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12. DER UNFALL
Heute war “Parktag”. Im Rahmen unserer Möglichkeiten überprüften wir die gesamte Technik, behoben kleinere Mängel
und komplettierten unsere Ausrüstung. Für den Stromerzeuger wurde mit der Werkstatt kurzfristig eine komplette Durchsicht vereinbart. An dessen Dieselmotor
setzte mitunter die Kraftstoffpumpe aus, und am Generator hatte die automatische Spannungsstabilisierung einige Macken.
Dazu brauchte der Notstromer aber nicht nach Gorodenka geschleppt werden, sondern solche weniger aufwendigen Reparaturen wurden von den Mechanikern eines Werkstattwagens erledigt.
Der Meister brachte uns einen Berg Arbeitsschutzbekleidung, verschiedene Ausrüstungsgegenstände und
Verbrauchsmaterialien. Olm strahlte, als er auf die Ladefläche des “LD” kletterte. Nun konnte er wieder einige Tage lang sortieren, inventarisieren und beschriften.
Die Arbeitsschutzbekleidung hatte Zappen bereits vorsortiert und die Päckchen mit den Namen der einzelnen Kollegen
beschriftet. Jetzt, im Hochsommer, erhielten wir gemäß des Sprichwortes: “Wenn du frische Brötchen liebst, dann kaufe
sie vor dem Backen.” bereits einen Teil der Winterausrüstung ausgehändigt. Die zum x-ten Male angeforderten Schweißeranzüge aus Leder waren natürlich wieder nicht dabei...
Diesmal waren wir schlauer gewesen: die vorherigen Arbeitsanzüge aus blauem Baumwollgewebe “Made in China”
hatten wir genau nach unserer Konfektionsgröße bestellt. Beim ersten Tragen passten sie wunderbar. Nach dem ersten
Waschen in einer sowjetischen Großwäscherei waren die guten Stücke zwar blitzsauber geworden, doch konnte man sie jetzt allenfalls noch als Puppenbekleidung verschenken.
Aus diesem Grund bestellten wir die “Friendship”-Anzüge zukünftig zwei Nummern größer und führten selbst mit ihnen
eine Spezialbehandlung durch. Grauer Wolf bereitete die Waschküche vor: auf einem offenen Feuer wurde in einem
großen Kanister Wasser zum Kochen gebracht und dorthinein stopften wir die neuen Anzüge. Nach ca. 15minütiger
“Garzeit” wurde die Bekleidung aus der blauen Brühe herausgefischt, gespült und anschließend zum Trocknen aufgehängt. Die Bekleidungsstücke passten danach wie angegossen.
Während unsere Brigade den Tag mehr oder weniger vergammelte, wurde nebenan mit vollem Einsatz gearbeitet.
Vorgestern war die Aktion “Studentensommer” angelaufen. Eine Anzahl Studentinnen und Studenten erhielten die
Möglichkeit, für die Dauer der Semesterferien hier an der Trasse ein Praktikum zu absolvieren. Neben ihrer Tätigkeit
konnten sie Land und Leute kennenlernen und gleichzeitig einen Haufen Geld verdienen. Die meisten der jungen Leute
stammten aus dem Bezirk Halle. Gleichzeitig mit ihnen reiste auch ein ganzer Schwarm neuer Trassenbauer ein.
Im Moment hatten wir fast nichts zu tun. Die Isolierarbeiten waren abgeschlossen. Deshalb wurden wir hin und wieder für “Butlertätigkeiten” missbraucht.
Augenblicklich drehte sich alles um die bevorstehende Hauptdruckprobe. Zum wiederholten Male wurden fieberhaft
sämtliche Anschlussleitungen und Schieberventile überprüft. Die letzten Montagearbeiten standen kurz vor ihrem
Abschluss. Beide Kompressorwagen liefen Probe. Die mächtigen Mehrstufenkompressoren drückten aber noch keine Luft in die Hauptleitung, sondern pfiffen sie mit ohrenbetäubendem Lärm durch die Überdruckventile ab.
Ein Gewitterschauer rauschte herab und brachte für kurze Zeit etwas Abkühlung.
Der “LD” war mit dem größten Teil unserer Brigade unterwegs. Grauer Wolf und ich waren als einzige zurückgeblieben.
Wir richteten das verbogene Geländer der Bauwagentreppe aus. Durch den allgemeinen Baustellenlärm drang ein lauter Schrei. Wir beachteten ihn nicht sonderlich. Hier wurde öfters
geschrien. Bei diesem extremen Lärmpegel war eine normale Verständigung ohnehin kaum möglich. Einer der Schweißer, die die letzten Stutzen der Anschlussleitung WIG (Wolfram-Inert-Gas=Schutzschweißverfahren)
schweißten, kam eilig zu uns herübergerannt. “Wir brauchen euern Traktor! Ein Unfall!” schrie er schon von Weitem.
Jürgen kletterte sofort in den “Belorus” und ließ den Motor an. Ich stellte mich auf die Einstiegsleiter der Fahrerkabine.
Der Schweißer lief voraus und wies uns den Weg. Er deutete immer wieder auf den österreichischen Kompressorwagen.
Es war nicht weit bis zu der Unfallstelle. Einige Leute rannten in heller Aufregung um den großen Anhänger herum. Als
wir mit dem Traktor näherkamen, stürzten sie auf uns zu. Ich stieg schnell vom Fahrzeug und versuchte zu erfahren,
was hier eigentlich geschehen war. Zwei Kollegen hielten die Zuggabel des Kompressorwagens hoch und winkten Jürgen
im Traktor zu. Er sollte offensichtlich ankuppeln. Inzwischen kannte ich den Grund der ganzen Aufregung: hinter dem
Hänger befand sich ein Mensch. Er stand in unnatürlicher Haltung über das Anschlussrohr gebeugt. Der Kompressorwagen drückte ihn gegen die Leitung! Vergeblich versuchten zwei Leute den Verunglückten aus seiner
gefährlichen Lage zu befreien. Schnell winkte ich Jürgen zu: “Sofort anhalten!” Er durfte den Wagen auf keinen Fall
ankuppeln! Schon der geringste Stoß beim Ankuppeln hätte die Situation des Eingeklemmten noch weiter verschlimmert
. Ich wickelte eilig einen Stahlschlupf von der Ackerschiene des Traktors, fädelte ihn durch die Zugöse der Wagengabel
und hängte beide Schlaufen in die Kupplung ein. Obwohl jede Sekunde für den Verunglückten entscheidend sein konnte,
zog Jürgen äußerst vorsichtig an. Das dünne Stahlseil spannte sich bis zum Zerreißen. Keiner der Anwesenden
vermochte in dieser Situation genau zu sagen, welches Gewicht der Kompressorhänger hatte. Auf jeden Fall musste er
sehr schwer sein, denn die Räder des Traktors drehten bereits durch, ohne dass sich der Hänger auch nur einen
Zentimeter vorwärts bewegt hätte. Auf den langen, glatten Grashalmen fanden die Räder nur ungenügenden Griff. Grauer
Wolf riskierte alles. Er ließ die Zugmaschine so weit wie möglich zurückrollen, legte einen höheren Gang ein und fuhr
mit Vollgas an. Es gab einen harten Ruck und wie durch ein Wunder riß der mickrige Schlupf nicht entzwei. Der massige Wagen jedoch wurde ein Stückchen vorwärtsgerissen! Diese einmalige Gelegenheit nutzten die beiden
Kollegen blitzschnell aus. Mit fast brutaler Gewalt rissen sie den Verunglückten hinter dem Hänger hervor. Genau zum
richtigen Zeitpunkt, denn der Kompressorwagen rollte bereits wieder zurück und kollidierte diesmal sogar mit der
Anschlussleitung, obwohl der Traktor mit voller Leistung gegenhielt. Die beiden Retter legten den Verletzten behutsam
ins Gras. Er war bei vollem Bewusstsein und stöhnte qualvoll. Jemand brachte eine Decke. Zunehmend versammelten
sich die üblichen Gaffer an der Unglücksstelle und überboten sich mit wohlgemeinten, aber völlig nutzlosen Ratschlägen.
Was uns jetzt am dringendsten fehlte, war eine funktionierende Funkverbindung. Denn inzwischen hatten wir festgestellt,
dass der Traktor hier oben das einzigste Fahrzeug war, über das wir verfügen konnten. Der BTP der Schweißerbrigade
stand unten am Dnestr. Unser “LD” war unterwegs, und der Sankra mit beiden Sanitätern war ebenfalls nach Gorodenka gefahren – für eine Stunde, wie es hieß. Ausgerechnet jetzt!
Jürgen verschwendete keine kostbare Zeit und fuhr mit dem Traktor in Richtung Flussufer davon. Dieses Fahrzeug nützte
uns ohnehin nichts, denn mit ihm konnten wir den Verunglückten kaum bis Gorodenka transportieren. Wir wussten ja
nicht einmal, welche Verletzungen der Kumpel hatte und wie schwer diese waren. Das Einzige, was wir derzeit vermochten, taten wir auch. Wir beschwindelten den Unglücksraben nach Strich und Faden mit dem üblichen
Notfallgesülze: es wäre nicht so schlimm, würde alles wieder gut und Hilfe sei schon unterwegs. Der Mann, eigentlich mehr ein junger Kerl, verzog sein bläuliches Gesicht und versuchte zu nicken.
Einige Lackschuhe hatten sich zu uns gesellt. Sie waren sichtlich betroffen über dieses Ereignis, konnten aber
logischerweise auch nicht helfen. Das, was wir ständig insgeheim befürchtet hatten, war eingetreten: ein Unfall mit
erheblichen Folgen und niemand war in der Lage, irgendwelche Hilfe zu leisten oder kurzfristig Hilfe herbeizuholen. Ein scheinbar klassischer Fall, in dem sich alle negativen Faktoren addieren!
Was uns etwas hoffen ließ, war die Tatsache, dass der Kollege zwar unter Schock stand, doch bis jetzt bei vollem
Bewusstsein war und daher ansprechbar blieb. Das Unvermögen ihm zu helfen, brachte uns dagegen fast zur Verzweiflung. Seine Kollegen wussten wenig über ihn, denn er war erst vor zwei Tagen zusammen mit der
Studentengruppe eingereist. Während seine Kollegen voller Ungeduld auf den BTP warteten, versuchten wir, um uns
etwas abzulenken, festzustellen, wie es zu diesem Unfall kommen konnte: der Brigadier hatte den Jungen beauftragt, in
einen Flansch der Anschlussleitung zwei Löcher zu bohren. Strom für die Handbohrmaschine lieferte eine der Netzsteckdosen des Kompressorwagens. Die Bohrmaschine war noch angesteckt und lag am Boden.
Möglicherweise hatte ihr Anschlusskabel nicht ganz bis zur Steckdose gereicht. Um sich wegen einer
Verlängerungsschnur den weiten Weg bis zum Materialwagen der Brigade zu sparen, fasste der Kollege einen für ihn
verhängnisvollen Entschluss: er lockerte die Feststellbremsen des Hängers etwas und wartete, bis dieser auf Grund des
Gefälles so weit heranrollte, bis die Anschlussschnur der Bohrmaschine zur Steckdose reichte. Dann zog er mit der
Handkurbel die Bremsen wieder an und begann zu bohren... Was der Kollege nicht ahnen und auch nicht sehen konnte,
war, dass der Hänger auf Grund seiner gewaltigen Masse, trotz blockierter Bremsen, auf dem glitschigen Gras langsam
weiterrutschte und den Kollegen schließlich mit dem Brustkorb gegen das Anschlussrohr presste. Unsere Schlussfolgerungen waren natürlich vollkommen hypothetisch, wurden aber später durch die genauen Untersuchungen
der Arbeitsschutzkommission bestätigt.
Als der BTP aus dem Hohlweg herausfuhr und mit Vollgas heranraste, war bereits über eine halbe Stunde verstrichen.
Der Fahrer breitete einige Decken auf einer der Sitzbänke aus und wir hoben den verletzten Kollegen zu dritt vorsichtig in
die geräumige Kabine. Langsam, um möglichst größere Erschütterungen zu vermeiden, rollte der LKW über die Wiese
und fuhr anschließend auf den Feldweg, der bis zur Chaussee nach Gorodenka führte. Mehrere Kollegen aus der
Schweißerbrigade waren mit eingestiegen. Der Feldweg war mit Flusskieseln aufgeschüttet worden. Darunter befanden
sich ziemlich große Brocken. Normalerweise maßen wir diesem Umstand kaum eine Bedeutung zu, doch jetzt schien
uns das Geholper auf einmal unerträglich. Bis auf einen Mann stiegen wir aus, liefen vor dem LkW her und warfen die größeren Steine einfach an den Wegrand.
Trotz der langsamen Fahrt erreichten wir bald die Chaussee, und deren Straßenbelag war so ziemlich in Ordnung. Ich
erinnerte mich, dass wir in Kürze eine Sowchose (Landwirtschaftliches Staatsgut), passieren mussten, an deren
Eingangstor mir schon immer ein Schild mit rotem Kreuz auf blauem Hintergrund aufgefallen war, und bat den Fahrer,
dort anzuhalten. Die Sowchose musste sehr groß sein. Dem Schild nach zu urteilen, gab es hier zumindest eine Sanitätsstelle, auf jeden Fall aber ein Telefon.
Als ich auf dem Steinfußboden des Verwaltungsgebäudes entlang lief, merkte ich erst durch die Kälte, dass ich weder
Schuhe noch Socken an den Füßen trug und nur mit Boxershorts und einem total verdreckten Vollachselhemd bekleidet
war. Wahllos riss ich eine Tür nach der anderen auf, bis ich schließlich einen unwahrscheinlichen Volltreffer landete: die
junge Frau am Schreibtisch mit dem weißen Kittel musste eine Krankenschwester, vielleicht sogar eine Ärztin sein!
Vorerst blieb diese Frau aber erst einmal sprachlos, als sie mich musterte: außer Atem, verschwitzt und noch dazu in
diesem Aufzug. Ohne große Umschweife erklärte ich ihr die Situation. Die Frau handelte rasch. Während wir zum
Dispatcher der Sochose eilten, sagte sie mir, dass es hier keinen Telefonanschluss gäbe. Es bestünde jedoch eine Funkverbindung nach Gorodenka.
Die Frau, sie war tatsächlich eine promovierte Medizinerin und betreute als Betriebsärztin mehrere Staatsgüter des
Gebietes Iwano-Frankowsk, forderte per Funk ein Fahrzeug der Dringlichen Medizinischen Hilfe an. Sie nahm ihren Erste
-Hilfe-Koffer und kletterte in unseren LKW. Hier begann sie den Verletzten gründlich zu untersuchen. Ihm ging es jetzt
wesentlich schlechter als noch vor einer halben Stunde. Er atmete nur oberflächlich und sein Mund schien voller Blut zu sein. Zusammenhängend zu sprechen vermochte er kaum noch.
Die Ärztin hatte ihre Untersuchung abgeschlossen und injizierte ein kreislaufstabilisierendes Medikament. Dann gab sie
dem BTP-Fahrer ein Zeichen, daß er losfahren sollte. Sie hielt es für sinnvoller, dem Rettungswagen entgegenzufahren.
Ihre vorläufige Diagnose: Verdacht auf Milzruptur. Mit Sicherheit eine Fraktur mehrerer Rippen mit Verletzung des rechten Lungenflügels.
Ein ganzes Stück voraus kam uns der Rettungswagen entgegen. Durch sein Sondersignal war er schon von Weitem gut
auszumachen. Unser Fahrer, dem vor Aufregung der Schweiß aus allen Poren lief, betätigte mehrmals die Lichthupe und
schaltete die Warnblinkanlage ein. Der “UAS” stoppte vor uns und wendete sofort. Ljudmilla Petrowna, die Ärztin, stieg
aus, sprach einige Sätze mit dem Fahrer des Krankenwagens und kam zum BTP zurück. “Prodolschatch pojesdku,
poschaluista!” sagte sie. (“Bitte weiterfahren!”) Die Ärztin befürchtete mit Recht, dass durch eine Umlagerung in den
Rettungswagen wertvolle Zeit verstrich und außerdem der Lungenflügel noch mehr perforiert werden könnte. Der Fahrer
des Krankenwagens würde über Funk dem Krankenhaus in Gorodenka die Diagnose der Ärztin miteilen. Dort konnte man deshalb bereits entsprechende Vorbereitungen für eine Notoperation treffen. Mit seinem Sondersignal
gewährleistete uns der Rettungswagen in Gorodenka auf allen Straßen freie Fahrt, und so erreichten wir bald das Krankenhaus.
Der Verletzte wurde aus dem BTP getragen und unverzüglich in die Röntgenabteilung gebracht. Während unser LKW vor
dem Krankenhaus wartete, bat man mich noch zu bleiben, da ich als Einziger Russisch sprechen konnte. An meinem
“Outfit” schien hier niemand Anstoß zu nehmen. In einem Vorzimmer konnte ich mir wenigstens den Dreck von den
Händen und vom Gesicht waschen. Anschließend rief ich beim Dispatcher im Wohnlager an und bat ihn, den Med.-Punkt über diesem Vorfall zu informieren.
Gemeinsam mit dem Ärztlichen Direktor des Krankenhauses und Ljudmilla Petrowna wurde ein Unfallprotokoll
angefertigt, während unser Kollege bereits im OP lag. Der Verunglückte hatte, neben 360 Rubel Bargeld und einem
persönlichen Brief, auch noch das Dienstvisum in seinem Brustbeutel, so daß wenigstens die persönlichen Angaben
vorlagen. Er hieß Andreas Z. und stammte aus Quedlinburg. Seit meinem Anruf war noch nicht viel Zeit vergangen, als
Heidi, unsere Ärztin aus dem Med.-Punkt erschien. Ich erzählte ihr, was ich wusste. Andreas lag noch immer im OP.
Wir mussten fast drei Stunden warten, ehe uns der Stationsarzt nähere Auskünfte über den Zustand des Patienten
geben konnte. Er gab Heidi eine Kopie des OP-Berichtes, den ich ihr aber nur teilweise zu übersetzen brauchte. Die
lateinischen Fachbezeichnungen verstand sie ohnehin besser als ich. Entscheidend für mich war nur die Gewissheit,
dass keine unmittelbare Lebensgefahr mehr bestand. Der Stationsarzt zeigte uns das Zimmer, wo Andreas langsam aus
der Narkose erwachte. Es war ein kleines, sauberes Einzelzimmer mit ungewöhnlichem Komfort, sicherlich
“ungewöhnlichen” Patienten vorbehalten... Eine Intensivstation gab es in diesem Krankenhaus nicht, doch unser Kollege
war an einen Biomonitor angeschlossen, erhielt eine Infusion und neben dem Bett saß eine Krankenschwester.
Unsere Ärztin zeigte sich zufrieden, fragte aber sogleich, ab wann der Patient transportfähig sei und in den Med.-Punkt
verlegt werden könnte. Ich übersetzte die Frage, obwohl ich diese persönlich etwas taktlos fand, denn schließlich
unternahm man hier in diesem Provinzkrankenhaus offensichtlich die größtmöglichen Anstrengungen, um eine schnelle und komplikationsfreie Genesung des Patienten zu gewährleisten.
Der sowjetische Stationsarzt empfand dies anscheinend genau so und anschließend gab es im Sekretariat ein längeres
Gespräch, das fast schon zu einer Kompetenzrangelei eskalierte. Für mich war dies ziemlich belastend, da ich alles
übersetzen musste und so automatisch für jede der Parteien zum direkten Ansprechpartner wurde. Schließlich kam am
Ende doch noch ein Kompromiss zustande: Unsere Ärztin konnte täglich den Patienten besuchen und wurde fortlaufend
vom Stationsarzt über den Zustand unseres Kollegen informiert. Über eine Verlegung in den Med.-Punkt sollte eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden.
Grauer Wolf und ich besuchten Andreas mehrmals im Krankenhaus. Außer unserem Meister blieb er der Einzige, der
sich bei allen Beteiligten für ihre Einsatzbereitschaft bedankte. Ein Vorschlag der Bauleitung, Jürgen und mich mit einer Prämie auszuzeichnen, scheiterte am Widerspruch unseres
Bauleiters Sigismund. Er war der Ansicht, dass wir beide ohnehin schon genug verdienen würden...

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