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6. BERLINER PFANNKUCHEN
Mehr als fünf Stunden benötigte ich mit dem Traktor für die Strecke von Bogorodshany nach Gorodenka. Der Sitz des
Minsker Dieselkamels hatte mir den Hintern arg wundgescheuert, und ich benötigte immer öfter Pausen, um die brennenden Schmerzen etwas abklingen zu lassen. Die Sonne ballerte dazu noch unbarmherzig.
Trotz des geöffneten Wagendachs und heruntergedrehten Seitenscheiben brachte der mickrige Fahrtwind kaum eine
spürbare Abkühlung. Wie sollte diese Hitze noch jemand ertragen können, wenn erst der richtige Sommer ins Land zog?
Alle hatten wir gemeckert und vom “Russischen Winter” gefaselt, als die Temperaturen in Bogorodshany doch noch unter
minus 15° Celsius sanken. Jetzt aber wussten wir nicht, was wir eigentlich noch ausziehen sollten. Die Rübensteiner
schienen vom Einbruch der “Vulcano-Periode” unbeeindruckt zu sein. Die Fellmützen klebten den Männern zwar an der
Stirn fest, und auch die Frauen trennten sich nicht von ihren bunten Kopftüchern aus reiner Schafwolle, doch kein
sichtbares Tröpfchen Schweiß war zu sehen. Die wattierten Armeejacken trotzten der Hitze, nach dem Motto: “Was warm
hält, hält auch kalt”. Die Kinder schienen diesen ganzen Temperaturrummel generell zu ignorieren. Sie standen barhäuptig,
mit den abenteuerlichsten Kreationen bekleidet, am Straßenrand, kontrollierten mit Argusaugen die Hemdtaschen der
vorbeifahrenden “Ausländer” auf hervorlugende Zigarettenschachteln und entschieden je nach dem, ob der Fahrer die
gewünschte Nikotinpackung aus dem Fenster warf, ihm entweder ein “Heil Hitler” oder ein vernichtendes “Victory” durch
Spreizen von Zeige- und Mittelfinger zu signalisieren. Ohne es zu wissen, zerstörten sie mit ihren Gesten unsere gesamte
Gefühlswelt. Das Zeichen “Victory” ließ sich ja noch akzeptieren. Schließlich waren ja ihre Eltern und Großeltern die
“Sieger”, doch wozu dann der Hitlergruß? Wollten uns die kleinen, unbefangenen Kinder damit zum Ausdruck bringen,
dass wir Nachfolger dieses unheilvollen Systems waren? Im krassen Kontrast dazu standen die Reaktionen älterer
Menschen: Frauen verbeugten sich vor uns, Männer zogen ihre Kopfbedeckung und neigten fast ehrerbietig den Kopf. Was
sollte man davon halten? Als ich wegen meines geplagten Hinterns eine Weile am Rande eines Dorfes pausierte, dauerte
es nicht lange, bis mir eine Frau einen Krug mit frischer Milch brachte und dazu selbstgebackene Piroggen reichte. Ein
Mann setzte sich dazu und bot mir eine Papyroshi (Zigarette aus selbstangebautem Tabak) an. Obwohl ich nicht das erste
Mal in der UdSSR war, beeindruckte mich so ein menschliches Verhalten jedes Mal aufs Neue. Gerade hier in der Ukraine
hatte der Faschismus entsetzliche Wunden hinterlassen. Fast in jeder Familie waren Opfer zu beklagen. Eigentlich mit
Recht hätten uns diese Leute ins Gesicht spucken können – was aber taten sie? Sie bewirteten die Nachkommen der
deutschen Eroberer... Hier, in diesem militärischen Sperrgebiet, gab es bislang keine ausländischen Touristen. Die
emotionale Gastfreundschaft musste also echt sein, ohne das Kalkül eines materiellen Vorteils, wie er in den “touristisch”
erschlossenen Großstädten der Sowjetunion durchaus schon üblich war. Selbst wenn wir manchmal beklaut wurden,
überwogen doch die Hilfsbereitschaft und die Anständigkeit der Menschen die diebischen Eigenschaften einzelner um ein Mehrfaches – es konnte einfach nicht relativiert werden.
Ich fuhr gewissenhaft nach Angaben einer Karte des Gebietes “Iwano Frankowsk”. Nahezu jeder von uns hatte sich so ein
riesiges Messtischblatt für 90 Kopeken gekauft, die Angaben auf diesem Kartenblatt wichen jedoch manchmal von der
Realität etwas ab. Wenn ich mit meiner schmutzigen Fingerspitze auf einer, entsprechend der Karte, tadellosen
Landstraße entlang radierte, konnte diese durchaus in einem erst unlängst erschlossenen Steinbruch enden. Den
Erbauern musste entweder das Geld, oder das Dynamit ausgegangen sein. Dank meiner Sprachkenntnisse fand ich auf
abenteuerlichen Schleichpfaden immer wieder zur Hauptrichtung “Gorodenka” zurück. Man durfte hier einfach nicht
zimperlich sein. Die Sonne und die Auskünfte “verroht” anmutender Einheimischer waren immer noch besser als eine
scheinbar gute Karte. Instinktiv fühlte ich mich hier absolut sicher. Der “Belorus” wackelte geduldig über die holprigen
Waldwege und ich genoss den Zauber dieser wunderbaren, nahezu unberührten Natur. Notfalls konnte ich den Inhalt eines
200 Liter Diesel-Fasses nach und nach in meinen Traktortank pumpen, ausreichend bis zu den Vororten Moskaus.
Kilometerweit ging es durch Birkenwälder, deren Bast durch keine Industrieabgase geschwärzt war und aus deren dicken
Stämmen die Bewohner umliegender Dörfer einen kristallklaren Saft gewannen. Keine Motorkettensäge jaulte in diesen
märchenhaften Wäldern den Bäumen ihr Todeslied. Wenn gefällt werden musste, stand Mann gegen Baum und manchmal überlebte der Baum...
Ich hatte das Handgas auf “Schleichfahrt” gestellt. Eile war nicht unbedingt angesagt. Die lieben Küchenmädchen in
Bogoroshany versorgten mich mit einer unwahrscheinlich großen Tagesverpflegungsportion - die Tüte quoll nahezu über.
Vor mir scheute ein Pferd und riss den flachen Wagen mit der Doppeldeichsel in das dichte Unterholz. Ich bremste sofort,
und der Hänger stöhnte schlagartig mit seinen Druckluftbremsen zurück. “Stoi, Burik” (“Halt, Brauner”), gellte eine hohe
Mädchenstimme aus dem Dickicht. Ein Mann eilte herbei und hielt den erschrockenen Gaul an den Zügeln fest. Das Tier
stampfte noch einige Male mit den Hufen und verdrehte seine Augen, doch der schnauzbärtige Mann klopfte ihm
beruhigend auf die Kruppe. Das Mädchen, ich schätzte sie auf ungefähr sieben bis acht Jahre, musterte neugierig den
Traktor mit dem seltsamen Nummernschild. Ihr Vater hatte das Pferd besänftigt. Ich war aus dem Fahrzeug ausgestiegen
und hielt dem Tier eine “Wurzener-Zitronenwaffel” vor die Nüstern. Einen Moment zögerte das Pferd. Es schnoberte an der
Hand mit dem dargebotenen Leckerbissen und überlegte anscheinend, ob es mich vielleicht nicht doch lieber beißen sollte
? Zu meinem Glück gewann die Verfressenheit Oberhand... die angerissene Packung Waffeln gab ich dem Mädchen, das mich zum Glück nicht mit riesengroßen gelben Pferdezähnen bedrohte...
Ursprünglich hatte ich angenommen, die beiden wären Goralen, doch der Schein trog: es waren waschechte Zigeuner.
Bisher kannte ich diese Menschen nur aus Erzählungen und Filmen. Die Familie wohnte gemeinsam mit der Großmutter
in einer kleinen Einsiedelei nahe der Erdgasleitung. Das Mädchen schrotete emsig die DDR-Waffeln, während das Pferd chancenlos versuchte, nochmals an die ausländischen Leckerbissen zu gelangen.
Es wären nur noch 12 Kilometer bis Gorodenka, versicherte mir der Mann, worauf ich ihm meinen Verpflegungsbeutel
schenkte. Der braungebrannte Zigeuner bedankte sich und lud mich zu einem Besuch ein. Die Adresse kritzelte er zusammen mit einer Wegskizze auf meine Zigarettenschachtel. Ich ahnte damals noch nicht, dass ich mein
oberflächliches Versprechen ziemlich bald einlösen würde...
Der dichte Märchenwald endete nach einer weiteren halben Stunde Zottelfahrt an einer Straßenkreuzung. Der Weg war
kaum noch als solcher erkennbar, Straßenschilder gab es auch keine. Ich mußte daher einen betagten Radfahrer, der seinen Drahtesel allerdings schob, nach der Richtung von Gorodenka fragen:
“Da,da prjamo” (“Ja, ja, geradeaus”), mümmelte der Alte. Die drei ihm verbliebenen Zähne standen sicherlich unter
Denkmalschutz. Ich nahm ihm sein Fahrrad, dessen Kette wahrscheinlich schon das erste Mal bei Napoleons Rückzug
über die Beresina gerissen war, ab und legte es auf den Hänger. Normalerweise hätte ich den Mann nicht mitnehmen
dürfen, doch schließlich hatte er nicht mich, sondern ich ihn angehalten. Mein Mitfahrer schien sich mit dem “Belorus”
bestens auszukennen. Mit erstaunlicher Sachkenntnis hatte er sich auf den Tank der Klimaanlage niedergelassen, als
wäre er dort aufgewachsen. Mit seinem skurril verhornten Mittelfinger der rechten Hand klopfte er an die Frontscheibe des
Traktors, um mir noch einmal zu bestätigen, dass wir auf dem rechten Weg waren. Ich schaltete hoch, und der Traktor “jagte” mit mehr als 50 km/h über die glatt asphaltierte Landstraße.
Am Horizont grüßten die Karpaten mit ihren weißen Schneekappen und rückten trotz der rasanten Fahrt kaum näher
heran. Faszinierend waren sie schon, diese Hochgebirgsgipfel. Noch nie in meinem Leben hatte ich welche so nahe
gesehen. Die Alpen und die Pyrenäen kannte ich nur aus dem Erdkundebuch in der Schule. Ich nahm mir fest vor, alle Möglichkeiten zu nutzen, um möglichst direkt in die Nähe dieser Zauberberge zu kommen.
Endlich tauchte auf der schnurgeraden Landstraße ein Straßenschild mit dem Namen “Gorodenka” auf. Der Großvater
lachte und deutete auf einen mit Wildkirschen gesäumten Weg: “Dojechali.” (“Wir sind da”.)
Ich hob sein Fahrrad vom Hänger und bedauerte, dass ich nichts mehr hatte, was ich ihm hätte schenken können. Aber
das Großväterchen war ohnehin schon glücklich darüber, dass ich ihm den weiten Weg erspart hatte. Bis zum Wohnlager war es nur noch ein Katzensprung. Die Kette am Lagereingang rasselte herunter, als ich todmüde
Gorodenka erreichte.
Mir zitterten die Finger mit dem Sicherheitsschlüssel. Ich zerkaute nach der Anmeldung bei der Wohnlagerleitung einen
wüsten Fluch zwischen meinen Zähnen: nach dem Fiasko in Bogorodshany mit dieser elenden Ungarnbaracke drohte mir
jetzt noch ein tieferer Absturz. Ich sollte in einen Wohnwagen ziehen. Nichts hasste ich mehr, als diese in der ganzen
Republik rekrutierten Schnarchwaggons. Absolut kein Komfort. Zur Toilette, zum Duschraum und in den Speisesaal
musste man “unendliche” Wegstrecken latschen, um die einfachsten Bedürfnisse erledigen zu können.
Wiederum bewiesen mir die “Frühankömmlinge”, dass auch dieser Bruch mit der feinen Gesellschaft durchaus positive
Seiten haben kann. Sie waren natürlich schon eher angekommen und nutzten die Gunst der Stunde, während ich mit dem
Traktor dahinzottelte. Mir blieb lediglich ein Platz in der sogenannten “Furz-Zone”. Ein Platz oben auf einem
Doppelstockbett, der nicht nur den Mücken einen idealen Tummelplatz bot, sondern wo sich auch die verdauungsbedingten Abgase an der gewölbten Wagendecke stauten... Ich war jedoch so fix und fertig, daß ich mein
Bettzeug auf das Bettgestell schmiss und nur noch wie im Traum wahrnahm, daß meine Kollegen die schön marmorierten
Mücken massenhaft breitschlugen, die trotz des Fliegengitters durch geheime Schlupflöcher in das Innere des
Wohnwagens gelangt waren. Die einzige effektive Methode, um diese Plagegeister tatsächlich spürbar zu dezimieren, war
eine simple Wachskerze auf einem Unterteller. Die Biester flogen durch die Flamme und verbrannten sich dabei die Flügel.
Das Ergebnis: früh lag eine zentimeterdicke, graue Schicht versengter Mückendamen auf dem Teller. Dieses Verfahren
war zwar offiziell wegen Brandgefahr verboten, doch niemand konnte diese unerlässlichen Exekutionen auf die Dauer verhindern.
Früh klingelte ein Wecker. Es war kein moderner elektronischer mit seinem jämmerlichen Gefiepe, sondern ein
mitgebrachtes Blechmonstrum der ersten Weckergeneration mit Doppelklöppeln. Das Gerassel erfüllte den gesamten
Wohnwagen mit Leben und drang ungehemmt durch dessen dünne Wände. In den benachbarten Waggons rumpelte es,
und jemand brüllte: “Mach die verdammte Blechtrommel aus!” Der Besitzer dieses Weckinstruments ignorierte einfach
diesen Wutausbruch und lauschte genussvoll, bis das Federwerk abgelaufen war und der Wecker nur noch mehrere Male
kraftlos nachschepperte. Mein Kollege unter mir saß bereits in seinem Bett. Ich richtete mich ebenfalls auf und setzte
mich auf die Bettkante. Meine ungewaschenen Füße baumelten in Gesichtshöhe des “Untermieters”... Auch die anderen
waren nun aus ihren Kojen gekrochen, und wir gähnten uns gegenseitig an, bis die Kinnladen knackten.
Auf dem Weg zur “Waschburg” stellten wir fest, daß es draußen ganz schön frisch war. In den Duschwagen gab es keine
freien Plätze mehr, und so sicherten wir uns schnell jeder einen Waschtisch, ehe die nächste Welle Reinlichkeitsfanatiker eintraf.
Nach dem Frühstück, ich hatte mich breitschlagen lassen und eine entsetzlich süße Caramelsuppe hinuntergewürgt,
fuhren wir zur neuen Baustelle. Der “LD” zog den Materialwagen, und ich schleppte mit dem Traktor den Kipper und das
Stromaggregat hinterher. Trotz der schweren Anhängelast war der LKW wesentlich schneller als ich mit dem “Belorus”.
Damit ich den Weg nicht verfehlte, warteten die Kollegen geduldig an jeder Straßenkreuzung und Abbiegung auf mich, bis
ich auf Sichtweite heran war. Den Aufenthaltswagen hatten die anderen bereits am Vortage bis zur Baustelle gezogen und
auch gleich ordnungsgemäß aufgestellt. Zeit dafür war ja genügend vorhanden. Nach etwa 8 Kilometern Fahrt sah ich
bereits den orangefarbenen Anstrich unseres “Luxuscampers” durch die Bäume eines ausgedehnten Mischwaldes schimmern.
Es mag zwar komisch klingen, doch die Baustelle war – von der Lage und vom Umfang der zu erledigenden Arbeiten aus
betrachtet - einfach wunderschön. Die Kumpels warteten bereits ungeduldig auf meine Ankunft. Der Stromerzeuger wurde dringend benötigt.
Unser Meister war schon auf der Baustelle eingetroffen und erläuterte uns die anstehenden Aufgaben: mehrere
Rohrabschnitte mussten vollständig gereinigt und isoliert werden. Nach 200 Metern in Baurichtung endete die Pipeline vor
der Durchörterung einer zweigleisigen Eisenbahnlinie. Das überdimensionierte Schutzrohr unter dem Gleiskörper war
schon eingebaut. Ein entsprechend zugeschnittenes Rohrstück lag ebenfalls bereit. Nach Fertigstellung seiner Isolierung
und einer sogenannten “Umlattung” würde es durch das Schutzrohr geschoben werden. Anschließend mussten die an den
Stirnseiten des Schutzrohres verbleibenden Öffnungen zwischen Gasleitung und Schutzrohr sorgfältig verschlossen
werden. Beim späteren Verfüllen des Rohrgrabens durften keine Erdmassen, bzw. Steine eindringen. Zwei Passstücke
links und rechts der Durchörterung würden diese schließlich mit der Gasleitung verbinden. Ein äußerst arbeits- und
zeitaufwendiges Verfahren! Zudem waren die Arbeiten an diesem letzten Abschnitt nicht ganz ungefährlich: stündlich
passierten mehrere Züge mit unverminderter Geschwindigkeit die Baustelle in beide Richtungen. Trotz mehrfacher
eindringlicher Bemühungen der Baustellenleitung um eine vorübergehende Geschwindigkeitsbeschränkung hielt die
zuständige sowjetische Eisenbahnverwaltung ebenso hartnäckig dagegen. So blieb uns dann nichts anderes übrig, als in
eigener Regie Sicherungsposten aufzustellen, denn wir mussten die Gleise arbeitsbedingt häufig überqueren.
Der weiße Küchen-ARO rollte heran. Der Fahrer brachte das zweite Frühstück, eine große Aluminiumkanne Frischwasser
und eine Thermophore mit Milch und einen Karton mit Fruchtsäften sowjetischer Produktion. Besonders beliebt bei uns
war der kristallklare, leicht süßlich schmeckende Birkensaft. Mathias guckte neugierig in jedes der Behältnisse. “Und
Brötchen?”, fragte er den Küchenfahrer. Der hob bedauernd die Schultern: “Sind leider alle.”meinte er. “Die Bäckerei ist
einfach nicht in der Lage, sämtliche Baustellen gleichzeitig zu beliefern, und da reichen die paar Brötchen nur für den
Speisesaal im Wohnlager.” Mathias war ehrlich empört: “Mir orweiten hier wie de Geharnamputierten un de Lackschuhe
fressen uns im Lager de Brötchen un aach ..n Guchen weg!” Wir lachten über den verfressenen Kerl. Sein Wutausbruch
war nicht gespielt und im Prinzip hatte er auch Recht. Täglich gab es im Wohnlager knackig frische Brötchen und dazu
sonntags auch noch mehrere Sorten Kuchen. Wenn wir früh zur Schicht fuhren, waren die Brötchen natürlich noch nicht
fertig. Abends, nach unserer Rückkehr, gab es keine mehr, denn das Verwaltungspersonal schlug mächtig zu und
schleppte die Brötchen tütenweise für den Nachmittagskaffee in die Unterkünfte. Nur ausnahmsweise brachte der Küchenfahrer sonntags für jeden ein Stück Kuchen mit. Die frische Milch, wie heute, gehörte auch zu den
“Verpflegungsraritäten”. Sollten in den nächsten Tagen die Temperaturen noch weiter steigen, bedeutete dies das
endgültige Aus für die Milchlieferungen. Die lebensmittelhygienischen Bestimmungen hier waren hart. Man befürchtete,
daß die Milch durch höhere Temperaturen und längere Anfahrtszeiten zu den Baustellen zu säuern begann und bei den
Kollegen Durchfall auslösen könnte. Für diese Einschränkung hatten wir durchaus Verständnis, zumal wir dieses Problem
auf unsere Weise lösten: Eine frischgeräucherte Schweinslende, eine abgehangene Salami aus Eberswalde oder Döbeln,
dazu einige Obstkonserven. Die einheimischen Häusler hätten uns für diese Leckerbissen notfalls ihre Kuh bis vor den
Bauwagen getragen... Jedenfalls floss die frische Milch in Strömen. Wir füllten sie in leere Saftgläser und stellten diese
anschließend in den Kühlschrank. Bereits nach wenigen Stunden hatte sich oben eine dicke Schicht gelblichen Rahms
abgesetzt. Die Obrigkeit wusste selbstverständlich von solchen Geschäften und löste daher sofort “Tuberkolose-Alarm”
aus. Natürlich pfiffen wir auf solche Mätzchen, denn jeder Tuberkelbazillus hätte sich in dieser Einöde hier ohnehin selbst
zu Tode gegrämt... Darüber hinaus gab es im Sortiment des einheimischen Frischmarktes noch Smetana, dicke
Sauermilch, Käse und Honig und - nicht zu vergessen - den allerbesten Samogon, gebrannt nach einem Jahrhunderte
alten Reinheitsgebot. Schließlich wollte man ja nicht seine beste Kundschaft vergiften... Später wurde das Angebot noch mit Gemüse und Obst bereichert. Bezahlt wurde immer mit der gleichen Währung.
Zum Säubern der angerosteten Stahloberfläche des Rohres benutzten wir Zweihandwinkelschleifer mit Topfbürsten. Zum
Schutz vor den abgetragenen Rostpartikeln trugen wir Vollgesichtsmasken und Lederhandschuhe mit langen Stulpen. Die
Arbeit war kräftezehrend. Bereits nach einer halben Stunde hatte man kaum noch ein Gefühl in den Armen, so dass nach
Ablauf dieser Zeit eine kurze Verschnaufpause eingelegt werden musste. Besonders anstrengend waren die unteren
Rohrabschnitte zu reinigen. Dazu zwängten wir uns vollkommen unter das Rohr und hielten dabei die schweren Maschinen
über dem Kopf. Abgebrochene Stahldrähte der Topfbürste sausten wie silberne Pfeile durch die Luft und bohrten sich durch
das Gewebe der Arbeitsbekleidung tief in die Haut. Lederbekleidung erhielten nur die Kollegen der Schweißerbrigaden.
Uns gab man nur textile, schwer entflammbare Schweißeranzüge, die einem solch massiven Beschuss natürlich nicht standhielten. Wir arbeiteten zu dritt und tauschten in regelmäßigen Abständen die Plätze.
Bald schon war ein großer Rohrabschnitt rostfrei, und zwei weitere Kollegen begannen die metallisch glänzende
Oberfläche mit Putzlappen abzuwischen, um auch den letzten Roststaub zu entfernen. Bevor sie mit dem Auftragen des
Primers beginnen konnten, musste ein Sicherheitsabstand “vorgearbeitet” werden, denn die rotierenden Bürsten entfernten
nicht nur die Rostpartikel, sondern produzierten auch ganze Schwärme knisternder Funken. Die verdampfenden Lösungsmittel des Primers hätten sich augenblicklich entzündet!
Bis zum Mittag entrosteten wir eine ganze Rohrlänge (ca. 12 m). Die durchgeschwitzte Kleidung klebte uns am Körper.
Ehe wir uns ausgiebig waschen konnten, mussten die “Drahtprojektile” einzeln mit den zerklüfteten Fingernägeln herausgezupft werden...
Die Küche hatte sich heute wieder selbst übertroffen: Spargelsuppe, Pommes frites mit Lendensteaks und Buttererbsen.
Als Nachtisch gab es wie üblich Obstkonserven. Diese benötigten wir als “harte Währung” für unsere Tauschgeschäfte.
Vor einiger Zeit hatte irgendein bekloppter Küchenlackschuh, dem der florierende Handel auf den Baustellen missfiel,
angeordnet, dass sämtliche an die Baustellen ausgelieferten Obstkonserven anzustechen waren. Natürlich sank dadurch
der Warenwert auf Null, und wir schmissen die Büchsen in die Abfallgrube. Erst nach heftigen Protesten wurde diese sinnlose und “geschäftsschädigende” Verfügung wieder aufgehoben.
Das Essen schmeckte vorzüglich. Leider hatten die Pommes unter dem Transport in der Thermophore arg gelitten – man konnte die ehemals knusprigen Kartoffelstäbchen buchstäblich um die Finger wickeln...
Während der Küchenfahrer geduldig auf seinen obligatorischen Gratiskaffee wartete, entbrannte die Diskussion bezüglich
Frühstücksbrötchen und Kuchenlieferungen aufs neue. Dietmar, der neue Schieber, verblüffte uns durch seine kurze
Bemerkung: “Warum backen wir denn nicht selber Kuchen?” Nun, ganz so abwegig war die Idee nicht. Zutaten konnten,
falls sie nicht schon vorhanden waren, leicht beschafft werden. Das Haupthindernis: wir hatten keinen Backofen. In der
DDR gab es elektrische Minibacköfen. Hier, in den sowjetischen Haushaltwarengeschäften hatte ich bisher nur elektrische
Waffeleisen gesehen. Möglicherweise gab es auch Geschäfte, in denen Kleinbacköfen angeboten wurden, doch die
musste man erst einmal finden... Außerdem müssten sich dann alle Kollegen am Kauf beteiligen. So ein Ding würde zwar
nicht die Welt kosten, aber jeder teilte seine “Rüben” (Rubel) in der Regel sehr sorgsam ein, um ohne zusätzlichen
Umtausch über den Monat zu kommen. Diese Möglichkeit schied also vorläufig aus. Während wir unseren Kaffee tranken,
hatte sich dieses Thema für die meisten schon wieder erledigt. Möglicherweise habe ich vor Freude rote Ohren bekommen
, so unerwartet kam mir der rettende Einfall: “Pfannkuchen!” Etwas einfacheres konnte man sich überhaupt nicht vorstellen
, und im Prinzip hatten wir fast schon alles für deren Produktion an “Bord”, bzw. im Kühlschrank. Was noch fehlte, musste
“Bulette”, der Küchenfahrer, heranschaffen. Ich opferte eine Seite meines Notizbuches und schrieb meinen “Wunschzettel”
darauf, wartete, bis Bulette gelegentlich in meine Richtung schaute und gab ihm ein Zeichen, mit nach draußen zu gehen.
Der Küchenfahrer schaute sich meinen Zettel an und nickte zustimmend. Wir benötigten Weizenmehl, zwei Zitronen,
Bäckerhefe, Puderzucker bzw. feinen Kristallzucker, mehrere Flaschen Öl, einen mittleren Kochtopf mit Deckel, einen
Schaumlöffel und eine Teigrolle. Es war durchaus üblich, dass von Kollegen der verschiedenen Baustellen Sonderwünsche
an die Küche gerichtet wurden: Kakao, Gewürze, Teigwaren, Zucker (Würfelzucker und Büchsenmilch mussten allerdings
selbst am Brett gekauft werden), Margarine usw. Diese und andere Artikel lieferte die Küche auch prompt und ohne
weitere Rückfragen. Natürlich Frischfleisch und –fisch, sowie Rohwurst (Rostbratwurst) ausgenommen. Eine solche
Einschränkung war aber vollkommen berechtigt. Die Gefahr von Lebensmittelvergiftungen konnte nicht ausgeschlossen
werden. Bei Verlegungen zur nächsten Baustelle funktionierten die Kühlschränke nicht, und bei der gegenwärtigen Hitze
würden solche Lebensmittel rasch verderben. Allerdings wurde selbst dieses strikte Verbot regelmäßig unterlaufen. Neben
oder hinter den Wohnbaracken hatten sich die Lackschuhe gemütliche Sitzecken eingerichtet, und fast jeden Abend wurde dort gegrillt. Woher die “Rohstoffe” für die Grillpartys stammten, blieb unklar...
Bis zum Schichtwechsel schafften wir es, die angefangene Rohrlänge fertig zu isolieren – zwei Lagen “Rot” und eine Lage
“Grün”. Nach der Ankunft im Wohnlager fuhren wir gemeinsam mit einer Schweißerbrigade baden. Die Jungs hatten ganz
in der Nähe einen See mit kristallklarem Wasser entdeckt und für die Fahrt einen PAS-Bus organisiert. Der kleine Bus
sowjetischer Produktion wirkte durch seine abgerundeten Formen etwas moppelig, verfügte aber über ausgezeichnete
Fahreigenschaften. Den PAS-Bus gab es in zwei Versionen: Normalantrieb und Allrad. Obwohl unser Bus keinen
Allradantrieb besaß, jagte ihn Manfred, der Busfahrer, unbarmherzig querfeldein. Durch diese gewagten Abkürzungen
hatten wir den Badesee bald erreicht. Von den Schweißern als Geheimtipp verschwiegen, war der See jedoch für die
Einheimischen ein beliebter Freizeittreffpunkt zum Baden und Angeln. Ein illustres Völkchen hatte sich hier versammelt: vorwiegend Kinder und Halbwüchsige, aber auch Erwachsene.
Das Wasser des Sees war sehr sauber. Den Grund bedeckte weißer Kalksand. Nach einer schmalen Flachwasserzone
fiel das Ufer steil ab. Eine frische Brise kühlte nicht nur angenehm, sondern trieb auch einige träge Wellen an das sandige
Ufer. An einigen Lagerfeuern wurden Fisch und Schaschlyk gebraten. Obwohl wir im Wohnlager bereits Abendbrot gegessen hatten, ließ uns der verführerische Duft das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Eine noch junge, aber ziemlich kompakt gebaute Mutti saß auf einem Felsbrocken unmittelbar am Wasser und
beaufsichtigte ihren etwa dreijährigen Spross. Bekleidet mit einem kurzen Hemdchen, hatte dieser ein gewaltiges Loch in
den Sand gebuddelt, so dass nur noch das blanke Hinterteil herausragte. Als dem Kleinen die Graberei zu langweilig
erschien, kroch er rückwärts aus der Grotte heraus und wischte sich das sandverschmierte Gesicht ab. Unversehens
sprintete er mit seinen kurzen Beinchen los und rannte in den See. Bereits nach einigen Metern verlor er den Boden unter
den Füßen und verschwand lautlos im Wasser. Nur das weiße Hemd schimmerte noch als heller Fleck in den Fluten.
Einige von uns liefen zum Wasser, um dem Kind zu helfen, ehe es in den Tiefwasserbereich gelangte. Doch die Mama war
bereits aufgestanden und watete ohne Hektik bis zu der Stelle, an welcher ihr Spross verschwunden war. Zielsicher langte
sie ins Wasser und zog den Knirps heraus. Eine Welle schwappte unter den Rock der Dicken und bauschte ihn zu einer
Glocke auf. Am Ufer setzte sie den Jungen in den Sand. Dieser hatte einige ordentliche Züge geschluckt, hustete und
hickste ein Weilchen und – wir wollten unseren Augen nicht trauen –lief wieder ins Wasser! Das ganze Schauspiel
wiederholte sich noch mehrmals, bis die Mutti die Faxen dicke hatte, dem Bengelchen das Hemd auszog und ihn in eine
flauschige Badestola wickelte. Dies schien ihm, obwohl er schon ziemlich blaugefroren war, überhaupt nicht zu passen
und zum ersten Mal hörten wir ihn lautstark protestieren. Das Wasserschlucken hingegen hatte ihn absolut kalt gelassen.
Unwillkürlich musste ich an die Brüllorgien des größten Teils unserer Kleinkinder in den heimischen Schwimmbädern
denken. Hier wuchsen die Kinder unter vollkommen anderen Bedingungen auf, wohlbehütet, aber nicht verhätschelt. Die
anderen Badegäste hatten dem Vorfall kaum Beachtung geschenkt. So allmählich und unkompliziert lernten die Kinder hier das Schwimmen.
Der See wurde von einer Quelle gespeist, die nahe einer Landzunge aus dem Felsgrund sprudelte und im Laufe der Zeit im
Kalkgestein einen geräumigen Quelltopf ausgewaschen hatte. Das überschüssige Wasser speiste einen kleinen Fluss,
der in zahllosen Mäandern in Richtung seines großen Bruders Dnjestr floss, nachdem er sich unterwegs mit einigen namenlosen Gebirgsbächen aus den Karpaten gemästet hatte.
Badehosen besaß keiner von uns, doch hier wurden auch Turnhosen akzeptiert – FKK allerdings würde auf völliges
Unverständnis stoßen. Die Wassertemperatur entsprach der, wie sie die Ostsee im März hat, und ich überlegte ernsthaft,
ob ich nicht unter Vortäuschung einer Fußverletzung ans Ufer zurückhumpeln sollte. Hier gab es aber keinen Trinkermüll
und auch keine Blechdosen, an denen man sich so herrlich die Füße zerschneiden konnte... Unsere gesamte Schar
zögerte sichtlich mit dem “Einstieg”, bis sich Speiche, einer der Schweißer, mit tierischem Gebrüll in die Fluten stürzte.
Nun mussten wir wohl oder übel folgen, denn vor den neugierigen Rübensteinern wollten wir uns nicht unbedingt als Weicheier blamieren.
Als ich in das eiskalte Wasser plumpste, stockte mir für einen Moment der Atem. Mit hektischen Schwimmbewegungen
versuchte ich den Kälteschock zu überwinden. Nach wenigen Minuten hatte sich der Organismus einigermaßen gefangen.
Ich schwamm jetzt parallel zur Abbruchkante und tauchte den Kopf unter Wasser. Dicht neben mir fiel eine Felswand fast
senkrecht in die Tiefe. Der Grund blieb trotz der erstaunlichen Reinheit des Wassers unsichtbar. Fadenalgen und
verschiedene Wasserpflanzen besiedelten die Steilwand und wedelten langsam in der unsichtbaren Strömung. Dicht unter
mir stand ein Schwarm mittelgroßer Barsche. Die prächtig gezeichneten Fische flüchteten, als ich näher kam, und
versteckten sich im dichten Pflanzenbewuchs. Ein Tauchgerät, oder wenigstens einen Schnorchel müsste man hier haben
, fiel mir ein. Ich schwamm in Richtung eines Schilfgürtels, der etwa 100 Meter neben dem Parkplatz unsere Busses
begann. Das Wasser wurde spürbar wärmer und auch flacher, denn ich konnte jetzt bis auf den Seegrund blicken. Ich hielt
auf das Ufer zu und stieg aus dem Wasser, unweit von einigen Anglern, die fast unbeweglich am Schilfrand hockten. Die
Sonne stand schon tief, wärmte aber noch ausgezeichnet und besänftigte bald das innerliche “Zähneklappern”. Trotzdem
beeilte ich mich, im Bus die nasse Hose zu wechseln und in den Trainingsanzug zu schlüpfen. Die meisten der Kumpels
hatten sich bereits umgezogen und schleppten jetzt einige Taschen mit Bier aus dem Bus. Nur drei aus der
Schweißerbrigade befanden sich noch im See und spielten mit einigen Rübensteinern Wasserball, bis der Brigadier auch sie aus dem Wasser pfiff.
Wir sammelten am naheliegenden Waldrand trockenes Fallholz und hatten schnell einen ordentlichen Berg zusammengetragen. Bald knisterte auch bei uns ein Lagerfeuer. Die Bierflaschen standen batterieweise im Sand. Die
lokalen Mückenschwärme starteten erste Erkundungsflüge. Einer der Angler hatte seine schlichte Ausrüstung verstaut und
schlenderte “zufällig” näher. Die Augen klebten wie Saugnäpfe an den Spezialbier-Flaschen. Speiche war zuletzt aus dem
Wasser gestiegen, hatte aber bereits eine Flasche leergegurgelt und bemerkte die sehnsüchtigen Blicke des
“Sportfischers”, winkte ihm zu: “Komm her, Nikita!” Der so unkonventionell Eingeladene setzte sich neben Speiche in den
Sand, den prallen Rucksack mit seinen Angelutensilien hatte er hinter sich abgestellt. Geschickt löste er mit einem
Holzstück den Kronverschluss von der Flasche, bevor ihm der Schweißer den Flaschenöffner zureichen konnte.
Die Sonne rutschte gemächlich in den See, um ihr abendliches Bad zu nehmen, als uns Leonid, so hieß “Nikita” wirklich,
einiges über das 27 Quadratkilometer große Gewässer erzählte. Eine kleine Fischereigenossenschaft würde den See
bewirtschaften, und die Mitglieder verdienten auch ganz ordentlich. Er zählte einige der hier vorkommenden Fischarten auf,
von denen ich einige nicht übersetzen konnte, weil ich das deutsche Wort dafür nicht kannte. Nach der zweiten Flasche
Bier und sto-Gramm “Goldkrone” nahmen die Fische, die er angeblich schon gefangen hatte, merklich an Größe und
Gewicht zu. Jetzt war die Stunde des Anglerlateins angebrochen. Als Leonid unsere anfänglich ehrfurchtsvollen, aber nun
mehr belustigten Mienen bemerkte, griff er hinter sich und öffnete seinen voluminösen Rucksack. So wie ein
Varietézauberer ein Kaninchen aus dem Hut klaubt, zerrte Leonid mit einem Griff einen riesigen Fisch aus dem Rucksack:
einen Zander, ausgenommen und säuberlich geschuppt – sicherlich nicht weniger als 8 Kilo schwer. Selbst die
passionierten Angler in unserer Gruppe versicherten, daß sie so ein Prachtexemplar noch niemals am Haken gehabt
hätten. Der Mann war in unseren Augen völlig rehabilitiert. Er bot an, den Fisch für uns zu braten, doch es war schon
ziemlich spät geworden und darüber hinaus flogen die Mücken jetzt pausenlose Angriffe. Unbarmherzig stachen sie selbst
durch die dünnen Sommersocken. Wir verabschiedeten uns, schenkten dem Petrijünger noch einige übriggebliebene Flaschen Bier und stiegen in den Bus.
Bulette hatte Wort gehalten. Als er das Frühstück für uns brachte, waren die gewünschten Sachen dabei. Säuberlich in
einem Pappkarton verstaut. Puderzucker gab es zur Zeit keinen in der Küche, dafür hatte er besonders feinen
Kristallzucker mitgebracht. Teigrolle und Schaumlöffel konnte er auch nicht beschaffen. Von den Nudelhölzern gab es in
der Küche ohnehin nur zwei Exemplare, und die Schaumlöffel hatten die Größe eines Halteverbotsschildes... Ich schenkte
dem Küchenfahrer das versprochene Literglas Samogon. Er zeigte sich höchst zufrieden, und ich bin überzeugt, dass er
den Inhalt des Glases heute abend gemeinsam mit seinen Nordlichtkumpeln “aufarbeiten” würde.
Die Nachtschicht hatte eine weitere Rohrlänge entrostet und mit Primer eingestrichen. Drei Kollegen könnten also ohne
weiteres die entsprechenden Lagen der Isolierfolie wickeln. Dietmar, der Schieber, schüttelte verwundert den Kopf, als ich
ihm von meinem Vorhaben erzählte. Natürlich war er einverstanden - auch damit, dass mir der Graue Wolf mithelfen sollte.
Zappen würde heute auch kaum stören. Bereits früh am Morgen war er gemeinsam mit Sigi, dem Bauleiter, zu einer Dienstbesprechung gefahren.
Während Dietmar mit Uwe und Mathias in den Rohrgraben kletterte, bereiteten der Graue Wolf und ich die “Backstube” vor
. Die Wachstuchdecke auf dem Tisch im Aufenthaltsraum war zwar optisch noch einigermaßen sauber, doch Jürgen legte sicherheitshalber die neue Reservedecke auf.
Ich holte eine Schüssel Butter, Milch und Eier aus dem Kühlschrank. Drei Literflaschen Öl goss ich in den nagelneuen
Kochtopf von Bulette. Es blieben zwei Probleme: wir hatten keine Waage und auch keine Reibe für die Zitronenschale. Der
Versuch, die Fruchtschale mit einer Holzraspel zu “gewinnen”, scheiterte kläglich – die ölige Schale verschmierte die
feinen Zähnchen der Raspel und nichts ging mehr. Grauer Wolf erwies sich als kreativer Betriebshandwerker und wahrer
Meister der Improvisation. Aus einer großen Weißblechbüchse schnitt er längs einen breiten Streifen heraus, legte ihn auf
ein Brettstück und perforierte das Blech mit einem Nagel von der Innenseite her. Mit endloser Geduld setzte er Loch an
Loch, während ich mich der Zubereitung des Hefeteiges widmete. Die Eier und die Butter hatte ich auf das Schutzgitter
über dem Kondensator des Kühlschranks gestellt. In der Küche hatte man das bestellte Mehl in einen 5 kg-Plasteeimer
abgefüllt. Als Messbecher verwendete ich ein leeres Literglas. In einem kleinen Topf erwärmte ich auf dem Kocher etwas
Milch – die Temperatur prüfte ich mit dem Finger - und löste ein Stück der Hefe sowie etwas Zucker auf. Ohne zu warten,
bis die Hefe auflief, kippte ich die Flüssigkeit in eine Vertiefung im Mehlhügel, vergaß nicht einmal die berühmte Prise Salz
, und deckte die Schüssel mit einem Geschirrtuch ab. Während Jürgen noch eifrig seine Löcher in die zukünftige Reibe
stanzte, begann ich, das Etikett einer leeren Portweinflasche abzukratzen. Schließlich benötigten wir ja unbedingt ein Nudelholz.
Die Hefe in der Mehlkuhle schlug Blasen. Nach und nach mischte ich die Zutaten an den Hefeteig. Die Heimwerkerreibe
funktionierte vorzüglich. Das Häufchen Zitronenschale wuchs rasch und der Graue Wolf hatte zwei blutige Fingerknöchel.
Ich stäubte etwas Mehl über den Teigkloß, deckte ihn wiederum ab und hoffte inbrünstig, das Verhältnis der Zutaten richtig “geschätzt” zu haben.
Mathias kam in den Bauwagen. Er schnupperte und roch, nicht den Braten, sondern den intensiven Duft der gärenden Hefe
. Neugierig wollte er das Geschirrtuch auf der Schüssel lüften, doch Jürgen hieb ihm mit einem Esslöffel kräftig auf die
Finger und schnauzte ihn an: “Mach das du rauskommst, verfressener Affe!” Erschrocken verzog sich Mathias ins Freie, eine solche Abfuhr hatte er nicht erwartet.
Wir warteten ungeduldig. Schließlich wollten wir die Pfannkuchen bis zum Mittagessen fertig haben. Ich knabberte an
meinen teigverschmierten Fingern. Der Teig schmeckte leicht süßlich und erinnerte mich an die Schmalzbäckerei zu Hause.
Endlich, aus dem Teigkloß war ein großer Klumpen geworden. Mit leicht rissiger Oberfläche füllte er nahezu die ganze
Schüssel aus. Als ich das erste Teigstück brachte, hatte Grauer Wolf bereits die Wachstuchdecke sorgfältig mit Mehl
bestreut. Den Teig nochmals kurz durch durchgeknetet, dann kam die Portweinflasche zum Einsatz. Etwas ungewohnt,
aber es funktionierte. Nach einigen Anstrengungen entstand eine gleichmäßig dicke, große Teigplatte, die ich mit einem stumpfen Besteckmesser halbierte.
Jürgen war als Kind mit einem Mittelfinger in eine zufallende Tür geraten, und der Arzt hatte ihm mit einer Zange das
zerquetschte erst Fingerglied abgeknipst. So, wie man einem Dobermann den Schwanz kupiert. Der Finger, bestens
verheilt, hatte am unteren die Form einer idealen Halbkugel. Diese benutzte der Graue Wolf jetzt mit großer
Geschicklichkeit zum Eindrücken von Vertiefungen in die eine Teighälfte. In jede diese Dellen kleckste ich einen Teelöffel
voll Erdbeermarmelade. Zuletzt legten wir vorsichtig die andere Teigplatte auf die erste. Nach wenigen Minuten zeichneten
sich die Marmeladenhäufchen deutlich ab. Mit einem entsprechend großen Glas stachen wir vorsichtig die zukünftigen
Pfannkuchen aus, darauf bedacht, das Glas dabei etwas zu drehen, damit die Teigränder besser verklebten. Der Graue Wolf lachte und meinte träumerisch: “Das müsste jetzt meine Anetta sehen...”
Als sich die Pfannkuchen, die wir wieder gut abgedeckt hatten, allmählich aufplusterten, war es schon fast Mittag. Wir
hofften jedoch, daß Bulette auch heute wieder etwas später eintraf, denn wir waren die letzte Baustelle. Fast Punkt zwölf
ließ ich die ersten Pfannkuchen in das richtig temperierte Öl gleiten. Genau fünf Pfannkuchen passten in den Topf.
Gespannt beobachteten wir die sanft hin und her torkelnden Teigkugeln, die an der Unterseite bereits Farbe zeigten. Durch
sanftes Antippen mit einem Esslöffel drehten sie sich um. Ein bekannter, köstlicher Duft stieg auf, und wir mussten beide
vor Appetit schlucken. In Ermangelung einer Schaumkelle fischte ich die fertigen Pfannkuchen mit zwei Löffeln heraus,
ließ das Öl so gut wie möglich abtropfen und legte sie auf einen bereitgestellten Teller. Der Graue Wolf wälzte die
Pfannkuchen einzeln in einer Schüssel mit Zucker und legte sie dann zu Abkühlen auf eine Sperrholzplatte. Noch bevor
Bulette mit dem Mittagessen eintraf, hatten wir alles geschafft: die Pfannkuchen waren fertig und die “Küche” aufgeräumt. 21 Pfannkuchen ergab die angerührte Teigmenge.
Den Duft des frischen Gebäcks konnte man schon außerhalb des Aufenthaltswagens wahrnehmen. Der Küchenfahrer
blähte seine Nasenflügel auf, als er die Essenbehälter in den Bauwagen trug. Die drei Kollegen kletterten aus dem
Rohrgraben. Mathias verdrehte vor Begeisterung die Augen und grapschte sich sofort einen Pfannkuchen. Sein Diebstahl
wurde augenblicklich bestraft: er hatte zu seinem Pech einen der letztgebackenen Pfannkuchen erwischt und verbrannte
sich mit der noch kochendheißen Marmelade die Zunge. Geschmeichelt heimsten wir später beim Kaffeetrinken das Lob
der versammelten Mannschaft ein... Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben: die Pfannkuchen schmeckten wirklich großartig, obwohl, oder gerade weil sie unter solch besonderen Umständen gebacken wurden.
In der folgenden Zeit richteten wir es so ein, dass wir mindestens einmal in der Woche einen “Backtag” einplanten und
neben Pfannkuchen mit verschiedenen Füllungen auch Brezeln und Krapfen produzierten. Als eine Schweißerbrigade die
Passstücke der Bahndamm-Durchörterung zusammenfügte, fragten sie unseren Schieber, ob sie von uns auch
Pfannkuchen bekommen könnten. Das wurde jetzt allerdings kritisch, denn zusammen mit unserer Schicht hätten wir für
mehr als 20 Leute backen müssen. Für den Eigenbedarf reichten unsere “stillen” Zeitreserven. Doch dies war ja schon fast
ein professioneller Auftrag, und der würde uns locker einen ganzen Arbeitstag kosten. Der Brigadier der Schweißer
versprach aber, zu unserer Entlastung zwei Kollegen zu schicken. Am späten Nachmittag wurden im Freien an einem
schattigen Platz einige Tische zusammengestellt. Weiße Bettlaken gaben der “Tafel” ein fast festliches Aussehen. Jürgen
und ich hatten zwei riesige Schüsseln voll Pfannkuchen gebacken und Mathias mehrere Thermoskannen Kaffee gekocht.
Fehlende Stühle wurden dadurch ersetzt, indem wir aus Brettern provisorische Bänke errichtet hatten. Die Kumpels waren total begeistert. Von den Pfannkuchen blieb nicht ein Krümel übrig.
Die besonderen Fähigkeiten der Brigade HISO 1 sprachen sich schnell herum und wir erhielten außer dem Branchennamen “Wanderzirkus K.” noch die Zusatzbezeichnung “Fliegende Feldbäckerei”.
Eines Morgens teilte uns Bulette mit, daß er ab sofort keine Hefe mehr mitbringen dürfe. Wir waren natürlich ziemlich enttäuscht und beschlossen, die Hefe notfalls auf dem einheimischen Bauernmarkt zu kaufen.
Im Laufe des Vormittags hielt ein ARO an unserer Baustelle und zwei uns unbekannte Lackschuhe stiegen aus. Es waren,
wie sich schnell herausstellte, der Küchenleiter höchstpersönlich und ein Mitarbeiter der Gewerkschaftsleitung. Zuerst
nahmen wir an, dass sie einen “Trassenausflug” machten. Immerhin fuhren viele aus der Verwaltung früher oder später an
die verschiedenen Baustellen, um diese aus reinem Interesse zu besichtigen. Doch die beiden waren speziell wegen
unserer “Nebenbeschäftigung” aufgekreuzt. Der Küchenleiter hegte nämlich den Verdacht, das wir die relativ großen
Mengen Hefe zweckentfremdet zur Herstellung von Samogon verwenden würden. Tatsächlich hatte eine Brigade in einem
großen Plastebehälter mit Obstkonserven, Zucker, Wasser und Bäckerhefe aus der Wohnlagerküche ein Gebräu
angesetzt, ähnlich, wie es zur Herstellung von Samogon verwendet wird. Brennen konnten die Jungs das Zeug natürlich
nicht, dazu fehlten die technischen Voraussetzungen. Nach einer Woche gossen sie die “Braschka” durch ein Sieb in eine
große Thermophore und soffen den ganzen Kübel leer. Dieses Getränk ist sehr alkoholreich, schäumt wie Sekt und hat
auch einen angenehmen süßlichen Geschmack. Nebenwirkungen: außer einem handfesten Rausch werden die Beine
nahezu gefühllos. Jedenfalls war die ganze Brigade an jenem und auch noch am nächsten Tag restlos besoffen. Dass die
Kollegen keine “Roten Karten” (Rückdelegierung in die DDR) erhielten, verdankten sie nur ihrem bisher tadellosen Ruf und
ihren guten Arbeitsleistungen. Allerdings kostete dieses Besäufnis jedes Brigademitglied zwei Urlaubstage. Ähnliches
hatte der Küchenchef bei uns vermutet. Wir konnten ihn allerdings schnell davon überzeugen, dass bei uns die Hefe
tatsächlich nur zum Backen Verwendung fand. Bereits am nächsten Tag rollten die Triebmittellieferungen wieder an. Wir
schickten am nächsten Tag für die “Kollegen” von der Küche eine große Papiertüte mit frischen Pfannkuchen. Selbst die
Baustellenleitung zeigte großes Interesse an dieser Zusatzverpflegung. Am Zeuge flicken konnte sie uns nichts, denn die
Planvorgaben wurden ausnahmslos termingerecht erfüllt, und so planten und realisierten wir weitere Sortimentserweiterungen...
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