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DataIcon  18. WINTERDIENST

Spillmeier hatte seine “TATRA” mit dem langen Tieflader an einer dafür vorgesehenen Einbuchtung neben dem Straßengraben abgestellt. Nun warteten wir schon eine ganze Weile auf die Ankunft der Planierraupe. Dann war der Alte aus dem nahen Wald gekommen. Er schleppte mühsam einen mit Holz vollgeladenen Schlitten durch den tiefen Schnee und verschnaufte erst ein Weilchen, ehe er neugierig die riesige vierachsige Zugmaschine bestaunte. Der alte Mann spuckte in weitem Bogen durch die Lücke zwischen dem letzten morschen Eckzahn und dem Pappmundstück seiner erloschenen Zigarette und traf zielsicher eine Säule des Ortseingangsschildes.
Bereits seit einer halben Stunde lamentierte er nun über den strengen Winter und dass ihm die Enkel seine Veteranenration “einfach so” weggefressen hätten.
Jetzt, im Februar, erhielten die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges eine staatliche Zuwendung in Form verschiedener hochwertiger Lebensmittel: Fleisch-, Fisch und Obstkonserven, Schokolade, Feingebäck usw. Die Enkel wussten dies und hatten sich, ohne zu fragen, ordentlich bedient. Immerhin enthielt die Zuwendung Artikel, die es in den Geschäften nicht ohne Weiteres gab.

Er setzte sich auf den Rand des Tiefladers und klopfte den Schnee von den Filzstiefeln. Es waren “walenkis” (russische Filzstiefel), die mit unseren lederbesetzten Filzstiefeln nicht vergleichbar sind. Walenkis bestehen vollständig aus dickem Filz, sogar die Sohlen. Dieses Schuhwerk ist für die harten russischen Winter wie geschaffen und lässt selbst die grimmigste Kälte kaum durch. Einige Kumpels kauften sich solche warmen Stiefel auf dem Bauernmarkt und erlebten zu Hause damit eine ziemliche Pleite. Die Walenkis trotzten hier zwar erfolgreich der Kälte, doch in unseren “Matschwintern” saugten sie sich im Handumdrehen mit Wasser voll und wurden dadurch bald unbrauchbar.

Dann erzählte uns der Kriegsveteran von seinen Erlebnissen während des Vormarsches der Roten Armee. Bis nach Berlin sei er gekommen. In Tula ließ er damals seine Frau mit zwei kleinen Kindern zurück und in Berlin sein rechtes Auge. Jetzt wohne er zusammen mit seiner Alten in einem kleinen Dorf in der Nähe von Jefremow. Sein Bruder habe ihm dort ein Haus hinterlassen, als er während des Krieges bei der Schlacht um Sewastopol fiel.
Von der kleinen Rente zu leben, fiele ihnen nicht schwer, aber etwas mehr Geld könnte es schon sein. Deshalb arbeite er noch als “storsch” (“Wächter”) im Holzlager eines Sägewerkes und das, er deutete auf den Schlitten mit den Holzabfällen, falle dabei auch noch jeden Tag ab.
Siegfried fragte ihn, was er denn mit seinen Nachtschichten so zusätzlich verdiene. Der Alte kniff listig sein verbliebenes blassblaues Auge zusammen: so etwa 90 Rubel (etwa 280 Mark) wären es schon, doch seiner Alten gegenüber gebe er weniger an. Sie würde das Geld sonst doch nur an die faulen und unnützen Enkel verschenken. Richtige verwöhnte Stadtkinder, fügte er noch traurig hinzu.

Der langerwartete Bulldozer klapperte heran. Der Fahrer kannte die “Verladerampe” am Straßenrand bereits. Man hatte in den Straßengraben ein Stück fehlerhaftes Rohr eingebaut, damit sich das Sickerwasser nicht anstauen konnte, und darüber einen Haufen Erde geschoben. Über diese provisorische Rampe konnten nun die schweren Baumaschinen relativ einfach auf die Tieflader fahren.

Es schepperte wie immer, als die riesige Planierraupe auf die Ladefläche des “Eisenschweins” kippte. Wir setzten uns in die warme gemütliche Fahrerkabine der “TATRA”. Auch der Alte und der Maschinist des Bulldozers waren zugestiegen. Der gutmütige Spillmeier hatte den Schlitten neben der “KOMATSU” festgezurrt und ersparte dem betagten Opa damit den beschwerlichen Fußmarsch von sechs Kilometern.

Unterwegs auf der Strecke in Richtung Jelez überholte uns ein “ARO”. Er hielt vor uns am Straßenrand an. Der Fahrer stieg aus und winkte. Siegfried brachte die “TATRA” kurz hinter dem Geländefahrzeug zum Stehen. Der Kollege kam von der Bauleitung aus Jefremow und überbrachte eine Nachricht. Kurz vor dem Abzweig in die Ortschaft Krugliki war ein Überlandbus von der Fahrbahn abgekommen und eine Böschung hinabgerutscht. Da sich die Unglücksstelle ohnehin auf unserer Fahrtstrecke befand, sollten wir an Ort und Stelle überprüfen, ob eine Hilfeleistung möglich wäre.
Spillmeier schüttelte den Kopf: “Do hom se fei wieder ka Gald zum streie un mir missen die Soch dann immer grodbiegn.” (erzgebirgischer Dialekt: “Da haben sie halt wieder kein Geld zum Streuen und wir müssen die Sache dann immer geradebiegen.”) Dabei waren wir schon für eine Hilfeleistung unterwegs: In Richtung der Stadt Jelez brach vergangene Nacht das Dach des großen Rinderstalls einer Kolchose unter der Schneelast zusammen. Der größte Teil der Tiere konnte unversehrt geborgen werden, doch der Trümmerhaufen versperrte die Zufahrt zur Kolchose und konnte kurzfristig nur durch den Einsatz schwerer Technik beräumt werden. Die Kolchose verfügte zur Durchführung einer solchen Aktion weder über materielle noch finanzielle Möglichkeiten, und deshalb ging unser Einsatz schon im Voraus als “freundschaftliche Hilfeleistung” auf das Konto des Trassenbaus. Jeder konnte sich vorstellen, was allein schon der Schwerlasttransport über 100 Kilometer zu Buche schlagen würde!

 

Nach wenigen Kilometern Fahrt versperrte ein Milizfahrzeug mit eingeschaltetem Sondersignal die Straße. Etwas weiter standen einige Fahrzeuge der Feuerwehr und der “Dringlichen medizinischen Hilfe”. Ein Milizionär lotste die Krankenwagen durch den Stau und gab anschließend den Weg für die “TATRA” frei.
In einer Linkskurve hatte es den Bus förmlich herausgetragen. Möglicherweise wollte der Fahrer eine Verspätung “ausbügeln” und versäumte es, die Geschwindigkeit bereits vor der Kurve rechtzeitig zu vermindern. Das Fehlen von Spuren in der Schneedecke bis zur “Einschlagstelle” bewies eindeutig, dass das Fahrzeug die Böschung nicht hinabgerutscht, sondern regelrecht ein Stück durch die Luft geflogen war und jetzt zu mehr als der Hälfte im Schnee steckte.
Die Fahrgäste hatten die Heckscheibe zertrümmert und durch diese Öffnung den Reisebus verlassen. Wie durch ein Wunder gab es nur einige Leichtverletzte.
Die schwere Planierraupe plumpste vom Tieflader, drehte auf der Stelle und fuhr langsam rückwärts bis auf die Höhe der Unfallstelle heran. Spillmeier zog mit seiner “TATRA” den Tieflader ein ganzes Stück zurück.
Zwei Männer liefen mit dem Haken der Seilwinde durch den freigeschaufelten Gang, der einem Schützengraben zum Verwechseln ähnelte, doch weitaus tiefer war, bis zum Fahrzeugheck. Einer der Beiden wühlte den Schnee beiseite, bis er endlich zum Fahrgestell des Busses vorgedrungen war. Es verging eine ganze Weile, ehe er wieder auftauchte und in Richtung der “KOMATSU” herüberwinkte. Ganz langsam begann sich die Trommel der Winde zu drehen und wickelte das nur fingerdünne, aber enorm belastbare Seile Lage für Lage auf. Es spannte sich. Anfänglich summte es noch in der tiefen Basslage, steigerte sich aber schnell bis zum Ton einer Violinensaite. Dort, wo die Trosse den Schnee berührte, stiegen feine Wölkchen aus Schneekristallen auf.
Wir zogen instinktiv die Köpfe ein, obwohl wir schon ziemlich weit abseits standen. Unter dem Bus ertönte sekundenlang das hässliche Geräusch reißenden Metalls. Der Maschinist stoppte augenblicklich das Spill, doch er konnte trotz seiner blitzschnellen Reaktion nicht mehr verhindern, dass unter dem Bus ein längliches Metallstück hervorschoss und wie ein Granatsplitter heranpfiff. Augenblicklich warfen wir uns auf den kalten Eispanzer der Straße. Der Gegenstand traf glücklicherweise nicht die Heckscheibe oder den Tank des Bulldozers, sondern schmetterte funkensprühend an den Reißhaken der Maschine.
Vorsichtig liefen wir näher heran und betrachteten voller Neugier das gefährliche Wurfgeschoss. Es sah aus wie die Antriebswelle irgendeiner Zusatzvorrichtung.
Der Busfahrer wurde vorhin verletzt ins Krankenhaus gebracht, und der unerfahrene Helfer hatte die Spilltrosse in gutem Glauben an einem ihm sicher erscheinenden Teil des Chassis befestigt. Natürlich hatte er nicht die geringste Vorstellung von der beachtlichen Masse des Fahrzeuges, das zudem noch tief im Schnee steckte und dadurch einer Bergung zusätzlichen Widerstand entgegensetzte.
Der “KOMATSU”- Fahrer schlängelte sich jetzt selbst unter den Bauch des Busses und befestigte das Trossenende fachkundig an einer richtigen Stelle.

Wieder zog die Seilwinde an. Diesmal waren wir hinter der Wölbung des riesigen Schiebeschildes in Deckung gegangen und lugten voller Respekt über dessen oberen Rand. Das fingerdicke Stahlseil spannte sich erneut bis zum Bersten. Ein spannendes “Tauziehen begann: Wer würde gewinnen? Doch der riesige Stahlklotz rührte sich nicht einen Millimeter von der Stelle, während der lange Reisebus unter dem unbarmherzigen Zug des Spills stöhnte und scheinbar widerwillig aus seiner Schneehöhle hervorkroch. Der Fahrer des Bulldozers fuhr langsam an und beschleunigte damit den Bergungsvorgang erheblich.

Endlich stand der Bus wieder auf der Straße. Trotzdem er beim Aufprall nur im scheinbar weichen Schnee landete, war seine Stirnseite völlig demoliert.

Durch die gewaltige Last der Planierraupe hatten die Stollen der Gleisketten die dicke Eisschicht auf der Straße bis hinunter zur Schwarzdecke zum Platzen gebracht. Diese massiven “Barren” lagen jetzt auf einer Strecke von etwa 50 Metern über die gesamte Straßenbreite verteilt. Für einen Pkw waren diese Brocken unpassierbar. Der “KOMATSU”-Fahrer löste dieses Problem auf seine Weise: Er fuhr auf der “Packeiszone” einmal hin und zurück und schob die Eisklumpen mit dem Schild zu einem Hügel zusammen. Dann klapperte er mit dem Bulldozer rückwärts auf den “Berg” hinauf und wartete, bis Spillmeier den Tieflader neben die Rampe heranbugsiert hatte.

Mit erheblicher Verspätung kamen wir am zweiten “Katastrophenschauplatz” an. Es war schon fast dunkel. Die Finsternis würde den Einsatz erheblich erschweren.
Die Leute dort waren in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen und hatten bereits einen Teil der kleineren Trümmerstücke beiseite geschafft. Eine kleine betriebseigene Raupe mühte sich vergeblich, einen der schweren Dachbalken aus dem Schutthaufen herauszuziehen. Der Schlepper war zu leicht, und die Gleisketten wühlten sich tief in den Untergrund.
Die verbliebene Rinderherde wurde bereits tagsüber im anliegenden Dorf aufgeteilt. Fast jeder der Einwohner nahm eins oder mehrere der frierenden Tiere in seiner Wirtschaft auf. Bis die Kühe wieder zentral untergebracht werden konnten, würde die Kolchose den Häuslern das notwendige Futter liefern, und diese durften als Entschädigung für ihre Mühe die anfallende Milch behalten.
Unter den Trümmern des Stallgebäudes befanden sich noch mehrere Rinder. Einige waren bereits verendet. Die anderen, verletzten Tiere brüllten verzweifelt vor Qualen, doch niemand konnte bis zu ihnen gelangen, ohne sich selbst zu gefährden.
Eine Feuerwehr aus Jelez hatte die Unglücksstelle abgesperrt. Jetzt wurde ein Teil der Absperrungen zurückgenommen, um der “KOMATSU” freie Zufahrt zu ermöglichen. Unsere Planierraupe begann die Bruchstücke der Außenwände von der Seite her in Richtung eines freien Platzes wegzuräumen. Fast spielerisch schob sie gewaltige Schuttberge vor sich her.
Mit einem Male stoppte der Bulldozer: Unter dem herabgerutschten Dach wurden einige Hohlräume sichtbar. Einige Kolchosbauern, der Tierarzt und zwei Milizionäre tasteten sich vorsichtig in diesem Chaos voran und leuchteten mit ihren Taschenlampen in jeden Winkel. Auch der Fahrer der “KOMATSU” hatte seine Arbeitsscheinwerfer in das Innere der Ruine gerichtet. Siegfried und ich standen auf den Kettenabdeckungen der Planierraupe und konnten von diesem Standpunkt aus das Geschehen gut verfolgen.
Die Gruppe war jetzt bis zu den eingeschlossenen Rindern vorgedrungen. Der Veterinär untersuchte die Tiere. Zu welchem Ergebnis er kam, konnten wir nicht hören, doch anscheinend konnten zwei oder drei der Rinder durchgebracht werden. Für die restlichen Kühe würde die aufwendige und gefährliche Bergung nicht mehr erfolgversprechend sein. Dumpf knallten mehrere Pistolenschüsse. Einer der Milizionäre hatte die Tiere von ihren Leiden erlöst.
Mit Unterstützung der Feuerwehr wurde der nur noch an wenigen Stellen aufliegende Rest des Gebäudedaches abgestützt, damit einige Männer die verletzten Haustiere mit geringstmöglichem Risiko bergen konnten.
Immerhin stellte jedes Rind für die Kolchose ein beträchtliches Vermögen dar. Eine Versicherung des Großviehbestandes wie bei uns in den LPG gab es in der Sowjetunion nicht. Die Mitglieder der Kolchosen wirtschafteten mit eigenem Risiko. Die Sowchosen hingegen waren als Staatsgüter über ihren Eigentümer versichert.
Die getöteten Kühe wurden aus den Trümmern herausgeschafft. Ihr Fleisch und die Häute konnten bedenkenlos verwertet werden.
Das Unglück bedeutete für die Genossenschaft fast eine Katastrophe. Ob die finanziellen Mittel für einen Wiederaufbau des großen Stalls reichen würden, war mehr als fraglich. Der Vorsitzende hoffte deshalb auf ein Nothilfeprogramm des Landwirtschaftsministeriums, das für solche Fälle über die Gewährung zinsfreier Kredite entscheiden konnte. Zum Glück brauchten die Bauern nicht auch noch für unseren Einsatz und den der Feuerwehr zu bezahlen. Auch die zahlreichen freiwilligen Helfer der Dorfbevölkerung begnügten sich mit dem sprichwörtlich “warmen Händedruck”.
Es war bereits nach Mitternacht, als unser Bulldozer gemeinsam mit den zwei kleineren Schieberaupen der Kolchose die Zufahrtsstraße geräumt und die Überreste des Stalls beiseite geschoben hatte. Ungeachtet des strengen Frostes wollten die Kolchosniks bereits noch in dieser Woche mit dem vorerst provisorischen Wiederaufbau des dringend benötigten Gebäudes beginnen.
Die Frauen bereiteten für alle Helfer einen reichlichen Imbiss und kochten Unmengen Tee, denn die anstrengende Schufterei in der trockenen Frostluft machte nicht nur hungrig, sondern auch äußerst durstig.
Früh um 3.00 Uhr fuhren wir nach Jefremow zurück.

Unsere Brigade existierte eigentlich nur noch auf dem Papier. Nicht nur die Kollegen selbst, sondern auch unsere gesamte Technik wurde zu förmlichen “Dumpingpreisen” verborgt. Der sorgsam gewartete “Belorus” ging in anderen Gewerken fremd und wurde von lieblosen Zuhältern für niedrige Frondienste missbraucht. In unserem Schmuckstück von Aufenthaltswagen lümmelten sich unbekannte Baubudenrülpse, fraßen unsere gehamsterten Vorräte auf und beschmutzten mit ihrem dreckigen Stiefel den weißen Filz des Salonabteils.

Wir dagegen wurden hin und her geschoben wie ungeliebte Bauern auf dem Brett eines Schachdilettanten. Zwei von uns landeten in einer Handwerkerbrigade, wechselten in den Wohnbaracken und Büros durchgebrannte Glühlampen und reparierten defekte Türschlösser. Drei andere hatten es etwas besser. Sie waren auf einem Verladebahnhof “fest” angestellt, entluden Waggons mit Nachschub aus der DDR und trugen daher stets die feinsten und allerneuesten Arbeitsklamotten... Die restlichen Mitglieder der ehemaligen Elitebrigade wurstelten als Tagelöhner nach der Devise: “Hauptsache, dass am Abend der Tag gelaufen ist!”
Keiner von uns wollte natürlich auf den Trassenzuschlag und die weitergezahlten Erschwerniszuschläge verzichten, und so war das Gemaule über diese Aushilfstätigkeiten nur reine Spiegelfechterei.
Für meinen Teil konnte ich sogar behaupten, dass mir die ganze “Dolmetscherei” eine breite Skala von Abwechslungen bescherte, wie man sie sich in dieser winterlichen Saurengurkenzeit eigentlich nicht besser wünschen konnte. Selbst das Übersetzen eines Teils des Schriftverkehrs mit sowjetischen Behörden und Dienststellen bereitete mir kaum Kopfzerbrechen, obwohl sich die hauptamtlichen Dolmetscher vor solchen, ihrer Meinung nach langweiligen Arbeiten mit den unwahrscheinlichsten Ausreden zu drücken versuchten. Ihr liebstes Betätigungsfeld waren Dienstbesprechungen, Freundschaftstreffen und diverse Feiern hochrangiger Lackschuhchargen. Dort ließ sich die blanke Sahne förmlich mit Schöpfkellen wegschlabbern...

In Leipzig-Engelsdorf begann man anscheinend bereits mit einem vorgezogenen Winterschlussverkauf. Waren gewöhnlich nur einige Waggons pro Woche zu entladen, traf überraschend ein ganzer Zug ein.
Jetzt wurden alle diejenigen Arbeitskräfte mobilisiert, die man notgedrungen in anderen Gewerken und Bereichen untergebracht hatte. Die zahlreichen Waggons aus der Heimat mussten ratzbatz entladen werden. Bei aller Freundschaft verlangte die sowjetische Staatseisenbahn gepfeffertes Standgeld für ihre oft ziemlich klapprigen Waggons. Nachtschichten waren auf einmal wieder angesagt.
Dass wir auf eigene Lade- und Transporttechnik zurückgreifen konnten, sparte nicht nur erheblich viel Zeit und damit auch Geld, sondern uns auch eine Menge übelster körperlicher Plackereien.
Beim Durchforsten der “Kaderreserven” waren auch Grauer Wolf, Werner und ich entdeckt worden und erhielten unverzüglich einen Marschbefehl nach Babarykino.

Ein Schichtbus brachte uns in die unmittelbare Nähe dieses gottverlassenen Nestes. Hineinfahren konnte er nicht, denn es gab keine Straßen und damit auch keine Straßenbeleuchtung. Ebenso bestand hier keine Verbindung zu jener Straße, die an Babarykino vorbei direkt zum Verladebahnhof führte. Also blieb uns nichts anderes übrig, als mitten durch diesen uns vollkommen unbekannten Ort zu laufen.
Weil es schon dunkel wurde, beeilten wir uns, die Bahnstation so schnell wie möglich zu erreichen. Der Busfahrer hatte uns lediglich mit einer vagen Handbewegung die Richtung angedeutet.

Wie dieses Kaff einst entstand, darüber gab es nur reine Spekulationen. Eine Theorie besagte, dass während der Zarenzeit eine Anzahl Sträflinge mit der Eisenbahn auf dem Weg in die Verbannung nach Sibirien war. In einer engen Kurve fielen einige der Sträflinge und ihrer besoffenen Wachmannschaft aus dem Zug. Weil sie nicht genau wussten, wann und ob jemals wieder ein Zug vorbeifuhr, gründeten sie, um zu überleben, Babarykino. Seitdem hatte sich in dieser Ansiedlung nichts verändert, sogar die Bahnstrecke war geblieben...
Die Bäume stammten gewiß aus jener Zeit, als hier noch alles Urwald war. Dazwischen duckten sich einige Hütten. Von ihnen aus führten tiefe Spuren im Schnee zu weiteren Hütten, die wir erst bemerkten, als wir bereits kurz davor standen und die Kiefer der wachsamen Hofhunde einige knappe Zentimeter vor unseren Gesichtern zusammenschnappten. Die Biester hatten anscheinend in der Einsamkeit das Bellen verlernt, oder ihre Vorfahren wurden als Partisanenkuriere ausgebildet.
Hinter den kleinen Fenstern glommen manchmal Lichter, doch wir trafen leider niemanden außerhalb seiner Behausung an , den wir nach dem Weg zum Bahnhof hätten fragen können. An eine Tür zu klopfen, fehlte uns einfach der Mut – wir fürchteten die unberechenbaren Köter. Um den Bahnhof ohne “Stadtführer” zu erreichen, blieben uns eigentlich nur zwei vernünftige Alternativen: die meisten Einwohner von Babarykino würden, falls überhaupt, auf dem Bahnhof arbeiten. Eine Kolchose oder andere Betriebe gab es hier anscheinend nicht, also mussten wir aufpassen, wo sich die zahlreichen Trampelpfade zu einem “Weg” vereinigten, der mit großer Sicherheit zum Bahnhof führen würde.
Die andere Möglichkeit: Nach einem stärkeren Lichtschein Ausschau halten. Strom gab es sogar hier in diesem Partisanenstützpunkt, also unter Garantie auch auf dem großen Verladebahnhof.
Da es mittlererweile völlig dunkel geworden war, tappten wir wie blind im Gänsemarsch die schmale Spur entlang. Manchmal trat jemand daneben, dann prasselte die dünne Eisschicht auf der verharschten Schneedecke erschreckend laut.

Wie lange wir uns in dieser Einöde vorantasteten, vermochte keiner von uns zu sagen. Endlich blieb der Graue Wolf stehen und horchte angestrengt in die Dunkelheit. Einen “Lichthof” erblickten wir nicht, dafür aber drang gedämpfter Maschinenlärm bis zu uns herüber. Wenigstens hörten wir jetzt, wo sich der Bahnhof befinden musste. Die von uns eingeschlagene Richtung stimmte, also brauchten wir nur auf dem Schneepfad weiter zu laufen. Er führte uns mit Sicherheit zum Ziel.
Nicht mehr lange, dann schimmerten zwischen den Baumstämmen die ersten Lampen durch. Uns rasselten wahre Geröllhalden von den Herzen... Es ist sehr schwierig, die richtigen Worte zu finden, um unsere Gefühle während dieses kuriosen Marsches zu beschreiben. Vielleicht war es eine uns bisher unbekannte Form von Angst, die uns befiel, als wir durch diese beklemmende Traumwelt liefen? Keiner von uns hatte sich beim Laufen überanstrengt, und trotzdem waren wir durchgeschwitzt wie nach einer anstrengenden Bergtour.
Als wir in eine gewohnte Welt zurückgekehrt waren, die erfüllt war von Licht, bekannten Geräuschen und vertrauten Bildern , verflog dieses beklemmende Gefühl innerhalb von Minuten und keiner von uns mochte mehr darüber sprechen, als uns der “Entlademeister” ziemlich ungnädig anschnauzte, wo wir denn so lange rumgetrödelt wären...

Die Antwort blieben wir ihm schuldig, als wir uns in eine Kolonne einreihten und die aus einem Waggon zugereichten Kartons auf die Ladefläche des LKW stapelten. Mehrere Waggons wurden gleichzeitig entladen. Auf einem Abstellgleis wartete bereits eine kleine Diesellok mit dem nächsten Schub.
Eine lange Nacht lag noch vor uns – auf dem Bahnhof von Babarykino.

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