem “LD”. Er brachte nicht nur unseren Meister mit, sondern auch das
versprochene Halsband, dieses war für uns natürlich das Wichtigste. Zappen zeigte sich über den Stand der Arbeiten
hocherfreut. Als wir ihm die Schweinehütte zeigten, schüttelte er nur belustigt den Kopf und tippte sich vielsagend an die Stirn.
Das Ferkel hatte nach ausführlichen Debatten noch am Vorabend den Namen “Piggy” erhalten. Das Tier war hungrig und
zeigte dies durch permanentes Quieken an. Werner, die selbsternannte Schweineamme, öffnete die Klappe am
Einschlupf einen Spalt breit und sofort schob sich der faltige Rüssel heraus. Olm steckte die Hand durch den Spalt und
erfasste das Tier mit einem Griff am Nacken. Es reagierte mit ohrenbetäubendem Gezeter. Ungeachtet dieses
lautstarken Protestes legte Werner dem Ferkel das Halsband um und hakte eine Leine aus Dederonkordel fest. Das
andere Ende war an der Hütte befestigt. Die losgelassene Piggy rannte Hals über Kopf in die sichere Unterkunft zurück.
Erst später, nachdem wir einige Schüsseln mit verschiedenen auserlesenen Leckerbissen vor den Stall gestellt hatten,
wagte sich das Ferkel wieder heraus und legte sich nach der ausgiebigen Mahlzeit sogar für ein Verdauungsschläfchen in die wärmende Sonne.
Bis zum Schichtwechsel hatten wir die Rohrumlattung fast fertig. Unser Schieber fuhr mit Zappen, Lothar und Uwe
zurück nach Gorodenka. Dietmar und Uwe wollten im Wohnlager bleiben. Wir hatten uns entschlossen, eine weitere
Nacht auf der Baustelle zu verbringen. Waschutensilien lagen ohnehin bei jedem im Spind, und Essen gab es auch mehr als genug.
Uwe wollte heute abend unbedingt zur Russendisco in Gorodenka. Lothar fuhr morgen früh mit dem Urlauberbus nach
Lwow zum Flughafen. Ihn würden wir die nächsten vier Wochen nicht wiedersehen.
Die Nachtschicht traf pünktlich ein. Werner blieb bei seinem Liebling zurück. Mathias, Grauer Wolf und ich schlenderten
gemächlich los. Wir wollten uns etwas in der Gegend umschauen.
Die Herde Jungkühe blieb auch über Nacht auf der Weide. Bereits am Fuße des Hügels kam der Hund auf uns
zugelaufen. Er knurrte zwar etwas, blieb aber ansonsten friedlich und beschnupperte nur jeden ausgiebig.
Der Zerberus schien uns als ungefährlich einzuordnen und kehrte bald wieder zu seiner Herde zurück. Die beiden Hirten
hatten unser Kommen schon längst bemerkt. Einer der beiden hantierte an einer kleinen Feuerstelle. Ein verrußter
Teekessel baumelte über der Glut. Aus seiner Tülle fauchte ein weißer Dampfstrahl. Die Männer schliefen in einer kleinen fahrbaren Hütte. Aus der Entfernung hatten wir sie für einen Güllewagen gehalten.
Wir begrüßten die Hirten, die sich offensichtlich über unseren Besuch freuten und uns daher sofort zum Tee einluden.
Zum Glück hatte Mathias in weiser Voraussicht einen Beutel mit Fressalien mitgenommen. Während sich die beiden
Hirten mit großem Appetit über unser Verpflegungssortiment hermachten, putzten wir im Gegenzug ihre Rationen aus
hartem, würzigem Schafskäse und frischgebackenem Bauernbrot weg. Der aufgebrühte Tee war sehr stark und war mit
Honig gesüßt. Die Beiden erzählten uns, dass sie bis zum Herbstbeginn hier bleiben würden. Erst dann würde die Herde zurück in die Winterstallungen der Kolchose getrieben.
Die meisten Färsen hatten sich zum Wiederkäuen niedergelegt. Sie machten einen gesunden Eindruck. Die ständige
Bewegung auf der Weide und das von vielartigen Kräutern durchwachsene Gras schienen ihnen ausgezeichnet zu bekommen.
Wir wollten wissen, warum es hier keine elektrischen Weidezäune gäbe und bekamen zur Antwort, dass dies doch viel
zu aufwändig wäre. Die Zäune müssten ständig umgesteckt werden. Fast jeden Tag brauche man einen neugeladenen
Akku und dazu noch eine Viehtränke. So wäre es doch besser. Die Tiere könnten sich ihr Futter selbst suchen und
ihren Durst am naheliegenden Bach stillen. Sie und ihr Hund könnten die Herde leicht zusammenhalten, und am Ende
der Weidesaison erhielten sie von der Kolchose eine ordentliche Prämie ausgezahlt. Außerdem hätte jeder von ihnen
noch seine Privatschafe hier. Das war uns noch gar nicht aufgefallen. Tatsächlich lief inmitten der Färsen eine Anzahl Schafe umher.
Wir verabschiedeten uns von den Hirten und wühlten noch eine Weile in einer Geröllhalde. Vielleicht waren unter den
Kalksteinbrocken einige fossile Abdrücke zu finden. Doch unsere Mühe war vergebens. Wahrscheinlich gab es solche
Fundstücke nur in den oberen, also jüngeren Schichten der Kalksteinmassive. Enttäuscht liefen wir zur Baustelle zurück. Die Aussicht, an diesem Abend noch einige Flusskrebse zu fangen, schien ungleich größer.
Mit einigen “Schweißdrahtangeln” versehen, legten wir uns am Bachufer auf den Bauch und stocherten in den Höhlungen
unter Wasser herum. Sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Einige große Bachforellen standen nahezu unbeweglich
im klaren Wasser. Als wir aufstanden, huschten sie blitzschnell in ihre Verstecke. Möglicherweise hatten unsere
Vorgänger von der Wasserhaltung diesen Bachabschnitt schon leergeräumt, deshalb liefen wir noch ein ganzes Stück
bachabwärts und versuchten unser Glück erneut. Diesmal klappte es fast auf Anhieb. Auch an meinem Schweißdraht
zerrte etwas. Aufgeregt zog ich den Draht aus dem Wasser: An seinem Ende ruderte ein fast schwarzer Krebs. Mit der
einen Schere klammerte er sich an dem Wurstbrocken fest. Ehe er die drohende Gefahr mitbekam und loslassen konnte
, hielt ich ihn schnell über den mit Wasser gefüllten Eimer, schüttelte den Draht und das Tier plumpste hinein. Auch
meine beiden anderen Kollegen hatten Erfolg gehabt. Es war also keine bloße Übertreibung der “Durchörterer” gewesen:
Hier gab es jede Menge der bei uns durch die Krebspest fast ausgestorbenen Flusskrebse. Schon nach kurzer Zeit
raschelte eine ganze Menge dieser gepanzerten Leckerbissen im Plasteeimer. Mit einem Ast fischten wir die kleinsten
Exemplare heraus und warfen sie in den Bach zurück. An diesen Jungtieren war kaum etwas Verwertbares dran – sollten sie also ruhig wachsen.
Olm hatte bereits Wasser aufgesetzt. Als es zu sieden begann, warf er einige Gewürze und selbstgesammelte
Wildkräuter hinein. Mit gemischten Gefühlen und einer Wasserpumpenzange fischten wir die zappelnden Krebse aus
dem Eimer und warfen sie schließlich erbarmungslos in kochenden Sud. Die Tiere erröteten vor Wut. Nach einer Weile
nahm Werner die Krebse heraus und legte sie auf einen Teller. Da außer ihm noch keiner von uns jemals in seinem
Leben so ein Krustentier verspeist hatte, zeigte er uns, wie man die Viecher fachgerecht auseinander bricht. Gespannt
probierte ich das so vielgepriesene “edle” Fleisch und – war maßlos enttäuscht. Möglicherweise spielen der Preis und
die Kapriolen der Gourmets bei solchen angeblichen Leckerbissen die entscheidende Rolle, nach dem Motto “was teuer
ist, muss auch gut schmecken”. Den anderen Kollegen erging es nicht viel besser als mir. Der einzige wahre
Feinschmecker in unserer Brigade schien Piggy zu sein. Mit lautem Schmatzen vertilgte sie die Überreste der Krustentiermahlzeit.
Wir nahmen noch ein kurze Bad im “Überlaufkanal” und verzogen uns, nachdem wir das Ferkel eingesperrt hatten, in
den Materialwagen. Die Tür blieb offen, denn Mücken waren hier nicht zu befürchten. Stehende Gewässer gab es in
weitem Umkreise keine, und der mit zahlreichen Kleinfischen bevölkerte Bach war für Mücken alles andere als eine ideale Brutstätte.
Bereits am dritten Tag nach unserer Ankunft war das umlattete Passstück eingebaut und verschweißt worden. Nachdem
wir noch die offenen Nähte isoliert hatten, endete unsere Tätigkeit an dieser Stelle. Eines hatte uns an dieser Baustelle
ziemlich verwundert: Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes an dieser Durchörterung hatte höchsten ein
Dutzend Fahrzeuge die Straße passiert. Diese war zwar in einem wirklich guten Zustand, doch allmählich entstand bei
uns der Eindruck, dass hier mit dem Schinken nach der Bratwurst geworfen wurde. Auf jeden Fall wäre es erheblich
kostengünstiger gewesen, wenn man den Rohrgraben gerade durchgezogen und nur die Straße anschließend wieder instandgesetzt hätte.
Wir verlegten noch am gleichen Tage zur nächsten Baustelle. Diese befand sich nur wenige hundert Meter weiter. Die
Rohrleitung führte hier zum Hochplateau. Bedingt durch den felsigen Untergrund, wurden die Abmessungen des
Rohrgrabens auf Minimalgrößen beschränkt. Der Einsatz der RIV-Maschine war hier technologisch nicht möglich. Das
bedeutete, wir mussten sehr große Rohrlängen mit der Hand wickeln und das in einem engen, steinigen Rohrgraben, wo
man sich kaum auf der Stelle drehen konnte. Um Beschädigungen durch scharfkantige Felstrümmer zu vermeiden, wurde die Sohle des Rohrgrabens mit Sand ausgebettet. Später fuhren KRAZ-Kipper Unmengen von Erdaushub von
anderen Bauabschnitten heran, um den Graben bis über die Oberkante des Rohres zu verfüllen. Erst dann konnte man
einen Teil des ausgebaggerten Kalksteingerölls zum endgültigen Ausfüllen des Rohrgrabens verwenden. Der Rest des
Gerölls blieb einfach liegen und würde sich innerhalb kürzester Zeit in ein ideales Biotop für die hier zahlreich vorkommenden Reptilienarten verwandeln.
Wir besichtigten die Baustelle. Ein Rohrleger musste her, um überhaupt isolieren zu können. Dieser musste das Rohr
abschnittsweise anheben, damit wir überhaupt die Rollen mit der Polykenefolie unter dem Rohr durchreichen konnten.
Zappen sicherte uns zu, dass morgen früh eine KOMATSU zur Verfügung stehen würde. Das Problem dabei war, dass
wir den Rohrleger nicht nur für einige Stunden, sondern unter Umständen für mehrere Tage benötigen würden. Wir erinnerten den Meister daran, den Standort der KOMATSU unbedingt in den Tourenplan der Trassenbetankung
aufnehmen zu lassen, denn aus Kanistern ließ sich so ein versoffener Riese unmöglich betanken...
Übermorgen würden wir in die Nachtschicht wechseln. Wir beschlossen daher, heute nochmals auf der Baustelle zu
übernachten. Die Nächte waren jetzt angenehm. Die Tagestemperaturen stiegen immer mehr an. Ehe sich die
mückenverseuchte Luft in den Wohnwagen auf ein erträgliches Maß abgekühlt hatte, graute bereits der nächste Morgen.
Hier jedoch wehte beständig ein leichter Wind, und daher war auch die Tageshitze etwas leichter zu ertragen. Nur im
Rohrgraben selbst wirkte das von der Sonne aufgeheizte Rohr wie ein gigantischer Heizkörper, und da konnte das Thermometer leicht sechzig Grad erreichen.
Rechts vom Rohrgraben breitete sich ein nahezu undurchdringliches Dickicht aus rosa blühenden Sträuchern und
immergrünen Büschen aus. Die Vorstrecker hatten einen großen Teil dieser Sträucher gefällt und zu einem riesigen
Berg aufgehäuft. Im Talkessel gab es noch weitere dieser grünen Flecken mit ihren rosafarbenen Blütentupfen zu sehen,
doch waren sie in ihrer Ausdehnung wesentlich kleiner. Zuerst dachten wir an Rhododendren, doch diese Gewächse vertrugen keinen kalkhaltigen Boden.
Piggy war inzwischen etwas zutraulicher geworden. Olm schien sie besonders in ihr Herz geschlossen zu haben.
Manchmal redete er eine geschlagene Stunde mit dem Schwein, aber eine Antwort hatte er bis jetzt noch nicht erhalten.
Werner brachte es sogar fertig und kroch in die Hütte hinein. Wenn dann beide, Schwein und Schweineamme aus dem
breiten Schlupfloch schauten, witzelte Mathias: “Olm, wenn de Piggy deinen Reisepass gääm wirdest, die käme
unbehellischt üwer scheede Grenze!” Werner antwortete schlagfertig: “Die Sau hat in ihrer Rüsselspitze mehr Grips, als du in deiner ganzen Rübe!”
An der alten Baustelle baggerte eine andere Brigade eifrig. Beide Baugruben der Durchörterung wurden zugeschüttet.
Das aufgewühlte Wasser schwappte in den Überlaufkanal. Der bis dahin saubere Bach hatte sich schmutziggelb gefärbt.
Die hinterste Grube auf der anderen Straßenseite war schon völlig verfüllt. Nur aus der anderen quoll noch immer klares
Wasser empor. Ein Zeichen, dass der Druck der Wasserader enorm sein musste und fast dem eines artesischen
Brunnens entsprach. Um zu verhindern, dass nahe des Straßenkörpers ein Sumpf entstand, wurde dicht an der Stelle
des Wasseraustrittes ein 150 mm PE-Schlauch eingebracht. Der Schlauch endete im Überlaufkanal. Als die andere
Grube ebenfalls restlos verfüllt war, strömte das Quellwasser tatsächlich durch diesen Schlauch in den Kanal.
Es war schon ziemlich spät, als wir uns schlafen legten. Diesmal blieben Dietmar und Uwe ebenfalls auf der Baustelle
und schon hatten wir unter einem Schnarcher zu leiden. Obwohl er der Jüngste von uns war, beherrschte Uwe wie ein
Alter die zahlreichsten Variationen dieses stimmlosen Gesanges. Die leeren Kartons wirkten dabei zusätzlich wie
Resonanzkörper. An Einschlafen war nicht zu denken. Wir überlegten ernsthaft, ihn mit einem breiten Streifen
Polykenfolie über den Mund ruhig zustellen. Mathias drosch mehrmals erbarmungslos mit einem Straßenbesen auf den
Ruhestörer ein. Dieser wechselte jedoch nur sein Bühnenbild und fuhr nach einigen Sekunden mit seiner Soloarie fort.
Es gab nur eine Alternative: Der Kerl musste raus! Wir weckten Uwe und legten ihm sehr ernsthaft nahe, in den
Aufenthaltswagen umzusiedeln. Widerspruchslos verschwand er im Bauwagen. Wir hatten endlich unsere wohlverdiente Ruhe.
Gegen 2.00 Uhr früh wurde ich durch ein undefinierbares Geräusch munter. Etwas kratzte auf dem Wagenboden in der
Nähe der Tür. Ich öffnete die Augen und erblickte in der Türöffnung die Umrisse eines Tieres. Es musste die wenigen
Treppenstufen heraufgeklettert sein und stand mit den Vorderläufen bereits im Wageninneren. Obwohl ich noch immer
glaubte zu träumen, klatschte ich in die Hände und die Silhouette verschwand geräuschlos. Vielleicht war es doch nur ein Hirngespinst gewesen, dachte ich, und schlief beruhigt wieder ein.
Am nächsten Morgen erlebten wir einige Überraschungen: Der Inhalt der Abfallgrube war total zerwühlt und sämtliche
Essenreste spurlos verschwunden. Vor der Eingangsklappe zu Piggys Hütte hatte jemand, oder etwas begonnen, eine
tiefe Mulde zu graben. Zwecklos, weil der Untergrund immer steiniger wurde. Ich dachte sofort an den Besucher am
frühen Morgen und suchte die Umgebung unseres Fahrzeugparks nach Fährten ab, konnte aber nicht die geringsten Spuren entdecken. Der Boden war zu fest und zu trocken.
Die Nachtschicht hatte am Rohr sämtliche Stellen, die keine Bodenberührung hatten, mit Isolierfolie zugewickelt. Kurz
nach 8.00 Uhr näherte sich eine “TATRA 813” vom Gewerke “Schwerlast” unserer Baustelle. Der Vierachser aus der
ČSSR schleppte mit lautem Geheul einen Tieflader mit einer KOMATSU D355 heran und hielt neben unseren Wagen.
Neben dem Fahrer saß der Maschinist des Rohrlegers. Beide kletterten aus der geräumigen Kabine der TATRA. “Seid
ihr die Handisolierer von Frank K.?” fragte der TATRA-Fahrer mit unverkennbarem erzgebirgischen Dialekt. “I bring eich
die versprochne KOMATSU.” Da ohnehin schon Frühstückszeit war, luden wir die Beiden zum Kaffee ein. Der TATRA
-Fahrer hieß Siegfried, genannt “Spillmeier”. Der hochgewachsene, athletische Mittvierziger musste den Kopf einziehen,
als er den Aufenthaltswagen betrat. Spillmeier stammte aus Antonsthal bei Schwarzenberg und war schon ein halbes
Jahr vor mir eingereist. Den KOMATSU-Fahrer kannten wir bereits vom Ansehen her. Er war der krasse Gegensatz von
Spillmeier: Klein und zierlich. Das Größte an ihm war sein riesiger Vollbart, deshalb nannten ihn alle “Rumpelstilzchen”
oder aus Faulheit auch nur “Rumpel”. Beide staunten über die beispielhafte Ordnung und den Komfort in unserem
Bauwagen. Als “Einzelkämpfer” wurden sie oft an den verschiedensten Standorten der Trassenabschnitte eingesetzt und
waren mehr oder weniger “Gäste” bei den jeweiligen Brigaden. Meist übernachteten sie in den Wohnlagern, die sich in der Nähe ihres Einsatzortes befanden. Im Gegensatz zu uns lebten sie fast wie Zigeuner.
Nach dem Frühstück kraxelte Rumpel mühsam zum Rohrleger auf dem Tieflader hinauf. Der Anlassmotor der
KOMATSU knatterte los wie eine Motorkettensäge, und wenige Sekunden später rülpste der 360 PS-Motor einige
schwarze Rauchwolken aus dem dicken Auspuffrohr. Die Abdeckklappe wackelte signalisierend, dass der Motor jetzt rund lief. Bis zu 92 Tonnen konnte diese japanische Baumaschine an den Haken nehmen!
Rumpel gab Gas. Der Rohrleger ruckte an und fuhr langsam bis zur Seitenkante des Tiefladers, einem sogenannten
“Eisenschwein”. Die, mit dem enormen Gewicht des Fahrers, fast 58 Tonnen schwere Maschine kippte nach vorn,
drückte die Räder des Eisenschweins auf dieser Seite fast in den Boden, während die Räder auf der anderen Seite in die
Luft schnellten. Schließlich griffen die Gleisketten, und die KOMATSU plumpste auf den Boden. Erleichtert seufzten die
Federn des Eisenschweins auf. Spillmeier verabschiedete sich schnell: Auf ihn wartete bereits die nächste Fuhre.
Wir winkten den Rohrleger bis zu einer Stelle der Gasleitung, die hohl lag und bereits isoliert war. Der Maschinist
schwenkte den A-förmigen Kranausleger herüber und ließ den zentnerschweren Haken, an dem ein “Hosenträger”
baumelte, langsam zu uns herab. Der Hosenträger war eine breite Matte aus textilem, kunststoffkaschiertem Gewebe.
An den Stirnseiten befanden sich stabile Metallleisten. Die untere Leiste hatte eine Vielzahl Ösen, die genau in die
entsprechende Hakenreihe der oberen Leiste passten. Zu dritt zerrten wir die schwere Matte unter dem freiliegenden
Rohr hindurch und hoben sie mühsam an der Rohrflanke empor. Rumpel beobachtete von oben aufmerksam unsere Aktion und ließ behutsam den Kranhaken so weit herab, dass wir die Ösen in die Hakenreihe der oberen Leiste
einhängen konnten. Viel Platz blieb nicht zwischen Grabenrand und Rohr, als wir eiligst über die Leitern aus dem
Rohrgraben kletterten. Der Rohrlegermaschinist fuhr das hydraulisch betätigte Gegengewicht aus. Der Motor der
KOMATSU heulte au,f und ächzend wurde das schwere Rohr angehoben. Trotz der dicken Wandung bog es sich durch
wie eine weichgekochte Makkaroni. Wir kletterten wieder hinunter. Zwei Kollegen kratzten den anhaftenden Sand von der Rohroberfläche, während die anderen an den bereits teilisolierten Stellen weiterarbeiteten.
War ein Teilstück fertig isoliert, begann das Spiel von neuem: Rohr ablassen, die Matte neu positionieren, raus aus dem Graben, Rohr anheben...
Mittags brachte uns Bulette einen großen Behälter schwarzen Tees mit Zitrone. Wir tranken das Zeug literweise, um
ordentlich weiterschwitzen zu können. Die Sonne ballerte auf unsere Köpfe, und die Hitze trocknete den Körper
regelrecht aus. Die Mittagspause erschien uns heute fast zu kurz, als wir mühsam wieder in den glühendheißen Rohrgraben kletterten.
Nachmittags verzog sich der Graue Wolf mit einer Rolle Rückratservietten unter dem Arm in das angrenzende Dickicht.
Wir staunten nicht schlecht, als er nach wenigen Minuten kreidebleich ins Freie raste und sich immer wieder umschaute
. Der Thüringer war alles andere als ein Feigling, also musste schon etwas Besonderes geschehen sein, was ihn zur
Flucht veranlasst hatte. Als er näher gekommen war, schrie er laut: “Hunde! Ich bin von einem Hund angefallen worden!”
Sein Bericht versprach Spannung: Er hätte sich einige Meter in das dichte Buschwerk vorgearbeitet und sich an einem
gemütlichen Plätzchen hingehockt, als unweit von ihm ein großer Hund auftauchte, ihn mit gefletschten Zähnen und
gesträubtem Nackenhaar anknurrte und dabei langsam immer näherrückte. Dem geschwollenen Gesäuge nach zu urteilen, sei es bestimmt eine Hündin mit Welpen gewesen. Den Geräuschen nach wären aber bestimmt noch mehr
Tiere im Gehölz gewesen. Also waren es verwilderte Hunde gewesen, die in der vergangenen Nacht unsere Abfallgrube verwüstet hatten und
versuchten, das Ferkel “auszugraben”. Wir glaubten zwar nicht daran, dass für uns eine unmittelbare Gefahr bestand,
trotzdem durfte eine solche direkte Nachbarschaft nicht unterschätzt werden. Es war durchaus zu befürchten, dass die
Meute unser Schwein als willkommene Beute betrachtete und daher wiederkommen würde. Außerdem waren da noch
die Speiseabfälle in der Grube. Obwohl das Ferkel ziemlich viel davon vertilgte, blieb immer noch genug übrig, was wir in die Abfallgrube werfen mussten.
Als die Nachtschicht endlich eintraf, waren wir total ausgepumpt und fühlten uns erst nach einem erfrischendem Bad im
Bach wieder etwas besser. Trotzdem beschlossen wir, in dieser Nacht aufzupassen, ob die Hunde wiederkommen
würden. Der Materialwagen war als “Ansitz” ungeeignet. Er besaß keine Fenster, sondern nur Lüftungsschlitze unter
dem Dach. Der Aufenthaltswagen hingegen hatte Fenster, und außen, über der Tür, ließ sich ein Halogenscheinwerfer
anbringen. Das Anschlusskabel führte durch eine Fensteröffnung und konnte innen angesteckt werden. Vor dem Bauwagen hatten wir einige Köder ausgelegt.
Mitternacht war längst vorbei. Ich hatte bis 1.00 Uhr “Wache” und langsam begannen mir die Augen zuzufallen. Kurz vor
der vollen Stunde weckte ich Uwe, der in einer Ecke kauerte und vor sich hin röchelte. Die gekrümmte Körperhaltung
dämpfte die Schnarchtöne. Er schaute mich einen Moment verständnislos an, dann erst kam die Erleuchtung. Ich
deutete auf die Thermoskanne mit starkem Kaffee und verkroch mich in “seine” Ecke, wo ich augenblicklich einschlief.
Als ich grob wachgerüttelt wurde, glaubte ich, höchstens fünf Minuten geschlafen zu haben. Es war aber bereits nach
halb Drei. Vorsichtig schlich ich zum Fenster, während Uwe die anderen weckte. Draußen war es nicht ganz dunkel.
Das Licht im Rohrgraben wurde vom weißen Kalkstein reflektiert, und es war fast so hell wie in einer Vollmondnacht.
Einige schattenhafte Gestalten huschten über den Platz vor dem Bauwagen. Leises Knurren und Belfern verriet, dass
sich die Tiere um die ausgestreuten Brocken stritten. Olm rief leise: “Achtung” und steckte die Halogenlampe an. Das
kalkweiße Licht beleuchtete eine gespenstig anmutende Szene. Mindestens 7 oder 8 Hunde schreckte der grelle Schein
des Flutlichtes auf. Überrascht zogen sie sich bis zur Schattengrenze zurück, ergriffen aber nicht die Flucht. Die
Schweinehütte lag im Halbdunkel und dort scharrten zwei Hunde unbekümmert vom Licht, das Loch wieder frei, das wir
erst zugeschüttet hatten. Das kluge Tier verharrte im Inneren, ohne auch nur den geringsten Laut von sich zu geben. Es war in absoluter Sicherheit, denn der Boden der Hütte bestand aus zolldicken Kiefernbrettern.
Obwohl wir uns alle an den Fenstern aufgestellt hatten, liefen die Hunde erneut in den Lichtkreis des Strahlers und
sammelten die restlichen Wurststücke auf. Erstaunlich, welche Monster eine unkontrollierte Vermehrung hervorbringen
konnte. An und für sich liebe ich Hunde, doch was sich hier präsentierte, war schlichtweg grauenvoll. Einige der Tiere waren mit Sicherheit krank. Kahle Flecken im Fell ließen auf Räude schließen.
Wir begannen, die verschiedenartigsten Urwaldtöne von uns zu geben, mit dem Resultat, dass die Hunde ebenfalls
bösartig reagierten. Ein großer Rüde sprang sogar unterhalb der Fenster an der Wagenwand hoch und knurrte grimmig.
Sollte es in diesem Rudel eine Wolfshierarchie geben, dann musste dies ein Alpha-Tier sein. Für den Moment waren wir
völlig ratlos. Die Köder waren verzehrt, und trotzdem zogen sich die Kreaturen nicht zurück. Sie schienen uns regelrecht
zu belagern. Möglichweise hofften sie, dass die beiden immer noch emsig buddelnden Köter das Ferkel endlich freilegen würden und wollten daher auf keinen Fall auf ihren Anteil verzichten.
Unser Brigadier schnitt mit seinem Messer von einer kleinen Rolle Polykenfolie kurze Stücken ab und pappte sie mit
den beschichteten Seiten zusammen. Er stellte Fackeln her. Wir erhielten jeder zwei Stück. Im Bauwagen verbreitete
sich übler Gestank, als wir sie angezündet hatten. Werner zog den Lampenstecker heraus und wir warfen die Fackeln
nacheinander aus den Fenstern. Das Licht ging wieder an. Die jetzt hell lodernde Folie und der beißende Rauch
verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Meute rannte davon und zog sich in das schützende Gestrüpp zurück. Wir konnten also bis zum Schichtwechsel noch etwas schlafen.
Die Nachtschicht hatte von diesen nächtlichen Ereignissen absolut nichts mitbekommen.
Früh erzählten wir den Kollegen und dem Meister über diesen Vorfall. Da die Arbeiten hier noch einige Zeit in Anspruch
nehmen würden, war es notwendig, dieses Problem auf irgendeine Weise zu lösen, denn die Meute würde uns weiterhin
terrorisieren. Außerdem erwiesen sich die verwilderten Hunde uns gegenüber doch nicht als ganz so harmlos, wie es
anfangs zu sein schien. Die hauptsächliche Gefahr bestand darin, dass sie uns angreifen würden, falls wir ungewollt ihre
Reviergrenzen überschritten. Im Gegensatz zum Wolf fürchteten sie die Menschen kaum, und genau hier lag ein nicht zu unterschätzendes Risiko.
Zappen wollte die Situation mit dem Dispatcher besprechen. Notfalls musste die Miliz die Tiere erschießen. Eine andere
Lösung schien fast ausgeschlossen. Am Vormittag lief ich zu den beiden Hirten und schilderte ihnen unsere verzwickte Lage. Die Männer waren überrascht.
Von der Hundmeute hatten sie bisher nichts mitbekommen. Allerdings fehlte seit einer Woche ein Jungschaf. Sie
vermuteten jedoch, dass sich das Tier verirrt hatte und in eine der zahlreichen Felsspalten gestürzt war. Kolkraben und
Krähen würden den Kadaver schnell beseitigt haben, so dass eine weitere Suche kaum erfolgversprechend wäre. Jetzt
aber schien es allerdings durchaus möglich, dass die Hunde das abtrünnige Schaf gerissen hatten. Sie erzählten mir
noch von den Einwohnern der umliegenden Dörfern, die unter den Räubereien verwilderter Hunde besonders zu leiden
hatten. Daran trügen sie aber zu einem Teil selbst die Schuld. Wenn eine Hündin warf, suchten sie sich die ihrer
Meinung nach besten Hunde heraus, die anderen, anstatt sie zu töten, erhielten später den Laufpass und schlossen
sich dann zu irgendeinem Zeitpunkt einer Schar verwilderter Hunde an. Die Färsen seien für die Hunde eine Nummer zu
groß, außerdem wäre da noch ihr Hund, und sie selbst würden ja auch Tag und Nacht aufpassen. Auf Unterstützung
durch die Miliz sollten wir besser nicht zählen, im Gegenteil, die würden sich vor Lachen den Bauch halten, wenn sie
erführen, daß die “Deutschen” vor einigen Kötern Reißaus nahmen. Wir müssten uns schon selbst helfen.
Resigniert kehrte ich zur Baustelle zurück. Wir hatten Besuch. Bernd war mit seinem LKW eingetroffen. Er arbeitete
beim LT als Kraftfahrer und war hauptsächlich für die Lieferung technischer Gase verantwortlich. Leere Azetylen-,
Sauerstoff- und Propanflaschen tauschte er gegen volle aus. Von Beruf Schmied, brachte der Hüne es fertig, gleichzeitig
eine große Azetylen- und Sauerstofflasche auf die Schultern zu nehmen und dorthin zu tragen, wohin es gewünscht
wurde. Gewöhnlich stolperten immer zwei Kollegen mit einer Flasche durchs Gelände... Samogon liebte er über alles.
Man erzählte hinter vorgehaltener Hand, dass er erst nach dem Konsum von einem Liter Sammy auf Betriebstemperatur
kommen würde. Für den Export seines Lieblingsgetränkes in die DDR hatte er sich extra von zuhause ein Gerät
mitgebracht, mit dem Bierflaschen originalgetreu verkapselt werden konnten. Natürlich waren auch genügend Kronkorken-Rohlinge vorhanden...
Bernd brachte uns einen Satz Sauerstoff und Azetylen. Schlauchleitungen und Druckminderventile besaßen wir bereits.
Durch die Möglichkeit, kleinere Schweiß- und Schneidarbeiten selbst durchführen zu können, machten wir uns in gewisser Weise unabhängig von anderen Gewerken.
Als ich den Kollegen von meinem Gespräch mit den Hirten erzählte, hatte Bernd einen dubiosen Vorschlag parat:
“Sprengt die Viecher doch einfach in die Luft!” Er holte vom LKW ein Bündel mit neuen Plastesäcken. Diese waren äußerst stabil und eigentlich für die Verpackung von Kunstdünger gedacht.
“Die blast ihr mit Aze und Sauerstoff auf und wenn die Hunde wiederkommen... Wumm!” Der Vorschlag gefiel uns nicht
schlecht. Wir schlossen die Flaschen an und füllten mit dem Brenner drei Säcke prall mit Gasgemisch auf. Die Enden
wurden straff mit Draht umwickelt, damit das Gemisch nicht entweichen konnte. Die Säcke legten wir mit Abstand von
einem Meter in einer Linie auf den Platz vor dem Bauwagen aus. Zum Zünden wollten wir Primer benutzen. Also kratzten
wir mit einem Spaten kleine Gräben zwischen den Säcken und einen längeren als “Zündschnur” aus. Der Primer sollte
aber erst mit Einbruch der Dunkelheit in die Vertiefungen gegossen werden. Die Lösungsmittel wären sonst zu schnell verdunstet.
Am kommenden Morgen wechselten wir in die Nachtschicht. Darum beeilten wir uns, heute noch einen besonders
schwierigen Abschnitt der Leitung zu isolieren. Die Seite des Rohrgrabens, auf der die KOMATSU fuhr, war hier sehr
abschüssig, und der Rohrleger stand daher in einer bedenklichen Schräglage zum Hang. Trotz des vollständig ausgefahrenen Gegengewichtes konnte die KOMATSU beim Anheben des schweren Rohres umkippen. Rumpel
manövrierte deshalb seinen Rohrlager so dicht an die Kante des Grabens heran, dass die linke Laufkette unmittelbar mit
dem Grabenrand abschloss. Hier war das Gelände noch nicht ganz so steil. Von einem Balken sägten wir mehrere
handliche Stücken ab. Unser Plan sah vor: Rumpelstilzchen sollte das Rohr behutsam etwas anheben und wir würden
schnell die Holzstücke darunterschieben. Dann konnte das Rohr wieder abgelassen werden, und wir hatten trotzdem die
notwendige Bodenfreiheit zum Isolieren. Unser Vorhaben war außerordentlich gefährlich. Sollte die KOMATSU das
Gleichgewicht verlieren, würde sie unweigerlich in den Graben stürzen und durch die Wucht des Aufpralls das Rohr
plattdrücken. Dem Maschinisten würde wahrscheinlich nichts passieren, doch wir würden infolge der Enge des Rohrgrabens kaum ausweichen können...
Der Haken schwebte herab, und wir befestigten den “Hosenträger”. Dann verzogen wir uns möglichst weit weg, behielten
aber die Balkenstücke in den Händen. Ganz langsam zog der Kran an, und das Rohr hob sich allmählich. Unter dem
Druck der Gleiskette platzten ganze Brocken des mürben Kalksteins aus der Grabenwand und polterten herab. Die
rechte Gleiskette hatte vom Boden abgehoben und schwebte frei in der Luft. Im Rohrgraben konnten wir das zwar nicht
sehen, aber der Kranausleger neigte sich bedenklich nach unten. Allmählich hob sich das Rohr, und wir beeilten uns,
die Holzstücke unterzulegen. Auf unser Zeichen ließ Rumpel den Haken etwas herab, und das Rohr legte sich auf die
Balkenstücke. Es knisterte laut, doch die Balken hielten. Das Schwierigste war überstanden. Nach einem weiteren
Balanceakt gleichen Strickmusters, hatten wir diesen kritischen Abschnitt doch noch bei Tageslicht gemeistert.
Für heute nahmen wir uns fest vor, mit dem “LD” ins Wohnlager zu fahren, doch es kam ganz anders. Der Wunsch,
beim Unternehmen “Donnerschlag” dabei zu sein, war größer, und so beschlossen wir, die letzte “freie” Nacht doch noch auf der Baustelle zu verbringen.
Nach dem Abendbrot pirschten wir uns vorsichtig an die Hundeburg heran. Zuvor plünderten wir die Werkzeugkiste, um
für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Im dichten Gestrüpp fanden wir einige Öffnungen. An den Zweigen hingen
Fellflocken. Hier hatte die Meute also ihre Zugänge ins Innere des Strauchdickichts. Wie beim letzten Mal verstreuten
wir Wurstbrocken und legten eine nahrhafte Fährte bis zum Aufenthaltswagen. Es blieb natürlich die Frage offen, ob die
Hunde heute überhaupt kommen würden, oder ob der überraschende Fackelregen von gestern Nacht bei ihnen eine nachhaltige Wirkung hinterlassen hatte.
Wie sich jedoch bald herausstellen sollte, irrten wir uns in einigen Punkten gewaltig. Kaum hatten wir Piggy in ihren
Stall gesperrt, kamen die Hunde bereits angerückt. Dabei war es noch nicht einmal gänzlich dunkel. Uns blieb nicht
einmal genug Zeit, den Primer in die ausgekratzten Bodenrillen zu schütten. Wir hatten eigentlich nur eine Option:
brutale Gewalt! Mit Holzlatten bewaffnet, stürmten wir nacheinander aus dem Bauwagen auf die Hunde zu und brüllten
dabei so laut wie möglich. Die Meute wich etwas zurück, ergriff aber nicht die Flucht, sondern wartete in angemessenem
Abstand unsere weiteren Handlungen ab. Während wir uns weiter heiser brüllten und wie verrückt mit den Latten auf den
Boden droschen, schwappten Dietmar und Jürgen eine satte Primerspur. Dann zogen wir uns so schnell wie möglich in den Bauwagen zurück. Die Hunde rückten wieder näher und begannen gierig zu fressen. Sie mussten
unwahrscheinlichen Hunger haben. Unser aktionsgeiler Olm hatte die Funktion des “Sprengmeisters” übernommen. Durch den Spalt der etwas geöffneten
Tür schnipste er kurz abgebrochene Streichhölzer in Richtung der Primerpfütze. Wir drängten uns aufgeregt an den
Fenstern. Die Kollegen der Nachtschicht waren aus dem Rohrgraben geklettert und schauten gespannt zu uns herüber.
Endlich loderte der Primer auf, und die Flamme lief in Windeseile auf die “Gasbomben” zu. Durch das Feuer
aufgeschreckt, wollten die Tiere davonlaufen, doch es war bereits zu spät. Mit einem unbeschreiblich lauten Knall
detonierte der erste Plastesack. In kürzesten Abständen folgten die zwei anderen. Instinktiv zogen wir die Köpfe ein,
sahen aber noch, dass einige der Hunde wie Lumpenbündel in die Luft geschleudert wurden. Dann war aber auch schon
die Druckwelle der Explosionen heran. Der Bauwagen schwankte ein Stück zur Seite, die Tür knallte zu und damit
Werner an den Kopf. Die offenstehenden Fenster wurden zum Glück nicht zertrümmert. Alles, was auf dem Tisch stand,
wurde heruntergefegt und ging zum Teil zu Bruch. Im Talkessel grollte das Echo noch eine ganze Weile zwischen den
Felswänden hin und her. Dies war also unser zweiter, wesentlicher Irrtum gewesen. Dummerweise hatten wir angenommen, das Gas würde nur mehr oder weniger verpuffen, doch mit einer solchen enormen Reaktion hatten wir
nicht gerechnet. Wir verließen benommen und mit pfeifenden Ohren den Aufenthaltswagen. Zu unserer Überraschung hatten selbst die “Flughunde” das Attentat überlebt und waren mit den anderen geflüchtet.
Auf dem “Färsenhügel” hatte die Knallerei allerdings wesentlich mehr Wirkung hervorgebracht. Die Herde hatte sich in
alle Himmelsrichtungen verstreut. Die beiden Hirten, unterstützt von ihrem Hund, versuchten vergeblich, die Tiere an ihrer
spontanen Flucht zu hindern. Unser schlechtes Gewissen veranlasste uns, gemeinsam mit den anderen Kollegen, die
verstreuten Färsen wieder auf dem Hügel zusammenzutreiben. Logischerweise waren die beiden Männer ziemlich sauer,
doch als wir uns ziemlich zerknirscht entschuldigten, ließen sie das Kriegsbeil begraben. Anstelle eine Friedenspfeife zu rauchen, tranken wir zusammen lieber einige Flaschen Bier...
Schon früh am Morgen verließen wir unsere “Putzwollebetten” und frühstückten ausgiebig. Die Nachtschicht war noch
emsig am Werken. Die KOMATSU wurde gerade betankt. Der K 700, genannt “Kasie”, ein riesiger Traktor mit
Knicklenkung, hatte einen Tankanhänger bis zum Rohrleger gezogen. Einige hundert Liter Diesel flossen nach jeder Schicht in den Riesentank der KOMATSU. Der Maschinist wartete auf seine Ablösung durch Rumpel.
Die Balkenstücke waren durch das immense Gewicht der Rohrleitung fast gänzlich in den Untergrund gepresst worden,
und das Rohr lag jetzt wieder gleichmäßig auf dem Boden des Grabens. Die Betankung war abgeschlossen, und der Traktor fuhr mit seinem Anhänger zurück bis auf die Straße, die vor kurzem durchörtert wurde.
Auf dem Rückweg zum Bauwagen blieben wir am Rande des Gehölzes stehen und warfen in hohem Bogen einige
Steinbrocken hinein. Ein vielstimmiges Belfern ertönte – die Hunde waren also noch da! Nach unserer gestrigen Pleite
zu urteilen, dachte die Meute nicht im Geringsten daran, das Feld zu räumen. Weiterer Ärger war also vorprogrammiert.
Der Meister kreuzte bereits am Vormittag auf. Mit dem Stand der Arbeiten war er zufrieden. Dann fragte er uns, was sich
gestern abend auf der Baustelle abgespielt hätte. Wir erzählten ihm die Story. Ziemlich aufgeregt meinte Zappen, dass
bereits heute in einigen Dörfern das Gerücht kursiere, wir, die Deutschen hätten gestern abend mit “Feldartillerie”
geschossen. Wir mussten lachen. Dennoch, die lauten Explosionen konnte man durchaus mit Geschützdonner
vergleichen, und viele ältere Menschen hatten dieses Krachen noch in guter Erinnerung... Frank ermahnte uns ernsthaft,
zukünftig solche Aktionen zu unterlassen. Das bisher gute Verhältnis der Bevölkerung zu den Bauarbeitern aus der DDR
sollte keinen Schaden erleiden. Während uns Zappen belehrte, konnte er allerdings nicht ahnen, dass in unseren
Hinterköpfen bereits ein weiterer Plan schlummerte. Als unser Meister zurück nach Gorodenka fuhr, gingen wir sofort
daran, diesen Plan zu realisieren. Diesmal wollten wir uns aber möglichst nach allen Seiten absichern. Ich marschierte
zum Färsenhügel, um mit den beiden Hirten zu verhandeln. Währenddessen holte Mathias mit dem Traktor das Stromaggregat neben dem Rohrgraben ab und zog es näher an unsere Wagengruppe heran. Auch die KOMATSU rollte
mit klappernden Ketten heran und blieb neben der “Wagenburg” stehen. Als ich zusammen mit dem älteren Hirten vom Färsenhügel zurückkam, hob ich die Hand und reckte den Daumen nach
oben. Grünes Licht! Die beiden Männer hatte keinerlei Bedenken, was unser heutiges “Vorhaben” betraf.
Unser Ziel war der Riesenhaufen Gestrüpp, den die Vorstrecker aufgetürmt hatten. Nochmals überprüften wir sorgfältig
die Windrichtung, dann ging alles sehr schnell: Einige dieselgetränkte Putzlappen wurden angezündet und zwischen die
prasseldürren Äste geworfen. Nur wenige Sekunden später fauchte eine steile Riesenflamme in den Himmel. Rasch fraß
sich das Feuer bis an das Pflanzendickicht heran und es bildete sich dicker, beißender Rauch. Der Wind blies den
Qualm genau in die Richtung, in der wir das Lager der Hundmeute vermuteten. Es dauerte tatsächlich nicht lange, und
die ganze Bande verließ panikartig ihr Versteck. In wilder Flucht rasten die Tiere davon und verstreuten sich dabei in alle
Himmelsrichtungen. Damit schien das Problem, wenigstens hier, endgültig gelöst. Das Feuer war wie ein Strohfeuer niedergebrannt und hatte sich nicht auf die saftigen grünen Sträucher ausgedehnt.
Die verwilderten Hund würden sich wieder sammeln, an einer anderen Stelle Unterschlupf finden und den Bewohnern
anliegender Dörfer reichlichen Ärger bereiten. Es mag paradox erscheinen, dass die Dörfler, von denen nahezu jeder eine
Flinte besaß, die verwilderten Hunde kaum bejagten, obwohl sie ihnen teilweise erheblichen Schaden zufügten. Lieber
wilderten sie Bären und Wölfe und verkauften deren Häute an Zwischenhändler, die diese Trophäen in den Großstädten
vorzugsweise an Touristen aus dem westlichen Ausland gegen harte Währung verhökerten. Hundefelle brachten keine Dollars...
 |

|