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DataIcon  5. AN DER BYSTRIZA

 Obwohl ich unsere Wohnlagerleiterin regelrecht angefleht hatte, mir nach dem Urlaub das alte Zimmer wiederzugeben, musste ich doch in eine dieser Ungarnbaracken ziehen. Der Meister teilte mir mit, dass ich morgen Abend in die Nachtschicht gehen sollte. Das war die neueste Überraschung für mich und bedeutete, dass unsere Brigade während meines Urlaubs erheblich zugenommen hatte. Finanziell gesehen brachte die Einführung der Nachtschicht erhebliche Vorteile. Ab sofort würde das Arbeitsverhältnis wie eine Beschäftigung im Dreischichtbetrieb gelten. Obwohl wir hier praktisch nur zwei Schichten arbeiten konnten, galt doch als Regelarbeitszeit der Achtstundentag. Unter Berücksichtigung des Bergarbeitertarifes, der verschiedenen Erschwerniszuschläge und der zusätzlichen Überstunden, könnte sich unterm Strich das Konto doch erfreulich “aufblähen”.

Ich hatte mich nach meiner Pflichtvorstellung bei Zappen nochmals auf das Bett gelegt. Im überheizten Bus hatte ich kaum schlafen können. Der Fahrer konnte durch einen Defekt die Fahrzeugheizung nicht abstellen. Im Korridor der Baracke winselte aufdringlich ein Staubsauger. Die Schruppies der Dienstleistung waren am Werk. Wütend drehte ich mich auf die andere Seite. Das nervende Jaulen verstummte. Im Nachbarzimmer kicherte eine weibliche Stimme. Ein Mann lachte und gurgelte wie ein brünstiger Orang-Utan. Bald verrieten mir die eindeutigen Geräusche, dass die Scheuertussi von einem Kumpel abgefangen wurde, und sich die Beiden jetzt nebenan köstlich amüsierten. Dazu hatte ich im Prinzip nichts einzuwenden. Was mich allerdings ungemein störte, dass sie es ausgerechnet im Nachbarzimmer trieben, während ich hier versuchte einzuschlafen. Energisch donnerte ich mit der Faust gegen die Leichtbauwand. Das Stöhnen verstummte augenblicklich. Der heftige Schlag hatte aber einen kitschigen Keramikbuddha auf einem kleinen Regal über mir arg ins Wanken gebracht. Der schwere Tonklumpen sauste herab. Blitzschnell konnte ich noch meinen Kopf zur Seite drehen, ehe der fette Kerl mit dem feisten Grinsen unmittelbar neben mir auf die Matratze plumpste. Jetzt hatte ich den Kanal gestrichen voll. Schlafen konnte und wollte ich einfach nicht mehr. Der Staubsauger heulte wieder. Schließlich hatte ich dieses Schäferstündchen aus egoistischen Motiven unterbrochen. Missmutig wälzte ich mich aus dem Bett und schlüpfte in meine Sandalen. Während ich die Zimmertür verschloss, schaute ich nach dem Mädchen. Durchschnitt der unteren Kategorie, stellte ich beruhigt fest und marschierte in Richtung Lagerausgang. Da kein Fahrzeug von uns das Lager verließ, und bis zur Abfahrt des Linienverkehrs noch mehr als eine Stunde vergehen musste, entschloss ich mich kurzerhand, mit der “Knoblauchlinie” zu fahren. Diese einheimische Busverbindung zu benutzen, war für uns streng verboten. Ich riskierte es trotzdem. Mit einigen lächerlichen Kopeken ersparte ich mir einen langen Fußmarsch.
Als der Bus die Brücke über die Bystriza passierte, sah ich zu meiner Beruhigung: das Loch im Brückenbelag war noch immer offen. Also hatte sich Gottseidank während meines Urlaubs in der DDR kaum etwas verändert... Am Marktplatz in der Altstadt von Bogorodshany stieg ich aus dem Bus und bummelte gemächlich durch die “Hauptgeschäftsstraße”. Zeit hatte ich im Überfluss. Mein Schicht begann erst morgen Abend 18.00 Uhr. Von Freunden in der DDR hatte ich den Auftrag erhalten, einen “WISCHR”- Bootsmotor mit 75 PS, einen Ölradiator, diverse Werkzeuge und genau definierte Sortimente von Angelhaken zu kaufen. Zuerst betrat ich ein Geschäft für Sportartikel. Den leistungsstarken Bootsmotor hätte ich hier durchaus kaufen können. Für DDR-Verhältnisse sogar spottbillig. Die “bretterstarke” Verpackung hielt mich allerdings davon ab. Niemand hätte dieses Schwergewicht allein ins Wohnlager schleppen können. Der freundliche Verkäufer gab mir allerdings einen guten Rat: mehrmals am Tage kämen Interessenten aus unserem Wohnlager mit einem Auto, und sie würden den Transport dieses Kleinfischhächslers sicherlich für mich übernehmen. Auch den Ölradiator. Angelhaken gab es in diesem Sportgeschäft allerdings nicht. Dazu müsste ich in ein Spezialgeschäft für “Jagd und Fischerei” gehen.
Das russische “nebenan” betrug diesmal nur etwa einen Kilometer. Ohne Sprachkenntnisse hätte ich allerdings mit Sicherheit zweimal den Erdball umrunden müssen, ehe ich diesen Jagdbedarfsladen allein gefunden hätte. Abseits von den offiziellen “Prachtstraßen” war er in einem finsteren Hinterhof untergebracht. Einen ganzen Rubel musste ich berappen , damit mich ein Straßenschlingel dahin lotste! Ich riss den Geschäftsinhaber aus seinem Nickerchen und staunte. Das flackernde Licht einer schwarzberingten Leuchtstoffröhre beleuchtete einen Ständer mit Schusswaffen, der jedes Jägerherz höher schlagen ließ. Sämtliche Kaliber von 10 (leichteFeldartillerie...) bis 22 standen säuberlich nach Lauflänge und –anordnung aufgereiht in den Waffenständern. Einläufige Flinten verschiedener Kaliber für minderjährige Wilddiebe wechselten mit Doppelflinten für Fortgeschrittene, Bockflinten für die Wurftaubensportler und endeten nicht zuletzt als Repetierbüchsen (mit Waffenschein) für die großprotzigen Jäger. Normales Schwarzpulver, rauchloses Prismenpulver, Messinghülsen, Zündhütchen und Schrote vom “Vogeldunst” bis hin zu “Reh- und Sauposten” (bei uns verboten), sowie Flintlaufgeschossen und Messbechern zum Selbstlaborieren von Jagdmunition. Unverständlicherweise konnte hier jeder Bürger mit Vollendung des 18. Lebensjahres eine Flinte, also ein Jagdgewehr mit glatten, ungezogenen Läufen kaufen. Simple Jagdmesser dagegen waren streng lizenziert. Als ich den Verkäufer nach dem Grund dafür fragte, erhielt ich als lakonische Antwort, dass der Schuss aus einem Jagdgewehr kilometerweit zu hören sein, ein Messer aber lautlos töte. Die ellenlangen Küchenmesser von nebenan erhielt man allerdings ohne Registrierung bei der Miliz... Das Anglersortiment war ebenfalls umwerfend vielfältig. Als Nichtangler hatte ich kaum Ahnung von diesem reichhaltigen Angebot. Ich zeigte deshalb dem Mann meinen Notizzettel. Darauf standen hauptsächlich Haken, Blinker und zwei Eisangeln, sowie Rollen und Angelschnüre verschiedener Stärken. Der Verkäufer hatte wirklich Fachkenntnisse und stellte die von mir gewünschten Artikel schnell zusammen. Er wickelte sie sogar in der Reihenfolge des Bestellzettels sorgfältig ein. Bei der Angelschnur hielt er mir eine Rolle hin und tippte mit einem Finger auf das Etikett: “Leska” stand dort in lateinischen Buchstaben und weiter unten “Made in GDR”. Ich war verblüfft. Die Angelschnur stammte tatsächlich aus der DDR. Der Verkäufer erklärte mir jedoch, dass die hier produzierte Schnur nicht besonders viel tauge. Sie sei sehr empfindlich für UV -Licht und reiße deshalb schnell. Der Verkaufspreis erschien mir auch sehr günstig. Ohne Grund hätten die Sportfreunde zuhause die Schnur kaum auf ihren Bestellzettel geschrieben. Bei den Eisangeln staunte ich. Es waren kurze Stöckchen, bei denen der Griff fast länger war als die Rute selbst, und ich fragte sicherheitshalber noch mal nach. Ja, es wären wirklich Eisangeln. Der Mann zeigte mir, wie man mit einer Art Schneckenbohrer ein Loch ins Eis bohrt, den winzigen Haken beködert und dann im Wasser “vibrieren” lässt, bis sich schließlich ein Fischlein entscheidet, den Happen auszuprobieren – oder auch nicht... Meine Einkäufe konnte ich, wenigstens zum Teil, abhaken.
Ich entschloss mich zu einem Besuch in Bogorodshanys “feinstem” Restaurant. Rubel hatte ich in der DDR genug getauscht und die Reiseschecks gleich an der Kasse der Wohnlagerleitung in Bargeld “umgerubelt”. Im Restaurant gab es genügend freie Tische. Ich brauchte nicht auf eine “Platzierung” zu warten. Eine auffällig hübsche Kellnerin reichte mir mit bezauberndem Lächeln die Speisekarte. Das Mädchen war wirklich eine Augenweide. Kaum, oder so dezent geschminkt, dass man es nicht wahrnehmen konnte, kontrastierte sie zu der landesüblichen Gepflogenheit, sich einen grellen Lippenstift millimeterdick aufzutragen und gleichzeitig süßliches Parfüm auf sämtliche Problemzonen zu gießen... Die Speisekarte war dick und geheimnisvoll. Mit einem Mal verspürte ich einen solchen Appetit, dass ich die Speisenfolge theoretisch herauf und herunter aß. Ich bestellte bei meinem “Liebling” – leider wusste sie es nicht - als Vorspeise einen “Salat nach Art des Hauses”, anschließend eine “Soljanka, sbornaja mjasnaja” (“Soljanka mit ausgewählten Fleischsorten” ), als Hauptgericht “Beef Stroganow” und anschließend Kaffee mit einem Eisbecher. Obwohl ich nicht bestellt hatte, brachte die junge Frau eine Karaffe mit einem köstlichen Dessertwein aus Sotschi. Sie setzte sich für einen Augenblick an meinen Tisch und sagte mir, dass dies ihr Lieblingswein sei. Ein “Podarok” (“Geschenk”) für einen der hier völlig unbekannten Ausländer. Ich hatte als Getränk zwar nur “Buratino”, eine Limonade mit für unseren Gaumen ungewöhnlichem, aber wundervollem Geschmack bestellt, doch ganz konnte ich mich dem unaufdringlichen natürlichen Charme des hübschen Mädchens nicht entziehen. Insgeheim hoffte ich, dass sich eine Beziehung zwischen uns anbahnen würde, doch leider hatte sie bereits ein Verhältnis mit einem Kollegen aus unserem Wohnlager. Dieser Schuft verhalf ihr später zu einem Kind und ließ beide rücksichtslos sitzen... Eine Tragödie, wie sie an der Trasse leider kein Einzelfall war.

Nach dem wirklich ausgezeichneten Essen, das mich umgerechnet etwa 14,00 Mark gekostet hatte, fuhr ich wieder mit der Knoblauchlinie zurück ins Wohnlager. Abends schaute ich mir im Lagerkino einen italienischen Film an, dessen Handlung aber so banal war, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr an den Titel erinnern kann. Anschließend war ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, an deren Ende bei mir ein absoluter Filmriss eintrat. Ein “Rohr” nach dem anderen wanderte über den Tisch und das Bier floss in Strömen. Als ich schließlich total abgefüllt diese Horrorparty verließ, fehlte mir fast jede Erinnerung daran.
Etwas ernüchtert wurde ich nur dadurch, als ich an einem der Entwässerungsgräben stolperte und voll mit dem Kinn auf den hartgefrorenen Boden knallte. Die Sterne über Bogorodshany waren jetzt auch ohne Teleskop klar und deutlich zu erkennen. Sie flimmerten nur etwas mehr als gewöhnlich... Der Knockout-Schlag am Kinn blutete heftig. Glücklicherweise verdeckte der nun schon rustikale Vollbart die Schramme. Wer mich an diesem Abend zielsicher in meine Baracke und sogar noch ins Bett geschleppt, gezogen oder geschleift hat, weiß ich bis heute nicht...

Morgens wachte ich mit einem unwahrscheinlichen Brummschädel auf und konnte mich in der ersten Stunde kaum an irgend etwas erinnern. Besorgt blickte ich auf meinen neuerworbenen “Trassenwecker”, der mich mit seinen roten “LED”- Ziffern aufdringlich anblinkerte. Nein, ich hatte nicht verschlafen, der ganze Tag lag noch vor mir, und es bestand die Möglichkeit, die pochenden Schmerzen im Schädel bis mindestens 17.00 Uhr durch autohypnotischen Schlaf abzureagieren.

Beim Mittagessen - das Frühstück ließ ich ausfallen – traf ich den Meister an unserem “Stammtisch” beim Gespräch mit den wahrscheinlich neu eingereisten Kollegen. Insgesamt waren es fünf: Günter, ein blonder Hüne mit kindlichem Gesichtsausdruck aus Rostock, Dietmar, ebenfalls ein Nordlicht, Jürgen, aus Thüringen, noch jung, aber mit lockigem stark graumeliertem Haar, Mathias, aus Borna bei Leipzig mit einer überdimensionierten großen Schnauze und der rotblonde Uwe, ebenfalls aus Thüringen.
Abgesehen von diesem unerwartet hohen Personalzuwachs, gab es für mich noch weitaus größere Überraschungen: Günter, genannt “Dünschi”, hatte für die Zeit meines Urlaubs den “Belosrus” übernommen. Für eine befristete Zeit sollte er als Handisolierer in unserer Brigade tätig sein und später irgendwo als Kraftfahrer bei den Rückwärtigen Verbindungen (RWV) eingesetzt werden.
Gerhard, unser Schieber, würde die zweite Handisoliererbrigade HISO 2 übernehmen. An seiner Stelle erklärte sich Dietmar bereit, die Funktion eines Brigadiers auszuüben, weil sich für diesen “Posten” kein anderer von uns interessierte. Immerhin war seine Frau Abgeordnete der Volkskammer der DDR, und als Brigadeleiter konnte er seine Minderwertigkeitskomplexe ihr gegenüber sicherlich etwas abbauen...

Den uns zugesicherten LKW, einen “LD” (Allrad-Diesel) erhielten wir. Mit seinem orangefarbenen Führerhaus und der leuchtend gelben Plane passte er wie ausgesucht zum “Wanderzirkus K.”. Besonders positiv war, dass der LKW zum Inventar der Brigade “HISO 1” gehörte und uns damit ständig zur Verfügung stand.

Mein Kater hatte sich im Verlaufe des Vormittags davongeschlichen, ohne dass ich dies besonders bedauerte.

Im Speisesaal war es angenehm kühl, während die Temperatur im Außenbereich auch heute wieder ordentlich in die Höhe kletterte. Im Lagerfunk warnte der medizinische Dienst in regelmäßigen Durchsagen vor der Gefahr eines Sonnenbrandes. Die Intensität der Sonneneinstrahlung war hier weitaus höher als zu Hause. Bogorodshany befand sich auf der gleichen geographischen Breite wie Budapest.
Tatsächlich hatte es Dünschi und als auch Uwe schon ganz ordentlich erwischt. Beide trugen sie deshalb ponchoähnliche Kreationen aus Bettlaken über dem Rücken.
Obwohl der eine aus dem Norden und der andere aus dem äußersten Süden der Republik stammte, hatten beide doch überraschend ähnliche Gemeinsamkeiten aufzuweisen. Sowohl Dünschi als auch Uwe waren dem weiblichen Geschlecht bis zur Selbstaufgabe verfallen. Sie legten daher außerordentlich großen Wert auf ein Outfit, das sie, ihrer Meinung nach, bei den Mädchen unwiderstehlich machen sollte. Sie nutzen jede “Sonnenminute”, in der Hoffnung auf einen tadellos gebräunten Body. Hierbei bewirkte ihre andere Gemeinsamkeit einen ungewollten Schuss in den Ofen: ihr Hauttyp zählte zu der empfindlichen “Bespannung” von Blonden und Rothaarigen. Anstatt eine schöne gleichmäßige Bräunung zu erzielen , holten sie sich einen überdurchschnittlich erfolgreichen Sonnenbrand, dessen intensive Rötung nicht einmal von einem Pavianhintern während der Paarungszeit übertroffen werden konnte. Die Reste des zur Linderung aufgetragenen Panthenolschaumes verliehen den betroffenen Hautpartien darüber hinaus noch den Anblick eines starken Schimmelbefalls. Beide Machos verkniffen sich daher vorläufig jegliche Disco- und Kinobesuche... Was aber die zwei neuangereisten Schürzenjäger ebenfalls noch nicht wissen konnten: der Frauen- und Mädchenanteil im Wohnlager war relativ klein, und daher befanden sich die besten “Exemplare” überwiegend schon in festen Händen. Die hiesigen Mädchen hingegen arbeiteten in dieser industriearmen Gegend hauptsächlich in der Land- und Forstwirtschaft und erhielten durch diese Tätigkeiten eine ebenso intensive Bräune wie ihre männlichen Kollegen. Sie interessierten sich daher mehr für blonde und hellhäutige Typen unter den Trassenarbeitern. Außerdem war es nicht ganz unproblematisch, in diesen fremden Revieren hemmungslos zu wildern – die einheimischen Hähne bewachten ihre Hühnerbestände mit außerordentlicher Wachsamkeit, und rohes Fleisch zur Behandlung von Augenhämatomen wurde von der Lagerküche aus hygienischen Gründen nicht verteilt...

Als besondere Ehre gegenüber einem Mitarbeiter, der immerhin schon ein Quartal an der Trasse war, durfte ich heute auf dem bequemen Beifahrersitz des “LD” Platz nehmen. Dünschi lenkte den LkW und bemühte sich, durch eine steife Körperhaltung jeden schmerzhaften Kontakt mit der Sitzlehne zu vermeiden. Jürgen - der “Graue Wolf” und Mathias hatten eine auf der Ladefläche an der Rückwand des Fahrerhauses befestigte große Aluminiumkiste mit diversen Ersatzteilen als bequeme Sitzbank umfunktioniert und saßen dort garantiert auf den ersten Blick komfortabler als die meisten von uns in der engen Fahrzeugkabine. Ungeachtet seiner “Behinderung” jagte Dünschi den LKW mit fast halsbrecherischem Tempo über die holprige Piste. Bei besonders hohen Bodenwellen sprang der geländegängige “LD” wie auf einer Schanze mehrere Meter durch die Luft, ehe er wieder auf die Fahrbahn krachte. Wir wurden arg durchgeschüttelt und klammerten uns krampfhaft fest, doch wir konnten das nahende Hindernis rechtzeitig erkennen und waren daher vorbereitet. Die beiden Ladeflächenpassagiere hingegen saßen mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und hatten diesen Vorteil natürlich nicht. Ihnen blieb nur die Möglichkeit, die winzige Zeitspanne der Schwerelosigkeit ihres “Freifluges” sensorisch wahrzunehmen und sich so auf die nachfolgende harte Landung vorzubereiten. Dass dieses präzise Timing nur in Ausnahmefällen gelang, bewiesen die donnernden Fausthiebe gegen die Kabinenrückwand... Zum Glück währte diese Tortour nicht allzu lange. Bald tauchte vor uns das glitzernde Band der Bystriza auf. Der LKW stoppte. Von der Uferböschung aus ließ sich das gegenüberliegende Steilufer gut erkennen. Der Fluss vollführte hier nur eine sanfte Biegung. Trotzdem nagte die starke Strömung am anderen Ufer stärker als auf dieser Seite, und so war im Laufe der Zeit ein Steilufer entstanden.
Anlieger behaupteten, dass die Bystriza an diesem Abschnitt ziemlich flach sei, der Flussuntergrund hauptsächlich aus Kies bestünde und es an dieser Stelle kaum große Rollsteine gebe. Dieser Umstand war sehr wichtig. Gelänge es hier, für größere Fahrzeuge eine Furt zu errichten, würde dies eine Verkürzung des Anfahrtsweges zu den Baustellen um viele Kilometer bedeuten. Viel Zeit und erhebliche Kosten würden damit gespart. Eine genaue Vermessung des Flussbettes bestätigte die Aussagen der Anwohner. Die für Fahrzeuge unüberwindliche Steilböschung wurde so weit abgebaggert, so dass eine Art Hohlweg mit fast senkrechten Seitenwänden entstand und bis zu einem Plateau führte. Hier, unmittelbar in Flussnähe, befand sich unsere derzeitige Baustelle. Der Rohrgraben verlief parallel zur Bystriza.

Dünschi ließ den LKW langsam hinunter zum breiten Strand aus bunten Flusskieseln und eingelagerten Bänken aus feinem Schwemmsand rollen und hielt an. Zu meinem Erstaunen stand ein HP-8 Kipphänger einsam und verlassen auf der “Strandpromenade”. Es war unser Hänger, denn an der Seitenplanke stand mit weißer Farbe “HISO 1”. Ich fragte nicht weiter, denn Dünschi schaltete nur den Allradantrieb zu. Dann gab er Gas. Das Fahrzeug beschleunigte und verjagte einige Kiebitze, die im Untergrund nach Futter gestochert hatten. Das Wasser spritzte auf. Der “LD” kämpfte sich mühsam durch die Strömung des Bergflusses. Geröll knirschte unter den Rädern. Die aufgestaute Strömung gurgelte unter dem Fahrzeugboden durch. Als der LKW die Flussmitte erreichte, schwappte das schäumende Wasser an der Strömungsseite manchmal bis an das Fenster der Fahrertür empor. Dünschi steuerte das Fahrzeug etwas gegen die reißende Strömung und erreichte so bald die Flachwasserzone des gegenüberliegenden Ufers. Der eigentliche Strand war hier nur ein bis zwei Meter breit und bestand ausschließlich aus groben Kieseln. Neben der Auffahrt zum Hohlweg unterhielt eine Schar Kinder ein Feuer aus Treibholz. Der Fluss hatte es nach dem letzten Hochwasser hier angespült. Obwohl der Wasserpegel nach der Schneeschmelze in den tieferen Lagen und den Vorgebirgslagen stark gefallen war, führte der Fluss immer noch sehr viel Wasser. Das Tauwetter hatte jetzt die Hochgebirgsregionen erreicht und deren Schmelzwasser gelangte über zahllose Gebirgsbäche in die Bystriza. Im kristallklaren, eiskalten Wasser tummelten sich jetzt unbekümmert einige Kinder, unbeeindruckt von der Kälte und der gefährlichen Strömung.

Heulend erklomm der “LD” die trotz der Abbaggerung immer noch erhebliche Steigung der künstlich angelegten Auffahrt. Oben blendete uns die Sonne, die sich zwar schon auf den Horizont zu bewegte, aber durch die Sommerzeit noch relativ hoch stand. Die Jungs hatten aus unserem Fuhrpark eine so ordentliche Wagenburg errichtet, dass zur Ergänzung der gesamten, von der Sonne effektvoll ausgeleuchteten Szenerie eigentlich nur noch eine Horde beilschwingender Indianer fehlte...

Bereits kurz vor dem Aufenthaltswagen fiel mir ein intensiver Kaffeeduft auf. Die Kollegen der Tagschicht beräumten die Baustelle und, während die beiden Schichtleiter in den Rohrgraben kletterten, um über den Stand der anliegenden Arbeiten zu sprechen, stieg ich mit den anderen in den Bauwagen. Meine Überraschung war perfekt. Es war nicht mehr unser Wagen, wie ich ihn noch zu meiner Abreise in den Urlaub kannte, sondern ein echter Wohnwagen mit einem Vorraum und zwei Wohnabteilungen! Man hatte sämtliche Betten entfernt und die rechte Hälfte als fast luxuriös anmutenden Aufenthaltsraum umfunktioniert: Wagenwände und die Sitzbänke waren mit weißem Filz bezogen. Auf dem Tisch lag eine saubere Wachstuchdecke, sogar die “Pornogalerie” wurde mit einigen besseren Kunstwerken bereichert. Das absolute Glanzstück dieses Baustellen-Campingwagens befand sich jedoch in der linken Abteilung. Links neben der Schiebetür stand eine Art Küchenschrank mit Unter- und Oberteil zur Aufbewahrung von Geschirr, Zucker, Salz und verschiedenen anderen Gewürzen. Sogar an “Schlingerleisten” für einen verlustarmen Transport des Inventars bei Verlegungen hatten die genialen Konstrukteure gedacht. Neben dieser Sonderkonstruktion summte ein Haushaltskühlschrank. Auf dessen Arbeitsplatte stand ein nagelneuer Doppelelektrokocher. An der hinteren Stirnwand befand sich ein Armeespind für Ersatz- und Regenbekleidung sowie ein Besenschrank, voll mit verschiedenen Konserven (Notverpflegung). Rechts neben der Tür hatte der Graue Wolf (in seiner Heimat als Betriebsklempner und Mädchen für alles tätig) ein kleines Waschbecken mit Abfluss durch den Wagenboden installiert. Oberhalb befand sich auf einer stabilen Eckkonsole eine großer Thermobehälter für Getränke mit Auslaufhahn – hier als Wasserbehälter genutzt. Eine Kaffeemaschine dampfte neben dem Waschbecken auf einem kleinen, fest am Wagenboden verschraubten Tisch.
Ich war total platt. In nur einem Monat hatte sich so viel verändert!
Später, als ich mit Genuss meinen ersten “Baustellenkaffee” trank und die Tagesschicht mit dem “LD” ins Wohnlager zurückfuhr, erzählten mir die Kollegen von weiteren Neuigkeiten während meiner Abwesenheit. Die berüchtigten Einstandsrunden bei Neueinreise und Urlaub hatte man beispielsweise auf das Niveau von Gratiskaffeerunden entschärft, Alkohol kam dann nur noch bei Geburtstagen, Geburten selbstgemachter Kinder, Hochzeiten und Scheidungen ins Spiel – gewissermaßen als freiwillige Eigenverpflichtung. Weiterhin hatte man durchgesetzt, daß die Schieber der Brigaden sich pro Monat einige Überstunden mehr notieren konnten. Ein Ausgleich für Arbeitsbesprechungen während der regulären Freizeit. Dann hätten sich noch verschiedene Lackschuhe während einer Parteiversammlung darüber aufgeregt, dass wir die einheimischen Bürger manchmal als “Russen” bezeichnen würden. Daraufhin heckte man in der Brigade die Ersatzbezeichnungen “Rübensteiner”, bzw. “Kaschmauken” aus.

Beim letzten Tageslicht inspizierten wir die Baustelle. Ein großes Passstück war beim Absenken in den Rohrgraben ziemlich ramponiert worden. Die Isolierfolie hing in Fetzen herunter. Die Tagesschicht hatte die Hälfte davon bereits ausgebessert. Ein solches Pensum würden wir allerdings in der Nacht nicht bewältigen können. Etwa 100 Meter in Baurichtung musste ein noch blankes Rohrsegment von zwei Rohrlängen gewickelt werden. Arbeit für mindestens zwei Tage. Vorausgesetzt, das Wetter würde uns keinen Strich durch die Rechnung machen. Dauerregen hätte die Bystriza noch weiter anschwellen lassen und das Gelände in einen tiefen, unpassierbaren Morast verwandelt.

Dünschi gab mir die Traktorschlüssel und bemerkte nebenbei, dass wahrscheinlich das Anlasser-Relais durchgebrannt sei . Ein neues sei aber bereits bestellt. Er zeigte mir, wie ich den “Belorus” direkt von außen starten konnte, indem die Masse mit einem entsprechenden Kontakt des Anlassers kurzgeschlossen wurde. Es funkte gewaltig, doch der Trecker sprang sofort an. Ich stellte den Motor wieder ab und kletterte zu den anderen in den Rohrgraben. Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war in ihm noch eine fast unerträgliche Hitze. Die schwarze Isolierung des Rohres und die Grabenwände hatten wie ein Kachelofen die Wärme des Tages gespeichert.
Während wir mühsam die Fetzen der beschädigten Folie abschnitten, sagte mir der Graue Wolf, dass ich in etwa einer halben Stunde mit dem Trecker über den Fluss müsste. Der Kipper müsse herübergeschleppt werden. Der Küchenfahrer hatte vergeblich versucht, unsere Verpflegung und die für eine Schweißerbrigade über die Bystriza zu bringen. Da sein “ARO” aber nur eine geringe Watfähigkeit besaß, sei ihm kurz vor Erreichen der Flussmitte der Motor abgesoffen. Das Küchenfahrzeug musste später herausgespillt werden.

Nach diesem Vorfall wurde der Küche vorgeschlagen, den Flachhänger am rechten Flussufer abzustellen. Der Küchenfahrer sollte dann die Behälter in den Hänger umladen. Wir würden dann die Verpflegung für uns und die Kollegen der anderen Baustelle mit dem Trecker abholen.
Die Sonne stand bereits dicht über den zerzausten Kronen eines nahen Birkenwäldchens. Der Rohrgraben hatte es in zwei Hälften zerrissen. Langsam fuhr ich mit dem Traktor bis an die Stelle heran, wo die Abfahrt hinunter zum Fluss begann. Mit der Sonne im Rücken schaute ich zum gegenüberliegenden Ufer. Neben unserem Hänger stand schon der weiße “ARO” des Küchenfahrers. Der Kollege wartete also bereits auf mich. Behutsam fuhr ich die glitschige Lehmrampe hinab und vorbei an den immer noch spielenden Kindern in die Bystriza. Der Traktor hatte ein höheres Eigengewicht als unser “LD”, auch seine Bodenfreiheit war größer. Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl, als die Vorderräder völlig im schäumenden Wasser verschwanden. Unbewusst trat ich etwas mehr auf das Gaspedal und blickte aufmerksam auf das Wasser vor mir. Die Wellen funkelten im Sonnenlicht wie Myriaden winziger Diamanten und flussabwärts wirbelte die Strömung wie die Kielwelle eines Schiffes. Besorgt blickte ich auf den Boden des Fahrerhauses und beruhigte mich sofort: es drang kein Wasser ein. Ich empfand zwar keine Angst, dennoch war es nun mal meine erste Flussdurchquerung. Eines stand fest, durchwaten konnte man die Bystriza an dieser Stelle nicht. Die starke Strömung würde einem unweigerlich die Beine wegreißen.
Lautes Hupen unterbrach meine Grübelein, und ich blickte zum gegenüberliegenden Ufer: dort aber standen kein “ARO” und auch kein Kipphänger! Erschrocken suchte ich das Ufer ab, bis ich die beiden Fahrzeuge endlich erblickte. Sie standen etwa 50 Meter weiter flussaufwärts! Der Küchenfahrer winkte eifrig mit den Armen. Ich hatte die sondierte Durchfahrt verlassen und bewegte mich jetzt auf unbekanntem Terrain. Unverzüglich lenkte ich nach rechts und drückte das Gaspedal ganz durch. Ohne besondere Schwierigkeiten legte ich die letzten Meter bis zum Ufer zurück und hielt den Traktor neben dem Kipper an. Ich suchte nach einer Erklärung, weshalb ich so weit vom Weg abkommen konnte. Eigentlich war sie aber ganz simpel: ich hätte meinen Blick unbewegt auf einen Fixpunkt am anderen Ufer, in meinem Falle die beiden Fahrzeuge, richten sollen. So aber beobachtete ich das Spiel der dahingleitenden Wellen und lenkte dadurch unwillkürlich den Traktor stromabwärts.
Den Fahrer, der die Essenbehälter bereits auf den Hänger gepackt hatte, kannte ich nicht. Er hatte auf mich gewartet, weil er befürchtete, dass die Thermosbehälter mit den Warmspeisen gestohlen werden könnten: an den eingepferchten Speisen wären die Diebe sicherlich am wenigsten interessiert, meinte er lachend, aber die luftdicht verschließbaren Thermosbehälter würden sich ausgezeichnet zum Sammybrennen eignen und wären deshalb auf dem Markt ein kleines Vermögen wert. Er half mir noch beim Anhängen des Kippers und schaukelte mit seinem “ARO” zurück in Richtung Bogo, während ich wieder in die Bystriza “eintauchte”. Ich beeilte mich, denn ich wollte den Hänger möglichst noch bei Tageslicht wieder hierher zurückbringen. Um Mitternacht würde die Küche das “Mittagessen” liefern. Diesmal jedoch war ich schlauer geworden und ließ kein Auge von der anderen Seite des Flusses.

Das Feuer der kleinen Bengels loderte immer noch. Sie hockten rings um die Glut und wärmten sich nach dem Bad im eisigen Wasser wieder auf. Nach Hause zu gehen schien keiner von ihnen Lust zu haben, doch es war hier nichts Ungewöhnliches, dass sich Kinder und Halbwüchsige bis spät in die Nacht herumtrieben. Dieser Umstand war für deren Eltern jedoch noch lange kein Grund, sich deswegen auch nur die geringsten Sorgen zu machen.

Der Widerstand des Hängers im Wasser machte sich bemerkbar, und der Trecker schlingerte manchmal. Der Motor tuckerte ruhig. Irgend etwas schien sich verändert zu haben, ich wusste nur nicht was - es war mir bereits an der Baustelle aufgefallen.
Bald hatte ich das Ufer erreicht und zuckelte behutsam mit dem Straßengang die Auffahrt hinauf. Links und rechts blieb nicht viel Platz zwischen den steilen Wänden, denn der Hänger war etwas breiter als der “Belorus”.
Im oberen Teil des Hohlwegs begannen die Räder des Traktors plötzlich durchzudrehen. Diese Stelle war extrem glitschig. Aus den Seitenwänden trat ständig etwas Sickerwasser aus und hielt so den Fahrweg beständig feucht. Ich musste auf die kleine Gruppe herunterschalten, kuppelte aus und versuchte, einen Gang einzulegen. Aber der Traktor begann sofort rückwärts zu rollen, bedingt durch die geringe Fahrgeschwindigkeit und das starke Gefälle. Ich trat kräftig auf die Bremse – doch nichts geschah! Rasant ging es immer schneller abwärts! Verzweifelt klammerte ich mich am Lenkrad fest, um den Bremsdruck zu verstärken, doch wiederum erfolglos. Versuchte ich jetzt wieder einzukuppeln, hätte ich den Motor gänzlich abgewürgt. Die Bremsen quietschten zwar wie bei einer Straßenbahn, verzögerten aber nicht im geringsten die rasante Rückwärtsfahrt. Meine größten Sorgen galten jetzt den Kindern unten am Fluss. Hoffentlich blieben sie am Feuer sitzen! Der Blick durch das Heckfenster verhieß wenig Gutes: Der Kipphänger fuhr schräg gegen eine der Lehmwände! Ich lenkte dagegen und konnte dadurch gerade noch verhindern, dass er sich in der Durchfahrt verkeilte. Doch meine Erleichterung war leider nur von kurzer Dauer. Wenige Sekunden später, bereits unten am Uferstreifen, stellte sich der Hänger quer. Die Zuggabel wurde nach innen gerissen und der “Belorus” prallte mit voller Wucht gegen die Seitenbordwand des Kippers. Irgend etwas zersplitterte und ein Teil der Thermosgefäße wurde herausgeschleudert.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange ich noch wie erstarrt im Traktor gesessen hatte. Jemand klopfte eindringlich an die Scheibe der Fahrertür. Es war einer der Jungen vom Strand. Er sah mich erschrocken an, doch ich hob beruhigend die Hand, mir war nichts weiter passiert. Die Tür ließ sich nur einen Spalt breit öffnen, denn der Traktor steckte noch halb in der Auffahrt und zudem noch dicht an der Lehmwand. Nachdem ich den Motor abgestellt hatte, der immer noch tuckerte . Ich zwängte mich mühsam aus dem Fahrerhaus und kroch nach unten. Die Kinderschar bestaunte neugierig das Blechchaos. Zum Glück saßen sie alle zum Zeitpunkt des Unfalls am Feuer. Allein der Lärm des Aufpralls hatte sie herbeigelockt.

Etwas erholt von meinem Schock, betrachtete ich mir die Schäden genauer: Die Seitenwand des Hängers war eingebeult und die Zuggabel arg verbogen. Der linke Kotflügel des “Belorus” hatte sich nach innen verbogen. Das linke Rücklicht  hatte sich in seine Bestandteile aufgelöst. Der Bremsschlauch des Hängers saß jedoch fest in der Druckluftkupplung! Am Bremsschlauch selbst konnte ich in der hereinbrechenden Dunkelheit keine sichtbare Schadstelle erkennen. Ich musste also nach oben zur Baustelle, um Hilfe zu holen, deshalb bat ich die Kinder “auf die Sachen aufzupassen”. Überrascht, dass ein Deutscher sie in ihrer Landessprache anredete, versprachen sie es. Sie wären ohnehin hier geblieben. Immerhin platzten sie förmlich vor Neugier, was jetzt weiter geschehen würde. Dadurch, dass ich sie als “Wächter” einsetzte, pflegte ich eine gewisse Hoffnung, dass sie während meiner Abwesenheit nichts klauten. Trassenpsychologie!

Auf der Baustelle leuchteten schon die Halogenstrahler, als ich völlig außer Atem die steile Auffahrt durchgehechelt hatte. Meine Kollegen saßen bereits im Aufenthaltswagen und warteten auf ihr “Frühstück”. Überrascht hörten sie sich meine Hiobsbotschaft an.
Gemeinsam stolperten wir den beschwerlichen Weg zurück. Uwe war im Bauwagen zurückgeblieben. Im Schein unserer Akkulampen kuppelten wir den Hänger ab und drehten mühsam die verbogene Zuggabel zurück in die Fahrtrichtung. Anschließend schoben wir den Kipphänger ein Stück rückwärts, damit die Durchfahrt nicht weiter blockiert wurde. Die Kinder halfen bei dieser Aktion eifrig mit. Mathias überreichte ihnen nach dieser Aktion mit einer gönnerhaften Miene einen Riesenbeutel mit verschiedenen Konserven, die er in großer Eile zusammengesucht hatte. Ich hatte ihm erzählt, dass die Bengels unseren Hänger “bewachten”. Daraufhin verzog sich die Bande augenblicklich und rannte in der Dunkelheit lärmend in Richtung eines Dorfes davon, das wir nicht kannten, und was wohl auch auf keiner Karte eingetragen war. Für heute Abend gab es dort mit Sicherheit reichlich Gesprächsstoff...

Ich war auf den Hänger geklettert und reichte die Thermophoren herunter, die nach dem heftigen Aufprall noch oben geblieben waren. Anschließend fuhr ich mit dem Traktor ein Stück zurück – darin besaß ich ja jetzt genug Erfahrung, und wir packten zwei der kleineren Essenbehälter in das Führerhaus. Mehr fasste die enge Kabine nicht. Die restlichen Behälter mussten hochgetragen werden. Diesmal fuhr ich im Schritt-Tempo den Berg hinauf. An der “Schmierstelle” krabbelten die Vorderräder nochmals kurz im weichen Untergrund, fassten aber sofort festen Boden, und nach einer Minute bremste ich den “Belorus” bereits auf dem Platz neben dem Aufenthaltswagen ab.

Uwe hatte während unserer Abwesenheit Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt. Kurz nach meinem Eintreffen kamen auch die “Essenträger” anmarschiert. Allerdings gab es jetzt ein echtes Problem. Wir hatten ja unser Essen, doch was wurde aus der zwölfköpfigen Schweißerbrigade? Sie arbeitete auf einer Baustelle etwa einen knappen Kilometer von uns entfernt. Dünschi erklärte sich bereit, mit dem Traktor hinzufahren und den Jungs die Situation zu erläutern. Verhungern konnten sie auf keinen Fall, denn auch sie hatten wie wir stets genügend Notverpflegung für solche Fälle wie heute.
Kurze Zeit nach Dünschis Abfahrt hörten wir einen “LO 1800” heranheulen. Es war ein Fahrzeug vom Schweren Erdbau. Dünschi hatten den Kumpels von unserem Missgeschick erzählt und diese sicherten “Soforthilfe” zu. Sie brachten nicht nur die Verpflegung zu den Schweißern, sondern fuhren sogar später noch, gegen Mitternacht, durch die Bystriza, um auch das “Mittagessen” für beide Brigaden abzuholen. Der Küchenfahrer sollte nach seiner Tour den Dispatcher in Bogo von unserer Panne in Kenntnis setzen.

Noch immer war ich mir im unklaren, weshalb ausgerechnet in so einem kritischen Moment die Bremsen versagen konnten. Später, während einer Kaffeepause, erfuhr ich von Dünschi den Grund dafür: vor drei Tagen hat jemand das Sicherheitsventil des Druckbehälters vom “Belorus” gestohlen. Damit kein Schmutz in den Behälter eindringen konnte, wurde der Gewindestutzen mit einem Blindstopfen abgedichtet und der Kompressor abgestellt. Mein Kollege hatte schlichtweg vergessen, mich über diesen Zustand zu informieren, als er mir zeigte, wie der Anlasser kurzzuschließen sei. Ehrlich, in mir kochte für einen Moment die blanke Wut hoch, aber dann besann ich mich schnell. Beim Verteilen der Schuld musste ich eigentlich auch die Hand heben. Als Kraftfahrer war ich verpflichtet, den technischen Zustand des Fahrzeuges vor Fahrtbeginn zu überprüfen. Normalerweise hätte ich bereits beim Anschließen des Bremsschlauches an den Trecker merken müssen, dass sich kein Druck aufbaute. Sobald der Absperrhahn geöffnet wird, strömt die Druckluft mit hörbarem Zischen in die Bremszylinder des Hängers und dessen Bremsen werden dadurch gelöst. Das Entlüftungsventil des Hängers war aber absichtlich geöffnet worden, anderenfalls hätten ja sonst die angezogenen Bremsen die Räder blockiert, und das wäre mir garantiert aufgefallen. Während der Fahrt hatte ich unbewusst das harte Klopfen des Kompressors und das Geräusch ausströmender Luft durch das Überdruckventil vermisst. Ein Blick auf die Druckluftanzeige am Armaturenbrett hätte mich aber eines Besseren belehrt... Einen Teil der Schuld trug aber auch unser Meister. Er wusste genau, dass der Traktor durch Ausfall der Bremsanlage und des Anlassers unter keinen Umständen einsatzbereit war und ließ trotzdem Transporte zu, bzw. veranlasste sie sogar. Er stand zwischen den “Fronten” und musste wahre Balanceakte vollführen. Einerseits kam von oben mächtiger Druck hinsichtlich der Termineinhaltung - andererseits standen unsere Forderungen auf ein Mindestmaß an Betriebssicherheit dagegen. Im Endeffekt würde er fast immer seinen Kopf hinhalten müssen, weil ihm jede Partei, falls er beim “Balancieren” strauchelte, extra noch gnadenlos Knüppel zwischen die Beine werfen würde, um ihn endgültig abstürzen zu lassen.

Der MTS 82 “Belorus” war ein robustes und zuverlässiges Erzeugnis des Minsker Traktorenwerkes. Eine Achillesferse hatte er allerdings: seine Bremsanlage. Für den Traktor selbst war ein normales mechanisches Bremssystem, ohne Bremskraftverstärker, vorgesehen. Dieses System reichte normalerweise für das Fahrzeug, falls es Solo gefahren wurde, völlig aus. Beim Einsatz von Anhängern erzeugte ein Kompressor die notwendige Druckluft für deren pneumatische Bremssysteme, das heißt, die Anhänger bremsten sich, und die Zugmaschine. Fiel dieses System aus irgendeinem Grund aus, konnte die geringe Bremsleistung des Traktors die Anhängelast nicht mehr beherrschen, besonders in solch schwierigen Situationen wie heute. Traktoren aus DDR-Produktion waren aus diesem Grunde mit zwei unabhängig voneinander wirkenden Bremssystemen ausgerüstet.

Früh zum Schichtwechsel erschien mit der Tagschicht auch unser Meister. Der Dispatcher hatte ihm gleich früh unsere Nachricht überbracht. Die Stimmung von Zappen war alles andere als gut. Die entstandenen materiellen Schäden berührten ihn wenig, da bei dem Unfall niemand verletzt wurde. Er teilte uns mit, die Werkstatt habe ihn informiert, das so dringend benötigte Überdruckventil würde frühestens mit dem nächsten Konvoi aus Leipzig eintreffen – in zehn Tagen. Für heute vormittag hätte er für die Instandsetzung des Hängers und der Rücklichtkombi des Traktors einen Werkstattwagen angefordert. Das Problem wäre allerdings das fehlende Teil für den Druckbehälter. Wir sollten nach Fertigstellung der jetzigen Baustelle in das Wohnlager Gorodenka umziehen, und dazu wäre der Traktor als Zugmittel unentbehrlich. Alle weiteren Baustellen würden von der neuen Brigade HISO 2 übernommen werden.
Der kurzfristig angesetzte Umzug kam natürlich überraschend für uns, obwohl wir durch den Buschfunk bereits von der geplanten Verlegung unterrichtet waren.

Dünschi schlug vor, in einer nahegelegenen großen Kolchose nachzufragen. Diese unterhielt eine betriebseigene Werkstatt, vielleicht konnte man uns dort helfen. Zappen stand diesem Vorschlag zwar skeptisch gegenüber, trotzdem war es in unserer Lage angebracht, jede sich bietende Möglichkeit zur Beschaffung dieses Überdruckventils zu nützen. Er stimmte also zu und bat mich, trotz der eben geleisteten Nachtschicht, als Dolmetscher mitzufahren.
Das Betriebsgelände der Kolchose “Taras Bulba” (ukrainischer Volksheld) erstreckte sich über eine riesige Fläche, und es dauerte geraume Zeit, bis wir uns zur Verwaltung durchgefragt hatten. Wir wurden sogar vom Vorsitzenden persönlich empfangen. Ich erzählte ihm von unseren Schwierigkeiten und bat ihn um Unterstützung. Zum Glück palaverte er nicht lange herum, sondern griff sofort zum Telefonhörer und sprach mit der Werkstatt. Ja, solche Überdruckventile wären da. Wir sollten vorbeikommen.
Zappen atmete hörbar auf und zeigte mir die berühmte Bewegung mit Daumen und Zeigefinger, während Leonid Grigorjewitsch, so hatte er sich vorgestellt, sein Jackett anzog. Er wollte uns also begleiten. Ich fragte ihn, wie wir das Ventil bezahlen könnten, doch der erste Mann in der Kolchose winkte nur ab.
Es war ein ganzes Stück bis zu dieser Werkstatt. Die Kolchose schien wohlhabend zu sein. Traktoren, Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Maschinen standen ordentlich aufgestellt unter einem riesigen Schleppdach und machten einen gepflegten Eindruck. Die Werkstatt war ein breites Gebäude mit Flachdach und drei großen Toren. Eines stand offen und wir sahen einige Monteure an einem Bulldozer hantieren. Einer der Männer wischte sich die Hände mit Putzwolle ab und kam auf uns zu. Ich erklärte ihm nochmals unser Anliegen, doch er wusste schon Bescheid und ging mit uns ins Ersatzteillager. Auch hier eine ungewöhnliche Ordnung. Der Werkstattleiter kam mit zwei kleinen Pappkartons von einem der Regale zurück. Was wir nicht wussten: der MTS-82 wurde in zwei Ausführungen gebaut... Glücklicherweise hatte mir Dünschi die Fahrzeugpapiere mitgegeben und auch den Blindstopfen aus dem Druckbehälter herausgeschraubt. Endlich hielten wir das gesuchte Stück in der Hand. Wie üblich mit einer dicken Fettschicht und in Antikorrosions-Papier eingewickelt. Ich fragte noch einmal nach dem Preis, doch der Kolchosechef versicherte mir, dass dies wirklich ein Geschenk sei. Doch wir hatten vorgesorgt. Zappen schleppte aus dem “LD” einen Kasten Bier heran und stellte die Flaschen auf den Betonfußboden – den leeren Kasten musste er am Brett wieder zurückgeben. Bezüglich des Bieres gab es keinerlei Widerspruch...

Zappen brachte mich ins Wohnlager zurück und fuhr anschließend zur Baustelle.
Im Wohnlager herrschte emsiges Treiben. Aus den Lautsprechern des Lagerfunks dudelten lautstark die neuesten Hits. Der “Kulturnik” übertraf sich wieder einmal selbst. Die flirrende Sonne verkündete wieder einen heißen Tag.
Ich erinnerte mich, bevor ich in mein Bett stieg, an Dünschis Knüppelverse aus dem hohen Norden: “Der Trecker, der lief wie geschmiert, es war noch nie etwas passiert. Auf einmal macht es im Getriebe “knäck”, in der Mitte brach ein Bolzen weg. Der Trecker wurde repariert, nun fährt er wieder wie geschmiert...”

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