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15. ORTSWECHSEL
Die Tage nahmen jetzt genau so schnell ab wie der mir verbliebene Urlaub. Obwohl das Wetter immer noch den
typischen Charakter eines Altweibersommers heuchelte, spürte man doch den nahenden Herbst. Bereits in der nächsten Woche müsste ich vom Trägerbetrieb in Leipzig theoretisch meinen Ausreisetermin erhalten.
Beim VEB PKM Leipzig/Engelsdorf ließ man sich damit in der Regel gehörig Zeit und schickte die Telegramme erst
kurz vor Ultimo ab. Nicht ganz unbegründet bastelten deshalb hämisch veranlagte Kollegen aus den drei Kürzeln die
gewagtesten Wortungetüme zusammen: PKM=“Pannen – Katastrophen – Millionenschäden” oder “Pumpen – Klauen – Mausen”...
Vor meiner Ausreise in die UdSSR besuchte ich noch meine “Amazonenbrigade” im Ingenieurbüro, meinem eigentlichen
Beschäftigungsbetrieb. Außer dem Abteilungsleiter gab es nur vier Solohähne in einer bunten Schar gackernder Hennen. Abgesehen davon,
dass diese gelegentlich auch auf uns einhackten, mussten wir schlichtend eingreifen, wenn die Hennen manchmal ziemlich rabiat ihre Hackordnung unter sich ausmachten.
In ihrem letzten Brief an mich hatten sich die Brigadedamen das Rezept eines deftigen russischen Gerichtes gewünscht
, das nicht auf Anhieb in jedem Kochbuch zu finden wäre. Ich wählte aus der Vielfalt der russischen Küche ein Gericht
aus, das mir zu meinem Leidwesen schon viel zu oft als besondere Spezialität vorgesetzt wurde: eine “Dwoinaja Ucha”
(“Doppelte Fischsuppe”). Jedes Mal, wenn ein Teller dieses köstlichen Eintopfes vor mir auf dem Tisch stand und die
Gräten wie die Zündfühler einer brisanten Treibmine aus der Brühe ragten, blockte ich unter dem Vorbehalt heftiger
Magenkrämpfe den Verzehr kategorisch ab. Dabei war es eine taktische Meisterleistung, den enttäuschten Gastgebern glaubhaft nahezubringen, wie schwer mir der Verzicht auf diese Delikatesse fiel...
Unsere Damenschar hatte sich im “Methodenkabinett” versammelt. In diesem Mehrzweckraum wurden nicht nur
Schulungen und Einweisungen durchgeführt, sondern er wurde auch gleichermaßen für Versammlungen, x-beliebige Feten und als Frühstücksraum genutzt.
Nach Beantwortung der üblichen Standardfragen kamen wir gleich zur Sache. Das heißt, ich musste den in
erwartungsvoller Spannung dasitzenden Kolleginnen das Rezept dieser berühmten russischen Fischsuppe diktieren. Mit
flinken Fingern schrieben die Frauen mit. Sogar den letzten Satz: “Nach kurzem Aufkochen den Inhalt des Topfes unter
vorsichtigem Rühren in den Ausguss schütten!” Glücklicherweise hatte es meine Lieblingssekretärin noch rechtzeitig
geschafft, das Originalrezept abzuschreiben und die erforderliche Anzahl Kopien herzustellen. Nur damit gelang es mir, die aufgebrachte Weiberschar zu besänftigen...
Das erwartete, wenn auch unerwünschte, Telegramm war eingetroffen.
Das Flugzeug landete nach exakt 2 Stunden und 10 Minuten in Moskau-Scheremetjewo 2. Es blieb kaum genügend
Zeit, um diesen neuen, modernen Flughafen zu besichtigen. Die Grenz- und Zollabfertigung verliefen diesmal schnell und
reibungslos. Der Reiseleiter drängte zur Eile. Der Fahrer unseres Reisebusses hatte diesen ziemlich kaltschnäuzig auf
dem Standstreifen unmittelbar vor dem Abfertigungsgebäude geparkt. Damit riskierte er einiges, denn hier durften nur
ausschließlich Taxis und Fahrzeuge des staatlichen Reiseunternehmens “Intourist” halten und kurzparken. Der
diensthabende Milizionär beobachtete das gotteslästerliche Benehmen des Busfahrers schon eine ganze Weile. Er
schlenkerte unschlüssig mit seinen Stock. Mit diesem schwarzweiß bemalten Holzknüppel konnte der Ordnungshüter sowohl den Straßenverkehr regeln als damit auch äußerst eindrucksvolle Hiebe verteilen.
Rasch drängten wir uns in den “Ikarus”. Eine sehr lange und anstrengende Busreise stand uns bevor. Deshalb beeilten sich alle, um einen möglichst gemütlichen Sitzplatz zu ergattern.
Nach einer fast zehnstündigen Fahrt mit einige Pinkelpausen stoppte der Bus an der Wache des Wohnlagers Jefremow.
Die meisten von uns hatten während der ganzen Fahrt geschlafen. Neugierig musterten wir die für uns noch ungewohnte
Umgebung. Es war schon dunkel, doch die zahlreichen Peitschenlampen der Straßenbeleuchtung ließen die tatsächliche Ausdehnung des Lagers erahnen.
Wie bereits gewohnt, gelang es der Bürgermeisterei auch diesmal nicht, die Einreisenden möglichst nach den
Gewerken “sortiert” unterzubringen. Der Graue Wolf hatte unverschämtes Glück: In einem Zimmer mit Kollegen der
Brigade HISO I gab es noch ein freies Bett. Ich wurde zu meiner großen Enttäuschung in eine Bude mit “Röntgern”
gesteckt. Nicht, dass ich etwa gegen die Kollegen der Zerstörungsfreien Werkstoffprüfung (ZWP) voreingenommen
gewesen wäre - die Jungs waren durchaus in Ordnung, doch ihre berufsmäßig bedingte Hektik störte mich ungemein.
Am nächsten Morgen traf sich unsere ganze Truppe im Speisesaal. Dieser war genauso riesig wie in Bogorodshany,
doch wesentlich nüchterner, um nicht zu sagen geschmackloser eingerichtet. Der Lineare Teil glänzte bereits auch hier im Speisesaal von Jefremow wieder durch seine metallischen Tischsymbole.
Außenstehenden wurde damit unmissverständlich signalisiert, dass es sich hier um Stammtische handelte, deren
Nutzung ausschließlich den Kollegen des LT vorbehalten war. Die anderen Gewerke maulten zwar wie immer über diese
Anmaßung und regten sich über das “rüpelhafte Benehmen” dieser Truppe auf, doch keiner traute sich, an solchen Tischen Platz zu nehmen.
Die Konkurrenz versuchte vergeblich, mit ähnlichem Tischschmuck gleichzuziehen. Doch die Tischkarten des Linearen
Teils waren aus knallhartem Rohrstahl gefertigt und erdrückten die jämmerlichen Sperrholzgebilde der Gegner allein schon durch ihr solides Aussehen und ihr stattliches Gewicht.
Während wir im Schnelldurchlauf unsere Urlaubserlebnisse durchhechelten und anschließend den Berichten der
Alteingesessenen lauschten, ging ein Raunen durch den gesamten Speisesaal. Besonders uns Neuankömmlingen blieben die Bissen im Halse stecken: Von der Essenausgabe näherte sich ein wahrhaftiger Golem. Als gelernter
Fleischer schätzte ich sein Lebendgewicht auf mindestens 200 Kilogramm. Der Kopf des Dicken besaß keinen Hals,
sondern ruhte unmittelbar auf den massiven Schultern. Dank der Schlüsselbeine konnten die Wabbelbacken nicht weiter
nach unten rutschen. Um überhaupt vorwärts zu kommen, musste der Fleischberg beim Gehen, besser gesagt Watscheln, seinen gewaltigen Bauch um eine Vierteldrehung nach links und rechts schwenken. Als er schnaufend an
unserem Nachbartisch Platz nahm, wirkte der Stuhl unter ihm wie der schmale Sattel eines Rennsportrades. An
krankhafter Fettsucht konnte der “Zarte” kaum leiden. Was er vor sich auf dem Tisch an Fressalien aufgestapelt hatte,
hätte durchaus für eine kinderreiche Familie als Hauptmahlzeit gereicht... Für uns ergab sich sofort die spannende
Frage, wie es dem Dicken wohl gelungen war, trotz der strengen Gesundheitskriterien hierher an die Trasse zu gelangen
, und was er hier überhaupt machte. Die Aufgaben, die wir ihm in unserer zügellosen Phantasie zuordneten, reichten
vom “Briefbeschwerer für Diplomatenpost” bis hin zur “Rüttelplatte beim Straßenbau”. Diese Variante gefiel uns am besten und ab sofort hieß der Dicke nur noch die “Rüttelplatte”.
Eine traurige Nachricht mussten Jürgen und ich noch verdauen. Während unseres Urlaubs wurde Schwein “Piggy” an
eine Hochzeitsgesellschaft in einem benachbarten Dorf verhökert. Mit dem immerhin stattlichen Erlös von 300 Rubel
setzte die Brigade dem armen Tier einen so beachtlichen Leichenstein, dass mehrere Kollegen einen Urlaubstag in
Anspruch nehmen mussten, weil sie sich in der “unendlichen Trauer um unser vierbeiniges Brigademitglied” völlig zugesoffen hatten.
Bereits am Vormittag änderte sich das Wetter schlagartig. Dichter Nebel zog auf und es wurde spürbar kälter.
Im Effektenlager der Dienstleistung nahmen wir unsere Umzugskisten in Empfang. Sie waren sichtlich gewaltsam
geöffnet und später wieder mit Bandeisen verschlossen worden. An Hand der Inventarlisten überprüften wir den Inhalt auf
Vollzähligkeit. Sowohl beim Grauen Wolf als auch bei mir fehlten die Stiefel, die Wattebekleidung und einige persönliche
Gegenstände von geringem Wert. Der Beauftragte der Staatlichen Versicherung händigte uns einige Vordrucke für
Verlustmeldungen aus. Diese sollten wir ausfüllen – der entstandene Schaden würde in voller Höhe erstattet. Die fehlende Arbeitsbekleidung erhielten wir direkt vom Betrieb ergänzt.
Der Versicherungsmensch erzählte uns, dass die verplombten Waggons mit größter Wahrscheinlichkeit während der
Fahrt aufgebrochen wurden, denn der Zug mit den Umzugsgütern hielt nur an wenigen und dazu noch gutbewachten
Durchgangsbahnhöfen. Einige ausgesprochene Schlitzohren unter unseren Kollegen hatten den Braten schon im Voraus
gerochen und noch in der Ukraine die Inventarverzeichnisse zu ihren Gunsten frisiert. Hier in Russland fehlten ihnen
plötzlich teure private Lederbekleidung, wertvolle Fotoausrüstungen (diese durften ja nur nicht mit auf die Baustellen
genommen werden) und andere Designerklamotten, die sie vorher sicherlich nur im Fernsehen zu Gesicht bekommen
hatten. Trotz dieses offensichtlichen Betruges zahlte die Versicherung dennoch den “Schaden”, denn die Eintragungen
der Inventarlisten stimmten überein. In der Ukraine vertraute man damals den Kollegen und verzichtete deshalb, oder möglicherweise auch nur aus purer Faulheit, selbst auf stichprobenartige Überprüfungen.
Unseren Meister trafen wir beim Mittagessen. Er war sichtlich abgemagert und noch hektischer als gewohnt. Zappen
ließ durchblicken, daß er für “höhere Aufgaben” bestimmt wurde und die Brigade daher in absehbarer Zeit einen neuen
Meister erhielt. Darüber waren wir alle nicht besonders erfreut. Besser als Frank konnte der Neue auf keinen Fall sein,
und solch einer einschneidenden Veränderung sahen ohnehin die meisten von uns mit einer gewissen Skepsis entgegen.
Ungeachtet des schlechten Wetters fuhren wir nachmittags in die Stadt. Jefremow hatte, die Randsiedlungen
einbezogen, etwa 70.000 Einwohner. Es gab einige Industriebetriebe. Die größten von ihnen waren eine Zuckerfabrik und
ein chemisches Kombinat am Rande der Stadt. Die Kernzonen der Altstadt bestanden hauptsächlich aus ein- und
zweigeschossigen Holzbauten, deren Zustand aber noch erstaunlich gut war. Die meisten Einwohner lebten größtenteils in Neubauten aus den 60er Jahren.
Neben dem DDR-Wohnlager entstand ein weiteres Neubauviertel, das von unseren Bauarbeitern errichtet wurde. In
diesem neuen Wohngebiet mit sämtlichen kommunalen Versorgungseinrichtungen sollten später die Beschäftigten der
Verdichterstation mit ihren Familien wohnen. Die teilweise schon fertiggestellten Wohnungen entsprachen dem
derzeitigen DDR-Standard und galten hier als “Luxusappartements” vom Feinsten. Dementsprechend wurden die
zukünftigen Wohnungsinhaber mit den lukrativsten Angeboten für einen späteren Tausch förmlich überschüttet. Für
einen Berechtigungsschein boten nicht nur “Schischkis” (“Zapfen”, umgangssprachl. “Bonzen”) eine Menge Geld und
Vergünstigungen, sondern es gab auch genügend zahlungskräftige Kunden, die Datschen und Autos ins Geschäft einbrachten.
Der Besitz einer “deutschen Wohnung” galt hier als hochrangiges Statussymbol. Erfahrungsgemäß würde nach
Fertigstellung der Gebäudekomplexe mehr als die Hälfte der eingezogenen Familien nicht zum Wartungspersonal der Verdichterstation gehören.
In der Stadtverwaltung von Jefremow kannte man selbstverständlich diese krummen Geschäftsgepflogenheiten. Erstens
fehlten aber für deren Unterbindung die gesetzlichen Grundlagen - schließlich konnte jeder Bürger seine Wohnung ohne
die geringste staatliche Reglementierung nach freiem Willen tauschen. Zweitens würden nach einer gründlichen
Überprüfung der rechtlichen Ansprüche auf diese begehrten Wohnungen mit Sicherheit einige leitende Mitarbeiter des Stadtsowjets mit ihren Angehörigen auf der Straße sitzen...
Wie in den meisten jüngeren Städten der Sowjetunion legte man großen Wert auf ausgedehnte Grünflächen mit vielen
Laubbäumen und zahlreichen Kinderspielplätzen. Neben einem zweigeschossigen Kaufhaus gab es auch eine Menge
sehenswerter Geschäfte. Die Straßen allerdings boten noch jede Menge Gelegenheiten für eine grundlegenden Ausbau.
Anfangs versuchten unsere Kraftfahrer noch gewissenhaft den Schlaglöchern auszuweichen, gaben diese sinnlosen
Bemühungen aber bald auf. Die motorisierten Bewohner von Jefremow hatten bald mitbekommen, dass es sich auf den
von uns angelegten Baustraßen ausgezeichnet fahren ließ, und so herrschte auf den Plattenwegen bald ein turbulenter Verkehr.
Jefremow konnte sogar einen Roten Platz vorweisen! Zugegeben war er nicht ganz so ausgedehnt wie der in Moskau,
und auch das bekannte Mausoleum suchte man hier vergebens. Für die mannigfaltigen Festlichkeiten im laufenden Jahr
stellte er allerdings auch in dieser Tulaer Provinz ein beachtliches Aufmarschgebiet für die Bevölkerung dar. Sämtliche
Hochzeitsgesellschaften umrundeten den Platz mit ihrem gesamten Fuhrpark dreimal. Dieses Ritual sollte reichen Kindersegen bringen und der jungen Ehe einen langen Bestand garantieren.
Leider hatte man auf der ausgedehnten Fläche des Platzes keine Verkehrsmarkierungen angebracht und so konnte
jeder Kraftfahrer nur nach Gutdünken und mit Fingerspitzengefühl fahren. Sicherlich war dies der Hauptgrund dafür, daß es ausgerechnet hier die wenigsten Unfälle im Stadtgebiet gab.
Am Stadtrand von Jefremow schlängelte sich ein kleiner Fluss, die “Krasiwaja Metschta”, (“Schöner Traum”) gemächlich
durch eine Auenlandschaft. Gleich hinter dem Roten Platz sorgte ein Bootsverleih während der warmen Jahreszeit für
regen Betrieb. Geangelt wurde das ganze Jahr über. Unweit von Jefremow verhinderte das Kühlwasser eines Kraftwerkes, dass der träge Fluss im Winter gänzlich zufror.
Die erste Baustelle am neuen Standort konnten Jürgen und ich für den ersten Augenblick kaum von denen in der
Ukraine unterscheiden und doch gab es, wie sich schnell herausstellte, erhebliche Unterschiede. Während unser
Trassenabschnitt in der Ukraine größtenteils durch flaches Steppengelände führte, war das Gelände hier
ausgesprochen wellig. Die Baustellenpositionen wurden deshalb nicht mehr mit “Kilometer Nr. ...”angegeben, sondern hier trugen sie die Bezeichnung “Senke Nr. ...”.
In nahezu jeder Senke floss ein mehr oder weniger wasserreicher Bach. Damit sich der Rohrgraben nicht vorzeitig mit
Wasser füllte, mussten die Bachläufe angestaut und das Wasser mit Süffelpumpen ständig auf die andere Seite des
Grabens gefördert werden. Außerdem verlangte der erhöhte Grundwasserdruck eine Ballastierung des unteren Rohrscheitels.
Die Gleisketten der Rohrleger und Bulldozer besaßen zwar hohe, aber an der Oberfläche glatte Laufkanten. Auf Grund
der besonderen Geländeformationen mussten sich diese Fahrzeuge oft quer zum Hang bewegen. Auf dem jetzt im
Herbst schmierig gewordenen Boden rutschten die schweren Baumaschinen mitunter wie auf Schlittschuhkufen seitlich
hangabwärts. Um diese Gefahr zu vermindern, wurden auf die glatten Laufkanten Dreiecke aus Rohrresten als eine Art
“Spikes” aufgeschweißt. Ihr Nachteil: auf den Betonelementen der Baustraßen verbogen sich die Spikes schnell und mussten deshalb häufig erneuert werden.
Auch der bevorstehende Winter war hier mit dem in der Ukraine kaum vergleichbar. Der Einfluss des Kontinentalklimas
machte sich bereits erheblich bemerkbar. Die Frostperioden dauerten länger und die Temperaturen konnten empfindlich in den Keller rutschen.
Zappen zeigte uns einen Abschnitt des Rohrgrabens, an dem eine “CLEVELAND” arbeitete. Dieser Grabenbagger aus
den USA fräste mit einem riesigen, zahnbestückten Schaufelrad frontal einen trapezförmigen “Schützengraben” mit
erstaunlich glatten Seitenwänden aus dem Boden. Die Grabensohle war so eben und gleichmäßig, dass man auf ihr
sogar mit einem Fahrrad fahren konnte. Eine förderbandähnliche Vorrichtung transportierte die gelockerten Erdmassen
aus der Tiefe und schüttete sie als Wall neben dem Grabenrand auf. Leider konnte das Gewerk “Rohrgraben” diese
äußerst produktive Maschine nur an einigen wenigen Bauabschnitten zum Einsatz bringen. Die Bodenschichten durften
an diesen Stellen nicht mit größeren Steinen durchsetzt und nicht zu bindig sein. Ein weiterer Nachteil dieser Maschine
war ihre verhältnismäßig geringe Arbeitstiefe. Der nur knapp 3 Meter tiefe Rohrgraben musste daher stets nachgebaggert werden.
Mit “verhaltener Freude” bemerkten wir längs des Trassenverlaufes zahlreiche Baugruben für Kugelhähne...
Unser Aufenthaltswagen hatte die Umsetzung bestens überstanden und war wie durch ein Wunder von einer Plünderung
verschont geblieben. Grauer Wolf und ich wechselten die durch den Nieselregen klamm gewordenen Sachen.
Die anderen Kollegen wickelten die Schweißnähte an einem gigantischen Passstück mit mehreren winklig zueinander
versetzten Rohrbögen zu. Dieser ulkige Schnorchel ähnelte dem verbogenen Abgasschornstein einer Raffinerie. Hoffentlich waren wir anwesend, wenn dieses Ungetüm in den Rohrgraben abgesenkt wurde!
Nach der Schicht besuchten wir gemeinsam die Disco. Der Saal war bedeutend größer als in Bogo, dafür aber einfach
und geschmacklos. Die Betonstruktur der kahlen fensterlosen Korridore zwischen dem Speisesaal und der Disco hatte
man farbig übertüncht. An den Wänden hingen Wandtafeln mit Kampfaufrufen des Küchenpersonals für eine “...ständig
immer besser werdende Versorgung der Kollegen auf den Baustellen!” Einige verblasste Fotoserien und verschiedene
Zeitungsartikel sollten den nüchternen Eindruck dieses kernwaffensicheren Luftschutzbunkers etwas aufmöbeln.
Der DJ mit einem schwarzen Persianerlöckchenbart an den Außenkanten des teigigen Gesichtes hatte seine
kilowattstarke Anlage bereits in Gefechtsbereitschaft versetzt. Die Membranen der voluminösen Lautsprechersäulen wölbten sich bedenklich und brüllten den Anwesenden die neuesten Sounds auf die Trommelfelle.
In einer Saalecke schoben wir zwei Tische zusammen. Die Party konnte beginnen. Grauer Wolf kaufte am Ausschank
eine Flasche “Goldkrone”. Ich hatte hochprozentigen “Dry Gin” von Schilkin aus Berlin mitgebracht. Zusammen mit
sowjetischer “Buratino”-Limonade gemixt, ergab dieser ein umwerfend süffiges Getränk.
Die Anzahl der “Trassnitzas” stand in keinem Verhältnis zu den erlebnishungrigen Trassenbauern. Ehepaare bewachten
gegenseitig ihre Partner oder waren sicherheitshalber gleich in den Unterkünften geblieben. Schließlich wusste jeder,
dass mit vorgerückter Stunde und genügend Druck auf dem Kessel die Moralmodalitäten des ehrenwerten Herrn Knigge rücksichtslos unter die Tische gekehrt wurden...
Doch an diesem Abend rückte genügend weiblicher Nachschub an. Wer sich in der Stadt eine sowjetische Freundin
angeschafft hatte, konnte diese offiziell zu Kino- und Discoveranstaltungen einladen. Auch an einigen Feiertagen gab es
einen “Tag der offenen Tür”. Von der Lagersicherheit wurden auf Antrag Passierscheine ausgegeben und mit diesem
“Propusk” durften die Mädchen das Wohnlager betreten – allerdings nicht den Wohnbereich...
Kurz nach 20 Uhr holten einige der Kumpels ihre Freundinnen am Lagereingang ab und führten sie mit unverhohlenem
Stolz zu den vorsorglich reservierten Plätzen, wo die Mädels vom restlichen “unbeweibten” Publikum mit Kennerblicken
begutachtet wurden. Die Mehrzahl von ihnen trug selbstgeschneiderte französische und italienische “Designermodelle”
und hatte sich die meist ausgesprochen hübschen Gesichter mit dick aufgetragenen Schwarten von Schminke verunstaltet.
Anfänglich nippten die Mädels artig an den Gläsern, die ihnen ihre deutschen Gastgeber mit rührender Aufmerksamkeit
bis zum Rande mit Dessertwein gefüllt hatten, und knabberten dazu mit spitzem Mund Salzstangen aus Wurzen. Etwas
später jedoch kübelten sie den “Murfatlar” ungeniert mit großen Schlucken, spülten den süßen Geschmack mit reichlich
Bier hinunter und prosteten anschließend ihren Partnern wortreich mit “Goldkrone” zu, ohne dass diese einen zusammenhängenden Satz verstanden hatten.
Getanzt wurde kaum noch. Mancher Kumpel stellte mit Erstaunen fest, dass seine Knie plötzlich nach allen Richtungen frei beweglich waren.
Zwecks Konversation mussten sich die Pärchen infolge der lauten Musik förmlich anbrüllen. Durch dieses ungehörige Stimmengewirr fühlte sich der DJ wiederum veranlasst, die Leistung seiner Anlage noch höher zu fahren!
Obwohl mir der Schädel bereits bis zum Bersten dröhnte, wartete ich mit Spannung darauf, wann sich die
einheimischen Mädels endlich gemeinsam an einem Tisch gruppieren würden. Es folgte bei solchen Festlichkeiten
jedes Mal der gleiche Ablauf: nach einer Weile versammelten sich die Besucherrinnen, die sich natürlich untereinander
alle bestens kannten, und werteten den bisherigen Verlauf des Abends aus. Während solcher Unterhaltung wurden die
verschiedenen “Qualitäten” ihrer Liebhaber bis ins Detail durchgehechelt. Die betroffenen Kerle hockten mit glasigen
Augen neben ihren Freundinnen und lächelten sogar noch dümmlich über die vermeintlichen Scherze. Wenn eine
Bettgeschichte besonders pikant war, starrten die anderen Mädchen das unwissende Opfer mit verhaltenem Kichern an.
Was die Girls allerdings in ihrer Sorglosigkeit nicht wissen konnten, war, dass jemand unmittelbar neben ihnen saß, der
ihre Sauereien verstand und diese Wort für Wort seinen Kollegen übersetzte... Ein Mordsgaudi für uns.
Die lustige Mädchenschar schaute manchmal irritiert zu uns herüber, wenn sie sich über ein besonders spitzenmäßiges
Ereignis amüsierte und unsere Truppe nach wenigen Sekunden ebenfalls in ein lautstarkes Gelächter ausbrach. Die
Synchronität der Ereignisse fiel den Damen zwar mit der Zeit auf, doch die direkten Zusammenhänge konnten sie zum Glück für uns nicht begreifen.
Trotz der beiden Rückkehrerrunden hatten wir uns an diesem Abend mit dem “Alllohol” äußerst zurückgehalten, und so
verkrümelte sich unsere Schar kurz nach Mitternacht auf die Unterkünfte, während einzelne Pärchen zwischen den Wohnbaracken verschwanden...

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