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DataIcon  2. GRÜNDERZEITEN

Viele Jahrtausende benötigte der damals so mächtige Fluss, um das weite sanft geschwungene Tal aus dem Geschiebe der letzten Eiszeit auszuschwemmen und die teilweise riesigen Felstrümmer auf Seidenglanz zu polieren. Mit dem allmählichen Abschmelzen der Eismassen verlor auch der Fluss an Breite. Zuletzt blieb ein Bergflüsschen, gespeist vom kristallklaren Wasser einer Vorgebirgsquelle. Die niedrige Temperatur und der hohe Sauerstoffgehalt des in unzähligen Kaskaden gischtenden Wassers bildeten einen idealen Lebensraum für Äschen und Bachforellen. Wie eine Säge fräste das von der schnelle Strömung mitgeführte Geröll im Laufe der Zeit eine tiefe Klamm in den felsigen Untergrund.

Den Menschen, die auf der Suche nach geeignetem Siedlungsland die Karpaten überquert hatten, gefiel dieses weite Tal mit seinen ausgedehnten dichten Mischwäldern und so entstand eine Ansiedlung, welche den Namen “Bogorodshany” (sinngemäß übersetzt: “Die Frau, die Gott geboren hat”) erhielt.

Der kleine Fluss hingegen erhielt den zutreffenden Namen “Bystriza” (“die Schnelle”). Der Wald fiel zum größten Teil Rodungen zum Opfer, denn auf den tiefgründigen Schwarzerdeböden gediehen reiche Ernten. Ziemlich rasch wuchs die Siedlung zu einer Stadt, deren Einwohner sich noch heute aus einem bunten Völkergemisch der angrenzenden Karpatenländer zusammensetzt. Seit ihrer Gründung wechselte die Stadt mehrmals ihre Staatszugehörigkeit. Ihr ursprüngliche Name jedoch blieb erhalten.

 

Bereits vor unserem Eintreffen hatten ungarische Vertragsarbeiter hier an einem Projekt gearbeitet. Da im Stadtgebiet kaum genügend Platz für die Errichtung eines Wohnlagers war, hatte man den Ungarn oberhalb der Stadt eine ausgedehnte Fläche Ödland zugesprochen und diese errichteten darauf die benötigten Unterkünfte. Nach Abschluss der Bauarbeiten räumten die Ungarn das Wohnlager und wir erhielten die Unterkünfte zur weiteren Nutzung. Deren Kapazität reichte allerdings nicht aus, um mehr als tausend Kollegen gleichzeitig unterzubringen. Deshalb musste in größter Eile ein neuer Wohnkomplex errichtet werden. In der DDR wurden dafür speziell für die Trassenbaustellen Baracken entwickelt und als Bausätze angeliefert. Drei getrennte identische Abteilungen mit separaten Eingängen und Sanitäreinrichtungen bildeten zusammen eine Wohneinheit. Nach einem Rasterplan konnten Zimmergrößen und –anordnungen durch versetzbare Zwischenwände nahezu beliebig variiert werden. Die mit Außenentwässerung versehenen Pultdächer waren thermoisoliert und verblendet. Die erstaunlich dünnen Außenwände sollten laut Angaben des Herstellers bis –35°C verkraften können. Tatsächlich mussten sie aber später im Ural Temperaturen weit unter –40°C standhalten. Eine zusätzliche Verblendung aus weißem geripptem Kunststoff reflektierte im Sommer die Sonneneinstrahlung und minderte kosmetisch den “Barackeneindruck”. Das gesamte Bauwerk ruhte auf einem Hohlfundament. Dadurch war es verhältnismäßig einfach die notwendigen Versorgungsleitungen zu verlegen, anzuschließen, bzw. Wartungsarbeiten durchzuführen.

Sämtliche Räume wurden zentralbeheizt und waren zweckmäßig, jedoch nicht spartanisch eingerichtet. Meist verliehen ihnen die “Mieter” selbst noch eine persönliche Note. Stilvolle Landschaftsfotos und Blumenbilder an den Wänden boten einen durchaus interessanten Kontrast zu großflächigen Akt- und Pornofotos aus geschmuggelten westlichen Sexmagazinen. Ein geräumiger Vorraum diente als Klimaschleuse. Hier wurde auch das Schuhwerk gewechselt. Ein Dienstleistungsbetrieb reinigte täglich sämtliche Unterkünfte, Büros, Arbeitsräume sowie Speise- und Kultureinrichtungen , so dass die Kollegen nach den Schichten ihre knappe Freizeit möglichst für ihre eigenen Belange nutzen konnten.

Ernsthafte Probleme entstanden bei der Wasserversorgung und der Entsorgung von Abwässern. Die Einleitung der Abwässer in ein zentrales Kanalisationssystem – soweit überhaupt vorhanden – war durch die dezentrale Lage des Standortes generell nicht möglich. Der Bau einer eigenen Kläranlage mit anschließender Verrieselung wäre zu kostenaufwändig gewesen. Alternativ sammelte man daher die täglichen Abwassermengen in einem entsprechend dimensionierten Tank. Rund um die Uhr waren Spezialfahrzeuge, von uns scherzhaft als “Sahnerollen” bezeichnet, im Einsatz, die den Tankinhalt in die städtische Kanalisation pumpten. Allerdings geschah es nicht selten, dass die Brühe einfach im Wald abgelassen wurde - auf Anweisung der örtlichen Behörden...

Als großer Glücksfall galt, wenn die benötigten Mengen an Trink- und Brauchwasser aus einem kommunalen Netz gezapft werden konnten.

Hier in Bogorodshany gab es, ausgenommen ein Neubaugebiet, keine zentrale Wasserversorgung. Selbst im Krankenhaus unmittelbar neben unserem Wohnlager wurde der tägliche Wasserbedarf einem nostalgischen Haspelbrunnen entnommen. Die Krankenschwestern schleppten dann die Eimer mit einem Schulterjoch in das Gebäude...

Für unseren unverhältnismäßig größeren Bedarf mussten eigene Tiefbrunnen gebohrt werden. Das geförderte Wasser wurde nach professioneller Aufbereitung in einen speziell dafür errichteten Wasserturm gepumpt. Ausgebildetes Fachpersonal garantierte die ständige Einhaltung des Trinkwasserstandards.

Die zahlreichen Versorgungsleitungen für den Wohnbereich und der anderen Einrichtungen verlegte man oberirdisch auf Traversen. Wasserführende Leitungen mussten frostsicher isoliert werden. Darüber hinaus verhinderte eine Bypassleitung mit Warmwasser das Abfrieren bei extrem niedrigen Temperaturen. Ein eigenes Heizkraftwerk lieferte Warmwasser für die Küche, die Sanitäranlagen, die Werkstätten und natürlich für die Beheizung des gesamten Wohnlagers.

Nach längeren Regenfällen und bei Tauperioden weichte der unbefestigte Boden im Lagerbereich auf und verwandelte diesen in eine Schlammwüste. Zur Aufnahme und Ableitung der teilweise enormen Niederschlagsmengen reichte die Kapazität des “betriebseigenen” Abwassersystems nicht aus. Aus diesem Grunde wurde ein Netz von Drainagegräben angelegt. Das Wasser gelangte jetzt in ein natürliches Fließgewässer. Unzählige Stechmücken nutzten diese künstlichen Biotope zur Eiablage...

Baustraßen und provisorisch befestigte Gehwege zu den Gebäuden ermöglichten eine gewisse Mobilität im Lagerbereich.

Mit ähnlich großem Aufwand entstand neben dem Wohnlager der “Bauhof”. Hinter diesem harmlosen Wort verbarg sich allerdings ein riesiges Areal, das nicht nur allein zur Lagerhaltung von Materialien für den Trassen- und Wohnungsbau diente, sondern hier befanden sich auch der Fuhrpark, das Tanklager und die Tankstellen, verschiedene Reparatur- und Fertigungsbetriebe, Bekleidungsmagazine und und und...

Selbst einem Außenstehenden wird sicherlich klar, welche verwaltungstechnische Logistik notwendig war, um diese filigrane Infrastruktur einigermaßen zu beherrschen. Ein tadellos funktionierende Nachschub war erforderlich. Der “Moloch” Erdgastrasse schluckte täglich Unmengen abwechslungsreicher Kost, wobei diese nicht die geringsten Verdauungsstörungen verursachen durfte...

Telefonverbindungen in die Heimat gab es nur handvermittelt. Stand nachsehr langen Wartezeiten eine solche Verbindung , verstanden die Gesprächspartner oft nur Bruchstücke des Telefonates. Tausendfach geflickte Leitungen verschluckten den Rest. Dagegen erreichten Bestellungen über Telex und mit Kurierpost meistens schneller ihr Ziel. Die Lieferung des so abenteuerlich angeforderten Bedarfes erfolgte dann entweder mit einem LKW-Konvoi oder per Eisenbahn. Beide Transportarten entwickelten eine Eigendynamik: für den Konvoi war ein Transportleiter verantwortlich. Dieser musste die Fähigkeit besitzen, den Tankwarten an der gesamten Wegstrecke klarzumachen, dass ihre Dieselvorräte gerade noch für die wartenden LKWs reichen würde, den Zollbeamten am polnischen als auch sowjetischen Grenzübergang glaubhaft versichern können, dass die Fracht sämtlicher Fahrzeuge für private Zwecke völlig ungeeignet ist und eventuelle Vorschläge der Einheimischen auf “besonders günstige Abkürzungen” schlichtweg zu ignorieren.

Für die Eisenbahntransporte hingegen gab es in der Regel drei Varianten. Erstens: die Waggons erreichten nach angemessener Zeit, also einige Tage bis mehrere Wochen, ihren Zielbahnhof. Zweitens: sie tauchten irgendwo im Fernen Osten auf und wurden einige tausend Kilometer zurückgeschickt. Drittens: manche Transporte verschwanden spurlos. Nachforschungen blieben meist ergebnislos. “Strana bolschaja...” (“das Land ist groß...”)

Es wäre allerdings nicht korrekt, würde man die einheimische Bevölkerung über einen Kamm scheren. Der überwiegende Teil war ehrlich und durchaus hilfsbereit. Erfahrungsgemäß nahmen diese positiven Eigenschaften zu, je größer der Abstand zu den sogenannten Tourismusstädten war. Das Kalkül des Geldverdienens war hier größer als echte Hilfsbereitschaft. In den meisten Fällen entstanden solche Verspätungen oder Irrfahrten von Waggons aber durch Gleichgültigkeit und mangelnde Logistik. Am Ende einer solchen Kette konnte dann durchaus Diebstahl stehen. Bekanntlich macht die Gelegenheit Diebe, und brauchen konnte man in der UdSSR fast alles...

Mit meinem “Laufzettel” in der Hand beobachtete ich das emsige Treiben um mich herum und kam mir dabei ziemlich dämlich vor: wann, wo und als was sollte ich denn hier eigentlich arbeiten? In Leipzig-Engelsdorf hatte man mir trotz meiner heftigen Proteste erbarmungslos den Vermerk “Zimmermann” in meinen grünen SVK-Ausweis gekritzelt. Als gelernter Elektriker wusste ich von Holz nur so viel, dass es sich herrlich im Ofen verheizen lässt und man sich beim Einschlagen von Nägeln in dieses organische Material möglichst nicht auf die Fingerspitzen haut...

Als Kopfzeile stand oben auf dem Laufzettel nur mein Name, eine Personalnummer und “LT”. Darunter eine ganze Litanei von anscheinend überaus wichtigen Einrichtungen wie: “Wohnlagerleitung”, “Pass und Visa”, “Kultur”, “FDJ-Leitung”, “Dienstleistung”, “Parteileitung” und so weiter... In fast jeder dieser Institutionen hatte ich mich bereits vorgestellt. Neben einem mehr oder weniger warmen Händedruck erhielt ich dort hauptsächlich von den durchlaufenen “Instanzen” ein Häkchen auf meinem Zettel. Nein, es stimmt nicht ganz: bei der “Dienstleistung” erhielt ich einen beachtlichen Berg verschiedenartigster Bekleidungsstücke. Eine fahlgraue Wattejacke erinnerte mich unwillkürlich an einen bestimmten Lebensabschnitt. Tatsächlich: auf dem Innenfutter stand “NVA” (Abkürzung für ”Nationale Volksarmee”). Unwillkürlich musterte ich die zahlreichen Regale – nein, Stahlhelme konnte ich keine entdecken, nur einen Arbeitsschutzhelm aus gelbem Kunststoff drückte man mir in die Hand...

Ein kleiner, außergewöhnlich untersetzter Mann lief an mir vorüber. Instinktiv begriff ich, dass dieser mir mit großer Sicherheit die benötigten Auskünfte geben konnte. Seine Wattejacke war sehr sauber und der Kragen mit graublauem Kunstpelz besetzt, während im Kragen meiner Jacke nur die Knöpfe zum Befestigen der verhassten Kragenbinden angenäht waren. Bei der Volksarmee erhielten solche Jacken in der Regel nur Offiziere. Logischerweise musste der Mann also ein Lackschuh sein. Ich lief ihm nach und hielt ihm meinen Laufzettel vor die Nase.

“Könnten Sie mir...”, doch im gleichen Augenblick fiel mir ein, dass solche Höflichkeitsformen hier nicht angebracht waren. “Könntest Du mir bitte...”.

Der Gefragte studierte aufmerksam den Zettel aus dem gelben Schutzpapier von Röntgenfilmen und erklärte mir dann freundlich, wie ich zum geheimnisvollen “LT” gelangen würde.

“Ungefähr hundert Meter diesen Weg entlang, dann nach rechts auf die Schotterstraße abbiegen. Dort siehst du drei Flachbauten, im mittleren Gebäude ist der “Elteh” untergebracht.”

Unentschlossen überlegte ich. War es richtig gleich hinzulaufen und die gewichtigen Arbeitsklamotten mitzuschleppen, oder diese erst in die Unterkunft zu bringen? Nein, besser gleich anmelden.

Der “Weg” erwies sich als ein hurtig schwankender Bretterpfad über einen ausgedehnten Schlammtümpel, dessen Tiefe und Ausdehnung kaum zu beurteilen waren. Im Rhythmus meiner Schritte begannen die durchnässten Holzpfosten eine unangenehme Eigendynamik zu entwickeln. Aus zahllosen Ritzen schossen schmatzend hinterhältige Schlammfontänen hoch.

Am Ende dieser Schaukelbrücke waren meine “Sonntagshosen” bis zu den Knien mit dieser schwarzen Heilerde durchtränkt und glänzten wie lackierte Ofenrohre. Die in die angeblich wasserdichten Schuhe eingedrungene Brühe quietschte unangenehm zwischen den Zehen und ich war deshalb heilfroh, als ich die erwähnten drei Gebäude erreicht hatte.

Vor der Eingangstür des mittleren Flachbaus mit dem Pappschild “Linearer Teil – RWV – Bauleitung” blieb ich stehen und kratzte mit einem Holzspan notdürftig den dicksten Modder von Schuhen und Hosenbeinen.

Im Korridor umschmeichelte mich angenehme Wärme. Aus einem der Zimmer hörte ich Frauenstimmen und das gedämpfte Tuckern einer elektrischen Schreibmaschine.

Erleichtert warf ich den schweren Klamottenpacken vom Rücken und trat ein. Drei jungen Frauen unterbrachen ihre angeregte Unterhaltung, während die vierte nur kurz aufschaute und weiter auf der Tastatur der Schreibmaschine klickerte . Eine hübsche Rothaarige mit lustigen Sommersprossen im schmalen Gesicht erwiderte meinen Gruß zuerst und gab mir die Hand. Die beiden anderen musterten mit Interesse meine Hosenbeine. Deren Schlammpanade trocknete bereits ab und bildete eine Vielzahl kleiner Schuppen.

“Willkommen im Moorbad Bogo.” “Wenn das Zeug trocken ist, geht es ganz gut raus.”, tröstete mich die eine. “Ich bin Heike.” Sie nannte mir auch die Namen der anderen Kolleginnen.

Carmen, die Rothaarige, hatte meinen Namen auf einer Liste gefunden. “Du meldest dich bei Frank. Er stellt eine neue Brigade auf. Ich zeige dir gleich sein Zimmer.”

Bevor ich die “Höhle des Löwen” betrat, bürstete ich auf der Außentreppe den Dreck so gut wie möglich ab.

Der Bürostuhl am Schreibtisch war leer, nur am Klubtisch in der Zimmerecke lümmelte eine schlacksige Gestalt mit Rollkragenpullover und verwaschenen Jeans.

“Hallo, ich soll mich bei einem Frank melden.” Der junge Mann, er hatte bis zu meinem Eintreten in ein dickes Notizbuch geschrieben, wandte sich halb in meine Richtung: “Dor Frank dähn de suchst bin ich. Du gommst wo von dor Gormen?” Er stand auf, schüttelte mir die Hand und deutete auf einen Stuhl. “Sätz dich hin. Mir missten uns äschentlich gennen, du bist doch mit mir zesamm eigeräst.” Ich war verblüfft – der Kerl sprach ja akzentfreies Sächsisch! Jetzt, als er sich in seiner gesamten Länge entfaltet hatte, erinnerte ich mich. Bereits auf dem Abflug in Schönefeld waren mir die blonde Beatlefrisur und die wasserblauen Augen aufgefallen. Besonderen Eindruck hinterließ aber das gewaltig vorspringende Riechorgan. Ein Prachtmodell für die Anfertigung prothetischer Nasen! Momentan verkniff ich mir allerdings sämtliche Kommentare. Man konnte ja nie wissen... Als ich mich ebenfalls in akzentfreiem Sächsisch vorgestellt hatte, war die Überraschung auf seiner Seite. Es stellte sich schnell heraus, dass er in einer nur drei Kilometer von meinem Wohnort entfernten Kreisstadt wohnte. Vor seiner Delegierung an die Trasse arbeitete er dort als Meister in der Wasserwirtschaft. Hier wurde er ebenfalls als Meister eingesetzt und sollte in den RWV (Abkürzung für “Rückwärtige Verbindungen”) eine Brigade “Handisolierer” aufbauen. Ich wäre demzufolge der erste Kollege in diesem völlig neuen Gewerk.

Frank schlug mir vor, gemeinsam Mittag zu essen und anschließend unser Gespräch auf seiner “Bude” (Unterkunft) fortzusetzen.

Auf dem ausgedehnten Gelände des Wohnlagers wurde noch an vielen Stellen gebaut: Stege zum Überqueren der Entwässerungsgräben und kleine Treppenportale, wenn die Wege von den dicken Bündeln der Versorgungsleitungen gekreuzt wurden. Obwohl sich der neue Meister meinen Kleiderpacken kurzerhand selbst über die Schulter gehievt hatte, konnte ich mit meinen kurzen Beinen nur mühsam mithalten. Als unverwechselbarer Orientierungspunkt erfüllte der sogar außerhalb des Lagerbereiches sichtbare Wasserturm eine weitere wichtige Funktion: ohne dessen blinkende Aluminiumkuppel hätten wir als Neuankömmlinge in der ersten Zeit erhebliche Probleme gehabt, uns im Lagerbereich zu orientieren.

In meinem Zimmer hatte der Rotbart gerade seine “Vormittagsiesta” beendet. Sicherlich hatte ihn der knurrende Magen aus den Federn getrieben. Die beiden anderen Zimmerbewohner hatten Tagschicht. Nach einem längeren Aufenthalt unter der heißen Dusche beschloss ich, den restlichen freien Tag für einen “Funktionstest” der neuen Arbeitsbekleidung zu nutzen. Vielleicht musste ich noch einige Sachen umtauschen. Die Sorgen um den kalten russischen Winter blieben hier relativ unbegründet. Nur selten rutschten die Temperatur erheblich unter den Gefrierpunkt. Heute lag sie sogar einige Grade über Null.

Der Küchentrakt: das große, langgestreckte Gebäude mit seiner Fensterfront wurde als Massivbau errichtet. Außer der Küche mit deren dazugehörigen Lager- und Kühlräumen waren in ihm der Speisesaal, ein Restaurant, ein Mehrzweckraum für Kino und Diskos, sowie eine Bücherei untergebracht.

Ganz oben in der Beliebtheitsskala stand natürlich das “Brett”! Eine Art Tante-Emma-Laden, dessen Sortiment von Schuh- und Zahncreme über Schreib- und Süßwaren, Kleintextilien bis hin zum breitskalierten Angebot überwiegend alkoholischer Getränke reichte.

Meist stammten die Erzeugnisse aus der Heimat. Besondere Spezialitäten, in der DDR fast ausschließlich im “Delikat” erhältlich, gelangten ständig als “Re-Importe” zollfrei in Taschen und Koffern der Urlauber in ihr Ursprungsland zurück. Willkommene Geschenke für diverse Festlichkeiten zu Hause... Das Angebot hiesiger Produkte beschränkte sich im Wesentlichen auf Limonaden, Fruchtsäfte und einigen Weinsorten. An deren Spitze stand ein preiswerter Portwein. Dieses süße, ölig fließende Getränk aus dem benachbarten Moldawien war süffig und wurde sogar von ausgesprochenen Weinmuffeln akzeptiert. Mit seinem aufgespriteten 28 Vol. % Alkoholgehalt war er der mit Abstand billigste “Rundmacher”.

Die anfänglichen Versuche einiger Kollegen, eine angeblich aphrodisierende Wirkung des Portweins mit ihren sowjetischen Freundinnen zu testen, scheiterten jedoch kläglich. Die zur “Anbaggerung” vorgesehenen Mädchen lehnten den Portwein als “Säuferlimonade” kategorisch ab. Sie bevorzugten stattdessen den “ausländischen” rumänischen Muskatwein “Murfatlar”. Dieser war zwar etwas teurer, doch die gewünschte Wirkung stellte sich überraschend schnell ein...

Die langhalsigen Flaschen erhielten daher die obligatorische Bezeichnung “Dosenöffner”.

 

Frank stand bereits vor dem Eingang zum Speisesaal. Nur an einigen Tischen saßen Angestellte und Kollegen des technischen Personals. Die meisten Bauarbeiter erhielten ihre Verpflegung unmittelbar an den Arbeitsstellen. Im Gegensatz zu Großbaustellen in der Heimat wurde hier sichtlich ein hohes Niveau angestrebt. Kein primitives Plastegeschirr. Keine Alubestecke mit kreativ verbogenen Gabelzinken. Statt einer bekleckerten, wachstuchkaschierten Speisenausgabe stand Porzellangeschirr auf vorgewärmten Edelstahlablagen. Das wöchentliche Speiseangebot ähnelte der Menükarte eines guten Restaurants. Nahezu rund um die Uhr gab es erstes und zweites Frühstück. Mittags Suppe und Vorspeisen, mehrere Hauptgerichte zur freien Auswahl und Nachspeisen. Zum Abendessen gab es mindestens ein Warmgericht und ein großes Büffet mit Wurst- und Fleischaufschnitten, Käse- und Salatsortimenten. Die Verpflegung war kostenlos. Man wollte die Leute nicht nur bei guter Laune, sondern auch bei Kräften halten. Nach den Schichtwechseln stürmten ganze Horden verdreckter Kerle lärmend in den Speisesaal und lümmelten sich rücksichtslos an die sauber gedeckten Tische. Unverständlich, dass die Wohnlagerleitung ein solches Benehmen widerspruchslos tolerierte. Doch bereits nach einigen Tagen sah ich selbst aus wie ein Schwein nach einer längeren Trüffelsuche und begriff, weshalb die Tischdecken so häufig gewechselt wurden und der Dienstleistungsbetrieb mehrmals am Tag den Speisaal reinigte.

Eine Tag- oder Nachtschicht dauerte mindestens 12 Stunden. Dazu addierten sich noch die Wegzeiten bis zu den verschiedenen Baustellen. Die “rollende” Woche mit mindestens 28 Überstunden und die Knochenarbeit unter größtenteils extremen klimatischen Bedingungen forderten ihren Tribut. Hätte man die Kollegen genötigt, nach Schichtende erst die mitunter ziemlich weit entfernten Wohnunterkünfte aufzusuchen, sich zu duschen, die Bekleidung zu wechseln und erst anschließend zu essen, dann wären wohl die Wenigsten zurückgekehrt. Die Erschöpfung hätte den Hunger einfach besiegt.

Nach dem Essen wurde meist noch eine Weile geklönt. Manchmal etwas zu viel getrunken, und nach und nach löste sich dann die ganze Schar auf.

 

Nach dem Essen waren wir in die Unterkunft von Frank zurückgekehrt. Er wohnte in einer der ungarischen Baracken, deren Eingänge sich an den beiden Stirnseiten befanden. Die großen und hohen Räume wirkten ziemlich kahl und ungemütlich. Die Bewohner versuchten deshalb, durch Anordnung der Schränke als Raumteiler einen Schlaf- und Wohnbereich zu schaffen.

Zum Kaffee verputzten wir Franks letzten Hausmacherkuchen und sprachen dabei über unsere zukünftige Tätigkeit. Erstmalig sollte eine Brigade von Handisolierern aufgestellt werden. Rohrabschnitte, an denen die Isoliermaschine aus verschiedenen Gründen nicht eingesetzt werden konnte, waren manuell zu isolieren. Vorher erledigten dies die Schweißerbrigaden selbst. Nun sollten wir dies tun. Die Schweißer mussten dafür mehr “Meter” bringen... Noch hatten wir beide aber nicht die geringste Vorstellung darüber, wie diese Aufgabe praktisch zu lösen war. Welche Arbeitsmittel, technischen Ausrüstungen und Standards wurden dafür benötigt? orgen sollten zwei neue Kollegen einreisen und ebenfalls in diese Brigade eingegliedert werden. Zu wenig. Eine Dienstbesprechung mit der Bauleitung des “inearen Teils”sollte morgen Rat schaffen.

Den Rest meines freien Tages nutzte ich dafür, das Lagerterritorium wenigstens etwas kennen zu lernen. n der Poststelle gab ich ein Telegramm in die Heimat auf. Morgen müsste es eigentlich zu Hause sein. Im Kino sollte heute Abend ein brandneuer amerikanischer Actionfilm laufen, doch heute pfiff ich auf Hollywood. Am Brett kaufte ich einige Flaschen Bier und eine Flasche “Goldkrone”... Das Bier war “Braustolz Spezial” aus Karl-Marx-Stadt. Der Weinbrandverschnitt aus Wilthen. Der Fusel galt als Stammgetränk der Trassenbauer und erhielt in der Umgangssprache den Namen “Rohr”. Ich durfte nicht versäumen, als Neuankömmling meinen Zimmergenossen den entsprechenden “Einstand” zu geben. Dazu gehörte eben neben einer Lage Bier auch ein “Rohr.” Zu bestimmten Festivitäten konnten es sogar “Rohrbündel” sein... ie beiden Kollegen der Tagschicht waren noch nicht zurück. Nur der Rotbart lag wie ein Sägebock auf seinem Bett und schmökerte in einem Taschenroman. “Peter”, stellte er sich vor und fügte noch hinzu: “Aus Schwerin.” Er war als Techniker für Trinkwasseraufbereitung in unserem lagereigenen Wasserwerk im Schichtbetrieb tätig. Ein ruhiger Job und viel Zeit zum Bücherlesen, meinte Peter. Er würde so lange in Bogorodshany bleiben, wie auch das Wohnlager existiere. Ich hatte meine Einkäufe auf den Tisch gestellt und hielt ihm eine Flasche Bier hin. “Nö, danke, ich muss dann zum Schichtwechsel. Absolutes Alkoholverbot. Außerdem trinke ich kaum etwas.” Es stellte sich heraus, dass Peter ein absoluter Eigenbrötler war. Vollgestopft mit einem erstaunlichen Wissen, hilfsbereit und freundlich, nur ziemlich wortkarg. Doch was er sagte, hatte Hand und Fuß. Allmählich musste ich also meine ziemlich rüde Meinung über “die blöden Fischköppe” korrigieren. Kurz vor 18 Uhr bereitete sich der Wassermann auf seinen Schichtwechsel vor. Er zog eine schäbige Pelzweste aus Karnickelfell an und stülpte einen verschlissenen Rübezahlhut über die feuerroten Locken. Nickte mir noch zu und verließ mit einem kleinen Stapel Bücher unter dem Arm das Zimmer. In fünf Minuten begann seine Nachtschicht. Das Abendessen fiel heute aus. Ich entschied mich für die letzten Reste meiner importierten Leckerbissen. Die beiden anderen Zimmerbewohner trafen ein und wir machten uns miteinander bekannt. Heinz, ein kleiner schmächtiger Typ mit Oberlippenbart und Mittelscheitel, und Roland, dessen gewaltiger schwarzer Vollbart im harten Kontrast zum spärlichen Kopfhaar stand, arbeiteten gemeinsam in einer Instandhaltungsbrigade für Baumaschinen . Roland hatte aus der Küche einen Stapel Schnitten und eine Riesenportion Wurst mitgebracht: “Mein Frühstück für morgen. Da kann ich eine halbe Stunde länger schlafen.” Heinz kramte seine Waschutensilien aus dem Schrank und verschwand in Richtung Duschraum. Ich fragte Roland nach Gläsern. Er deutete auf ein Wandregal, wo ein ganzes Sortiment stand. Fein säuberlich poliert und mit den Öffnungen nach unten. Roland sortierte liebevoll einen Stapel Heimatbriefe, anscheinend nach ihrer Wichtigkeit. Während wir auf Heinz warteten, erzählte er mir vom Leben im Wohnlager und auf den Baustellen. Immerhin waren die beiden schon länger als vier Monate hier, und Heinz würde in einigen Tagen erstmals nach Hause fliegen. Einen Monat Urlaub in “Drääsden”. Glückspilz, dachte ich etwas beklommen . Heinz kam aus dem Waschraum zurück. Glattrasiert und rosa wie ein Marzipanschweinchen. Im Zimmer stank es sofort nach Russenparfüm aus einem Univermag (sowjetisches Kaufhaus). “Ihr könnt jetzt nicht duschen gehen. Der ganze Waschraum ist gerammelt voll.” Er setzte sich zu uns an den Tisch und deutete auf die Gläser:

”Ah, es ist wohl schon angerichtet? Na dann Tommi, auf deine Einreise!” Bald hatte der Pegelstand im “Rohr” den Flaschenboden erreicht und das Bier war alle. Heinz watschelte zu seinem Schrank und kam mit einer grünen Limonadenflasche zurück: “Meine Reserve.” Roland blies die Backen auf und winkte ab: “Hau ab mit deinem Sammi. Wie willst du denn morgen fahren?” Heinz konterte: “Du hast wohl vergessen, dass wir morgen Parktag haben!” Er zog den “Flaschenkorken”, eine dürre Maisspindel, heraus, schnüffelte am Flaschenhals und schüttelte sich... Die Aussicht auf “Sammi” weckte meine Neugier. Während des zweiwöchigen Vorbereitungslehrgang in Oppach bei Bautzen wurden wir wiederholt auf die Gefährlichkeit dieses Gesöffs hingewiesen. Wahrhaftige Horrorvisionen wie Blindheit, geistige Verblödung und Lähmung der verschiedensten Gliedmaßen sollten uns Respekt vor dieser Volksdroge einflößen. “Sammi” war nichts anderes als die Abkürzung des russischen Wortes “Samogon” (dtsch.: Selbstgebrannter). Während meiner zahlreichen Aufenthalte in der UdSSR hatte ich immer gehofft, dass man mir wenigstens einmal dieses berühmtberüchtigte Getränk anbieten würde. Doch anscheinend befürchtete man einen ausländischen “Gast” damit zu beleidigen, bzw. sich als Gastgeber zu diskreditieren, dass man nicht einmal in der Lage sei, seinen Besuchern einen ordentlichen, wenn auch wesentlich teureren, russischen Wodka vorzusetzen. Das Verbot des Schwarzbrennens ist so alt wie das Schwarzbrennen selbst und wird, heute ebenso wie früher, regelmäßig ignoriert. Jetzt, wo der Vertrieb von alkoholischen Getränken durch strenge gesetzliche Regelungen einschneidend kanalisiert wurde, gewann die Herstellung von Selbstgebranntem zunehmend an Bedeutung – strategisches Zahlungsmittel aus einheimischen Rohstoffen. Die Produktion dieses begehrten Stoffes deckte im wesentlichen den Eigenbedarf und den “Export” in die umliegenden Städte, wo das Brennen mit einem weitaus größeren Risiko verbunden war als in den Dörfern. Wie mir später ein Russe erläuterte, gibt es in den ländlichen Gegenden eine moderne Heilige Dreifaltigkeit: der Pope, der Parteisekretär und der Milizchef wissen genau, wenn die “Braschka” ( Gäransatz) ausgegoren ist und der “Samogon” in die Flaschen tröpfelt. Dann sind sie augenblicklich zur Stelle und erhalten widerspruchslos ihren Anteil. Als jedoch Tausende von ausländischen Bauarbeitern auftauchten, geriet der ausgeglichene Markt außer Kontrolle und entwickelte sich zu einem Teufelskreis. Diese Ausländer verfügten größtenteils über keinen geringeren “Durst” als die einheimische Bevölkerung. Zudem verfügten sie noch über wunderschöne Sachen aus dem Westen: Bekleidung, Sex- und Pornozeitschriften (die wiederum aus den Müllimporten Westberlins geklaut wurden), Ananasbüchsen, Schuhe, Knäckebrot, Kaugummi etc. Für die Menschen hier tat sich eine neue, bisher unbekannte Welt auf. Für relativ billig zu produzierenden Schnaps konnten sie plötzlich Sachen eintauschen, die in dieser ausländersterilen militärischen Sperrzone absolutes Novum waren. Ein Tauschhandel boomte, dessen Dimensionen weder von den Vertragspartnern der DDR noch der UdSSR realistisch eingeschätzt werden konnten. Um diesen neuen “Markt” abdecken zu können, mussten immer größere Mengen gebrannt werden. Die Ausgangsstoffe zur Herstellung von “Samogon” waren wie beim klassischen Verfahren Getreide, Kartoffeln oder Rüben.

Es genügen aber auch normale Bäckerhefe, Zucker und Wasser. Früchte aus eigenem Anbau verbessern den Geschmack und sparen Zucker. Diese “Turbo-Maische” ist bereits nach einer Woche restlos vergoren und kann destilliert werden. Nun wurden also enorme Mengen Zucker, besonders aber Hefe benötigt. Diese gab es aber kaum in den Geschäften. Auf den Wochenmärkten explodierten deshalb die Preise. Alternativ klaute man nun die Hefe in den Backwarenfabriken, und zwar in solchen Mengen, dass manchmal Produktionsstörungen die Folge waren...

Heinz hatte die Gläser bis zum Rand mit Selbstgebrannten gefüllt. Der Schnaps war nicht kristallklar wie Wodka oder Korn, sondern leicht milchig mit einem bläulichen Schimmer. Vorsichtig nippte ich am Glas: das Zeug hatte mächtige Umdrehungen, schmeckte intensiv nach Hefe und etwas Undefinierbarem. Roland feixte: “Nach dem dritten Glas spürst du den Hefedunst nicht mehr. Das hier ist mittlere Qualität, ungefähr 50 % Alkohol. Ganz mies schmeckt das Zeug, was die Bauern aus Zucker- oder Runkelrüben brennen. Da sind noch so viele Fuselöle drin, dass du dir am nächsten Tag den Kopf zwischen den Türpfosten einklemmst...” Ich ließ es daher bei dem einen Probierglas bewenden. “Wann steht ihr morgen früh auf? Ich hatte zwar einen Reisewecker mit, doch vielleicht konnten wir uns einigen. Roland, als Chef der beiden, blätterte in einem Notizbuch: “Nein, außer Fahrzeugdurchsicht liegt morgen nichts weiter an, also reicht 5 Uhr.”

Trotz der angetrunkenen Bettschwere vermochte ich längere Zeit nicht einzuschlafen – glaubte ich jedenfalls, als mich das entsetzlich laute Fiepen des Sechs-Rubel-Weckers auf dem Nachttisch von Heinz in die Höhe riss.

Nach dem Frühstück lief ich zum Büro des LT. In der Nacht hatte es leichten Frost gegeben. Die Wabbelbretter des Laufstegs waren auf dem Tümpelwasser fest angefroren. Frank saß bereits in seinem Zimmer. Im Nebenraum gurgelte eine Kaffeemaschine. ”Trinkst du einen mit? Wir sollen dann zu Sigi kommen.” Sigi, eigentlich Sigismund, war der Objektbauleiter. Auf seinem Schreibtisch lagen ganze Bündel Bauzeichnungen, hauptsächlich Darstellungen des Streckenverlaufes der Rohrleitung. Sigi war groß und von kräftiger Statur, hatte schwarzes lockiges Haar und einen Stalinschnauzer. Er blätterte in den Personalunterlagen von Frank und mir, dann fragte er mich, ob ich wirklich gelernter Zimmermann sei. “Nein, dass hat die Kollegin von PKM in Leipzig/Engelsdorf so in meine Akte geschrieben. Ich bin Elektriker, aber da brauchten sie wahrscheinlich gerade keine.” erläuterte ich. “Na ja, du bist hier an der Trasse, und da muss jeder alles machen. Also wirst du ab sofort als Handisolierer arbeiten. Übrigens, du hast doch einen Hochschulabschluss, wieso setzt man dich nicht in einer Leitungsfunktion ein? Da verdienst du doch weitaus mehr als ich!” Dieser letzte Satz berührte mich unangenehm. Besonders der Tonfall. Also ging es ihm auch nur um die Kohle. Vor einigen Minuten hatte er noch großspurig getönt, dass er durch Parteiauftrag an die Trasse delegiert wurde und mit seinen Fachkenntnissen die Realisierung des Jahrhundertbauwerks unterstützen wolle. Frank grinste versteckt. Er hatte ebenfalls begriffen. Sigi zeigte uns eine Auflistung der technischen Ausrüstung, die der zukünftigen Brigade “Handisolierer” zum gegenwärtigen Zeitpunkt zur Verfügung stand: ein großer geschlossener NVA-Hänger für den Transport der Isolierfolie und anderer witterungsempfindlichen Materialien, einen HP-8 (offener Acht-Tonnen-Hänger mit Dreiseiten-Kippvorrichtung), einen Bauaufenthaltswagen, ein Diesel-Notstromaggregat 50 KVA und als Zugmittel für diesen Wanderzirkus ein Traktor “Belorus-82” mit Allradantrieb, später sollte noch ein “ROBUR LD3000” (Diesel-LKW mit Allradantrieb als “Mannschaftstransporter”) hinzukommen. Gemeinsam liefen wir zum Bauhof. Das riesige, größtenteils noch unbefestigte Areal ähnelte einem Sumpfgebiet.

Ein schizophrener Künstler hatte darin scheinbar wahllos die verschiedensten Gegenstände abgestellt und anschließend Selbstmord begangen. Mehrere Baustraßen aus Betonplatten führten durch das unwegsame Gelände. Sigi wusste, wo die für uns bestimmten Fahrzeuge abgestellt waren. Er verglich die Nummernschilder mit denen auf der Liste. Frank schrieb mit Kreide in Riesenbuchstaben “HISO I” auf das Blech. Damit war der Name für die neue Brigade aus der Taufe gehoben.

Die Zuggabel des Kipphängers war total verbogen. Damit zu fahren war unmöglich. In der Nähe standen noch ähnliche typengleiche Hänger. Frank und ich beschlossen, nachmittags mit Werkzeug zurückzukehren und heimlich die Zuggabel “umzutauschen”. Morgen brauchten wir ihn unbedingt. Für die Werkstatt fehlte die Zeit.

Der NVA-Hänger war groß wie ein Zirkuswagen und trug noch den tarnfarbenen Originalanstrich. Allerdings hatte man seinen Innenraum als Müllkippe benutzt... Als wir auch noch das Stromaggregat gefunden und festgestellt hatten, dass es in ausgezeichnetem Zustand war, fehlten uns nur noch Bauwagen und Trecker. Auf einem Abstellplatz des Fuhrparks entdeckten wir den orangefarbenen Aufenthaltswagen. Den Traktor umhüllte eine riesige Transportkiste aus dicken Holzplanken. Aus dem Traktorenwerk in Minsk schickte man ihn per Bahn nach Leipzig/Engelsdorf in das Zentrallager für Trassentechnik. Von dort gelangte er, wieder per Bahn, hierher nach Bogorodshany. Ein wahrhaftig logistische Meisterleistung! An einer Kistenseite fehlten zwei Bretter. Frank fluchte: “Irgend so ein Schlitzohr hat das Bordwerkzeug gemaust!” “Und die Batterie gleich mit!” rief ich ihm zu, denn im Akkukasten waren nur die dicken Anschlusskabel zu sehen. “Nein”, erwiderte Frank. “Akkus werden im Werk grundsätzlich keine eingebaut. Er knallte die Tür des grellroten Treckers zu und wischte sich seine total verschmierten Finger ab: “Die haben die ganze Mühle von oben bis unten mit irgendeinem Fett eingeschmiert. Soll angeblich konservieren, stinkt aber wie die helle Pest!” Sigi versprach, sich in der Werkstatt um einen Starterakku zu kümmern, die Fahrzeugunterlagen nahm er auch gleich mit. Wir demontierten gemeinsam den Rest der Kiste. Sie war groß wie ein Buswartehäuschen. Dan wurde der Traktor “entfettet”. Die rotbraune Schmiere stank wirklich entsetzlich. “Hast du schon mal einen Traktor gefahren?”, fragte mich Frank. Ich wusste, dass er den LKW-Führerschein hatte und nahm deshalb an, er würde den “Belorus” ohnehin selbst fahren. Arglos erzählte ich ihm, dass ich als Kind schon mal einen Traktor “gefahren” hätte. Während der Kartoffelernte. Immer einige Dutzend Meter im Kriechgang – den Korbabträgern nach... Diese ungemeine Fahrpraxis reichte aber, denn Frank entschied sofort, dass ich den Traktor übernehmen sollte. Meinen Einwand nur über einen Mopedschein zu verfügen, ignorierte er einfach: “Du erhältst einen Betriebsführerschein. Den akzeptiert die Miliz, und du kannst dich damit frei im Trassenschema bewegen. Alles klar?” Klar schon, jedoch fühlte ich mich dabei nicht ganz wohl in meiner Haut, denn dieser Traktor war absolutes Neuland für mich. Andererseits stand meine Fahrschulausbildung für PKW bald an und eine bessere, und vor allem billigere, Fahrpraxis wie hier konnte ich zu Hause nicht erwarten.

Nach dem Mittagessen holten wir die Starterbatterie aus der KfZ-Werkstatt ab. Frank hatte im Büro des LT bereits die Kennzeichen, das Fahrtenbuch, das Tankheft und meine Betriebsfahrerlaubnis in Empfang genommen. Zu meiner großen Freude fuhr er mit einem “ARO” (rumänischer 4x4 Geländewagen) vor. So brauchten wir den schweren Akku nicht bis zum Traktor zu schleppen. Während der Fahrt erzählte mir Frank, dass er mit einem Traktorfahrer vom Gewerk “RIV” (Rohre reinigen, Isolieren, Versenken) gesprochen habe. Dieser wolle mir heute am Nachmittag beibringen, wie man einen “Belorus” fährt. Die Batterie war schnell eingebaut und das Kühlsystem mit Frostschutzgemisch aufgefüllt, das der Meister vorsorglich gleich mitgebracht hatte. Ich schaute von unten zu, wie Frank versuchte, den Motor zu starten. Der Traktor stand immerhin länger als sieben Monate in seiner Kiste. Erstaunlich, gleich beim ersten Versuch sprang der Diesel an und blubberte dicke schwarze Rauchwolken in den ukrainischen Himmel. Frank legte einen Gang ein und fuhr dann mit äußerster Vorsicht vom dicken Kistenboden herunter, exakt zwischen den starrenden Nagelreihen der Bodenplanken. Eine Reifenpanne auf den ersten Metern wäre natürlich peinlich gewesen... Bereits nach einigen Minuten hatte sich der “Rote” beruhigt und tuckerte nur noch leise.

Roland traf pünktlich zur vereinbarten Zeit ein. Er lenkte bei RIV ebenfalls einen Traktor aus Minsk, nur war dieses Modell älter und hatte keinen Allradantrieb. Als routinierter Fahrer holte er aus den Fahrzeugen fast mehr heraus, als sie eigentlich geben konnten und wurde deshalb von den Kollegen als “Rasender Roland” bezeichnet. Wesentlich größer als ich, kletterte er geschickt in den Trecker und zog dabei gewohnheitsmäßig den Kopf ein. Ich hatte mich ganz rechts auf den Wärmeaustauscher der Kabinenheizung gezwängt. Verzweifelt versuchte ich mich irgendwo festzuklammern, denn ein “Angstgriff” war im Fahrerhaus nicht vorhanden, oder ich konnte ihn in meiner Aufregung nicht finden. Obwohl ich kleiner als der Fahrer war, knallte ich bei jeder Bodenunebenheit, und die gab es häufiger als mir lieb war, mit dem Kopf gegen das Kabinendach. Erst, als der Traktor die Baustraße erreicht hatte, ließen die heftigen Stöße etwas nach. Wir mussten noch in die Werkstatt zu einer technischen Durchsicht. Bevor ein Neufahrzeug seine endgültige Betriebserlaubnis erhielt, wurde es nochmals von einem Meister, bzw. Techniker gründlich überprüft. Roland lief zurück zum Abstellplatz, wo Frank noch mit dem “ARO” wartete. Während der Traktor überprüft wurde, wollten sie gemeinsam die Zuggabeln der Hänger austauschen, allerdings nicht mehr heimlich, wie ursprünglich geplant, sondern mit einer offiziellen Genehmigung des Fuhrparkleiters. Ich blieb in der Werkstatt und wollte unbedingt bei dieser Durchsicht dabei sein. Hier ergab sich für mich eine unerwartete Gelegenheit, den Traktor und seine “Bestandteile” einigermaßen kennen zu lernen. Der Kollege führte die Inspektion gründlicher durch, als ich angenommen hatte. Sorgfältig überprüfte er das Fahrzeug systematisch, und ich war echt erstaunt, aus wie vielen Baugruppen so ein Traktor besteht. Zweifellos war dem Mann klargeworden, dass seine gelegentlichen Bemerkungen: ...hier ist die Klappe, wo du am besten an die Lenkhilfshydraulik herankommst...”, oder “Diese Zuleitungen führen zur Steuerung der Ackerschiene...”, für mich nicht unbedingt zum Alltagsvokabular gehörten und ich hier durch böhmische Dörfer spazierte. Ein erfahrener Traktorist hätte bei diesen Worten höchstens aus purer Höflichkeit genickt, um den Kollegen nicht zu kränken... Gott sei Dank gehörte der Mann nicht zu der Sorte von Spaßvögeln, die jede Gelegenheit nutzen, um andere bis auf die Knochen zu blamieren. Geduldig und mit Sachkenntnis erklärte er mir Schritt für Schritt, was ich zur Bedienung des Fahrzeuges wissen musste. Mit Sicherheit konnte ich mir nicht alles auf einmal merken, doch durch praktische Erfahrungen kann man Wissenslücken in der Theorie schnell ausbügeln. Die Traktorenbauer aus Minsk hatten sehr gut gearbeitet – die “Mängelliste” war deshalb kurz wie ein Ferntelegramm: etwas Hydrauliköl war zu ergänzen, die Bremsflüssigkeit wurde gewechselt, ein zusätzlicher Halogenscheinwerfer seitlich am Fahrerhaus montiert und der Luftdruck der Bereifung optimiert. Roland war zurückgekommen, und wir fuhren zur Tankstelle. Nachdem der Tank randvoll mit Winterdiesel gefüllt war, ging es wieder quer durchs Gelände bis zu einem großen Platz. Hier hatten Planierraupen den Bodenbewuchs weggeschoben: auf der geglätteten Fläche sollte später ein neues Rohrlager entstehen. Der Traktor hielt an, und der Rasende Roland kletterte aus dem Fahrzeug: “Jetzt wirst du fahren.” Ich stieg ebenfalls aus, damit sich mein “Fahrlehrer” auf den Notsitz quetschen konnte. In der Werkstatt hatte ich einen Stapel Putzlappen als Steißbeinschoner auf das harte Blech gepackt und dadurch den ohnehin schon geringen Abstand bis zum Kabinendach noch mehr verringert. Der lange Kerl musste deshalb den Kopf weit nach vorn beugen und mit einer Hand die nun ständig auf die Nasenspitze rutschende Brille festhalten. Der Fahrersitz war angenehm weich gepolstert und mit einer verstellbaren Luftfederung ausgestattet. Ich fädelte meine Füße durch das Gewirr von Hebeln und anderen Hindernissen bis zu den Pedalen. Der Knauf des Schaltungshebels ragte zwischen meinen Knien heraus. Mit einem Anfall von Mut atmete ich tief durch, legte den meiner Meinung ersten Gang ein, löste die Handbremse und ließ die Kupplung langsam kommen. Sie kam. Der Satz, den der Traktor nach vorn machte, kam allerdings unverhofft. Mir war es immerhin gelungen, den Motor abzuwürgen. Roland hatte vergessen auf die kleine Gruppe zu schalten, deshalb musste mein Versuch, mit dem fünften Gang der großen Gruppe anzufahren, kläglich scheitern. Während ich mich am Lenkrad festhalten konnte, war mein Fahrlehrer mit dem Hinterkopf an die Heckscheibe gedonnert. Mit bewundernswerter Ruhe klaubte er seine Brille vom Kabinenboden und stellte auf die kleine Ganggruppe um. Diese war höher übersetzt und mit ihr wurde bei Feldarbeiten und großen Zuglasten in schwierigem Gelände gefahren. Der zweite Versuch gelang auf Anhieb. Ich drehte einige “Achten” und lernte dabei die wunderbaren Eigenschaften einer Servolenkung kennen. Nach und nach schaltete ich höhere Gänge. Beim Ausflug ins “Gelände” bemerkte ich, nicht ganz frei von heimlicher Schadenfreude, dass der Kopf meines Beifahrers jetzt im Stakkato an das ungepolsterte Blechdach hämmerte... Übung macht den Meister. Nach einer Stunde Kreuzfahrt hatte ich den Traktor so weit kennen gelernt, dass mir Roland den weitaus schwierigeren Teil der Lektion beibringen wollte: Hänger ankuppeln und Fahren mit Anhängelast.

Als ich dies nach zahlreichen Schweißausbrüchen meinerseits und häufigen blitzschnellen Seitensprüngen des “Einweisungspersonals” endlich kapiert hatte, war es bereits stockdunkel geworden. Frank, Roland und ich konnten uns voller Zufriedenheit eine Vierzehnstundenschicht einschreiben und würden heute sicherlich keine Einschlafprobleme haben...

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