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7. DAS SCHWEIN
Bereits mehr als 8 Tage und Nächte versuchten wir, die Macken der “Lady Dreckfort” auszubügeln. Diese massige Dame
konnte mitunter sehr bockig und misslaunig sein – trotz ihrer auserlesenen Dienerschaft. Zugegeben, in Höchstform
schluckte sie das dicke unansehnliche Rohr nicht nur meterweise, sondern geriet nach kilometerlangem Ritt über Höhen
und Tiefen, leichten Biegungen und nicht zu engen Kurven nicht einmal außer Puste. Das von ihr mit höchster Intensität
bearbeitete Rohr glänzte nach ihrem Einsatz in einem makellosen Schwarz. Es gab aber auch Zeiten, in denen sie nach
kurzem Anlauf sämtliche Lust verlor, einfach irgendwo hängenblieb und darüber hinaus das Rohr boshaft mit Schrammen
und Falten verunstaltete. Im Extremfall belohnte sie die aufopfernde Pflege ihres Personals sogar damit, indem sie dieses
nicht nur von oben bis unten mit Schmutz bespuckte, sondern in heller Wut auch noch mit Feuer und Rauch bedrohte.
Dieses gehässige, aber durchaus brauchbare Weibsstück war, zum Glück, nur eine Maschine: eine RIV-Maschine
(Rohrreinigung, Isolieren, Versenken). Angetrieben wurde sie von einem mächtigen Dieselmotor. Ein Generator versorgte
sämtliche Servoeinrichtungen mit Energie. Vorn, am “Bug” der Maschine, reinigten umlaufende Stahlbürsten die
Rohroberfläche von Schmutz und Rost. Anschließend nebelten Sprühdüsen einen Primerfilm auf den nahezu blanken Stahl
. Dieser Korrosionsschutz verfüllte zusätzlich noch winzige Unebenheiten und Poren der Rohroberfläche und trocknete
außerdem rasch ab. Im nächsten Arbeitsgang verbrachte eine Wickelvorrichtung die technologisch geforderte Anzahl von
Lagen einer selbstklebenden Spezialfolie. Trotz der hohen Produktivität der Maschine hatte sie auch ihre Grenzen: bei
Rohrbiegungen mit kleinen Radien, abzweigende Leitungen, Durchörterungen usw. endeten ihre Einsatzmöglichkeiten.
Dann wurde die RIV-Maschine einfach mit einem Rohrlegekran abgehoben und nach dem Hindernis wieder auf das Rohr gesetzt.
Die Kollegen, die die Lady Dreckfort bedienten, mussten nicht nur Allroundkünstler für die Behebung von technischen
Störungen sein, sondern auch ein überdurchschnittliches Maß an körperlicher Fitness und Ausdauer besitzen. Die
Folienrollen auf der Wickelvorrichtung waren schnell abgerollt und mussten ständig von einem “Anleger” erneuert werden.
Ein weiterer Kollege reichte dem Anleger die neuen, mehr als zentnerschweren Rollen von einem Transportwagen aus zu.
Bei diesem Gewicht eine wahre Knochenarbeit. Der Abrieb der rotierenden Stahlbürsten hüllte als rotbraune Wolke die
langsam dahinkriechende Maschine ein. Bei hohen Außentemperaturen und frontalem Wind aus der Baurichtung bestand
zusätzlich die Gefahr, dass die leichtflüchtigen Lösungsmittel der Primers von den Funken der Drahtbürsten entzündet
wurden und alles plötzlich in hellen Flammen stand. Die geübte Mannschaft hatte den Brand zwar in der Regel schnell im Griff, trotzdem entstanden oft Folgeschäden, und es kam zu Stillstandszeiten.
Unsere Brigade beseitigte nun schon seit mehr als einer Woche diejenigen Stellen, an denen die “Lady” entweder
Ausschuss hinterlassen hatte, oder ihr Einsatz technologisch unmöglich war. Die allgemeine Stimmung war äußerst mies.
Ausgerechnet während dieser Affenhitze standen wir mit unserem Wagentross mitten auf einem deckungslosen Gelände,
flach wie eine Tischplatte. Das mit der schwarzen Polykenfolie überzogene Rohr war glühend heiß, und wir verbrannten
uns beim Anpressen der Reparaturflicken auf die Schadstellen tatsächlich die Hände. Handschuhe nützten wenig, denn
dann fehlte uns einfach das Gefühl in den Fingern. Ab und zu ertönte ein kerniger Fluch. Gründe dafür gab es unendlich
viele: entweder rollte einer der “taubeneigroßen” Schweißperlen in das Auge, oder die zahllos umherschwirrenden
Pferdebremsen hatten sich wieder einen Blutspender für ihr zweites Frühstück auserkoren. Von diesen Plagegeistern gab
es hier hauptsächlich zwei Arten: die kleineren Schwarzen hörte man meist anfliegen und war damit vorgewarnt. Ihr Stich
konnte sehr schmerzhaft sein. Die Größeren, bis zu drei Zentimeter langen Exemplare der anderen Spezies waren
metallisch smaragdgrün gefärbt und hatten riesige, weit hervorstehende, goldfarbene Facettenaugen. Sie pirschten sich
nahezu geräuschlos an. Der Einstich war kaum zu verspüren und hinterließ einen kleinen Bluttropfen. Etwas später bildete
sich an der Einstichstelle eine bohnengroße Quaddel, die einen unerträglichen Juckreiz verursachte. Manchmal, eigentlich
viel zu selten, wehte vom weit entfernten Gebirgszug der Karpaten, deren höchste Gipfel immer noch weiße Winterkappen
trugen, eine leichte, aber doch erfrischende Brise bis zu uns herüber und brachte für einige Minuten willkommene Abkühlung.
Auf der unbefestigten Baustraße kreiselte manchmal Miniaturtornados. Die kleinen Staubsäulen tanzten spielerisch hin
und her, bis sie schließlich kraftlos in sich zusammenfielen. Am flimmernden Horizont wirbelte ein Staubwolke empor und wurde rasch größer.
Ein Fahrzeug näherte sich mit hoher Geschwindigkeit der Baustelle. Wir krochen eilig hinter dem Rohr hervor. Lackschuhe
waren um diese Zeit kaum zu erwarten. Sie verbrachten den heißen Tag lieber in den weitaus kühleren Büroräumen und
schwärmten erst am späten Nachmittag, wenn die Temperatur auf ein erträgliches Maß gesunken war, aus. Für Bulette,
den Essenkutscher war es noch etwas zu früh. Wir rätselten noch ein Weilchen herum, bis alles klar wurde: unser “LD”
brachte die dringend benötigte Polykenfolie und einige Behälter Primer. Mit einem mehr waghalsigen als gekonnten
Manöver bremste unser Schieber den LKW unmittelbar vor dem Aufenthaltswagen ab. Dort war Mathias gerade mit der
Zubereitung eines “Zwischenmahlzeit-Kaffees” beschäftigt. Wie zäher Brei rollte eine Staubwolke unaufhaltsam durch die
Fenster und die Türöffnung ins Innere des Aufenthaltswagens. “Du, du elende Drecksau!” tobte der nun unsichtbar
gewordene Kaffeekoch los. Wie immer bei echten Wutausbrüchen und anderen Stresssituationen begann er zu stottern.
Der so Gescholtenen kletterte mit unbewegter Miene aus der Fahrerkabine und wartete geduldig, bis sich der Mulm
gesetzt hatte. Dietmar stammte aus der “schönen” Stadt Pasewalk im “schönen” Mecklenburg. Ihn, als echtes Nordlicht,
konnte nahezu nichts aus der Fassung bringen, es sei denn, jemand bezeichnete ihn respektlos als “Grätenschädel”.
Patriotische Reaktionen zeigte er auch, wenn wir ihn ab und zu mit scheinheiliger Neugier fragten, wie schön es denn
wirklich so in “Blasebalg” sei. Ohne die versteckte Bosheit zu erkennen, korrigierte er uns stets ziemlich aufgebracht: “Dat
heißt P a a s e w a a l k!” und beförderte so das unbedeutende Provinznest sekundenschnell zur Metropole. Seine Frau
war Abgeordnete der Volkskammer und er hatte es immerhin, dank unserer einstimmigen Wahl, schon bis zum
Brigadeleiter gebracht. Ansonsten fanden wir ihn ganz in Ordnung, zumal er für eine Flasche Braustolz einen tadellosen Haarschnitt fabrizieren konnte.
Mathias hatte die sorgfältig ausgerichteten großen und kleinen Kaffeetassen geistesgegenwärtig mit einer Zeitung
abgedeckt, damit das wertvolle Gebräu durch den immer noch umherwirbelnden Staub keinen unerwünschten
Beigeschmack bekam. Umsichtig wie eine gute Hausfrau, brachte er schnell das verdreckte “Wohnzimmer” des
Bauwagens auf Vordermann, während wir gemeinsam den “LD” entluden. Die schweren Rollen mit der Isolierfolie wurden
im Materialwagen sorgfältig hochkant gestapelt, damit möglichst keine der Lagen miteinander verklebten. Den Primer
hatten Dietmar und Werner bereits auf dem Bauhof aus den handelsüblichen 200 Liter Fässern in kleinere Weithalskannen
umgefüllt und sich dabei ordentlich bekleckert. “Gommt Gaffee trinken, er wird sonsd galt!” Mathias hatte den Kopf aus
dem Fenster gesteckt. Er trug seinen Lieblingshut, den er in irgendeinem sowjetischen Sportgeschäft für zwei Rubel
erstanden hatte. Mit dieser buntbedruckten Kappe sah er einem Drehorgelaffen zum Verwechseln ähnlich. Während jeder
seinen personengebundenen Sitzplatz einnahm, schmierte Werner die lackschwarz glänzenden Spritzer, die der Primer
beim Umfüllen hinterlassen hatte, ausgiebig mit Butter ein. Nach dieser Prozedur konnte man die Flecken wenig später leicht mit einem Lappen entfernen.
Werner war ein “Neuzugang”. Vorher fuhr er beim LT eine FIAT ALLIS (kleinerer Rohrleger italienischer Produktion). Durch
seinen Eigensinn und eine entsetzlich große Klappe hatte er sich mit einigen Lackschuhen angelegt. Diese warteten nur
auf eine passende Gelegenheit, um den ewigen Nörgler abzuschießen, und so war der über Vierzigjährige schließlich in
unserer Brigade gelandet. Werner, aus irgendwelchen Gründen “Olm” genannt, war damit nicht nur das älteste, sondern
auch körperlich kleinste Brigademitglied. Seinen rundlichen Proportionen nach zu urteilen, musste er in seiner Kindheit
versehentlich in eine Kartoffelschälmaschine gefallen sein. Als gestandener Junggeselle schrieb er trotzdem meterlange
Brief an eine Apothekerin in seiner Heimatstadt. Verschroben bis zur Kauzigkeit und dazu noch quengelig wie eine in die
Jahre gekommene Jungfer, war er andererseits verlässlich, hilfsbereit und parierte die ständigen Sticheleien mit meist erfolgreichen Gegenattacken.
Als er sich endlich zu uns setzte, glänzten sein Gesicht und die Glatze wie eine Speckschwarte. “Na, Olm, siehst aus wie
neu” meinte Mathias und schob ihm eine Tasse Kaffee hin. “Ich hatte aber einen Großen bestellt!” beschwerte sich Werner
sofort. “Oh, entschuldige bitte.” Mathias tauschte grinsend die Tassen um. “Ich dachte nur, ein Kleiner passt besser zu dir
.” “Halt deine Gusche!” entgegnete Werner nur, und wir spürten sofort, daß er uns unbedingt etwas sehr Wichtiges
mitteilen wollte, sonst wäre Mathias mit seiner anzüglichen Bemerkung nicht so glimpflich davongekommen. Wir sollten
mit unserer Vermutung Recht behalten. Hastig trank Olm seinen Kaffee aus und wischte sich die Satzkrümel aus dem
struppigen Schnauzbart: “Wisst ihr das Neueste noch gar nicht? Bei Locke (Brigadier einer Schweißerbrigade) haben sie
sich jetzt eine zweite Ziege angeschafft! Und auch die Röntger besitzen jetzt einen Hund...”
Diese Nachricht war für uns schlichtweg niederschmetternd. Für einen Außenstehenden mochte sie banal erscheinen. Für
uns aber als Spitzentruppe unter den Handisolierern, war dies eine Prestigeangelegenheit höchster Priorität! Jetzt waren
wir endgültig die einzige Brigade unseres Bauabschnittes, die kein Wappentier vorweisen konnte. Hier musste sich schleunigst etwas ändern!
Ausgelöst wurde dieser neueste Trend durch eine Schweißerbrigade: während des Einkaufsbummels auf einem
Bauernmarkt kaufte ein Kollege mehrere Lose einer Tombola und gewann auf Anhieb den dritten Preis – der erste war
übrigens eine elektrische Güllepumpe – eine junge buntgefleckte Ziege. Der Witzbold brachte das Tier mit auf die
Baustelle und vertrieb so schlagartig die triste Stimmung. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwangsläufig eine Art
Gleichgültigkeit. Der ständige Rhythmus zwischen langen Arbeits- und relativ kurzen Erholungsphasen stumpfte das
Empfinden der Menschen immer mehr ab. Jeder kannte von jedem dessen Lebensgeschichte bis ins Detail. Sämtliche
Witze waren total abgedroschen, und die Skandälchen aus dem täglichen Lagerleben verloren rasch ihre Spritzigkeit. Ja,
selbst die neuesten Nachrichten, importiert von rückkehrenden Urlaubern, wurden viel zu schnell durchgehechelt und
hielten damit nicht lange vor. Aus diesem Grunde wurde das Zicklein sofort von allen als willkommene Abwechslung
akzeptiert und natürlich maßlos verwöhnt. Dank der ausgezeichneten Pflege wuchs das Tier rasch heran und verteidigte
bald sein “Baustellenrevier” unter rigorosem Einsatz der neugewachsenen spitzen Hörner gegen Hunde und unerwünschte
fremde Zweibeiner. Durch gelegentliche Discobesuche erlernte sie bald einige Tanzschritte auf den Hinterbeinen und
schätzte das Karl-Marx-Städter Spezialbier über alles... Die erfolgreiche Integration des Vierbeiners in eine “Brigade der
sozialistischen Arbeit” löste unweigerlich einen Boom aus, unter dem besonders die Lackschuhe zu leiden hatten: bereits
vor dem Eintreffen der Obrigkeit begannen auf den Baustellen nun immer häufiger Hunde einen Voralarm auszulösen, oder die Hosenbeine der unerwünschten Besucher zu beuteln.
Unter den hohen Bäumen der zahlreichen Krähenkolonien waren oft halbverhungerte Jungvögel zu finden, die durch den
“Verdrängungswettbewerb” der Geschwister aus dem Nest gefallen waren und von den Altvögeln nicht mehr gefüttert
wurden. Manche dieser Teenagerkrähen wurde von den Kumpels aufgelesen und mit großer Ausdauer systematisch
fettgefüttert. Sie saßen dann auf selbstgebastelten Krakeln und hatten sich so an die Menschen gewöhnt, daß sie überhaupt nicht daran dachten fortzufliegen.
Ein Vermessungstrupp besaß, als besondere Rarität, einen handzahmen Fuchs, den sie als Welpen gefunden und großgezogen hatten.
Doch auch im Wohnlager selbst wurde “nachgerüstet”. Gegen den Widerstand des Med.-Punktes und der Lagersicherheit
tauchten immer mehr Hunde und Katzen auf. Geschäftstüchtige Bauern aus der Umgebung nutzten die Gelegenheit für
einen willkommenen Nebenverdienst und schmuggelten ganze Würfe ins Lager. Nach einigen Querelen einigte man sich
schließlich auf einen Kompromiss: pro Wohneinheit durfte ein Hund gehalten werden, natürlich mit Hausverbot, aber
immerhin eigener Hütte. Außerdem wurden die Halter verpflichtet, die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner zu entsorgen.
Schon lange vor dieser Einigung hatten sich einige herrenlose Hunde im Wohnlager angesiedelt. Angelockt durch
unachtsam weggeworfene Essensreste wurden sie darüber hinaus noch heimlich gefüttert. Zwischen dieser halbwilden
Meute und den nunmehr “privilegierten” Hunden entbrannten heftige, weniger blutige, als vielmehr lautstarke Revierkämpfe.
Das ständige Gebelfer und die nächtlichen Jaulkonzerte brachten wiederum die Kumpels sowohl der Tag- als auch der
Nachtschichten in Rage. Mit Recht wollten diese nach 12 – 14 Stunden harter Arbeit auch noch etwas schlafen: nach
intensiven Kneippschen Wasserbehandlungen und dem massierten Einsatz verschiedenartigster Wurfgeschosse, begriffen
die schlauen Tiere sehr schnell, was man von ihnen wollte und hielten zukünftig weitestgehend ihre Schnauzen...
Anlässlich des Zwischenmahlzeitskaffees war keine Entscheidung darüber gefallen, ob überhaupt und falls ja, welches
Haustier für uns in Frage käme. Ein Bauer im benachbarten Dorf hatte uns zwar gegen Zahlung einer Büchse Ananas eine Hundewelpen zugesichert, doch der Wurf wurde noch gesäugt.
Während der Mittagspause debattierten wir über die noch auszufüllenden Stundenzettel. Eine große Rolle spielte dabei die
Aufteilung der in diesem Monat zusätzlich geleisteten Überstunden.
Nachmittags zog von Südwesten her eine mächtige Gewitterfront auf. Die fast bewegungslose Luft wurde unerträglich
schwül, und die sofort einsetzenden Schweißausbrüche veranlassten die Bremsengeschwader zu einem gnadenlosen
Generalangriff. Trotz der Saunaverhältnisse und einsetzenden Insektenplage, deckten wir noch eilig den Rohrabschnitt, an
dem wir gerade gearbeitet hatten, mit großen Planen ab und sicherten diese mit Steinen und Erdspießen aus Armierungsstahl.
Die ersten Windböen trieben eine massive Staubwand in unsere Richtung und wir verzogen uns schleunigst in den
Bauwagen. Es wurde auch höchste Zeit, denn der Sturm hatte bereits die Baustelle im Griff. Die Lüftungsrotoren auf dem
Wagendach begannen sich rasend schnell zu drehen, zum Glück gelang es uns noch rechtzeitig, die Lüftungsschlitze zu
schließen. Ansonsten hätte uns der Sturm den ganzen Dreck in den Wagen geblasen. Der Aufenthaltswagen begann
bedrohlich zu schwanken, aber wir vertrauten den Justierspindeln, mit deren Hilfe wir den Wagen sorgfältig ausgerichtet
hatten. Schließlich war dies hier nicht das erste Unwetter, das wir unbeschadet überstanden hatten.
Ein sintflutähnlicher Sturzregen prasselte herab, und das laute Trommeln dämpfte sogar die krachenden Donnerschläge
etwas. Jürgen, der Graue Wolf, murmelte etwas von einem “Faradayschen Käfig”, als ganz in unserer Nähe einige
gewaltige Blitze knackend in das hüfthohe Maisfeld fuhren und der Donner nahezu ohne Verzögerung auf das halbrunde
Wagendach hieb. Der ganze Segen stand also genau über uns. Mathias betätigte den Lichtschalter: die Deckenlampe
leuchtete auf. Das Stromaggregat lief also noch, nur sein gleichmäßiges Wummern wurde vom Getöse des Gewitters übertönt.
“Wer trinkt’n änn Gaffee mit?” Sicher wollten wir alle, denn schon in der Frage von Mathias war die absolute Gewissheit
enthalten, daß ihn nichts und niemand davon abhalten konnte, seinem Lieblingsgetränk zu frönen. Er setzte den
Wasserkocher in Betrieb und “präparierte”, diesmal ohne zu fragen, fünf große Tassen mit jeweils drei sehr gehäuften
Löffeln Kaffee und einer Prise Salz. Anschließend schüttete er den Inhalt der Kaffeekasse auf den Tisch und begann mit
großer Hingabe zu zählen. Unser Schieber schaute finster zu: “Du zählst doch den ganzen Scheiß heute bestimmt schon
zum dritten Mal. Außerdem ist es eine Riesenschweinerei, daß du die verkeimten Russenchips so einfach auf den
Esstisch schmeißt!” Doch Mathias konnte einfach nichts aus der Ruhe zu bringen. Er türmte weiterhin seine
Münzhäufchen auf und zählte dann, als er damit fertig war, die Stapel nochmals durch. Während er Dietmar einen Teil des
Geldes zuschob, blickte er triumphierend in die Runde: “Dieser Gaffee geht auf Gosten des Hauses.” Und zu Dietmar
gewandt: “Du Pfeife holst morschen frieh ä Bäckchen Gaffee am Brett, awer änne große Gneibenbaggung. Hämmer dir das
in deinen Fischnischel ei!” Dietmar steckte diesmal die Beleidigung schweigend weg und verstaute den Kopekenhaufen in seiner Jackentasche.
Werner hatte, wie wir alle, die kleine Wörtelei der beiden mit größtem Interesse verfolgt. Bei dem Wort
“Riesenschweinerei” verdrehte er vor Vergnügen die Augen und nutzte die momentane Sendepause, um fröhlich
loszukrähen: “Leute, genau das ist es, wir brauchen ein Schwein! Ein Schwein muss her!” Wir schauten ihn verdutzt an
und fanden in seinen spontan hervorgestoßenen Worten anfänglich keinen Zusammenhang, immerhin waren wir momentan
zu sehr mit unserem Kaffee und den frischen Brötchen, die die Küche mitgeschickt hatte, beschäftigt. Der Graue Wolf
hatte die Worte von Olm als erster begriffen: “Das ist gar keine schlechte Idee. Essensreste fallen genügend an, und ehe
wir das ganze Zeug jeden Tag in die Abfallgrube schmeißen, können wir damit auch eine Sau großfüttern. Außerdem
schätze ich, daß wir hier in unserem Abschnitt die ersten sind, die sich ein Schwein halten.” “Das stimmt nicht ganz.” warf
ich ein, “Bei der Dienstleistung hatten sie schon zwei Schweine gehabt.” “Die sie aber schon nach ein paar Wochen als
Spanferkel gefressen haben.” Entgegnete der Graue Wolf. Dietmar meldete sich zu Wort. Er war sichtlich stinksauer, dass
ihn, den Brigadeleiter, niemand nach seiner Meinung gefragt hatte. Würdevoll wiegte er den Kopf einige Male hin und her
und zupfte sich an seiner messerscharfen Nase: “I c h habe ja im Prinzip nichts dagegen einzuwenden. Doch erstens
müssen wir noch mit der Gegenschicht sprechen, ob die auch einverstanden ist, zweitens brauchen wir für das Schwein
auch einen Stall. Oder wollen wir das Vieh hier im Bauwagen halten?” Der Schieber hatte durchaus Recht. Außerdem
stand da noch die Frage des Kaufpreises offen. Gute Ferkel gehörten auf den Märkten nicht zu den Billigartikeln und in der
Gegenschicht waren zwei absolute “Kotzbrocken” vertreten. Deshalb war es gar nicht so ganz sicher, ob wir uns das
“Wunschschwein” überhaupt leisten konnten. Mit unseren 90 Rubeln Taschengeld pro Monat versuchten wir nach Möglichkeit auszukommen, ohne noch zusätzlich Geld tauschen zu müssen.
Nach etwa 30 Minuten hatte sich die Gewitterfront verzogen, und die Sonne begann hingebungsvoll an den Pfützen zu
lecken. Die blitzsaubere Luft duftete jetzt angenehm nach Steppe, deren üppiger Wildblumenteppich bis an den Horizont
reichte und nur hin und wieder von kleinen sattgrünen Maisfeldern unterbrochen wurde. Hiesige Bauern, aber auch Arbeiter
aus den wenigen Fabriken der umliegenden Städte bauten auf diesem pachtfreien Ödland privat Gemüse, Kartoffeln und
andere Feldfrüchte an. Die Ernte diente zum Teil zur Deckung des Eigenbedarfs, bzw. wurde auf den Basaren (Bauernmärkte) zu freien Preisen zum Verkauf angeboten.
Wir zogen die Planen vom abgedeckten Rohrabschnitt und breiteten sie in der Sonne zum Trocknen aus. Dietmar war
bereits mit dem “LD” gestartet, um unsere Ablösung, die sogenannte “Gegenschicht” aus dem Wohnlager abzuholen.
Die restlichen Falten der von der “Lady” verhuntzten Maschinenisolation schnitten wir in der Mitte auf, damit das
Kondenswasser ablaufen konnte, und verklebten die Schadstellen mit drei, sich überlappenden Flicken. Die Arbeiten gingen zügig voran. Trotzdem mussten bestimmte Qualitätskriterien unbedingt eingehalten werden. Jeder
Reparaturabschnitt wurde nach wie vor von SIGS (Sojus Intergas Stroi) kontrolliert und abgenommen. Unsere Brigade hatte
sich Schritt für Schritt punkto Quantität und Qualität bei den Russen einen guten Ruf erworben. Bei unserer Brigade gab
es nahezu keine Nachbesserungen. Das wirkte sich natürlich auch positiv auf die Moral der ganzen Truppe aus.
Als kurz vor 18.00 Uhr der orangefarbene “LD” auftauchte, hatten wir unser Tagespensum bereits erfüllt. Die
primerverschmierten Hände rieben wir mit Butter ein, wuschen sie dann mit stinkendem Diesel und erst anschließend mit
warmen Wasser und Seife. Die “Endbehandlung” der geschundenen vorderen Extremitäten erfolgte dann mit “Prax”, einem
wirkungsvollen Hautpflegemittel. Ein Kollege hatte versuchsweise eine Flasche der weißen, dickflüssigen Emulsion aus
der DDR mitgebracht, und wir stellten schnell fest: etwas Besseres gab es nicht. Auf unseren Hinweis reagierte die
Baustellenleitung erfreulich schnell und bestellte zu Hause einen genügenden Vorrat für sämtliche Baustellen.
Der LKW schlingerte beachtlich, als er kurz vor der Baustelle einige tiefe Wasserlachen, die der Wolkenbruch hinterlassen
hatte, durchqueren musste, doch dank des Allradantriebes verlief alles glimpflich. Die Kollegen der Nachtschicht krochen sichtlich verkrampft aus dem Fahrerhaus und humpelten in den Bauwagen, wo Mathias bereits den
“Schichtübergabekaffee” aufgebrüht hatte. Dietmar und Lothar, Schichtleiter der Gegenschicht und 2. Fahrer, besprachen
gemeinsam die Aufgaben der Nachtschicht bis morgen früh. Da wir allgemein gut im Rennen lagen, brauchte die andere Truppe nur einige Rohrnähte nachzuisolieren.
Im “Wohnzimmer” wurde es ziemlich eng, als sich immerhin neun Kollegen um den Tisch gedrängelt hatten. Die drei
Nichtraucher saßen am weitgeöffneten Fenster und teilten sich die sparsam hereinströmende Frischluft. Dietmar kam
gottseidank schnell zum Hauptpunkt der Brigadeversammlung: Erwerb und Aufzucht eines Ferkels. Erstaunlicherweise
gab es nur eine Gegenstimme: Harald, der Trassengnom, motzte gegen unsere hervorragende Idee, natürlich wie immer
aus Prinzip. Falls ihm überhaupt ein vernünftiges Gegenargument eingefallen wäre, hätten wir es ohnehin kaum verstanden
, denn in Ermangelung deutscher Sprachkenntnisse nuschelte er stets Mecklenburger Platt. Nur Dietmar, weil aus dem
gleichen Teig geknetet, verstand ihn und übersetzte ab und zu einige Passagen. Bereits nach 10 Minuten konnte die
“Vollversammlung” mit überwältigendem Abstimmungsergebnis aufgelöst werden. Der Trassengnom war zahlungsunfähig
und wurde deshalb nicht zur Wahl zugelassen. Irgendwie hatte er es fertiggebracht, sein Taschengeld restlos zu verplempern und musste sich bereits das tägliche Kaffeegeld zusammenborgen, obwohl erst Monatsmitte war.
Grauer Wolf und ich hockten gemeinsam auf einer Kiste, die auf der Ladefläche unmittelbar hinter dem Fahrerhaus
festgeschraubt war. Dieses selbst bot nur Platz für maximal 4 Personen, manchmal, bei kurzen Strecken, legte sich noch
ein weiterer Kollege auf den innenliegenden Motor... Zur Dämpfung der harten Fahrwerkstöße hatten wir uns jeder einen
Packen Putzlappen unter den Hintern geschoben. An eine Unterhaltung war jedoch keinesfalls zu denken – leicht hätte die Zunge zwischen die schnatternden Zähne geraten können!
Dietmar bog nach einigen Kilometern von der Baustraße auf einen Feldweg ab. Jetzt konnte nur noch mit Schritttempo
gefahren werden. Tiefe Fahrspuren, randvoll mit Wasser gefüllt, und ein wallähnlicher Mittelstreifen, auf dem die
Differentiale hin und wieder aufschlugen, verlangten Fingerspitzengefühl und höchste Konzentration vom Fahrer. Zum Glück
stieg das Gelände bald etwas an, und der Untergrund wurde griffiger. Der Weg verlief jetzt schnurgerade mitten durch ein
riesiges Buchweizenfeld. Nach etwa 10 Minuten hatten wir den Rand der Anbaufläche erreicht, und der Feldweg
verschwand im wuchernden Grün einer Wiese. Vereinzelt, dann immer häufiger, tauchten hohe Obstbäume auf. Alle nur
erdenklichen Sorten wuchsen hier wild durcheinander. Keine niedrigen, “pflegeleichten” Bäumchen in Reih und Glied, durch
massiven Einsatz von Kunstdünger und Herbiziden zu langweiligen Massenträgern degradiert. Diese Gehölze hier waren
uralt und hatten dicke Stämme. Mit ihren weitausladenden knorrigen Ästen boten sie einer Vielfalt von Tieren Unterschlupf und Nahrung.
Der LKW folgte nun einem kaum sichtbaren Pfad, der sich durch diese einmalige Streuobstwiese schlängelte, und bald
tauchte ein kleines Bauerngehöft auf.
Unser Fahrzeug hielt auf einem freien Platz neben dem mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Eingangstor, dessen Flügel halb offen standen.
Dietmar und Lothar betraten als ersten den Hof. Lothar trug eine 40 Liter Milchkanne, die ehemals einer sowjetischen
Molkerei gehörte. Auf der Suche nach Trinkwasser hatte er zufällig das einsam gelegene Anwesen entdeckt, und der
Bauer füllte ihm bereitwillig die große Aluminiumkanne mit Brunnenwasser. Die Baustellen wurden zwar täglich mit
Frischwasser aus dem Wohnlager beliefert, jedoch war dieses chloriert wie ein Schwimmbad während der Hauptsaison.
Kochte man damit leichtsinnigerweise Kaffee, so schmeckte dieser wie der Fußschweiß eines Marathonläufers. Aus
diesem Grunde versorgte sich der größte Teil der Brigaden in eigener Regie mit Brunnen- und Quellwasser aus den
umliegenden Dörfern. Natürlich war dies aus hygienischen Gründen nicht gestattet, aber niemand scherte sich um dieses Verbot.
Kaum hatten wir nach den Beiden den mit großen, runden Flusskieseln gepflasterten Innenhof betreten, als mit
schrecklichem Geheul ein zottiges Ungetüm auf uns losstürmte und eine blankpolierte Kette hinter sich her zerrte. Da wir
deren Gesamtlänge nicht kannten, flitzten wir erschrocken zum Tor zurück. Die beiden Fahrer waren stehen geblieben und tätschelten den jetzt vor Freude winselnden Hund. Man kannte sich also bereits.
Der Lärm hatte den Hausherren angelockt. Begleitet von zwei halbwüchsigen Buben begrüßte er Dietmar und Lothar wie
gute Bekannte. Als wir uns vorsichtig wieder heranpirschten, begann der “Zerberus” erneut Unheil verkündend zu knurren.
Der Bauer rief ihn in barschem Ton an, und der Hund verschwand in einem Loch, das sich im Fundament eines Nebengebäudes befand, lugte aber trotzdem neugierig aus seiner Behausung hervor.
Dima, so hieß der Bauer mit seinem Vornamen, führte uns ins Wohnhaus. Das Wohngebäude bestand, ebenso wie die
drei Nebengebäude, aus präzise zusammengefügten Holzstämmen, nur die Fundamente hatte man aus behauenen
Kalksteinen gemauert. Die Dächer waren mit mehreren Schilflagen gedeckt. Das gesamte Erdgeschoss des einstöckigen
Hauses bildete einen einzigen Raum: massive Deckenbalken aus altersgeschwärzter Eiche wurden von Stützpfeilern aus
dem gleichen Holz abgefangen. Für die Raumtäfelung hatten die Erbauer Ahorn benutzt. Sämtliche Holzelemente waren
mit geschnitzten Ornamenten verziert. Am großen, aus Feldsteinen gemauerten Herd hantierte die Hausfrau. Beide
Jungen teilten sich die Bonbons, die ihnen Lothar zugesteckt hatte. Dima lud uns mit einer Handbewegung ein, am Tisch
Platz zu nehmen. Seine Frau brachte Gläser und einen bauchigen Tonkrug mit kalter Milch. Sie schien sich über die
unerwarteten Gäste, zumal diese noch Ausländer waren, zu freuen und lud uns zum Essen ein. Ich bedankte mich für die
freundliche Einladung und versprach, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt gern wiederkommen würden. Heute wären wir nur gekommen, um ein Ferkel zu kaufen.
Der Bauer war erfreut, dass jemand von uns Russisch sprach, und hatte sofort eine ganze Menge Fragen, die ihm sowohl
Dietmar als auch Lothar nicht beantworten konnten. Zwar wusste er genau, welche Tätigkeiten wir hier verrichteten, aber
ihn interessierte besonders, woher wir kämen und wie das Leben bei uns zu Hause sei. Um alle seine Fragen ausführlich
beantworten zu können, hätten wir tatsächlich noch bis zum Essen bleiben müssen. Darum vertröstete ich ihn auf unseren
nächsten Besuch, und um ehrlich zu sein, hatte ich nur die Hälfte seines Redeschwalls verstanden. Dima sprach kein
reines Russisch, sondern ein gewöhnungsbedürftiges Kauderwelsch aus Russisch, Ukrainisch und Serbokroatisch.
Wir tranken die fette, wohlschmeckende Milch aus, bedankten uns bei der Hausfrau und folgten dem Bauern in das
Stallgebäude. Zu unserer Überraschung war der Schweinestall größer, als wir angenommen hatten. Mehrere Fenster
ließen genug Licht und Luft herein, Decke und Wände waren mit Lehm verputzt und sauber mit Kalk getüncht. Die
zahlreichen Schweine wateten nicht in ihrem Mist, sondern standen auf einer dicken Einstreu aus Stroh. Eine kleine
Schiebetür trennte die Tiere von einem Freilandauslauf. In einer gesonderte Bucht hing ein Wurf neugeborener Ferkel
schmatzend am Gesäuge einer gewaltigen Muttersau, während in einer anderen Abteilung mehrere Läufer den Inhalt des Futtertroges nach besonderen Leckerbissen durchwühlten.
Dima zeigte uns eine Schar kräftiger Ferkel. Unter diesen sollten wir uns eines aussuchen. Unser Schieber und der Graue
Wolf hatten wohl die größten Erfahrungen auf dem Gebiet der Schweinerei und wählten ein Ferkel mit einem schwarzen
Aalstrich im Nacken aus. Der Bauer nickte anerkennend über die, auch seiner Ansicht nach, gute Wahl und kletterte in
die Box. Er klemmte das Ferkel kurzerhand zwischen seinen Stiefeln ein und malte dem heftig quietschenden Tier mit Ölkreide ein Kreuz auf den Rücken, denn wir wollten das Ferkel erst später abholen.
“Skolko? (Wieviel?) fragte ich Dima. Der Bauer zupfte unschlüssig an seinem langen Heiduckenschnauzbart und meinte,
dass er auf dem Basar für so ein kräftiges Ferkel zwischen 45 und 50 Rubel (etwa 150 Mark) erhalten würde. Mit dieser
Summe hatten wir gerechnet, und es war ein durchaus anständiger Preis. Dietmar wollte ihm das Geld geben, doch der
Bauer hatte eine andere Idee. Umständlich erklärte er uns, dass sein ältester Sohn nächste Woche im Nachbardorf
heiraten würde, und für die Bewirtung der zahlreichen Gäste wäre etwas “Ausländisches” auf der Festtafel nicht unwillkommen...
In diesem Moment erinnerte ich mich sofort an den Geburtstag meiner Tante im vergangenen Jahr: in der Kochnische
neben dem Wohnzimmer waren die Kaffeetüten rein zufällig so platziert, dass sämtliche Gäste nebenan mitbekommen mussten – es gab Westkaffee!
Der pfiffige Bursche brauchte also kein Geld, sondern er wollte vielmehr mit “ausländischen Spezialitäten” bei den
Hochzeitsgästen mächtigen Eindruck schinden! Halberstädter Würstchen als Statussymbol in einem Dörfchen, das auf
manchen Karten vielleicht überhaupt nicht eingetragen war. Uns konnte dieses Anliegen nur mehr als recht sein. Fleisch-,
Wurst- und Obstkonserven erhielten wir täglich ausreichend, und manchmal füllten diese Notreserven fast einen ganzen Spind.
Für die Leute hier, die vor uns überhaupt noch keine Ausländer gesehen hatten, bedeutete eine Scheibe Knäckebrot mit
Büchsenfleisch oder ein Zwieback mit Erdbeerkonfitüre das Gleiche, als wenn wir früher als Kinder andächtig eine Tafel
“Sarotti” verspeisten, von der die liebe Westverwandtschaft vorher den roten Sonderangebotsaufkleber entfernt hatte...
Wir vereinbarten mit Dima, unser neues Brigademitglied am nächsten Tag abzuholen, und beeilten uns mit der Abfahrt, denn die Sonne begann sich schon für diesen Tag zu verabschieden.
Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Wohnlager in Gorodenka. Lothar wendete den “LD” und preschte in
Richtung Baustelle davon. Er musste sich beeilen, weil das Fahrzeug dringend auf der Baustelle benötigt wurde. Über eine
Funkvernetzung der Baustellen mit dem Dispatcher im Wohnlager liefen die Verhandlungen mit den sowjetischen
Sicherheitsorganen schon eine ganze Weile. Bis ein endgültiges Ergebnis vorlag, musste auf jeder Baustelle ein
einsatzbereites “schnelles” Fahrzeug stationiert sein. Bei eventuellen Unfällen oder technischen Havarien stellten solche Fahrzeuge die einzige Verbindungsmöglichkeit zum Basislager dar.
Der stickige Mief in unserem Wohnwagen verzog sich nur allmählich, obwohl wir sämtliche Fenster aufgerissen hatten,
und auch die Tür offen stand. Die Fenster mussten tagsüber, wenn niemand von uns im Wohnwagen war, unbedingt
geschlossen werden. Das Wohnlager wurde rund um die Uhr von einheimischen Kindern und Jugendlichen beobachtet.
Diese nutzten jede sich bietende Gelegenheit für einen “Zugriff”. Nach dem Mäuseprinzip “der Körper folgt dem Kopf”
kletterten sie mit unglaublicher Gewandtheit durch die kleinsten Öffnungen in die Baracken, aber auch in die Wohnwagen.
Was sie entwendeten, war meist nicht der Rede wert: buntbedruckte PVC-Tragetaschen, herumstehende Kaffeekassen,
Lebensmittel oder unauffällige Bekleidungsstücke, ja selbst Arbeitsbekleidung. Ausgesprochene Wertgegenstände wie
Fotoapparate, Radiorekorder und teure Markenbekleidung blieben in der Regel unbehelligt. Solche, hier ausgesprochen
“exotischen” Gegenstände ließen sich schlecht “umrubeln”. Die Miliz wurde bei ihren Blitzrazzien auf den einschlägigen
Märkten meist schnell fündig. Eine gewöhnliche Tragetasche hingegen konnte dem Gerümpeldieb immerhin bis zu 10
Rubel (32 Mark) bringen. Den Geschädigten wurde zwar alles unproblematisch über die Versicherung ersetzt, trotzdem
war es manchmal unangenehm, wenn auch persönliche Sachen, wie z.B. Fotos und Briefe (wegen der Marken) geklaut wurden.
Heute war im Lager wieder Disco, doch niemand von uns verspürte auch nur das geringste Interesse, in diesen lauten und
verräucherten Musentempel zu pilgern. Letzten Endes wurde dort wegen mangelnder Weiblichkeiten mehr gesoffen als
getanzt... Nach einem kurzen Ausflug in die Waschburg teilten wir uns zwei Flaschen moldawischen Portwein und verschwanden in den Kojen.
Am nächsten Morgen trafen wir pünktlich 06.00 Uhr an der Baustelle ein. Die Nachtschicht hatte ganze Arbeit geleistet:
außer den noch offenen Nähten hatten die Kollegen bereits zwei der vier Rohrabzweige vorbereitet, das heißt, gesäubert
und mit Primer grundiert. Die bedeutete aber auch, daß wir mit unserem Tross am nächsten Tag, spätestens aber
übermorgen, an eine neue Baustelle umsetzen würden. Leider wussten wir nicht genau, wo der nächste Einsatz stattfinden sollte. Es gab dafür bestimmte Dringlichkeitskriterien.
Nach dem Motto “privat geht vor Katastrophe” mussten heute Abend zwei Hauptpunkte abgehakt sein: Schweinestall
besorgen und das Ferkel abholen. Zum ersten Punkt hatte Olm einen prächtigen Einfall. Unweit von unserem Wohnwagen
war vor kurzer Zeit ein Lackschuhehepaar in einen bis dahin leerstehenden Wohnwagen gezogen und hatte sich dort
überaus häuslich eingerichtet. Aufwendige Gardinen an und Blumenkästen vor den Fenstern, ein täglich geharkter Kiesweg
bis zur Wagentreppe und nicht zuletzt ein Ministaketenzaun aus Birkenknüppeln dokumentierten das, unserer Meinung nach, fortgeschrittene Stadium einer geistigen Demenz.
Olm entdeckte bei seinen täglichen Inspektionsgängen auf dem “Anwesen” der beiden Snobs eine tadellos gezimmerte
Hundhütte mit gigantomanischen Abmessungen. In dieser Hütte, die bestimmt drei oder vier Flaschen “Goldkrone” kostete
, hätte man locker einen Esel halten können und, was das Wichtigste war: noch war sie unbewohnt... Dietmar, unser Schieber, musste am Vormittag gemeinsam mit Zappen zu einer Dienstbesprechung nach Gorodenka
fahren. Diese willkommene Gelegenheit wollten wir nutzen, um die Hundhütte aus dem Wohnlager auf die Baustelle
“umzulagern”. Werner und ich sollten die restlichen Isolierarbeiten erledigen. Damit hätten wir dann entsprechend der Zeitvorgaben einen vollen Tag herausgeschunden.
Vorläufig verlief alles nach Plan. Dietmar war mit der Nachtschicht, sowie Jürgen und Mathias, nach Gorodenka unterwegs
, während Werner und ich zügig die verbliebenen Rohrstutzen isolierten. Der Küchenfahrer wartete diesmal vergeblich auf
seinen Gratiskaffee, als er die Thermosbehälter mit dem Mittagessen in den Bauwagen trug, und bezeichnete uns deshalb respektlos als “Stundenhaie”.
Bereits am frühen Nachmittag waren wir fertig und tarnten den “Planvorlauf” mit einigen Lagen Vliesgeweben vor allzu
neugierigen Meisterblicken. Anschließend füllten wir einen Karton mit verschiedenen Konserven, Eberswalder Salami und
ein kleines Bündel Räucherlenden aus dem “Katastrophenspind” - vergleichsweise war damit das Ferkel durchaus nicht unterbezahlt!
Der “LD” rumpelte mit geringer Geschwindigkeit heran. Auf seiner Ladefläche hüpfte ein unförmiges Gebilde im Takte der
Bodenwellen auf und ab. Zwei Gestalten klammerten sich an den Packen und vollführten dabei einen grotesken Affentanz.
Olm und ich krümmten uns vor Lachen. “Grinst nicht so blöde!” knurrte der Graue Wolf. “Uns tun sämtliche Knochen weh,
während ihr euch hier gemästet habt!” Er kletterte mühsam vom LKW. Mathias machte einen wesentlich weniger
angeschlagenen Eindruck und witzelte: “Der alte Mann (damit spielte er auf Jürgens eisgrauen Haarschopf an) hat heute
tüchtig zugreifen müssen.” “Halt deine dämliche Schnauze.” meinte Jürgen. Er lachte aber bereits wieder, während wir
gemeinsam die Ladebordwände abklappten und die Segeltuchplanen herunterzogen: da stand sie nun in ganzer Pracht – unsere neue Schweinhütte.
Die früheren Besitzer hatten bereits den Namen ihres geplanten Untermieters auf die Stirnseite geklebt. “ANKA” lautete die
Inschrift, die Buchstaben aus schwarzer Polykenfolie ausgeschnitten. “Da werden sich die Lackschuhe für ihren Köter
wohl eine neue Hütte bauen müssen.”, schlussfolgerte Dietmar sarkastisch und berichtete Werner und mir vom Verlauf der
Aktion: während ein Kollege ausdauernd an die Tür des Nobelwagens klopfte, um eine mögliche Anwesenheit der
Bewohner festzustellen, rollte der LKW in Schleichfahrt heran. Mit einem einzigen Schwung wurde die Hütte auf die
Ladefläche gehievt und mit Windeseile abgedeckt, wobei man umsichtig darauf achtete, daß sich das Profil des
Bauwerkes nicht allzu deutlich unter den Planen abzeichnete. Als wir das Beutestück vom LKW zerrten, merkte ich am stattlichen Gewicht, daß die Kollegen tatsächlich Schwerarbeit geleistet hatten...
Unser Schieber begutachtete das fertig isolierte Rohr und war zufrieden: “Wir sollen morgen zum Kilometer 39 umsetzen.
Falls wir die Arbeit nach der Zeitvorgabe schaffen sollten, wurde eine Prämie in Aussicht gestellt.” Nun, die hatten wir
bereits so gut wie auf dem Konto. Schließlich konnte unser guter Meister ja nicht wissen, daß die Arbeit hier eigentlich schon Schnee von gestern war.
“Was liegt denn am Kilometer 39 an?” fragte ich interessiert. Dietmar reichte mir ein Stück kariertes Papier. “Hier ist die
Fahrtroute. Am Kilometer 39 befindet sich eine Straßendurchörterung. Das Verbindungsstück ist bereits werkisoliert und
muss nur noch umlattet werden.” Ich sah mir die Fahrtroute etwas genauer an: eine Streckenführung mit markanten
Wegsymbolen und Kilometerangaben der einzelnen Abschnitte. Dazu benötigte der Traktor etwa zwei Stunden,
vorausgesetzt, daß die Wege nicht allzu schlecht waren. Mir kam ganz plötzlich eine Idee: ”Leute, was haltet ihr davon,
wenn wir gemeinsam mit der Nachtschicht die für morgen geplante Umsetzung schon heute über die Bühne gehen lassen
? Wir holen gegen Abend das Ferkel von Dima ab, packen dann den ganzen Krempel hier zusammen und haben so
morgen bei Tageslicht auf der neuen Baustelle einen viel besseren Überblick. Vielleicht können wir sogar schon einige
Vorbereitungsarbeiten durchführen und so locker den Zeitvorsprung retten. Zappen wird sich morgen kaum vor Nachmittag
blicken lassen.” Der Brigadier schaltete sich ein: “Tommys Vorschlag finde ich auch ganz gut. Möglicherweise kann ich
sogar für jeden noch eine oder zwei “ÜS” (zusätzliche Überstunden) lockermachen, denn die Bauleitung scheint unter
mächtigem Termindruck zu stehen. Die Nachtschicht könnte dann bereits an der neuen Baustelle loslegen. Hier ist
ohnehin nichts mehr zu tun.” Im Prinzip waren bereits alle schon mit meinem Vorschlag einverstanden gewesen, und die
Aussicht auf zusätzliche Überstunden sowie eine Erfolgsprämie zerstreute selbst die leisesten Bedenken. Übrigens war
es nicht außergewöhnlich, daß wir freiwillig einige Stunden länger arbeiteten, oder manchmal nach Schichtschluss einfach
auf der Baustelle blieben und so genügend Zeit und Gelegenheit hatten, die nähere Umgebung zu erkunden. Dies erschien
uns jedenfalls besser, als im Wohnlager vor Langeweile zu verblöden oder sich systematisch die Birne vollaufen zu lassen...
Bis zum Schichtwechsel verblieb noch etwas Zeit, und wir begannen bereits systematisch mit der Baustellenberäumung.
Sämtliche Materialreste wurden zusammengesucht, die Vollständigkeit der Werkzeuge und Geräte überprüft und, was
leider meist von einigen Brigaden unterlassen wurde, die Grube für Speisereste und andere Abfälle sorgfältig zugeschaufelt
. Besonderes Augenmerk galt der Sicherung des gesamten Inventars für den bevorstehenden Transport: mitunter mussten
die Wagen die abenteuerlichsten Geländeformationen passieren und drohten manchmal fast umzukippen. Schlamperei
rächte sich hier bitter, vieles ging dabei zu Bruch und abgesehen von den Verlusten, waren oftmals stundenlange Aufräumungsarbeiten angesagt.
Große Mühe bereitete die Verladung der “neuerworbenen” Schweinehütte. Der Dreiseitenkipper war wesentlich höher als
der “LD” und erst, nachdem wir einige Holzplanken schräg angelegt hatten, konnten wir das monströse Bauwerk Stück für Stück auf den Hänger ziehen.
Während die anderen Kollegen noch die zahlreichen Elektrokabel zusammenrollten, bugsierte ich mit dem “Belorus” den
Notstromer hinter den Aufenthaltswagen. Mathias wies mich dabei ein und kuppelte dann das Stromaggregat an. Als
nächstes war der NVA-Materialwagen an der Reihe. Er wurde als schwerste Anhängelast noch vor dem Bauwagen an den
Traktor angekuppelt. Wir schlossen die Kabel der Fahrzeugbeleuchtung und die Bremsschläuche an und überprüften deren
Funktionen. Der “Zug” konnte abfahren. Mathias enterte die ohne Treppe schwer erreichbare Tür und verschwand im Innern
den Bauwagens. Ich lief noch eine Runde um die Hänger: die Feststellbremsen waren gelöst, sämtliche
Ausgleichsspindeln gesichert und Druckluft für die Bremsen lag überall an. Mit Dietmar hatte ich vereinbart, dass er die
Nachtschicht gleich zum Kilometer 39 bringen sollte und dass er oder Lothar die restlichen Kollegen und den Kipper hier
an der alten Baustelle abholte. Den verhältnismäßig leichten Hänger konnte der LKW ohne weiteres ziehen. Problemlos
zog der Traktor den langen Hängertreck bis zur Baustraße, die parallel zum Rohrgraben verlief. Leider war die Straße nicht
auf sämtlichen Abschnitten für die Passage von Radfahrzeugen geeignet. Ab und zu blickte ich in den Rückspiegel.
Mathias hatte seinen Kopf aus einem der Fenster des Aufenthaltswagens gesteckt, obwohl es draußen nichts
Bemerkenswertes zu sehen gab. Laut Karte näherten wir uns der Stelle, die Zappen mit dem topographischen Zeichen für
“Sumpf/Morast” und der Kilometerangabe auf der Wegskizze gekennzeichnet hatte. Der Meister war die ganze Strecke
zuvor mit dem “ARO” abgefahren und hatte dabei festgestellt, welche Abschnitte der Traktor mit seiner enormen
Anhängelast nicht passieren konnte. Nach kurzer Zeit tauchten tatsächlich die ersten tiefen Fahrspuren auf. Sie verloren
sich in einer ausgedehnten Wasserlache. Ich hielt an und kletterte aus dem Fahrzeug. Mathias stand in der Türöffnung und rieb sich den Kopf, den er sich beim Abbremsen am Fensterrahmen eingerannt hatte.
Ich watete bis zum Rand der Riesenpfütze, maß mit einem Stock die ungefähre Tiefe und musste feststellen, dass diese
Stelle unbefahrbar war. Mit einem Geländewagen oder dem Traktor ohne Anhängelast wäre eine Durchfahrt wahrscheinlich
möglich, doch die schweren Wagen würden bis über die Achsen wegsacken, und dies wäre das Aus. Rechts neben dem
Fahrweg erstreckte sich ein ausgedehntes Maisfeld und hier stieg das Gelände leicht an. Ich arbeitete mich einige Meter
in das Feld hinein. Der Boden zwischen den Maisstängeln war zwar noch feucht von den Niederschlägen des Vortages,
aber der Untergrund erschien mir genügend fest zu sein. Ich lief zum Bauwagen: “Mathias, mach dich auf die Socken! Du
läufst vor dem Traktor her. Wir müssen durch dieses Maisfeld.” Ich schaltete das Vorgelege zu und folgte Mathias mit
minimalem Tempo. Der Wagenzug walzte eine breite Schneise in den Mais. Mich dauerte das schöne Getreide. Der
Schaden würde der Trassenleitung eine ganze Menge Geld kosten, denn die Kolchose würde natürlich sofort Anzeige
erstatten. Außerdem war es absolut sicher, dass nachfolgende Fahrzeuge diesen von mir “markierten” Weg ebenfalls
befahren und damit die Schneise immer mehr verbreitern würden. Doch es nutzte alles nichts. Dies war die einzige
Möglichkeit, um weiterzukommen. Nach etwa hundert Metern senkte sich das Gelände wieder spürbar, aber der Boden
blieb unverändert fest. Als es dann erneut “bergauf” ging, lenkte ich, den Winkzeichen von Mathias folgend, den Trecker
nach links, bis ich die Baustraße wieder erreicht hatte, und hielt an. Mein Kollege schwitzte. Die Stapferei durch den
dichtstehenden Mais war doch anstrengender gewesen, als erwartet. “Jetzt mach mor arscht ma ordentlich Vesper!” Trotz
seiner ausgesprochenen Faulheit ließ Mathias den Notstromer an, stellte die Kabelverbindung zum Bauwagen her und
kramte die Kaffeeutensilien aus den gutgesicherten Schrankfächern. “Willste aach enne Bemme?” Ich blickte auf meine
Uhr und nickte. Bereits 1½ Stunden waren wir unterwegs. Trotz des unfreiwilligen Umweges durch das Kolchosfeld konnte es bis zur neuen Baustelle nicht mehr allzu weit sein.
Während ich den kräftigen Kaffee genoss und dazu ein dickbelegtes Wurstbrot aß, schaute ich nochmals auf die
Wegskizze, die ich mit Kaugummi an eine Ecke der Frontscheibe geklebt hatte. Etwa 1 Kilometer von unserem jetzigen
Standort war eine Abkürzung eingezeichnet, vermutlich ein Feldweg. Wenn wir uns jetzt beeilten, konnten wir den
Kilometer 39 noch bei Tageslicht erreichen. Nach einigen hundert Metern zweigte ein gut beschotterter Weg seitlich ab.
Das musste die Abkürzung sein! Jetzt konnte ich unbesorgt schneller fahren. Beide Hänger liefen ruhig in der Spur, nur
das Stromaggregat schlingerte eigensinnig und erschien abwechselnd in beiden Rückspiegeln. Noch eine leichte Steigung
, dann waren wir am höchsten Punkt des Hügels angelangt, und die Landschaft wechselte ihre Ansicht so schnell wie ein
Bühnenbild auf einer Drehbühne: vor unseren Augen tauchte ein weitläufiges Tal auf. Ein gewaltiges Amphitheater der
Natur, dessen Ränder sich nahezu symmetrisch aus Stufen weißer Kalksteinformationen aufbauten. Quer durch das
fleckige Grün dieser Arena schlängelte sich der helle Faden einer Straße. Leider hatte dieses herrliche Bilderbuchfoto
einen erheblichen Schönheitsfehler: ein hässlicher Kratzer verlief mitten durch seine makellose Oberfläche. Es war der Rohrgraben.
Der “Belorus” tuckerte im Standgas in Richtung einer filigranen Spielzeuggruppe bergab, die sich aus einem
Miniaturbagger, zwei winzigen Wägelchen und noch kleineren Menschenfiguren zusammensetzte, und doch unser
eigentliches Ziel war: der Kilometer 39... Genau nach 20 Minuten parkte ich unseren Wagenzug auf dem planierten Platz
neben den beiden anderen Bauwagen. Der Bagger stand am Rande einer viereckigen Grube, in der trübes Wasser
schwappte, und hatte seinen langen Hals weit vorgereckt. An den Schaufelzähnen waren zwei Stahltrossen befestigt, die zusammen mit Gummikabeln ins Wasser tauchten.
Die andere Truppe bestand aus fünf Mann. Sie gehörten zu einer Brigade, die sich ausschließlich mit Durchörterungen
befasste und hier nur noch mit der Wasserhaltung beschäftigt war. Ihr Schieber erklärte uns, dass sie bald abrücken
würden. Die zwei eingesetzten B-Süffelpumpen (Tauchpumpen) konnten die ständig nachströmenden Wassermengen
einer unterirdischen Wasserader nicht bewältigen. Sie wurde bei den Tiefbauarbeiten angekratzt, und nun stieg der Pegel
in beiden Baugruben, ungeachtet des Einsatzes beider Pumpen, unaufhörlich. Zur Entlastung sollte der Bagger noch einen
kleinen Kanal bis zum naheliegenden Bach ausheben, damit kein überlaufendes Wasser den Baustellenbereich überschwemmen konnte. Um das Passstück, das wir noch umlatten sollten, einbauen zu Können, musste der
Wasserstand in den Gruben mit einigen A-Pumpen abgesenkt und niedrig gehalten werden.
Mathias und ich suchten nach einer geeigneten Stelle für die “Wagenburg”. Die Zweiersektion (zwei Rohrlängen = ca. 24 m
) hatte man auf kleine Erdhügel gesetzt. Der Abschnitt für die Umlattung war gekennzeichnet und hing frei in der Luft.
Gleich neben dem Passstück fanden wir einen guten Platz für unsere Wagen. Es war schon nahezu dunkel, als wir den Aufenthaltswagen, den Materialhänger sowie den Notstromer aufgestellt und ausgerichtet hatten.
Die Kollegen der Durchörterung hatten die beiden nutzlos eingesetzten Pumpen herausgezogen und baggerten jetzt den
Entlastungsgraben in Richtung Bachlauf aus. Das Wasser in den beiden durch das Schutzrohr miteinander verbundenen
Gruben stieg rasch an und erreichte bald die Sohle des Entlastungsgrabens. Das Schutzrohr unter der durchörterten Straße war gut abgedichtet worden, um die Gefahr einer Unterspülung des Straßenkörpers auszuschließen.
Inzwischen war der “LD” mit der Nachtschicht und den restlichen Kollegen unserer Schicht eingetroffen. Lothar hatte diese
letzte Fahrt für heute übernommen und wegen des Hängers eine andere, allerdings wesentlich längere Fahrtroute gewählt.
“Habt ihr das Schwein mit?” erkundigte sich Mathias gespannt. Der Graue Wolf führte uns zum Kipphänger und strahlte
mit der Taschenlampe einen sorgfältig zugebundenen Sack an. Das helle Licht erschreckte das Tier, und es begann
bedenklich zu rumoren. “Dima und seine Frau haben sich über unsere “Gaben” unwahrscheinlich gefreut. Als Zugabe
haben sie uns noch zwei Ballen Stroh und einen ganzen Sack mit Körnermais mitgeschickt!”
Die “Wasserhalter” der anderen Brigade schalteten einige Halogenstrahler ein und beleuchteten ihren fertigen Graben. Das
Gefälle in Richtung Bach stimmte genau. Das aus den Gruben abfließende Wasser wurde zusehends klarer und unterschied sich etwas später kaum noch vom sauberen Bachwasser.
“Hier sind massenhaft Krebse drin.” verriet uns einer der anderen Kumpels. “Die Kaschmaukenkinder holen sie mit den
bloßen Händen heraus. Wir hatten es auch versucht, doch die Viecher haben uns mörderisch in die Pfoten gekniffen.
Schließlich haben wir Schweißdraht mit Wurststückchen als Köder genommen. Ihr müsst nur an einem Ende des Drahtes
eine Öse biegen, sonst ziehen die Krebse den Köder einfach vom Draht ab. Dort, wo die Bachufer etwas unterspült sind,
sitzen die meisten, und wenn ihr den Draht ganz behutsam herauszieht, lassen sie den Köder auf keinen Fall wieder los.
Heute Nacht allerdings wird es kaum klappen, denn durch den Krach haben sich alle verzogen.” Wir hatten gespannt zugehört, denn an Feinschmeckereien waren wir ausnahmslos sehr interessiert.
Unserer Bitte, beim Abladen der Schweinehütte behilflich zu sein, kamen die anderen Kollegen bereitwillig nach. Sie
benutzten allerdings ihren Bagger und stellten die Hütte genau dort ab, wohin wir sie haben wollten. Olm und der Graue
Wolf stopften reichlich Stroh durch den Eingang. Dietmar und Gerhart, ein Kollege der Nachtschicht, zimmerten indessen eine Art Klappe, mit der das Eingangsloch vorläufig verschlossen werden sollte.
“Morgen besorge ich ein Lederhalsband.” versprach Lothar. “Un änne Gette!” warf Mathias ein. “Änn Schtrick gnautscht se im Handumdrehn dursch!”
Schließlich hoben wir behutsam den Sack mit dem Ferkel vom Hänger. Jürgen trug die zappelnde Last bis zum Stall.
Mathias rief belustigt: “Guckt nor mal, die hat sich sogar schon eigepißt!” Er wies mit dem Finger auf einige dunkle
Flecken im Gewebe. ”Du Flasche hättest in so einer Situation schon vor Angst eingeschissen!” nahm Dietmar das Ferkel in Schutz.
Olm löste mit seinen flinken Würstchenfingern die Verschnürung und “schüttelte” vorsichtig das Schweinchen aus dem
Sack heraus. Benommen vom Transport und geblendet vom grellen Halogenlicht stand es einige Sekunden völlig bewegungslos da und versuchte dann mit einem spontanen Blitzstart in die schützende Dunkelheit zu entkommen.
Vergeblich, der Graue Wolf hatte es an einem Hinterlauf erwischt und steckte dafür einige wütende Bisse ein. Trotzdem
ließ er nicht los, und ungeachtet des herzzereissenden Quietschens stopfte er das aufgebrachte Tier in die Hütte. Aus,
und Klappe zu. Eine Weile noch randalierte das Ferkel in seiner Behausung, dann wurde es in der “Schweinevilla” allmählich still. Ihr Bewohner war vor Erschöpfung eingeschlafen.
Trotz des sternenklaren Himmels war die Nacht sehr mild. Wir hatten ein Feuer angezündet, und bevor die Nachtschicht
mit der Arbeit begann, spendierten die “Durchörterer” Rostbratwürste und Kammsteaks aus ihrem Kühlschrank. Sie verfügten garantiert über einen sehr heißen Draht zur Küche...
Wir klönten noch eine ganze Weile über unser Schwein, wie wir es “abrichten” und erziehen wollten, bis es erwachsen
wäre. “Ja, und dann...?” fragte jemand. Betretenes Schweigen: daran wollte im Augenblick keiner von uns denken.

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