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1. DIE ANKUNFT
Die TU 134 A der “Interflug” reagierte etwas unwillig über einige kantige Windböen und versuchte, seitlich abzudriften.
Doch der Pilot brachte die Maschine mit einigen routinierten Ruderbewegungen auf den Gleitpfad zurück.
Bereits wenige Minuten später polterten die Fahrwerke auf der Landebahn des Flughafens Lwow, und nach dem
Ausrollen hielt das Flugzeug vor der kleinen Abfertigungshalle - der Sonderflug “Berlin – Lwow” war pünktlich gelandet.
Ein Blick durch die Bordfenster brachte wenige Erkenntnisse: draußen war es bereits dunkel und das Flugfeld nur
schwach beleuchtet. Einige Pfützen mit Schneerändern, Flockenwirbel im Lichtkreis der wenigen Mastlampen deuteten auf übelstes Schmuddelwetter hin.
Im Flugzeug wurde es lebendig, die meisten von uns hatten geschlafen und suchten jetzt ihre Utensilien zusammen.
Immerhin war man bei der Abfertigung in Schönefeld nicht kleinlich gewesen und hatte mehrere Stücke Handgepäck akzeptiert. Eine Gangway rollte heran, besser gesagt, wurde herangeschoben... Unsere beiden freundlichen
Stewardessen hebelten die Tür auf. Nach einem herzlichen Abschied stiegen wir vorsichtig die wacklige Hühnerleiter
hinab und stapften durch die Wasserlachen und den dicken Schneematsch auf die Eingangstür des Flughafengebäudes
zu. Der kalte Wind trieb uns zur Eile an, und so standen wir bald in der ungewohnt kleinen, allerdings hell beleuchteten
und vor allem mollig beheizten Halle mit den Dimensionen eines Provinzflughafens. Wie jeder Flughafen, ungeachtet
dessen Größe und Standorts, besaß auch dieser seinen eigenen, gewissermaßen “persönlichen” Mief.
Achim, unser Reisebegleiter, wartete geduldig, bis wir uns zu einem “Haufen” zusammengerottet hatten und gab seine
erste Instruktion: “Wir sind da”, verkündete er, und erntete mit dieser Bemerkung anerkennende Blicke von uns. “Haltet
bitte eure Reisepässe bereit, wir werden hier gesondert abgefertigt. Normalerweise gibt es hier keinen internationalen
Flugverkehr, deshalb hat man extra für uns Grenzer und Zollbeamte aus Kiew eingeflogen. Also, alles mir nach!”
Wir verließen die Halle durch einen schmalen Seiteneingang und gelangten in einen kleineren, mit prachtvollen
Marmorfresken verkleideten Raum, dessen beeindruckend gestaltete Deckenkuppel sich auf den polierten Bodenplatten
widerspiegelte. Völlig stilwidrig hatte man an der Stirnseite des Prunkbaus eine Art Sperre aus Metallelementen aufgestellt. Dieser sattgrün angepinselte Zaun führte unweigerlich zu einem solide zusammengenagelten
“Schilderhäuschen” gleichen Farbtons. Den schmalen Durchgang verschloss eine Sperre in Form eines Sägebügels. Aus
zwei kleinen Schalterfensterchen lugten je eine grüne und mausgraue Schirmmütze, deren Träger sich eifrig unterhielten. Alles klar: Grenz- und Zollkontrolle am Stück.
Unbemerkt von uns hatte man einen großen Plattenwagen mit unserem Reisegepäck hereingerollt, und wir begannen
unsere Koffer herauszusuchen. Als ordentliche Staatsbürger nahmen wir instinktiv Aufstellung vor diesem
bemerkenswerten “Grenzkontrollpunkt”. Die Sperre blieb allerdings geschlossen. Unbeeindruckt von unserem Aufmarsch setzten beide Staatsdiener ihr angeregtes Gespräch fort.
Unser Reiseleiter war verschwunden, und wir hielten vergeblich Ausschau nach irgendeiner Sitzgelegenheit. Immerhin
hatten die meisten von uns schon extreme Belastungen überstanden: Weihnachten, Jahreswechsel inklusive Abschiedsfeier in nahtloser Reihenfolge! Der abgeschlaffte Organismus konnte sich bis heute, den dritten Tag des
Jahres 1983, einfach noch nicht regeneriert haben... Trotz der üppigen Ausstattung des Raumes hatte man schlichtweg
auf Sitzmöglichkeiten verzichtet. Schließlich setzten wir uns auf die Koffer oder Reisetaschen, ohne einen Gedanken
darauf zu verschwenden, dass wir mit unseren Hintern möglicherweise zerbrechliche Utensilien breitwalzen könnten.
Als sich nach geraumer Zeit an der “Grenze” immer noch nichts rührte, begannen einige hörbar zu muffeln: “Die Affen
sollen endlich mal mit ihrer Quasselei aufhören und uns endlich durchlassen”. Die beiden uniformierten Primaten
reagierten jedoch nicht auf die durchaus freundliche Aufforderung, so dass unsere Wortführer resigniert verstummten, nur
ein Berliner bemerkte trocken: “Die müssen doch och erst uff ihre Befehle warten...” Zweifellos hatte er damit nicht ganz
unrecht, obwohl die Abfertigung in Berlin-Schönefeld erfreulich unbürokratisch verlaufen war: Reisepässe abgeben, deren
Vergleich mit einer Sammelliste, und schon konnte der Trupp “Erdgastrassenbauer” geschlossen passieren.
Nach Ablauf einer weiteren halben Stunde war uns allen endgültig klar geworden, dass wir nicht in einer beheizten
Mitropa-Gaststätte lümmelten, sondern weitab davon auf eiskalten Marmorfliesen hockten. Gesprochen wurde kaum.
Jeder fühlte sich irgendwie bedrückt und durch die unerwartete Situation verunsichert. Die wenigstens von uns kannten
sich persönlich - bis auf einige Ausnahmen waren wir Neulinge: Delegierte für den Bau des “Jahrhundertbauwerkes
Erdgastrasse Urengoi-Ushgorod”. Und nun so ein Empfang... Auch ich war innerlich ziemlich am Boden. Was zum
Teufel hatte mich nur veranlasst, meine interessante Arbeit zu Hause für mindestens zwei Jahre “auf Eis” zu legen? War
es der unbeschreiblich miese Zustand nach meiner Scheidung oder die vage Hoffnung auf einen Neuanfang nach zwei
langen Jahren persönlicher und räumlicher Trennung? Vielleicht aber auch die Möglichkeit eines außergewöhnlich hohen
Verdienstes mit Westgeldanteil, die Chance auf ein Auto ohne biblische Wartezeiten oder einfach Abenteuerlust. Ich konnte mir im Moment auf diese Fragen selbst keine vernünftige Antwort geben.
Ein leises, aber unüberhörbares Raunen riss mich aus meinen fruchtlosen Grübeleien: einer der beiden Uniformierten
hatte sich eine Zigarette angezündet und blies genüsslich den Rauch von sich, während sein Kollege noch in der
dargebotenen Schachtel “Kasbek” gründelte. Niemand von uns hatte sich bis jetzt getraut zu rauchen, obwohl die
Raucherseelen - meine einbezogen - schrecklich unter Entzugserscheinungen litten. Der Grenzer hatte, sicherlich
ungewollt, eine Initialzündung ausgelöst: eine Kettenraucherreaktion gewissermaßen. Das Klicken der Feuerzeuge und
das Zischeln konservativer Streichhölzer ergaben zusammen mit dem Knistern der Zigarettenpackungen eine eindrucksvolle Geräuschkulisse. In Sekundenschnelle zerschellte das allgemeine Stimmungstief auf dem kalten
Fußboden und über der glücklichen Schar erhob sich rasch eine Tabakkumulus. “Kuritj nelsja!!” (“Rauchen verboten!!”)
Der laute Ruf des jungen Grenzers fuhr wie das Schwert des Erzengels Gabriel in die Reihen der Nikotinsüchtigen.
Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir so richtig bewusst, welche Macht sich hinter dem oftmals
dahergeplapperten Wort “Einheitsfront” verbergen konnte: die gescholtenen Raucher gingen spontan und kompromisslos
zur Gegenoffensive vor: “Du Arschloch qualmst doch selber! Was soll denn in diesem Backsteinschuppen außer der Luft
sonst noch brennen?” Zum Glück hatte der Ukrainer (oder Russe) die simple Verknüpfung seines zweitedelsten
Körperteils mit seiner Persönlichkeit nicht kapiert. Er hatte sich halb von seinem Notsitz erhoben und plumpste
verdattert darauf zurück - eine solche Reaktion existierte in den Dienstvorschriften nicht. Die etwas gespannte Situation
entschärfte sich, als Achim, unser Reiseleiter, in Begleitung eines Hauptmanns der sowjetischen Grenztruppen
auftauchte. Der Offizier hatte die Lage anscheinend sofort begriffen. Einige harsche Worte, und beide, Grenzer als auch
Zöllner, warfen hastig ihre Pappröhrchen weg und schielten zu uns herüber. Dann ging alles sehr schnell: der
“Sägebügel” rasselte empor und wir marschierten in einer Reihe durch. Bald prangte auch in meinem Reisepass ein
fetter lilafarbener Tagesstempel und besiegelte damit den erfolgreichen Einzug ins gelobte Land...
Auf dem Weg zum Parkplatz vor dem Flughafengebäude blies uns ein schneidender Wind feine Eiskristalle fast bis auf
die Haut. Das große Thermometer neben den Schwingtüren der Abfertigungshalle zeigte zwar “nur” –11°C, eine für
hiesige Verhältnisse nahezu milde Temperatur, der Wind jedoch verstärkte das Kälteempfinden beträchtlich. Zum
Zeitpunkt der Abreise schwankte die Temperatur in Berlin um den Gefrierpunkt, und nur aus diesem Grunde hatten die
meisten von uns ihre “Polarausrüstung” im Reisegepäck verstaut. Selbst während der schleppenden Abfertigung in dieser
Kühlzelle war kaum jemand auf die Idee gekommen, dass es draußen eventuell noch kälter als hier sein könnte...
Aus einem Nebengebäude zogen zwei Flughafenangestellte einen breiten Holzschlitten, beladen mit unserem
Reisegepäck. Der Zollbeamte war mitgekommen und drehte eine symbolische Ehrenrunde um den Schlitten. Damit hatte er seine Dienstpflicht erfüllt und konnte ruhigen Gewissens in die mollige Wärme der Abfertigungshalle
zurückkehren.
Beide Angestellte legten sich mächtig ins Zeug und zerrten die Fuhre in Richtung Parkplatz. Einige von uns halfen
schieben, und so geriet das betagte Fahrzeug bald mächtig in Fahrt.
Zwei Reisebusse “Made in Hungary” mit Cottbuser Kennzeichen warteten auf dem Parkplatz. Die Motoren liefen und
blubberten stinkige Dieselschwaden in die Luft. Die Fahrer öffneten die Gepäckräume, und wir verstauten den Koffer- und Taschenberg unter den kritischen Blicken der “Buslenker”.
Unser Reiseleiter schenkte dem Schlittenpersonal einige Flaschen Bier, und die Russen trotteten erfreut mit ihrem
Gefährt zurück, winkten uns noch mehrmals zu.
Die Busse durften wir erst betreten, nachdem sich jeder gründlich das Schuhwerk gereinigt hatte. Die Fahrer waren für
Sauberkeit und Ordnung der Fahrzeuge selbst verantwortlich und hatten deshalb prophylaktisch die Laufgänge mit Scheuertüchern ausgelegt.
“Weshalb seid ihr heute mit zwei Bussen angerückt?, erkundigte sich Achim.
“Es steigen unterwegs noch einige andere Truppen zu. Ihr könnt aber in beiden Bussen zusteigen und euch die Plätze
aussuchen.” meinte einer der Fahrer und blickte dabei ungeduldig auf seine Uhr. “Wir müssen mächtigen Dampf aufmachen, sonst schneien wir hier noch ein oder die Straßen sind völlig zu.”
Der Mann hatte recht: in den feinen Eisstaub mischten sich zunehmend kleine hartgefrorene Schneeflocken und
prasselten knisternd an die Scheiben.
Achim überprüfte nochmals die Vollzähligkeit, zeigte uns, wo im Bus Getränke und Verpflegungsbeutel verstaut waren.
Dann stieg er aus und verschwand im anderen Fahrzeug.
Ich sicherte mir den “Reiseleitersitz” unmittelbar neben dem Fahrer. Von hier aus hatte man nicht nur eine
ausgezeichnete Sicht nach vorn, sondern auch noch die Warmluft der Heizung aus “erster Hand”. Die anderen verschwanden in der Tiefe des Busses und suchten sich die ihrer Meinung nach besten Plätze aus.
Klaus, so hatte sich der Fahrer unseres Busses kurz vorgestellt, ließ sich auf seinen luftgefederten Sitz plumpsen und
schaute im Rückspiegel nach dem anderen Bus hinter uns. Er tippte kurz auf die Hupe und ließ das Fahrzeug anrollen. Der zweite “Ikarus” folgte in geringem Abstand.
Ich war überrascht, mit welcher Sicherheit Klaus den langen Wagen durch die Reihen wild durcheinander geparkter
Fahrzeuge manövrierte und mit langandauernden Huptönen Fußgänger von der Fahrbahn scheuchte. Einige Leute
blieben stehen und winkten hektisch, doch beide Busse fuhren unbeeindruckt von den Gesten weiter. Eigentlich ziemlich
gemein, dachte ich. Immerhin waren noch jede Menge Plätze frei und sehr weit wollten die Leute sicherlich nicht
mitfahren, sonst hätten sie die Fernbusse benutzt, welche vom Flughafen aus in alle möglichen Richtungen eingesetzt wurden.
Klaus schien meine Gedanken erraten zu haben und erzählte mir, dass der sowjetische Betreiber der Erdgaspipeline ein
striktes Verbot für die Mitnahme einheimischer Anhalter durch ausländische Fahrzeuge ausgesprochen habe. Gründe für
dieses Verbot wurden zwar nicht benannt, doch es war anzunehmen, dass versicherungsrechtliche Kriterien bei
möglichen Unfällen ausschlaggebend waren. Tatsächlich war es für sämtliche Fahrer aus der DDR eine moralische
Belastung, wenn sie mit ihren Fahrzeugen scheinbar unbeeindruckt selbst an alten oder sichtlich gebrechlichen
Menschen vorbeifahren mussten. Hier war es nahezu eine Selbstverständlichkeit, dass jeder, der noch irgendeinen
Winkel in seinem Fahrzeug frei hatte, einfach anhielt und die Leute mitnahm. Leider wurde die einheimische Bevölkerung
nicht über dieses bestehende Verbot informiert, und so gab es mitunter nicht nur böse Mienen, sondern hin und wieder auch drohende Gesten.
Der Flughafen von Lwow grenzte unmittelbar an das Stadtgebiet, und die Busse durchquerten einen Teil der Altstadt.
Enge winklige Gassen mit holprigem Kopfsteinpflaster zwangen die Fahrer zu riskanten Manövern. Manchmal fehlten nur
wenige Zentimeter bis zu den teilweise kunstvoll verzierten Gebäudefassaden, deren Architektur deutliche Hinweise auf
einen deutschen Baustil lieferte. Lwow trug früher den Namen “Lemberg” und hatte in den verschiedenen historischen Epochen seit seiner Gründung mehrmals den Besitzer gewechselt.
Nach einer halbstündigen Fahrt hatten wir die Stadt verlassen und den “Highway” erreicht. Autobahnen im üblichen Sinne
gab es nicht. Größere Städte waren durch Fernverkehrsstraßen miteinander vernetzt.
Solche Verkehrswege wurden offiziell als “Staatsstraßen Nr.1” bezeichnet und waren zum Teil auch mehrspurig. Unsere
Fahrer nannten sie kurzerhand “Highway”. Ihr Zustand war sehr verschieden und garantierte den Benutzern eine
abwechslungsreiche Fahrt. Die einheimischen Fahrer kannten sich natürlich bestens aus, doch wehe den Ausländern,
welche mit zügigem Tempo dahinrollten und sich über die glatte, griffige Schwarzdecke freuten... Diese herrliche Straße
konnte urplötzlich und meist ohne Vorwarnung enden: der Bitumenbelag hörte einfach auf - übergangslos wie eine
Treppenstufe. Mit etwas Glück landeten die Vorderräder nach ein bis zwei Metern “Freiflug” im Schotterbett des
nachfolgenden Straßenunterbaus oder knallten in die Schlaglöcher der “Originalstraße”. Nach einigen Kilometern konnte
alles andersherum ablaufen: Schlaglochstraße - Treppenabsatz - Schwarzdecke. Bei dieser Reihenfolge waren selbstverständlich bleibende Schäden am Fahrzeug einzukalkulieren... Je nach Beschaffenheit des angrenzenden
Geländes gab es zur Abwechslung auch Abschnitte mit knöcheltiefem Schlamm. Ein wenig spannender wurden die
Fahrten im Winter: mitleidig hatte dieser die verschiedenartigen Straßenprofile mit einer dicken Schneeschicht
überpudert. Wenn der Schnee seine Metamorphose zu einer soliden Eisschicht abgeschlossen hatte, konnte der
Verkehr bis zum Frühling unter nahezu einheitlichen Bedingungen rollen. Vorausgesetzt natürlich, man hatte vorher
genügend Zeit und Gelegenheiten gehabt, um sein fahrerisches Können auf vereisten Flussläufen zu trainieren, denn Winterdienst gab es nur in Städten - den sehr großen...
Wir hatten ein Freilos gezogen. Es konnte aber dennoch eine Niete werden, sollte sich der Schneefall noch verstärken.
Im Glücksfall würden wir noch rechtzeitig das Wohnlager erreichen, bevor sich eine geschlossene Schneedecke gebildet
hatte. Die Busse rollten mit mehr als 100 km/h über den Highway. Die Fahrer hatten hier bereits Heimspiel und kannten
die Strecke ausgezeichnet. Offiziell durfte nicht schneller als 80 km/h gefahren werden, doch niemand hielt sich daran,
es sei denn, das Fahrzeug war nicht schneller. Radarkontrollen konnte man fast mit Sicherheit ausschließen.
Schlimmstenfalls fuhr ein Milizfahrzeug hinter dem Sünder her und stoppte dessen Geschwindigkeit entsprechend der
eigenen Tachoanzeige. Ob oder wie der Geschwindigkeitsmesser des Behördenautos funktionierte, spielte dabei kaum
eine Rolle. Ausschlaggebend war allein die Feststellung der Milizionäre. Jede Form von Protesten würde das Strafmaß
nur noch unnötig in die Höhe treiben... Bei der Festlegung des Bußgeldes räumten die Genossen fairerweise dem
Übeltäter einen gewissen Verhandlungsspielraum ein, und ein geschickt taktierender Fahrer konnte durchaus akzeptable
“Preise” aushandeln. Mehr als eine Geldstrafe gefürchtet waren die “dirki”(Löcher), welche der Milizionär mit einer Art
Knipszange in die Fahrerlaubnis stanzte und eine ähnliche Bedeutung hatten wie in der DDR die obligatorischen Stempel.
Hatte der Fahrer rein “zufällig” einige Flaschen Selbstgebrannten im Auto, so vergrößerten sich die Chancen auf
Strafmilderung oder sogar -erlass ganz erheblich. Die Gefahr wegen Beamtenbestechung angezählt zu werden bestand
kaum – mit feinem Gespür wurde die Bereitschaft der Gegenseite für derartige Transaktionen ausgelotet und das Geschäft stillschweigend abgeschlossen.
Als wir den Großraum von Lwow verlassen hatten, ließ der Verkehr auf der Rollbahn merklich nach. Nur noch vereinzelt
tauchten Fahrzeuge im Gegenverkehr auf. Hin und wieder überholten wir einige LKW, deren schmutzverkrustete Rücklichter erst in gefährlich geringer Distanz auszumachen waren. Die schwachen Scheinwerfer der überholten
Fahrzeuge wurden hinter uns schnell von der Dunkelheit aufgesogen. Halogenlampen waren in der UdSSR erst wenig im
Einsatz, außer bei den riesigen Überlandbussen, auf deren Fahrzeugdach vorn eine überdimensionierte “Lichtkanone”
installiert war. Schaltete der Busfahrer diese Lampe ein, wurde die Fahrbahn kilometerweit mit der beeindruckenden Leistung von 1000 Watt ausgeleuchtet.
Sämtliche an der Erdgastrasse eingesetzten Fahrzeuge, einschließlich der Baumaschinen, wurden bereits in der DDR auf
Halogenbeleuchtung umgerüstet. Dies wussten selbstverständlich auch unsere einheimischen Freunde und deshalb wurden
die unwahrscheinlichsten Aktionen gestartet, um in den Besitz der begehrten Scheinwerfer zu gelangen: eine Schar Kinder
verschenkte freigebig Äpfel, Pilze oder Beeren an die erfreuten Bauarbeiter, während die Erwachsenen mit enormer Schnelligkeit die Lampen von einem Bagger abmontierten...
Der Schneefall hatte zugenommen. Die Sicht verschlechterte sich erheblich, und auch die bis jetzt makellose
Straßendecke wies immer häufiger dicke “Plomben” auf. Gutmütig federten die Busse die Unebenheiten aus, die eindrucksvollen Schnarch-Arien der Fahrgäste wurden jedenfalls kaum beeinträchtigt.
Klaus schob den in einer Mitropa-Gaststätte geklauten Aschenbecher in meine Richtung und reichte mir eine Schachtel
“Club” herüber, sichtlich erfreut über einen potentiellen Gesprächspartner. Während wir rauchten, erzählte er mir, dass er
aus Cottbus stamme und dort beim VEB Kraftverkehr ebenfalls als Busfahrer angestellt war. Mehr als 14 Monate sei er
schon hier, gemeinsam mit seiner Frau. Beide hätten vor 5 – 6 Jahren begonnen, hier zu arbeiten: sie in der
Wäschekammer eines Dienstleistungsbetriebes und er als Fahrer. Nach Ablauf des Vertrages wollten sie sich ein
Eigenheim bauen und Kinder haben... Er schwieg plötzlich und bremste abrupt. Trotz der inzwischen beachtlich
gewachsenen Schneedecke kam der Bus schnell und problemlos zum Stehen. Der nachfolgende “Ikarus” hatte genügenden Sicherheitsabstand eingehalten und hielt ebenfalls an.
Vor uns loderte mitten auf der Fahrbahn ein großes Feuer, dessen Flammen im Wind hin und her gerissen wurden und
die Straße auf ihrer gesamten Breite ausleuchteten. Pechschwarzer Rauch wirbelte in qualligen Schwaden hoch. Ein Unfall?
Beide Fahrer stiegen aus. Die Notbremsung hatte selbst die hartnäckigsten Schläfer aufgeweckt. Einige hauchten
Gucklöcher in die Reifschicht der Seitenfenster oder tappten verschlafen zu den Türen. Ich klappte den Reiseleitersitz
zurück und beugte mich aus der Tür: ein sowjetischer LKW musste ins Schleudern geraten sein und dabei war der
Hänger in den Straßengraben abgerutscht. Die seitlichen Räder hatten sich tief in den Matsch des noch nicht durchgefrorenen Bodens eingegraben. Der Fahrer des LKW bemühte sich, den Hänger im spitzen Winkel zur
Fahrtrichtung herauszuziehen, doch die Zwillingsräder drehten chancenlos durch. Der Laster pendelte auf der Fahrbahn,
als ob ein Schwanz mit dem Hund wedeln würde... Schließlich gab der Fahrer seine nutzlosen Versuche auf, stellte den
Motor ab und krabbelte aus der Kabine seines betagten “SIL” Er kam zu uns. Wir hatten uns inzwischen um das Feuer
geschart. Es brannte schön heiß und verbreitete neben wohliger Wärme auch noch übelsten Gestank. Immerhin wurde
es von zwei übereinander gestapelten Autoreifen gespeist. Solche “aktiven” Warndreiecks waren durchaus landesüblich.
Der Brennstoff war an den Straßenrändern in Form zerfetzter Karkassen stets reichlich vorhanden, notfalls wurde mit
armdicken Ästen nachgelegt... “Wuij mnje moschetje pomogatch?” (“Können Sie mir helfen ?”) wandte sich der Mann an
unsere Fahrer, deren Kraftverkehrsbekleidung sie zweifellos als Natschalniks auswies. Beide grinsten verstohlen und
nickten aber zustimmend. Helfen? Selbstverständlich, aber wie und womit? Jeder der beiden Busse hatte zwar eine
solide Abschleppstange in seinem Bauch stecken, aber dem “SIL” fehlte die passende Kupplungsvorrichtung. Ein
Abschleppseil musste her. Der Russe begriff schnell. An einem Seitenkasten seines Fahrzeuges öffnete er das riesige
Vorhängeschloss und dümpelte eine Weile in dem kleinen Verschlag herum. Die Geräusche, die dabei entstanden,
ließen die Vermutung aufkommen, dass der Kasten zur Aufbewahrung von Werkzeugen und diverse Ersatzteilen dienen
musste. Schließlich hatte der Mann das Gesuchte gefunden und kam zurück. Uns stockte der Atem, als er uns sein
“Abschleppseil” präsentierte: ein zusammengekringeltes Stück Röteldraht, zwar nicht sehr dick, aber es hatte immerhin
schon heftig zu rosten begonnen. Wir staunten allerdings nicht schlecht als Gerold (der Fahrer des zweiten Busses)
seinem einheimischen Berufskollegen mit unbewegter Miene das Drahtgebilde aus den Händen nahm und es zu entwirren begann. Es erreichte schließlich die stattliche Länge von etwa drei Metern.
Während der SIL-Fahrer ein Ende an seinem Fahrzeug befestigte, steuerte Klaus den Ikarus heran. Er hatte sich eine
Wattejacke übergezogen und wickelte das andere Ende des “Abschleppseils” um den Bolzen der Zugöse am Bus. Er
winkte dem Russen zu und beide kletterten in die Fahrzeuge. Der Motor des SIL sprang an, und wir verzogen uns
schleunigst. Langsam rollte der Bus an. Die Kupplung des SIL begann nervenaufreibend zu jaulen – der Röteldraht
spannte sich knisternd und begann dann wie eine Gitarrensaite zu vibrieren. Zwecklos. Mit Sicherheit hatten die verkohlenden Reifen im Feuer noch mehr Profil gehabt als die Slicks auf den Hinterrädern des LKW.
Wir holten trockenen Streusand aus einem Bus und verteilten ihn gleichmäßig unter den Zwillingen. Legten zur
Sicherheit noch eine Spur vor den Rädern. Wieder rollten beide Fahrzeuge gleichzeitig an und das Unerwartete passierte: der Hänger rollte langsam aus dem zähen Schlamm des Straßengrabens. Der mickrige Draht hatte
tatsächlich gehalten! Schön blank war er geworden, als ihn der Russe etwas später liebevoll zusammenrollte und wieder im Kasten verstaute – bis zum nächsten Mal...
Fast eine ganze Stunde hatte diese Bergungsaktion beansprucht. Der sowjetische Fahrer bedankte sich aufrichtig für
unsere Hilfe und lud uns zu sich nach Hause ein: “Ja rjadom schiwu” (“Ich wohne ganz in der Nähe”), beteuerte er. Doch
unsere Busfahrer kannten anscheinend die etwas großzügigen Definitionen von “Nähe” – bis zur Behausung unseres
potentiellen Gastgebers konnten es durchaus noch ein bis zwei Stunden Fahrt sein. Schließlich verschwand der SIL in
der Ferne, der Anhänger war selbstverständlich unbeleuchtet, nur die Reste des “Warndreiecks” verkokelten im Straßengraben...
Auch wir hatten unsere Fahrt fortgesetzt. Für die Verpflegungsbeutel und den nur noch lauwarmen Tee im
Thermosbehälter interessierte sich kaum jemand. Zum einen waren die Taschen mit eigener “Heimatverpflegung” noch ordentlich gefüllt, zum anderen setzten sich allmählich Müdigkeit und Erschöpfung durch.
Ich lehnte mich in meinem bequemen Sitz zurück und registrierte zufrieden, wie der warme Luftstrom aus der Heizung
meine eisgekühlten Füße wiederbelebte. Eine Weile blinzelte ich noch in den hellen, flimmernden Lichtkorridor der
Scheinwerfer. Links und rechts der Straße sausten schemenhaft kahle, windzerzauste Bäume vorbei, meist Pappeln und
Eschenahorn. Kein natürlicher Wald, sondern angepflanzt als Erosionsschutz gegen den ständigen Wind, der nahezu ganzjährig über das flache Land wehte.
Klaus spielte auf einem Rekorder eine der Kassetten, die ihm ein Urlauber aus der Heimat mitgebracht hatte. Hier waren
deutschsprachige Sender nur auf Mittel- und Kurzwelle zu empfangen, aber auch nur manchmal. Das leise Gedudel
wirkte auf mich wie ein mehrfach doppelter Kognak. Obwohl ich mir vorgenommen hatte bis zu unserem Zielort Bogorodshany durchzuhalten, nickte ich schließlich doch ein.
Eine laute, plärrende Frauenstimme weckte mich. Der Bus hielt in einer hellbeleuchteten Halle. Klaus hatte die Türen
geöffnet und frische kalte Luft strömte herein. Wieder plapperte die Blechbüchsenstimme. Ich richtete mich auf und
fühlte, dass ich total durchgeschwitzt war. Leider hatte ich nach der “Pannenhilfe” vergessen, den Anorak auszuziehen.
Die vermeintliche Halle erwies sich als die Überdachung des Busbahnhofes einer größeren Stadt. Es musste Iwano
-Frankowsk sein, die Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes. Einige aus unserer Truppe waren bereits ausgestiegen
und vertraten sich die Beine. Mühsam quälte ich mich hoch und stelzte mit eingeschlafenen Beinen zur Tür. Draußen
war es ziemlich kalt, und ich begann schlagartig mit den Zähnen zu klappern. Hastig zog ich den Reißverschluss in
Richtung Kinn, und es gelang mir, auf Anhieb eine ordentliche Portion Hals mit einzuklemmen. Wut und Schmerz
stimulieren bekanntlich den Kreislauf – mir wurde sofort wärmer. “Sind wir in Iwano-Frankowsk?”, rief ich in Richtung
unseres Reisebegleiters. “Genau. Wir müssen hier noch einige Urlauber mitnehmen. Ich schätze, in einer knappen
Stunde geht’s weiter. In Bogo (Bogorodshany) müssten wir dann gegen 3.00 Uhr eintreffen. Bleibt bitte alle in der Nähe der Busse, damit dann keine große Sucherei losgehen muss.”
Der Busbahnhof war in seiner Gesamtheit überdacht, sehr sauber und ordentlich. An mehreren Ständen warteten
Fahrgäste auf ihren Anschluss. Die Bankreihen des beheizten Wartesaales boten genügend Platz für “Langzeitparker”.
Im Wartesaal befanden sich weiterhin ein Zeitungskiosk, einige Getränkeautomaten und schließlich eine Stolowaja (Selbstbedienungslokal).
Ich verspürte plötzlich Verlangen auf etwas Heißes und beschloss, einen Kaffee zu trinken. An der Verkaufstheke
standen bereits einige Kollegen und betrachteten mit Interesse das reichhaltige Sortiment in der langen Vitrine:
verschiedene “Butterbrote”, kaltes Geflügel, Piroggen mit verschiedenen Füllungen, Dörrfisch, Salzgurken, Salate und...
Eine Etage darüber ein Kuchen- und Gebäckangebot. Aus einigen Töpfen dampften warme Gerichte.
Aus Erfahrung wusste ich, dass nur eine Minderheit der angebotenen Speisen auf Anhieb unserem Geschmack
entsprach und grinste deshalb hinterhältig, als der Kollege vor mir einige “Butterbrote”, mehrere Gebäckkringel mit
dickem Marmeladenklecks und ein Glas Kaffee erstand. Dann war ich an der Reihe und bestellte einen Kaffee. Die
Verkäuferin hielt das Glas über den riesigen Topf und füllte es mit einer nur geringfügig kleineren Schöpfkelle randvoll.
Während sie das Glas auf meinem Tablett abstellte blickte sie mich fragend an: “Vsjo?” (Ist das alles?) Ich nickte und
bezahlte an der Kasse mit einem Fünfzigrubelschein (etwa 160 Mark). Die Kassiererin, sie trug trotz der Hitze eine
gewaltige Mohairmütze, deren grellrote Farbe mit den abstehenden Härchen ihr das Aussehen eines verschimmelten
Fliegenpilzes gab, nahm die Banknote und drehte sie unentschlossen hin und her. Anscheinend reichte der gesamte
Kassenbestand nicht einmal für das Wechselgeld... Der Kollege mit den Marmeladenkringeln erbarmte sich schließlich und spendierte mir die 15 Kopeken (ca. 46 Pfennige).
Ich fasste das Glas mit dem kochendheißen Inhalt behutsam am oberen Rand und balancierte es vorsichtig zu einem
der Stehtische, an dem mein Vorgänger soeben mit seinem Nachtmahl oder vorverlegtem Frühstück begonnen hatte. In
weiser Voraussicht ließ er das heiße klebrige Glas auf dem Tablett stehen und schlürfte mit gespitzten Lippen etwas
Kaffee ab, wobei er sich trotz dieser Vorsicht empfindlich den Rüssel verbrühte. Zwei Mädchen am Nachbartisch hatten
verstohlen die ganze Zeremonie beobachtet und kicherten respektlos. Mit seinen “Butterbroten” erlebte er die nächste
unangenehme Überraschung. Diese Weißbrotschnitten waren mit Hartwurst und Käsescheiben belegt. Beim ersten
herzhaften Zubeißen zerrte er den gesamten Wurstbelag von der nun völlig nackten Brotscheibe. Dafür gab es zwei
Gründe. Der erste: die “Kaltmamsell” der Stolowaja hatte aus purer Faulheit den Kunstdarm der Wurst nicht abgepellt.
Der zweite: es fehlte die nicht zu unterschätzende Klebkraft der Butter. Während die Vielfalt der Beläge nahezu
unbegrenzt ist, fehlt bei den russischen Butterbroten garantiert einer: die Butter. Die Bezeichnung “Butterbrot” stammt
noch aus der Zeitepoche, als man die Deutschen scharenweise als Fachleute ins russische Zarenreich importierte.
Dabei blieben viele Begriffe wie die erwähnten “Butterbrote”, aber auch “Rucksack”, “Schlagbaum”, “Feuerwerk”,
“Platzkarte” usw. bis in unsere Gegenwart erhalten und sind inzwischen so fest in den russischen Sprachschatz
integriert, dass eine Rückübersetzung der rein deutschen Begriffe für die Russen völlig unverständlich wäre. Dafür gibt es
auch in der deutschen Sprache genügend Beispiele. Um nur eines zu nennen: jeder kennt mit Sicherheit das Wort
“Pullover”, doch selbst Deutsche mit guten Englischkenntnissen ignorieren größtenteils die englische Herkunft dieses
Wortes, die wörtliche Übersetzung “Überzieher” könnte ja auch durchaus zu Irritationen führen...
Meine persönlichen Erfahrungen kamen jetzt meinem Kumpel zugute, und der konnte seine Mahlzeit jetzt fachmännisch
fortsetzen: eine der reichlich vorhandenen Servietten wird zu einem schmalen Streifen gefaltet. So um das Glas
gewickelt, erhält man einen ausgezeichneten Wärmeschutz für die Finger. Der kochendheiße Kaffee kühlt sich durch
intensives Schlürfen am besten ab, wobei die Lautstärke in keiner Weise als unanständig gilt. Mit etwas Geschick sind
auch die fettlosen Butterbrote zu bewältigen: der Daumen stützt an der Unterseite das Brot. Zeige-, Mittel- und
Ringfinger hingegen fixieren den Belag, während der leicht nach oben abgespreizte kleine Finger den Zuschauern eine
“perfekte” Esskultur signalisiert. Der Genuss der Kringel erfordert keine besonderen Vorkenntnisse, denn durch ihren
immens hohen Zuckergehalt ist die Teigmasse so klebrig, dass keinerlei Krümel entstehen können. Der Kaffee hat in
einem Land der Tee- und Wodkatrinker ebenfalls seine Besonderheiten: aufgebrüht wie türkischer Kaffee ist er immer
sehr heiß, sehr süß und zusätzlich sehr weiß. Nach Ablauf einiger Stunden ist er allerdings nur noch als Heißgetränk
verwendbar... Einen wirklich ausgezeichneten Kaffe erhält man hierzulande nur in guten Restaurants oder auf den internationalen Flughäfen.
Es wurde Zeit, zu den Bussen zurückzulaufen. Im Wartesaal waren einige Leute munter geworden und musterten uns,
als wir die Stolowaja verließen, mit unverhohlener Neugier. Offensichtlich waren wir für die meisten von ihnen die ersten Ausländer, die sie zu Gesicht bekamen.
Wir schlenderten langsam zu den parkenden Fahrzeugen und bemerkten schon von Weitem, dass ein weiterer Bus
eingetroffen war. Er brachte Urlauber von Wolowez zur Weiterfahrt nach Lwow und die erwarteten Kollegen, die mit uns
weiter nach Bogorodshany mussten. Man kannte sich natürlich gegenseitig, und mit erheblichem Lärmpegel wurden taufrische Buschfunknachrichten ausgetauscht oder es wurde eben nur über alles Mögliche gequatscht.
Selbstverständlich in einem Kauderwelsch von Fachausdrücken, Abkürzungen und Kunstworten. Allerdings nur
verständlich für diejenigen, die hier schon einige Pfund Salz verspeist hatten. So erfuhr ich nebenbei, dass ein
“Eiermaler” nichts anderes als ein relativ harmloser und gutmütiger Idiot ist. Damit konnte in der Regel jeder personifiziert
werden. Die Bezeichnung “Lackschuh” hingegen war ausschließlich Vorgesetzten ab Meister bis hin zu höchsten Gremien der Bauleitung vorbehalten...
Der Reiseleiter der “Wolowezer” verteilte ein dickes Bündel Briefe unter den Urlaubern. Auch unsere beiden Fahrer
brachten einen Stapel Post aus ihren Fahrzeugen. Die Kumpels selbst hatten sich diese Art von Briefbeförderung
ausgedacht. Sie war zwar illegal, doch darum scherte sich niemand: mit der normalen sowjetischen Post wäre ein Brief,
selbst wenn er als “Luftpost” deklariert wäre, zwei bis drei Wochen unterwegs. So aber warfen die Urlauber bei ihrer
Ankunft in der Heimat die mit DDR-Marken frankierten Sendungen in die Postkästen und nach ein oder zwei Tagen
hatten die Briefe ihr Ziel erreicht. Retour lief das Ganze in ähnlicher Weise ab: die Briefe wurden mit der genauen
Anschrift des Empfängers an den Stammbetrieb in der DDR geschickt. Ein Kurier “exportierte” die Briefe zusammen mit
der Dienstpost, und nach Ankunft in der UdSSR wurden die Postsendungen dann an die jeweiligen Standorte der Empfänger geschickt. Dieses tadellos funktionierende System gewährleistete eine zügige Korrespondenz.
Der Bus in Richtung Lwow fuhr ab. Die schon ziemlich angesäuselten Insassen hatten sich lautstark von uns
verabschiedet. Verständlicherweise waren sie happy, denn nach endlosen drei oder noch mehr Monaten ging es endlich wieder nach Hause.
Nur wenig später rollten auch unsere beiden “Ikarusse” auf einer breiten, mehrspurigen Straße durch Iwano-Frankowsk.
Ein Mittelstreifen mit Fußgängerweg und hochgekippten Bänken trennte die Fahrspuren voneinander. Verkehrsampeln
mit ungewöhnlich großen Reflektoren waren weithin sichtbar, an den Straßenseiten moderne Gebäude mit zahlreichen Geschäften.
“Das ist das Zentrum von Iwano”, meinte Klaus anerkennend. “Hier kannst du sogar sonntags bis 22.00 Uhr einkaufen.
Unsere betriebseigene Buslinie fährt von jedem Standort mehrmals täglich hin und zurück. Kostenlos natürlich.”
An einem Kreisverkehr bogen wir nach links ab und erreichten bald wieder eine Landstraße: schnurgerade und mit den
obligatorischen grünen Windkillern an den Straßenrändern. Auf dieser Straße löste in endloser Reihenfolge eine
Bodenwelle die andere ab. Der Bus begann zu schaukeln und schlingerte wie auf einer kabbeligen See. Klaus nahm das
Gas nicht weg. Es fiel jetzt kaum noch Schnee. Selbst der Wind hatte sich anscheinend bis Tagesanbruch zu einem
Nickerchen entschlossen. Ziemlich häufig durchquerten die Fahrzeuge jetzt kleinere Ortschaften und winzige,
verschlafene Dörfer, deren niedrige Holzhäuser manchmal dicht an der Fahrbahn standen. Im Trassenjargon wurden sie
als “Nissenhütten” bezeichnet. Die meisten der mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Fensterläden waren
geschlossen, damit die Scheiben nicht von aufgewirbelten Schmutzkaskaden vorbeifahrender Fahrzeuge erblindeten.
Nach einer langen Gefällestrecke mit zahlreichen Kurven und einem unbeschrankten Eisenbahnübergang, dessen
“Schikanen” im Schritttempo überholpert werden mussten, tauchte endlich das Ortseingangsschild von Bogorodshany
auf. In behutsamer Fahrt passierten wir eine Brücke, deren ausladender Bogen ein tiefgekerbtes Tal überspannte. Auf
der anderen Seite quälten sich die Busse steile Serpentinen mit bedenklich engen Radien hinauf. In einer der Kehren
hatte irgend jemand ein Schild mit handgemalten lateinischen Buchstaben “HAZOPROVOD” und einem Richtungspfeil
aufgestellt. Weiter oben wurde das Terrain flach, und gleichzeitig endete hier die Straße. Auf einem festgewalzten
Schotterweg rollten wir auf ein riesiges, hell ausgeleuchtetes Areal zu. Ein Schlagbaum versperrte die breite Einfahrt,
wurde aber von einer Gestalt mit Pelzmütze und Wattejacke angehoben. Die Busse passierten die Lagerwache, schwenkten nach einer kurzen Fahrt durch makellos ausgerichtete Wohnbaracken auf einen kleinen Platz ein und
stoppten schließlich vor einem der Gebäude.
“Bogo hat uns wieder”, meinte Klaus und stellte den Motor ab.
Wir suchten unser Gepäck heraus und folgten unserem Reiseleiter durch die schwappende Windfangtür. Der lange Korridor hing voller Kaffeegeruch.
In einem als Büro eingerichteten geräumigen Zimmer begrüßte uns eine stramme Blondine. Sie war eines Jahrganges,
wie ihn guter Wein haben sollte... “Ich heiße Sieglinde und bin hier in Bogo als Bürgermeisterin eingesetzt. Herzlich
willkommen im Wohnlager. Um es kurz zu machen: ihr erhaltet jetzt einen Laufzettel, Bettwäsche und den
Zimmerschlüssel. Morgen, besser gesagt heute, treffen wir uns 11.00 Uhr in der Mehrzweckhalle zur Einweisung.”
Zum Glück hatte ich es bis zu meiner Wohnbaracke nicht weit. Die Zimmertür war nicht verschlossen. Ich knipste das
Licht an und schaute mich um: ein Dreibettzimmer. Zwei Betten waren unbelegt, aus dem dritten blinzelten mich zwei
verschlafene Augen an. Mehr war vom Gesicht nicht zu erkennen, denn ein üppiger rotblonder Haarschopf ging nahtlos in einen gewaltigen fuchsfeuerroten Vollbart über.
Ich stellte mich kurz vor, schubste meinen Koffer unter ein freies Bett, warf das Bettzeug auf einen Stuhl und mich selbst
, so wie ich war, auf die weiche Matratze. Als ich bereits die erste Runde schlief, hatte mir der unbekannte Kollege Anorak und Schuhe ausgezogen, und ich merkte nicht einmal, wie er das Licht ausschaltete...

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