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DataIcon  14. DER MOLCH KOMMT

 

Ein denkwürdiger Tag für alle diejenigen, die noch hier am 1. Bauabschnitt der Erdgastrasse in der Südwest-Ukraine beschäftigt waren. Aber auch für die Kollegen, die bereits weiter östlich den 2. Bauabschnitt vorbereiteten und meist nur über Publikationen über Stand der Abschlussarbeiten hier in der Ukraine erfuhren.

Von Bogorodshany bis Gusjatin wurden insgesamt 140 Kilometer Rohrleitung verlegt. Verdichterstationen in Wolowez, Bar und Bogorodshany glichen die Reibungsverluste in der Leitung aus und machten dem Gas wieder “Beine”.
Bei aller Hochachtung vor den immensen Leistungen des Linearen Teils der Trasse durften aber auf keinen Fall die anscheinend weniger spektakulären Aktivitäten der anderen Gewerke vergessen werden: Für das zukünftige Bedienungspersonal der Trasseneinrichtungen wurden mit großem Aufwand Wohnungen, verschiedene Sozial- und Verkaufseinrichtungen und Straßen gebaut. Der Betreiber der Exportgasleitung legte darauf sogar besonderen Wert, denn der staatliche Wohnungsbau der UdSSR hätte diese zusätzlichen Baumaßnahmen keinesfalls zeitlich parallel mit dem Bau der Gasleitung realisieren können.
Auch wenn sich die Bagger des LT bereits wieder nördlich von Moskau in die Erde fressen würden, war für diese Baunebengewerke hier noch lange nicht Schluss. Unzählige kleinere Arbeiten mussten noch abgeschlossen werden – das gesamte Bauwerk forderte seine “Feinpolitur”.

Jetzt kam für den ganzen Leitungsabschnitt die “Stunde der Wahrheit”. Die Hauptdruckprüfung ergab, dass die verlegten Gasrohre auch dem wesentlich höheren Prüfdruck standgehalten hatten. Keine der Schweißnähte leckte.
Nach dem Ablassen des Prüfdrucks musste vor der Inbetriebnahme die gesamte Innenoberfläche des Rohres gereinigt werden. Dabei galt es nicht nur Rostpartikel auf der Metalloberfläche, sondern auch bei der Montage zurückgebliebene Gegenstände und die enormen Wassermengen zu entfernen. Für diese Zwecke setzte man, wie in sämtlichen Bereichen der Industrie, die Rohrleitungen montierten und warteten, speziell entwickelte “Molche” ein. Sie ähnelten nicht unbedingt ihren natürlichen Vorbildern, besaßen aber wie diese die Eigenschaft, durch engste Stellen “kriechen” zu können. Es gab viele Varianten für die verschiedensten Einsatzzwecke und Rohrdimensionen. Im Prinzip ähnelten sie aber alle einem unter der Bezeichnung “Diabolo” bekannten Luftgewehrgeschoss.

Nichts war bei Kollegen, die schon mehrere Zyklen an der Trasse weilten, beliebter als der Molch, um Neuankömmlinge gründlich hereinzulegen. Ganz beiläufig trommelte der Buschfunk, dass wieder “Molchfahrer” gesucht würden und dabei eine Stange Dollars zu verdienen sei. Der Job sei allerdings nicht ganz ungefährlich und daher nur für harte Jungs geeignet ... Zufällig meldete sich dann noch ein “ehemaliger Molchfahrer” zu Wort, der mit todernster Miene über seine Erlebnisse berichtete und versicherte, dass er mit seinem “Beifahrer” schon mehrere Bären aus dem Rohr gejagt habe, die sich auf Futtersuche dorthinein verirrt hätten. Selbst die Skelette einiger verhungerter Schweißer, die man während der Bauarbeiten leider im Rohr vergessen hätte, konnten sie bereits bergen. Es seien natürlich auch schon mehrere Molchfahrer ums Leben gekommen...
Das anfänglich große Interesse der neuen Kollegen für diesen Superjob ließ dann nach solchen Äußerungen meistens spürbar nach.
Molche für die Erstreinigung besaßen ausnahmslos einen oder mehrere Ringe mit Drahtbürsten zur Abrasion der Rostauflagen. Zur Fein- und Wartungsreinigung wurden dann später Molche mit glatten Manschetten eingesetzt. Das Material für diese Manschetten musste extrem widerstandsfähig gegen Abrieb sein. Deshalb verwendete man bei ihrer Herstellung oft einen gelblichen, durchscheinenden Kunststoff von unwahrscheinlicher Zähigkeit. Aus diesem hochplastischen Material wurden in den fünfziger und sechziger Jahren u.a. auch Schuhsohlen gefertigt, die in der Regel das Oberleder der damit besohlten Schuhe überlebten...
Diese superschweren “Geschosse” führte man durch eine spezielle Molchschleuse in den Rohrabschnitt ein. Nach dem hermetischen Verschließen der Kammer wurde bei der Erstreinigung hinter dem Molch mit Pressluft solange Druck aufgebaut, bis dieser größer als der Reibungswiderstand war. Der Molch begann zu “laufen”. Die Durchlaufgeschwindigkeit des ersten Molches war von der Menge des anfallenden “Gerümpels”, sowie dem Volumen des in der Leitung verbliebenen Restwassers abhängig und blieb deshalb niemals konstant. Die Druckverhältnisse wurden von diesen Faktoren ebenfalls beeinflusst und schwankten dementsprechend. Am Ende seiner Reise drückte der Molch den angefallenen Unrat und das Wasser durch einen “Molchaustritt” an einer vorbestimmten Stelle in die Landschaft und wurde dann selbst vom nachfolgenden Druck wie ein Geschoss aus dem Rohr geschleudert. Die “Schussweite” konnte in Abhängigkeit von den Bedingungen bis zu 200 Metern betragen. Selbst bei relativ geringen Austrittsgeschwindigkeiten konnte der Molch auf Grund seiner enormen Masse zum Teil erhebliche Zerstörungen verursachen: Sogar stärkere Bäume wurden geknickt oder abrasiert. Im baumlosen Gelände entstanden Einschlagkrater und “Schützengräben”.
Es kam vor, dass der erste Molch in sehr engen Leitungsradien, in einer deformierten Rohrlänge oder am Versatz eines nicht völlig geöffneten Kugelhahnes steckenblieb. Dann versuchte man, je nach vermuteter Ursache, durch Abschuss eines zweiten, mitunter sogar dritten Molches den ersten durch die Engstelle hindurch zu stoßen. Gelang dies nicht, musste der genaue Standort des steckengebliebenen Molches festgestellt, die Erdabdeckung aufgebaggert und das Rohr aufgeschnitten werden. Verständlicherweise ein Riesenaufwand! Orten konnte man den Molch dadurch, indem die Impulse des eingebauten Senders angepeilt, oder bei geringen Erddeckungen und freiliegenden Rohrabschnitten die Strahlung eines mitgeführten radioaktiven Isotops ausgemessen wurde. Die abschließende spätere Zweit- und Drittmolchung erfolgte dann nicht mehr mit Druckluft, sondern direkt mit reinem Erdgas.
Die vom Erdgas mitgeführten Schwebstoffe: Staubpartikel, leichtflüchtige Inhaltsstoffe und Wasserdampf setzten sich nach längerer Betriebsdauer der Leitung an deren tiefsten Stellen als Kondensate ab. Diese verringerten im Laufe der Zeit die Durchflussmenge. Zur Entfernung dieser “Kondensatlachen” schickte man in festgelegten Zyklen einen Molch mit glatten Dichtungsmanschetten durch die Leitung – meist auf dem Abschnitt von einer Verdichterstation zur nächsten. Der Reinigungsmolch erfasste die Kondensate und spülte sie an der nächsten Verdichterstation in speziell dafür errichtete Kondensatgruben. Wenn deren Inhalt abgefackelt wurde, erinnerte dies an eine Brandkatastrophe größeren Ausmaßes: Nach einem dumpfen Knall schoss über der Anlage mit lautem Getöse ein dunkelroter Feuerball in die Höhe, und pechschwarze Rauchwolken stiegen in den Himmel.
Um während der Revisonsmolchung den Gasdurchfluss nicht zu unterbrechen, wurde dieser mit Hilfe von Kugelhähnen in eine Bypassleitung umgesteuert. Vor der Molchung drückte man große Mengen reinen Alkohols in die Leitung, dessen hygroskopische Eigenschaften zur Bindung von Schwitzwasser genutzt wurden.
Der anfänglich verwendete unvergällte Äthylalkohol verlockte natürlich zur Zweckentfremdung. Das Problem der verplombten Auslassventile an den mit Gefahrengutzeichen und Giftkennung versehenen Kesselwagen umging das Personal mit beispielloser Kreativität: Die einzelnen Zellen des Behälters waren mit je einer Peilöffnung versehen. Da durch diese engen Kanäle nicht einmal ein dünner Schlauch passte, hielt man es für überflüssig die Verschraubungen extra noch zu plombieren. Diesen Umstand machten sich die “Alkaschis” (Alkoholiker, Säufer) und Schwarzhändler zunutze. Mit unendlicher Geduld drehten sie dünne Dochte aus Baumwollwatte in die feinen Kanäle und “gewannen” so pro Zelle und Nacht etwa einen vollen Eimer dieses begehrten Stoffes. Das lukrative Geschäft florierte so lange, bis die Äthanolfüllung eines Tages ohne Vorwarnung durch Methylalkohol ersetzt wurde...

Vormittags öffnete man auf der Baustelle Dnestr-Südufer die Ventile der Druckentlastungsleitung am Hauptrohr. Die sonst äußerst unbeliebten Gehörschutzkappen waren zu diesem Zeitpunkt sehr gefragt. Ohne diese “Kopfhörer” ließ man niemanden in die Nähe des Endstückes der Entlastungsleitung. Genau dort würde es aber am Interessantesten werden.
Die hochverdichtete Luft strömte anfangs nur mit verhaltenem Pfeifen aus der Rohröffnung und die Mundwinkel der Schaulustigen rutschten enttäuscht nach unten. Je weiter jedoch die Ventile geöffnet wurden, desto greller wurde das Pfeifgeräusch, bis es schließlich zum unerträglichen Dröhnen anschwoll. Das Geräusch ähnelte jetzt mit seinem Charakter und seiner Intensität dem Triebwerk eines startenden Strahljägers mit zugeschaltetem Nachbrenner. Der schräg nach oben gerichtete “Schnorchel” des Endstücks vibrierte heftig, und das äußerste Ende begann dunkelrot zu glühen – so groß war die Reibungsenergie der ausströmenden Luft! An der Spitze des Rohrendes bildete sich ein spitzer, intensiv blau schimmernder Kegel ionisierter Luft.
Am Rande des Wildkirschenwaldes ließ eine alte Frau ihre Schafe weiden. Vergeblich hatte der verantwortliche Bauleiter mit Unterstützung eines Dolmetschers mehrfach versucht, die Frau zum Verlassen der Gefahrenzone zu bewegen. Doch die Alte blieb sturer als ihre Vierbeiner. Als das Donnern der ausströmenden Luft über die Wiese grollte, stellten sich die Schafe vor Angst fast auf die Vorderläufe. Die Frau blickte kurz zu uns herüber, schüttelte den Kopf – und blieb. “Was stellten die Deutschen wohl wieder für ein Teufelszeug an?”, mochte sie denken.

Zwei besonders wagemutige Kumpels näherten sich dem “Schnorchel”, und einer warf einen Grasbatzen dicht vor die leuchtende Spitze. Mit einem unbeschreiblichen Geräusch wurde der Brocken augenblicklich in winzige Stückchen zerfetzt. Doch der Junge gab nicht auf und schleuderte weitere Klumpen in den Luftstrahl. Diesmal hatte er mehr Erfolg: einige der Grasstücke wurden vom Luftstrom erfasst und segelten in hohem Bogen bis an den Waldrand.
Was der Lackschuh und der Dolmetscher nicht geschafft hatten, bewirkten die vollkommen harmlosen Wurfgeschosse: Die alte Dame drohte wütend mit ihrem Knotenstock in unsere Richtung und humpelte schleunigst in den Wald. Dorthin hatten sich die schlauen Schafe schon längst zurückgezogen... Die Situation wirkte so urkomisch, dass wir uns vor Lachen bogen.

Am Abend fuhr ich mit Franz nach Gorodenka zurück. Dort machte er mich mit meinen neuen “Kollegen”, den drei Mitarbeitern von SIGS, bekannt. Für die Dauer der Molchung wohnten sie in unserem Lager.
Die Männer arbeiteten schon viele Jahre zusammen, bevor sie von Sojus - Inter-Gas - Stroi übernommen wurden. Ob bei Probebohrungen auf Öl und Gas in Kasachstan, in den Schelfgewässern des Kaspischen Meeres oder im Norden Sibiriens - das Trio war bei fast allen Erkundungen von Gas- und Ölvorkommen auf dem Territorium der Sowjetunion dabei gewesen.

Oleg, der älteste von ihnen, hatte in Moskau Geologie studiert und an zahlreichen Expeditionen im Altai- und Sajangebirge teilgenommen, bis es ihn zu den “Njewtschikis” (Ölarbeiter) verschlug. Er lernte die schwere und aufreibende Tätigkeit dieser Männer während einer Studienreise in die Ölfördergebiete Kasachstans kennen - und blieb dort. Diese Arbeit wurde zwar außergewöhnlich gut bezahlt, doch das allein war nicht ausschlaggebend. Ein hervorragender Gesundheitszustand, Berufsinteresse, Kollektivgeist und die uneingeschränkte Bereitschaft, Entbehrungen zu verkraften – das waren die Kriterien für die Ausübung einer solchen Tätigkeit.

In ihrem Wohnwagen zeigten mir die Männer Fotos von Urengoi, dem derzeit größten Erdgasfördergebiet der UdSSR. Über Tausende Kilometer gelangte das Gas bis hierher und über die Exportgasleitung weiter nach Westeuropa. Niemand von den Verbrauchern machte sich jemals Gedanken darüber, unter welchen Bedingungen dieses Gas gefördert und bis zu ihnen transportiert wurde. Es war eben da...

Wir selbst jammerten manchmal über die scheinbar unerträglichen Bedingungen hier an der Trasse. Wie aber wäre unsere Reaktion, wenn wir unter den gleichen Voraussetzungen wie die Männer in Nordostsibirien arbeiten müssten? Im Winter bei Temperaturen, die hochlegierten Stahl wie Glas brechen ließen. Wochenlange Schneestürme während der endlosen Polarnacht, in denen kein Hubschrauber oder Flugzeug starten konnte. Oder im Sommer, wo der Boden bis zum Horizont des Dauerfrostbodens auftaute und Fahrzeuge, Unterkünfte, ja selbst die Förderanlagen versinken ließ und Myriaden von Mücken den Menschen das Leben zur Hölle machten.

Ich war bereits mehrmals während verschiedener Jahreszeiten in Sibirien und kannte deshalb annähernd diese Verhältnisse. Allerdings gab es da einen feinen Unterschied: während die Männer mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienten und durch meist mehrjährige Verträge an diese Tätigkeit gebunden waren, war ich zu meinem Privatvergnügen dort und konnte jederzeit nach Hause fliegen, wenn ich die Faxen dicke hatte.

Im Flur, neben dem Büro der Wohnlagerleitung, hing die Flugliste für den nächsten Urlaubstermin. Mein Name stand auch mit darauf. Grauer Wolf flog eine Woche später als ich.
Da wir nicht wieder in die Ukraine einreisen würden, hatten wir dieses Mal nicht nur das Reisegepäck für den Urlaub zu packen, sondern auch noch das gesamte persönliche Eigentum, einschließlich der Arbeitsklamotten. In Holzkisten verstaut und diese möglichst noch “diebstahlsicher” verschlossen. Das wohl Schlimmste an dieser ganzen Aktion aber war die Anfertigung einer kompletten Inventarliste – mit Kopie natürlich. Diese musste vor der Ausreise bei der Wohnlagerleitung abgegeben werden. Während unseres Urlaubs würde unser Eigentum irgendwie nach Westrussland verfrachtet. Dorthin sollten wir nach unserem Urlaub wieder einreisen. Irgendwo im Gebiet Tula.

Der Druck im Prüfabschnitt der Gasleitung war auf “Null” abgesunken. Die Molchung konnte beginnen. Gemeinsam mit Oleg und seinen Kollegen fuhr ich zur Molchstation bei Bogorodshany. Dort waren die Vorbereitungen für den “Abschuss” dieses monströsen Projektils bereits in vollem Gange. Bedauerlicherweise kehrten wir bereits nach wenigen Stunden nach Gorodenka zurück, und ich konnte beim Start des Molches nicht unmittelbar dabei sein. Die SIGS-Mitarbeiter hatten allerdings ein Funkgerät in ihrem “UAS” (geländegängiger Kleintransporter sowjetischer Produktion) eingebaut und so konnte ich die Bewegung des Molches und dessen jeweilige Position ständig mitverfolgen. Die aktuellen Druckwerte und die zuletzt festgestellte Position übermittelte ich laufend per Funk an unseren zuständigen Dispatcher. Bis jetzt verlief alles reibungslos.

Etwa 32 Kilometer nach Bogo gab es eine Problemstelle. Das Gelände dort war sehr sumpfig, und der hohe Grundwasserstand erforderte eine Ballastierung der Leitung. Trotz aller Vorsicht wurde dabei eine leichte Delle in eine Rohrlänge gedrückt. Die Einbuchtung war nicht sehr tief. Die Leitung wegen dieser scheinbar harmlosen Schadstelle zu schneiden erschien zu aufwändig, und deshalb hoffte man, dass die Plastizität der Dichtungsringe des Molches ausreichen und dieser deshalb die Stelle unbehindert passieren würde.
Bereits über eine halbe Stunde warteten wir auf die Ankunft des Molches. Vorsorglich hatte man den Rohrgraben an dieser kritischen Stelle nicht verfüllt. Das kristallklare Grundwasser war wieder auf seinen ursprünglichen Pegel angestiegen und stand am niedrigsten Abschnitt der Leitung ein ganzes Stück über den Ballastierungselementen.
Grigori, ein Praktikant, bemerkte zuerst die seltsamen Muster auf der spiegelglatten Oberfläche des Wassers, genau an den Stellen, wo das Rohr im Wasser verschwand. Winzige Wellen huschten zitternd über das Wasser und veränderten ständig ihre Form und Richtung. Der Molch näherte sich!
Durch seine Bewegung entstanden Vibrationen, die vom Rohrmaterial weitergeleitet und hier beim Übergang in ein anderes Medium als Wellenmuster sichtbar wurden. Als dieses immer ausgeprägter in Erscheinung trat und schließlich kleine Tröpfchen aufspritzen, war dies ein unverkennbares Zeichen dafür, dass der Molch nicht mehr weit sein konnte.
Endlich kündigte er seine unmittelbare Nähe durch eine Geräuschkulisse an, die man kaum mit Worten beschreiben konnte: Es dröhnte, rumpelte, schabte und quietschte gleichzeitig. Bei der Nachvertonung eines Filmes hätte der Tonregisseur ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, diese vielfältigen Lärmkomponenten auch nur annähernd im Tondrehbuch zu klassifizieren.
Das Geräusch verstummte schlagartig. Der Molch saß fest, und zwar genau an der vermuteten Stelle. Mitten unter der Ballastierung! Dort, wo das Wasser am tiefsten war...

In der Bauleitung beriet man über das weitere Vorgehen: Sollte man sofort schneiden oder mit einem zweiten Molch versuchen, den ersten durch die Engstelle zu “boxen”? Die Entscheidung war nicht einfach. Die Position der Einbeulung kannte man fast auf den Zentimeter genau. Es bestand jedoch die Ungewissheit darüber, wie weit der Molch die Delle bereits überwunden hatte. Saß er bereits mit dem ersten Dichtungsring fest oder fehlte nur noch das berühmte “My”, damit er seinen Lauf fortsetzen konnte? Lohnte sich das Risiko einzugehen, den hängengebliebenen Molch mit einem zweiten “freizuschießen”?
Nach einigen Debatten wurde beschlossen: es wird geschnitten. Der Aufwand für die Durchführung einer solchen Aktion war natürlich beträchtlich. Abgesehen von den Kosten, geriet der Zeitplan völlig durcheinander. Schwere Bautechnik musste vor Ort transportiert werden. Der hohe Grundwasserstand erforderte eine pausenlose Wasserhaltung. Auch wir als Handisolierer waren wieder gefragte Leute.

Annähernd zwei Wochen vergingen, ehe der Molch wieder auf die Reise geschickt werden konnte. Um die verlorene Zeit aufzuholen, wollte man dieses Mal als Treibmedium direkt Erdgas einsetzen. Der Graue Wolf war längst zu Hause, nur ich musste meinen Urlaub auf unbestimmte Zeit bis nach einer erfolgreichen Molchung verschieben. Das hieß, ganz pragmatisch ausgedrückt, der “Zug” war ohne mich abgefahren...
Erfreulicherweise hatte die Abteilung “Pass und Visa” eine Regelung getroffen, dass bei jedem Urlaubsflug in der Maschine ein oder zwei Plätze für unvorhersehbare Fälle reserviert wurden. Theoretisch könnte ich also nach Beendigung der Molchung mit jeder beliebigen Maschine nach Hause fliegen. Insgeheim befürchtete ich allerdings, der verflixte Molch würde wieder in diesem Trompetenrohr stecken bleiben.
Diesmal jedoch verlief alles wie am Schnürchen. Der Molch ratterte diesmal an den “Horchposten” vorbei, dass es eine helle Freude war. SIGS hatte diesmal den “UAS” in der Nähe des Molchaustritts abgestellt. Die Funkverbindung über die mickrige Fahrzeugantenne erwies sich hier als denkbar schlecht. Die Truppe wusste sich aber auch in diesem Falle schnell zu helfen. Im nahen Walde fiel eine schlanke Birke dem Beil zum Opfer und stand bald als Behelfsmast mitten in einem Steinhaufen neben dem Fahrzeug.
Die “Rohrmündung” zielte auf ein Stück Ödland neben dem Wald. Wir entfernten eine provisorische Holzverschalung am Rohrende. Die Bretter sollten verhindern, dass Unbefugte aus Neugier in die Leitung krochen, obwohl das Gelände bereits vorher als Sperrzone ausgeschildert wurde.

Meine Kollegen auf Zeit luden mich zum Essen ein. Es gab “Hausgemachtes”: frisch eingelegte Salzgurken mit viel Knoblauch und marinierte Pilze mit noch mehr Knoblauch, gekochte Eier, Speck und kalten Braten. Auf den Trockenfisch verzichtete ich. Er hatte zu viele Gräten und roch außerdem etwas streng.

Am Rohr tat sich etwas: ein Bächlein Rostbrühe lief glucksend heraus. Wenige Minuten später floß das Wasser schon stärker und war noch dreckiger als vorher...
Wir wechselten uns am Funkgerät ab. “Wspyschka” und “Kanon” waren jetzt bei den Lackschuhen beider Parteien die gefragtesten Sender. Der zunehmende Wasserstrom bewies, dass der Molch nicht mehr allzu weit entfernt sein konnte.
Der Himmel verfinsterte sich rasch. Der Wind nahm zu, und eine Gewitterfront schob sich heran. Die ersten Blitze zuckten . Voller Neugier lief ich ein ganzes Stück ins Rohr hinein. Außer dem zunehmenden Rauschen des Wassers war aber nichts weiter zu hören. Als ich jedoch ein Ohr an die feuchte, rostverschmierte Rohrwandung drückte, vernahm ich in ziemlicher Entfernung ein unheimliches Schaben und Knirschen. Das Halbdunkel im Rohr, das gurgelnde Wasser und das Geräusch des näherkommenden Molches bildeten zusammen eine Kulisse, welche mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Ein scharfes, metallisches Geräusch am Rohrende ließ mich zusammenzucken. Ich atmete erleichtert auf, als ich Oleg erkannte. Er hatte mit einem Stein an die Rohrwandung geklopft.

Als ich aus der Gasleitung kroch, saßen die beiden anderen Kollegen bereits im Auto. Der Motor lief. Oleg trieb mich zur Eile an, riss das Antennenkabel aus der Buchse und schubste mich fast in den Transporter. Der Fahrer wendete den “UAS” nicht einmal, sondern fuhr mit einem Affentempo ein ganzes Stück zurück.
Erst als das Fahrzeug wieder stoppte, erklärte mir Oleg das seltsame Verhalten der Truppe: Der Molchaustritt stand unmittelbar bevor. Wir hatten vorher zwar einen ausreichenden Sicherheitsabstand eingehalten, doch der eigentliche Anlass für diesen panikartigen “Rückzug” war das Gewitter. Wenn der Molch das Rohr verließ, strömte noch über einen längeren Zeitraum Gas aus der Leitung und verwirbelte mit der Umgebungsluft zu einem hochexplosiven Gemisch. Ein Blitz würde genügen, um eine gigantische Feuerwolke entstehen zu lassen.

Oleg erzählte mir von einem Zwischenfall in Kasachstan, wo sich während der Reparatur an einer Gaspipeline eine ähnliche Wolke an einem in der Nähe achtlos weggeworfenen Zigarettenstummel entzündet hatte und vier Kollegen bei der Explosion tödliche Verbrennungen erlitten. Ich war heilfroh, dass die drei erfahrenen Männer bei mir waren, denn allein hätte ich wohl kaum auf diese drohende Gefahr geachtet.
Der jetzige Standort war gut gewählt. Der Wind wehte von uns weg. Trotz des größeren Abstandes und des einsetzenden Regens konnten wir den Molchaustritt noch gut beobachten. Aus dem Rohr schoss jetzt ein gewaltiger Wasserstrahl und verwandelte in Sekundenschnelle das Gelände in einen flachen See. Irgendwann flitzte etwas Dunkles schemenhaft aus dem Leitungsende und hüpfte rasend schnell wie ein flacher Stein über die Wasseroberfläche. Eine langgestreckte Dampfwolke folgte, erst dann rollte ein dumpfer Knall heran. Der Molch war raus!
Das Gewitter grummelte schon am Horizont, als wir nach eine ganzen Weile wieder näher heranfuhren. Der “Birkenmast” hatte sowohl das Gewitter als auch den “Urknall” des Molches heil überstanden. Oleg notierte den genauen Zeitpunkt des Molchaustrittes und teilte diese Angabe jetzt seiner Dienstelle mit. Auch ich meldete mich bei unserem Dispatcher. In der Bauleitung war man über die lange Funkstille bereits besorgt gewesen. Von einem Gewitter wussten die Kollegen nichts. Bei ihnen gab es die ganze Zeit über nur strahlenden blauen Himmel.

Bereits am übernächsten Tag flog ich mit einer Maschine der Nationalen Volksarmee in den verdienten Urlaub. Der Truppentransporter, auch “Trassenbomber” genannt, startete mit Sondergenehmigung vom Militärflughafen Iwano -Frankowsk aus zum Direktflug nach Berlin-Schönefeld. Unterwegs geriet der Truppentransporter AN-12 über Polen in eine riesige Gewitterfront, kreiste eine geschlagene Stunde in den Gewitterwolken über Berlin und setzte dann während eines heftigen Wolkenbruchs auf dem Schönefelder Flughafen auf. Endlich war ich wieder zu Hause...

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