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DataIcon KAPITEL I/ Teil 5: U-HAFT UND OTTO GROTEWOHL-EXPRESS

Am 01.09. 1982 wurde ich direkt von der Arbeitsstelle weg, mit Polizeibegleitung in die Untersuchungshaftanstalt K. gebracht. Ich wusste vom Jugendgefängnis her, was mich erwartet und stellte mich während der Fahrt seelisch und moralisch darauf ein. Splitternackt ausziehen und auf einen Spiegel stellen war das Erste. Warum? Man hätte ja versuchen können, in irgendwelchen Körperteilen, verbotene Gegenstände einzuschmuggeln. Bei dieser Aktion hatten sich die Schließer, gerade für die weiblichen Gefangenen, ganz besondere Schikanen ausgedacht, die jedoch so Ekel erregend waren, das ich sie hier lieber weg lasse. Schließer wurden die männlichen Aufseher und Schlusen die weiblichen Aufseher in den Gefängnissen genannt, weil sie mit einem überdimensionalen Schlüsselbund ausgestattet waren um die Gefangenen von einer Zelle bzw. Verwahrraum zur nächsten Zelle und von einem Trakt in den nächsten zu „schließen“. Desinfektionsbad und Haftkleidung entgegennehmen, waren das Nächste. Dann ging es ab in die Zelle. Sechs mal sechs Meter für fünfzehn Menschen! Fünf dreietagige Betten, ein Tisch, 15 Hocker, ein!!! Waschbecken und eine!!! Toilette vervollständigten die Einrichtung! Ich war schockiert! So geballt kannte ich das nämlich nicht. Mit uns Jugendlichen ist man damals noch etwas humaner umgegangen. Ändern konnte ich an den Zuständen nichts, ich musste mich nur so schnell wie möglich daran gewöhnen, sonst würde ich achtkantig Schiffbruch erleiden. Die nächsten Tage waren wieder mit diversen Verhören gefüllt, weil angeblich noch einiges unklar war. Aber im Prinzip ging es nur darum, das man mich als Gefängnisspion gewinnen wollte. Dafür gab ich mich nicht her und das habe ich denen auch gesagt. Mit meiner Weigerung hatte ich selbst Schikanen vorprogrammiert. Das war mir sonnenklar, aber auch ziemlich egal. Mir wurde Arbeit zugeteilt, damit verging die Zeit etwas schneller. Nach 14 Tagen ging es auf Transport. Die Gefängnisse waren im ganzen Land verstreut und man erfuhr erst am Transporttag, wohin man kam. Das war sehr unterschiedlich und nach welchen Kriterien die Gefangenen verteilt wurden, war nicht bekannt. Ich sollte nach L. und nahm an, das wir ( insgesamt 7 Frauen ), mit der “grünen Minna“ dorthin gefahren werden. Welch ein wahnsinniger Irrtum!! Zwischen 30 und 40 Frauen wurden in Handschellen auf den Hof gebracht. Dort mussten wir eine Zweierreihe bilden. Jede Frau wurde durch eine Knebelkette mit ihrer Nachbarin verbunden, dann mussten wir ins Auto steigen und wurden zum Bahnhof gebracht. Irgendwo unterhalb des Bahnhofs wurden wir ausgeladen und mussten wieder antreten. Uns wurde mitgeteilt, dass wir ein Stück über einen öffentlichen Bahnsteig laufen mussten. Gleichzeitig wies man uns auf unsere, scharf bewaffneten, Begleiter und deren Hunde hin. Ausbruchversuch zwecklos, sollte das wohl heißen. Darüber hatte ich überhaupt nicht nachgedacht. Ich war nur schlichtweg entsetzt darüber, das wir in unserer Gefängniskleidung an all diesen Menschen vorbei laufen sollten und dabei Gefahr laufen mussten erkannt zu werden! Entsetzlich!!! Ich suchte vergeblich nach einem Loch in das ich kriechen konnte. Wir trugen schwarze Hosen und eben solche Blusen und Mäntel. Das war ausrangierte Bekleidung der NVA (Nationale Volksarmee der DDR), die man nur gefärbt hatte. Und als Krönung mussten wir auch noch ein schwarzes Kopftuch tragen. Wir sahen aus wie ein Trupp Trümmerfrauen und schämten uns unsagbar. Und jetzt sollten wir außerdem noch mit Handschellen, Knebelkette, Hunden und fünfzehn Männern mit Maschinenpistolen durch einen öffentlichen Bahnhof laufen!!!! Zu diesem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nicht, dass es noch viel schlimmer kommen sollte. Wir hätten uns wahrscheinlich in dem Augenblick nichts vorstellen können, was noch schlimmer sein konnte als der Bahnhof. Hätte ich gewusst was noch kommt, wäre ich wahrscheinlich ausgebrochen oder hätte........................ Ich weiß nicht, was oder ob ich überhaupt etwas getan hätte. Wahrscheinlich eher nichts, wir hatten ja eh keine Chance. An einen normalen Personenzug waren noch drei Waggons angehängt worden, die wie Güterwaggons aussahen. Dieser Zug wurde unter den gefangenen nur „Grotewohl-Express“ genannt. Otto Grotewohl war in der DDR ein Mitglied der Regierung, der so genannte „Knastminister“, der für die ausgeklügelten Systeme, wie gefangene untergebracht, behandelt und transportiert wurden, verantwortlich war. Immer zwei zusammen gefesselte Frauen mussten gleichzeitig einsteigen, drin wurden uns die Handschellen abgenommen. Die Kabine in die wir rein mussten, war ca. anderthalb Meter lang und einen Meter breit. Darin mussten fünf Personen Platz nehmen. Zwei links, zwei gegenüber und die fünfte dazwischen auf einem Klappsitz. Ein kleines Milchglasfenster war vorhanden, das jedoch nicht geöffnet werden durfte, nicht mal auf Kippe. Man stelle sich die Ausdünstungen von fünf Menschen auf anderthalb Quadratmetern vor. Schrecklich! Für zwei Stunden bis nach L. würden wir das schon überleben, dachten wir. Nach einer Stunde musste ich auf die Toilette. Ich klopfte also und sagte der Wache Bescheid. “Toilettengang ist nur aller drei Stunden“ gab er mir Bescheid. “ Wieso in drei Stunden? Solange fahren wir doch gar nicht bis nach L.“ fragte ich. “ Wir treffen erst am 29. in L. ein“ klärte mich der Wachmann auf. Ich erstarrte buchstäblich zur Salzsäule! “ Am 29.?“ flüsterte ich. “ Aber wieso denn ? Wir haben doch heute erst den 16.!“ Ich verstand überhaupt nichts mehr. Der Wachmann sperrte mich wieder in die Kabine, ohne mir mehr zu sagen. Meine Mitgefangenen hatten das Gespräch mitgehört und waren ähnlich geschockt wie ich. Wir waren nicht in der Lage zu reden. Minuten später hielt der Zug und meine linke Nachbarin wurde raus geholt und gegen eine andere ausgetauscht. Die Neue machte diese Reise bereits zum vierten Mal und war sofort bereit uns aufzuklären. Wir befanden uns auf einem so genannten Sammeltransport quer durch die Republik. Jedes größere Gefängnis in der DDR wurde angefahren und Gefangene hin gebracht und welche abgeholt. Unsere Fahrt ging von K. über H. nach R. und einige andere Orte, die wir manchmal nicht orten konnten. Überall war Zwischenstation. Die Durchgangszellen waren überall gleich schlecht und die hygienischen Verhältnisse völlig unzureichend. Eine Station über zwei Tage war das “gelbe Elend“ in Bautzen Im Volksmund wurde dieses Gebäude wegen der verwendeten gelben Klinker so genannt. Offiziell hieß es Bautzen 1. Zur selben Zeit (1904) entstand auch Bautzen 2, indem während des 3. Reiches unter Hitler viele politische Gegner wie zum Beispiel Ernst Thälmann inhaftiert waren, aber auch Zeugen Jehovas.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird die Landesstrafanstalt Bautzen im Mai 1945 eines der Speziallager des NKWD der sowjetischen Besatzungsmacht, genauer: das Speziallager Nr. 4 (ab Ende 1948: Nr. 3). In einem der Gebäude waren auch vom sowjetischen Militärgericht Verurteilte untergebracht. Bei einer Gesamtbelegung von 27.300 Gefangenen und einer durchschnittlichen Belegung von ca. 6.500 Inhaftierten sollen dort laut Registrierung in den Lagerkarteien der sowjetischen Lagerbetreiber zwischen 1945 und 1950 mindestens 3.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Es gibt Schätzungen, die weit höher liegen. Auch laut Recherchen des Bautzen Komitees ist jeder dritte Gefangene im Lager verstorben. Die Häftlinge starben aufgrund der Haftbedingungen an den Folgen von Hunger und Krankheiten. Augenzeugenberichten zufolge sollen die Toten am „Karnickelberg“ vergraben worden sein. Bei Suchgrabungen nach der politischen Wende wurden 1992 nur die Skeletteile von 247 Toten in der näheren Umgebung des Lagers aufgefunden. (entnommen aus Dresden Internet)

In den Jahren nach 1949 mutierte „das gelbe Elend“ zum härtesten STASI - Knast der DDR.

Dadurch bekam der Name des Gebäudes noch eine viel tiefere Bedeutung. Eine Bedeutung die auch wir „als Nur - Transport - gefangene“ sehr deutlich nachvollziehen konnten Es hatte zu Recht diesen Namen. Die Bedingungen vor Ort waren schlichtweg katastrophal. Dort holten wir uns einiges Ungeziefer wie Läuse und Wanzen. Wir sahen entsetzlich aus , überall völlig zerstochen und kratzten uns ständig. Im Zug gab es überhaupt keine Wasch – oder Duschmöglichkeiten, in den Zwischenstationen erlaubte man uns nur eine Drei - Minutenhygiene und meistens nicht mal die, da wir fast immer mitten in der Nacht ankamen und das Wachpersonal keine Lust mehr hatte, uns in die Sanitäranlagen durch zu schließen. “ Wir wären ja nicht in einem Luxushotel“, wurde uns geantwortet, wenn wir uns schon mal trauten, zu fragen. Wir stanken mittlerweile wie eine Herde toter Pferde. Es gab auch Kranke unter den “Transportern“, medizinische Hilfe erhielten sie jedoch nicht. Das [...] Personal sah es als nicht notwendig an, sich mit diesen “stinkenden, kriminellen Kreaturen“ zu befassen. So eine himmelschreiende Willkür hatte ich noch nie erlebt und mir auch nicht vorstellen können, dass es so etwas gibt! Ich hatte Schmerzen im linken Ellenbogen und dieser war auch rot und angeschwollen. Um Hilfe zu bitten war zwecklos, das wussten wir nun mittlerweile zur Genüge. Nach zwei Nächten ging es weiter zum “roten Ochsen“ nach Halle Porphyrgestein und rote Ziegelsteine und die Silhouette eines Ochsens gaben dem Gebäude im Volksmund seinen Namen. Es wurde nachweislich schon 1842 als preußisch-königliche Strafanstalt für lange Zuchthausstrafen genutzt. Viel hatte sich an den Gegebenheiten von damals bis heute nicht verändert. Zumindest hatten wir diesen Eindruck, obwohl wir natürlich nicht wussten wie es 1842 war. Eine Transporterzelle für dreißig Gefangene, mit dem gleichen Standardmobilar wie immer!!! Fünf Etagenbetten übereinander! Ute (ist heute, zwanzig Jahre danach, immer noch meine Freundin )belegte ein Bett ganz unten. Ich bekam eins im “dritten Stockwerk“. Völlig erschöpft schliefen wir, wie immer, sofort ein. Kurze Zeit später wurden wir durch markerschütternde Schreie geweckt! Die Frauen schrieen aus Todesangst! Das erkannte ich sofort! Eine davon war Ute! Sie schrie immer wieder meinen Namen! Ich konnte nichts erkennen, da es in der Zelle stockdunkel war. Runter zu klettern habe ich mich nicht getraut, weil ich selbst Angst hatte. Die Schreie steigerten sich in kurzer Zeit immens! Nun schrieen wir übrigen Frauen mit! Wir wollten Licht! Es dauerte für uns fast eine Ewigkeit, bis endlich eine Schluse kam und Licht machte. Was wir dann sahen, ließ uns vor Entsetzen das Blut in den Adern gefrieren!! ! An den Frauen in den unteren Betten hatten sich Dutzende von Ratten fest gebissen!!! An allen möglichen Körperteilen! Bei zwei Frauen sogar im Gesicht! Die Ratten verschwanden noch nicht mal, als das Licht anging! Die Schluse hatte die Zelle weder aufgeschlossen noch betreten! Und die wusste auch ganz genau warum! Auf unsere lautstarke Forderung nach Hilfe, bekamen wir nur eine lapidare Antwort: “Versuchen Sie ihre Mitgefangenen auf die oberen Betten zu ziehen! Verhalten Sie sich ruhig! Morgen früh, wenn die Männer da sind, wird der Verwahrraum geöffnet“ sagte die Schluse und klappte den Spion runter. Ein Sturm der Entrüstung ging los! Die Frauen schlugen wie wild mit Esslöffeln gegen die Bettgestelle. Einmal um die Ratten zu verjagen und andererseits, um so viel Krach zu machen, damit die Schluse wieder kam. Das beeindruckte die aber überhaupt nicht, die kannten das nämlich schon. Inzwischen hatten wir nach Kleidungsstücken gegriffen und schlugen damit auf die Ratten ein . Dabei schrieen wir uns die Kehle aus dem Hals. Marion und mir gelang es, Ute an den Händen zu fassen und nach oben zu ziehen. Sie blutete wie verrückt. Danach kümmerten wir uns um die anderen. Mit Hilfe von anderen Frauen bekamen wir bis auf zwei, alle verletzten Frauen auf die oberen Betten. Wir machten weiter einen Ohren betäubenden Lärm. Nach ca. zwei Stunden ließ sich endlich eine Schluse sehen und fragte, was wir wollten. Wir verlangten einen Arzt für unsere Mitgefangenen. Die Schluse bekam am Spion einen Lachkrampf! “Sie glauben doch wohl selbst nicht, dass ein halbwegs normaler Mensch jetzt den Verwahrraum betreten würde? Das ist doch lebensgefährlich! Sie müssen bis morgen früh warten!“. Sprach`s und verschwand. So, jetzt wussten wir es ganz genau. Wir waren keine Menschen! Menschen half man! Uns nicht! Wir durften Läuse und Flöhe kriegen! Uns durften die Ratten anfressen! Und die allerschlimmste Erkenntnis kam noch! Wir konnten nichts, aber auch gar nichts dagegen tun! Wir waren diesen Menschen, diesem System hilflos ausgeliefert! Vereinzelte Ratten krakeelten immer noch auf der Erde rum. Wir waren stumm geworden. Keine Frau sagte mehr etwas. Nur die Verletzten wimmerten vor sich hin. Ein Paar waren bewusstlos. Wir hatten die Bettlaken auseinander gerissen und die verletzten Frauen notdürftig damit verbunden. Mehr konnten wir nicht tun. Schlafen konnten wir nicht. Jede machte sich wahrscheinlich ihre eigenen Gedanken. Meine waren bei Ute. Ihre beiden Beine waren bis zu den Knien zerbissen. Sie blutete sehr stark. Ich redete mit ihr. Helfen konnte ich ihr nicht. Als es hell wurde, begann auf dem Flur ein infernalischer Lärm! Mit Eisenstangen schlugen sie immer wieder gegen die Zellentür. Zwischenzeitlich sah immer wieder jemand durch den Spion. Als die sicher waren, das sich keine Ratten mehr in der Zelle befanden, schlossen die Schlusen auf. Männliche Strafgefangene betraten den Verwahrraum. Ihre Bewacher blieben vorsorglich draußen stehen. Die verletzten Frauen wurden ohne einen Kommentar raus geholt. Dann schloss sich die Tür wieder. In den nächsten Tagen fragten wir immer wieder nach den Frauen. Wir erfuhren lediglich, dass sie in das Knastkrankenhaus nach M. gebracht worden waren. Mehr nicht. Irgendwann hörten wir auf zu fragen. Wir wussten, dass wir keine Antworten bekommen würden. In den nächsten Tagen schliefen wir, meist zu dritt in einem Bett, nur noch in den oberen Etagenbetten. Ein paar Tage später wurden wir nach Leipzig gebracht. Im großen Hauptflur mussten wir in Zweierreihen antreten und uns mit Namen und Delikt melden.

Die Hauptflure waren überall gleich und mir stieg ein bekannter Geruch in die Nase.

Ein Geruch der ebenfalls in jedem Gefängnis der gleiche war.

Ob Bautzen, Karl-Marx-Stadt oder Halle - egal.

Es roch nach…

Falsch, es war eine Mischung aus Nikotin, Schweiß, Bohnerwachs und noch etwas anderes, das ich aber im Moment nicht definieren konnte..

Ja, Bohnerwachs. Zu dieser zeit konnte ich noch nicht mal ahnen das ich dieses zeug mal abgrundtief verabscheuen würde.

Ein paar Tage später wurde ich zum Medizinischen Dienst gebracht, da mein Arm inzwischen so angeschwollen war, dass ich ihn nicht mehr gebrauchen konnte. Und ich hatte wahnsinnige Schmerzen. Der Weg dahin führte zum Hauptgang, aber diesmal durfte ich nur an der Seite entlang gehen.

Ein paar Strafgefangene waren dabei den Flur zu säubern.

Auf den Knien… und mit Zahnbürsten!!!

Einen Flur von ca. 100m Länge und 10 Metern Breite mussten vier Strafgefangene mit der Zahnbürste putzen!!!

Und anschließend dieselbe Prozedur mit Bohnerwachs! Und dann noch mal mit der Zahnbürste blank machen!

Das wurde nicht nur als Strafarbeit eingesetzt. Nein, diese „Arbeit“ mussten vornehmlich nur ganz bestimmte Gefangene durchführen. Dass ich ab sofort dazu gehören würde, wusste ich da aber noch nicht.

Genauso wenig, das ich als „Kindesmisshandlerin“ mit Mörderinnen auf eine Stufe gestellt wurde. Ich wusste auch nicht, dass diese Gruppe von Gefangenen selbst im Gefängnis geächtet wurden. Von den Mitgefangenen und vom Personal.

Es dauerte auch nicht sehr lange, bis man mich genau das spüren ließ.

Aber zunächst bekam ich einen ersten Eindruck von dem medizinischen Dienst. Ein, weiß bekittelter, männlicher Strafgefangener untersuchte meinen Arm, konnte sich aber anscheinend keinen Reim auf meine Schmerzen machen und verständigte den Gefängnisarzt. Der war aber genauso ratlos und ordnete meinen Transport in die Uni – Klinik nach L. an. Und das wollte etwas heißen! Normalerweise wurden die Gefangenen in das Knastkrankenhaus gebracht. Jetzt bekam ich es mit der Angst zu tun! Es musste etwas mit meinem Arm sein, was die entweder nicht kannten oder sich nicht zutrauten. In der Uni – Klinik wurde ich ins Irrenhaus eingewiesen. Warum? Weil da die Türen innen keine Klinken hatten und ich nicht abhauen konnte! Lachhaft! Mehrere Ärzte untersuchten mich und teilten mir dann mit, das sie den Arm auf machen müssten, um zu sehen was los ist. Von außen könnten sie das nicht feststellen. Na gut. Hauptsache, die konnten mir helfen, denn die Schmerzen waren unerträglich. Ich bekam eine lokale Betäubungsspritze ins Knie und einige Zeit später, setzten die Ärzte den Schnitt. Und plötzlich war es totenstill! Die Ärzte sahen sich gegenseitig total entsetzt an! “Was ist denn?“ fragte ich und versuchte mich hin zu setzen. Die Schwestern, die hinter mir standen, verhinderten das jedoch. Sie stülpten mir, auf ein Zeichen des Oberarztes, die Äthermaske übers Gesicht und ich schlief ein. Als ich wieder erwachte, saß eine Schwester neben mir. Sie streichelte mir immer wieder übers Gesicht und fragte, ob ich Schmerzen hätte. Als ich das bejahte, ging sie hinaus, um einen Arzt zu holen. Ich war völlig verwirrt, denn ich meinte, in den Augen der Schwester, Tränen gesehen zu haben. Ach was! Anita, Du bist übergeschnappt! Sagte ich zu mir selbst. Wer weiß, was ich gesehen hatte. War bestimmt nur Einbildung! Der Oberarzt kam persönlich, um mir eine Schmerzspritze zu geben . Ich fragte ihn, was denn nun mit meinem Bein gewesen sei. Er tat so, als hätte er mich nicht verstanden. Daraufhin fragte ich etwas lauter. Der Arzt druckste eine Weile herum, um mir dann mitzuteilen, dass er mir das nicht sagen dürfte. Die Gefängnisleitung hatte ihn und alle anderen Krankenhausbediensteten zu Stillschweigen verpflichtet. Als er mir das sagte, sprach aus jedem seiner Gesichtszüge, grenzenloses Mitleid. Ich konnte mir das alles nicht erklären. Der Arzt versicherte aber, dass ich den Arm in absehbarer Zeit, wieder normal und ohne jegliche Einschränkung, gebrauchen könnte. Ja, zum Teufel! Was war denn nun so schlimm, das man es mir nicht sagen durfte? In den nächsten Tagen habe ich das gesamte Pflegepersonal förmlich gelöchert! Aber keiner sagte mir etwas! Es hatte etwas mit Ungeziefer zu tun, mehr habe ich nie erfahren. Aber wer weiß, wozu das gut war. Es ist nichts zurück geblieben, außer einer ganz kleinen Narbe, die ist in der Zwischenzeit auch schon verblasst. Zurück im Gefängnis wurde ich schnell in den Gefängnisalltag integriert. Mindestens zwei Mal in der Woche wurde ich zu “Gesprächen“ mit dem Anstaltsleiter beordert. Es war immer mindesten zwei Staatssicherheitsleute anwesend. Sie stellten Unmengen von Fragen über ehemalige Arbeitskollegen, aber ihr Hauptinteresse galt ganz bestimmten Mitgefangenen. Meine Antwort war immer dieselbe. Ich schwieg. Alle weiblichen Gefangenen mussten im Vier – Schicht – System, also rollende Woche von Montags bis Sonntags im Akkord, in einem Betrieb für Rundfunkgeräte in L. arbeiten. 100% Arbeitsleistung war Pflicht, wer das nicht schaffte, bekam Strafen wie Kontakt - und Paketsperre. Durch meine Weigerung am Spionieren, wurde meine Akkordleistung auf 125% erhöht und dann noch einmal auf 150%. Mir war das egal. Besuche wollte ich eh keine haben und Pakete bekam ich so wieso nicht, also war der Entzug dieser Dinge schon mal sinnlos. Nach zwei Monaten bekam ich den ersten Hungerarrest. Das hieß: Einzelzelle, früh und abends eine Tasse “Muckefuck“ (Malzkaffee) und eine Scheibe trockenes Brot und jeden zweiten Tag , einen Teller Suppe. Kalt. Am 23.10. teilte man mir mit, das Siegmund verstorben war. Und gleichzeitig, das Dieter adoptiert worden war. Siegmund war angeblich wieder einmal total betrunken gewesen und in der Wohnung war es kalt. Zum Ofen anheizen wäre er wohl zu faul gewesen, deshalb versuchte er im Gasherd das Backrohr anzuzünden und damit Wärme zu bekommen. Dabei hat er wohl in seinem Suff nicht bemerkt, dass er zwar das Gas aufgedreht hatte, aber nicht die Flamme entzündet hatte. Egal, er hatte seine gerechte Strafe bekommen und das durch sich selbst. Das war für mich eine kleine genugtun, aber nur eine Kleine, denn an der Adoption von Dieter konnte ich nichts mehr ändern. Leider. In der DDR brauchten die Behörden keine schriftliche Einwilligung der leiblichen Mutter zur Adoption. Um diese Zwangsadoptionen zu legalisieren, hatte die Frau von Erich Honecker, Margot Honecker, die das Amt der Familienministerin innehatte, eigens Gesetze dafür erlassen. Ebenso für den Entzug des Sorgerechts. Man hatte mir das Sorgerecht für immer abgesprochen, damit hatte ich automatisch keinerlei Rechte mehr an meinen Kindern. Der Staat konnte mit ihnen machen, was er für richtig hielt. Das war mir bis dahin unbekannt gewesen. Ich drehte völlig durch! Ich wusste plötzlich ganz genau, was das hieß! Ich würde Dieter und Rainer nie wieder sehen! Die Gefängnisleitung stellte mich sofort unter ärztliche Aufsicht und die pumpten mich gleich mit Faustan (Valium) voll. Trotzdem bekam ich noch alles mit und wollte nur noch sterben. Ich unternahm etliche Versuche in diese Richtung. Sie wurden allesamt und sonders vereitelt. Damit die mich unter Kontrolle hatten wurde ich isoliert und bekam Einzelhaft. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, aber auch gar nichts mehr. Deshalb stellte ich Ausreiseantrag und verweigerte die Arbeit. Das dass Folgen haben würde, war mir sonnenklar. Erst mal wurden meine lieben Eltern aktiviert, um auf mich, bei ihren Besuchen, einzuwirken, den Ausreiseantrag zurückzunehmen. Ich wollte den Kontakt verweigern, doch man zwang mich dazu. Beide hatten mir Geschenke mitgebracht. Obst, Zigaretten und andere Sachen, die da drin Mangelware waren. Nachdem meine Eltern weg waren, wurden die Geschenke sofort konfisziert. Als nächster durfte dann mein Anwalt antanzen. Aber da es nichts mehr zu klären gab, ließ ich den auflaufen. Bei einem neuerlichen Gespräch mit so einer Oberschluse, überreichte die mir ein Schreiben vom Staatsanwalt. Ich brauchte nur die Hälfte meiner Haftzeit absitzen, wenn ich den Antrag zurückzog, wurde mir da schriftlich versichert. Auch das ließ mich kalt. Was nützte mir das ohne meine Kinder! “Geben Sie mir meine Kinder wieder, dann ziehe ich den Antrag zurück!“. “Sie wissen genau, das dass unmöglich ist, denn einer wurde bereits adoptiert und der andere befindet sich bei einer Pflegefamilie!“ lautete die Antwort. “Na, dann wissen Sie ja Bescheid“ entgegnete ich. Wussten die ganz genau, nur ich wusste nicht Bescheid, was mir noch blühen sollte. Mitten in der Nacht holten mich zwei männliche Aufseher aus der Zelle. Für bestimmte Zwecke oder bei Zwischenfällen holte man immer die Aufseher aus dem Männertrakt. Warum das so war, entzog sich bisher meiner Kenntnis. Die Aufseher prügelten mich mit Gummiknüppeln die Treppe zum Keller hinunter. Die Schläge prasselten sehr gezielt auf mich nieder. Immer in die Nieren und ins Genick! Im Keller befanden sich die Duschen und dort standen noch zwei Aufseher und die Oberaufseherin. Zwei hielten mich fest und die anderen Zwei rissen mir die Anstaltskleidung herunter und machten mich mit Handschellen unter der Dusche fest und drehten das kalte Wasser auf. Und dann machten sie das Licht aus und ließen mich allein. Das ganze Gefängnis war ein uraltes Gewölbe, kalt und nass. Draußen herrschten 10 Grad unter Null. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein und von daher wusste ich weder wie spät es war, als ich, durch Schläge ins Gesicht, wieder zu mir kam, noch wie viele Stunden ich unter der Dusche gehangen hatte. Sie machten mich los, wickelten mich in eine Decke und legten mich auf die Pritsche in meiner Zelle. Ich fror entsetzlich, doch ich war nicht in der Lage auf zu stehen und mich ab zu trocknen. Plötzlich spürte ich, wie mir jemand ganz vorsichtig die Haare trocken rieb und mich aus der Decke schälte. Als hoch schaute, sah ich direkt in Utes Augen. Vor Freude wurde mir ganz warm ums Herz. Aber vorerst nur da, ich fror, wie ein Schneider, da half auch alles trocken reiben von Ute nichts. In der Nacht bekam ich hohes Fieber und in der nächsten Nacht kam ich ins Krankenrevier - ich hatte eine Lungenentzündung! Nach einer Woche wurde ich vor die Wahl gestellt entweder, bis zu meiner endgültigen Gesundung im Krankenrevier bleiben zu können wenn ich meinen Antrag zurück nahm, oder man würde mich sofort auf meine Zelle bringen und ich würde keinen Arzt und auch keine Medikamente mehr bekommen. Da ich die Herren nur stumm ansah, wurde ich sofort in die Zelle zu Ute gebracht.

Ute.

Sie hatte es also überstanden, bis auf die hässlichen Narben an ihren Beinen. Alle waren gesund geworden, bis auf die zwei Frauen, die wir nicht hatten hochziehen können. Sie hatten es nicht geschafft. Das wurde natürlich nie bestätigt, weil es nicht sein durfte. Aber Ute wusste es trotzdem und das sicher. Ute ist mehr oder weniger „zufällig“ im Gefängnis gelandet. Behauptete sie. Ich wusste es besser. In diesem Staat und unter diesem System passierte nichts aber auch wirklich überhaupt nichts Zufällig“. Ich sagte das Ute aber nicht, sie würde irgendwann selber drauf kommen. Ute war 16 Jahre alt als sie anfing mit anderen jugendlichen um die Häuser zu ziehen und zu saufen. Ich denke mir dass sie damals schon entweder durch ihren Umgang oder durch andere Begebenheiten auffällig wurde. Na jedenfalls hatte sie etwa anderthalb Jahr später wieder mal eine Sauforgie veranstaltet. Im Sommer und draußen. Irgendwann waren jedoch keine Sitzmöglichkeiten mehr vorhanden. Da kamen sie auf die Idee aus dem angrenzenden Park ein paar Bänke zu holen. Gesagt - getan. Hatte auch keiner bemerkt. Morgens, beim zurück bringen der Parkbände wurden sie jedoch erwischt. Alle anderen waren schon vorbestraft und erhielten hohe Haftstrafen. Ute bekam drei Monate. Eine viel zu hohe Strafe, da sie als einzige nicht vorbestraft war. Ihre Geschichte hatte hier unter den den Insassen Lachsalven ausgelöst. In den Bau wegen einer geklauten bzw. ausgeliehenen Parkbank! Völlig unverständlich! Aber garantiert nicht ohne Grund, sondern mit einer Vorgeschichte, die Ute vorenthalten worden war. Sie tat uns allen leid und trotzdem war sie eine von wenigen, die sich sofort an den Gefängnisalltag zu fast 100% angepasst hatte. Zwischen uns entstand in diesen drei Monaten eine enge Freundschaft, die dem personal und den STASI - beamten ein mächtiger Dorn im Auge war, nachdem sie versucht hatten Ute auf mich „anzusetzen“. Aber bei Ute hatten die auf Granit gebissen. Sie kümmerte sich intensiv um mich, alle anderen waren ihr egal. Nach zwei Wochen ohne medizinische Betreuung konnte ich das erste Mal aufstehen. Auf ca. 45 Kilo, bei einer Größe von 1,67m, abgemagert und geschwächt, muss ich ausgesehen haben, wie ein Gespenst. Vier Wochen später teilte man mir mit, dass ich in die BRD ausreisen durfte. Aber nur unter der Bedingung, dass ich die Arbeit im Rundfunkwerk sofort wieder aufnahm. Wenn das alles war! Das konnten sie haben! Ich fiel zwar, vor lauter Schwäche, immer nach ab und zu mal um, aber ich ging zur Arbeit. Nur den Akkord schaffte ich nicht. Es dauerte eine ganze Weile, bis mir auffiel, dass mich meine Mitgefangenen mieden als hätte ich die Pest! Wenn ich jemanden ansprechen wollte gingen die weg. Beim Essen bekam ich plötzlich für die Suppe eine Gabel! Mein Löffel war weg! An meinem Arbeitsplatz verschwanden meine gearbeiteten Teile und ich konnte zum Schichtende keine Ergebnisse vorweisen! Die Schikanen nahmen von Tag zu Tag zu! Was war los? Ich zermarterte mir das Hirn, aber ich kam nicht drauf! Eines Tages, beim morgendlichen Appell, schubste mich jemand von hinten aus der Reihe und zischte: “Na, wie ham`se Dich denn rum gekriegt? Bespitzelst Du uns jetzt alle? Wen haste denn schon verpfiffen? Beim Treppe runter gehen, kann man sich schon mal das Genick brechen, verstehste?“. Ich begriff überhaupt nichts, nur das dass eine ernste Drohung war! Ute wurde auch immer schweigsamer. Dann reichte es mir. Ich explodierte förmlich! “Jetzt sag mir endlich, was los ist! Ich halte das nicht mehr aus! Was hab` ich Euch denn getan, das ich so schikaniert und geschnitten werde?“ schrie ich sie an. “Meine Güte! Du bist ja kalt wie ne` Hundeschnauze! Tust so, als könnst`e kein Wässerchen trüben, dabei biste der abgewichsteste Abschaum, den ich je kennen gelernt habe! Lass mich bloß in Ruhe, sonst hau ich Dir noch`n paar in die Fresse!!“ und drehte mir den Rücken zu. Das kann doch nicht wahr sein! Haben sich denn jetzt alle gegen mich verschworen?! In der Nacht, während einer Lichtpause, schlich ich zu Ute ans Bett.

Jede halbe Stunde wurde das licht eingeschaltet und die Schlusen sahen durch den Spion,

a) um zu kontrollieren, ob alle in ihren Betten lagen und die gefangenen

nichts verbotenes taten,

b) um Selbstmorden vorzubeugen. Die Selbstmordrate in DDR-

Gefängnissen lag oft bei 45%

c) weil sie damit die Gefangenen mürbe machen sollten. Viele leiden heute

noch unter extremen Schlafstörungen.

Ich kauerte mich vor Ute hin. “Bitte, bitte sag mir was los ist! Ich habe wirklich keine Ahnung! Merke bloß, das hier eine Riesenschweinerei im Gange ist.“ Das Licht ging an und ich sprang mit einem Satz in mein Bett und stellte mich schlafend. Nachdem der Spion wieder zu geklappt war, sah mir Ute prüfend ins Gesicht. “Du darfst doch ausreisen, oder nicht?“ “Ja, warum?“ “Strafgefangene, die ausreisen dürfen, ist es untersagt noch für diesen Staat zu arbeiten. Die könnten ja die Arbeit sabotieren“. Ihre Augen waren so kalt wie Eiskristalle, als sie das sagte. Diese Schweine! Die hatten mich eiskalt gelinkt! Jetzt ergab alles einen Sinn! Oh Gott! Und alle dachten, dass ich jetzt ein Knastspitzel bin, weil ich wieder arbeitete! Deshalb die Schikanen! Ute sah mir immer noch ins Gesicht und hatte gesehen, was sich da abspielte. “Vermute mal, das die Dich ganz gewaltig über`n Tisch gezogen haben. Erzähle!“ Nachdem sie alles wusste, war sie erst mal still. “Geschickt eingefädelt haben die das. Alle haben geglaubt, dass Du der neue Spitzel bist. Hat ja auch lange genug gedauert, bis die einen Neuen hatten“. “Wieso Neuen?“. “Na die Nora, die das vorher gemacht hat, die haben `se verlegen müssen“. “Wieso?“ “Wieso, wieso!“ äffte sie mich nach. “Die hatte irgendwann so viele “Unfälle“, das die vor Angst natürlich keinen mehr verpfiffen hat. Und wahrscheinlich hätte sie einen nächsten “Unfall“ nicht überlebt, verstehst Du jetzt ?“. Und ob ich verstand! Und mir war schlecht, mir war kotzübel! Und ich bekam eine Ahnung, was mich erwartet hätte! Ich musste mich stehenden Fußes übergeben! Und plötzlich wusste ich auch ganz genau nach was es in den Gefängnissen noch roch! Nikotin, Schweiß, Bohnerwachs und … Angst! Nach verdammt viel Angst!

Angst in jeder Variation die man sich vorstellen kann und vor allem nach den Angstvariationen die man sich nicht vorstellen kann. Viele dachten, das ein Gefängnis der fast sicherste ort sei. Ein Ort an dem einen nichts passieren konnte.

Haha! In diesen Gefängnissen der DDR war man niemals sicher - zu keiner zeit - vor niemanden!

Die Angst war ein ständiger Begleiter. Angst vor jeder Ecke um die man biegen musste! Angst vor jeder Mitgefangenen die einem entgegen kam! Angst vor jeder Schluse die Dich abholen kam! Angst vor dem was dann passieren würde!

Angst vor jedem neuen Tag!

Angst Angst,, Angst! Aber man durfte sich diese Angst niemals anmerken lassen, denn dann war man unweigerlich verloren!

Am schlimmsten waren die Nächte.

Denn da bist Du mit Deinen Ängsten allein. Sie beherrschen Deine Gedanken und Deine Träume.

Richtig schlafen?

Wie wird das geschrieben? Was ist das? Jedes kleinste Geräusch ließ Dich hochfahren!

Wie oft bin ich verlegt worden, weil meine Mitgefangenen mich in der Nacht verprügelt hatten. Mit Handtüchern in die sie Knoten gemacht und hin und wieder auch ein Stück Seife eingebunden hatten. Warum? Damit es zwar wehtat, aber keine Spuren hinterließ. Auch in dieser Nacht ließ mich die Angst nicht schlafen. Welche Strafen hatte ich diesmal zu erwarten? Welche Schikanen würden die sich jetzt wieder ausdenken? Das Spektrum an Misshandlungen war weit gefächert.

Gerade die STASI- Leute übertrafen sich gegenseitig immer wieder, wenn es um die perfidesten körperlichen, aber in erster Linie um die seelischen Misshandlungen ging. Am nächsten Tag ging ich nicht zur Arbeit. Eine Stunde später wurde ich geholt. Auf die Frage, warum ich die Arbeit verweigere , gab ich zur Antwort: “Sie haben mich einmal gelinkt, ein zweites Mal schaffen Sie das nicht“. Der eine Stasi – Mensch grinste mich nur schmierig an und sagte: “Wir werden bald wissen, wer recht behält, Du Schlampe oder wir“. Dann gab er der Aufseherin einen Wink und die verschwand. Nach zehn Minuten kam die wieder und gab Bescheid, dass alles bereit wäre. Man brachte mich wieder in den Keller. Na Klasse! Wieder kalte Dusche! Oh Gott! Ich versuchte mich schon mal seelisch und moralisch darauf einzustellen. Aber es kam noch schlimmer! Fast die gesamte Wachmannschaft hatte sich versammelt, einschließlich der männlichen Schließer! Sollte ich von allen oder vor allen verprügelt werden? War das für die ein Volksfest, weil die alle so grinsten? Kurz darauf wurde noch ein männlicher Strafgefangener herein gebracht. Uns wurden die Handschellen abgenommen und wir bekamen den Befehl uns auszuziehen. Ich war völlig verstört und halb tot vor Angst und ich war kurz davor, alles zu tun, was die von mir wollten. Aber ein kurzer Gedanke an meine Kinder und das letzte Gespräch mit Ute, ließen mich die Zähne zusammen beißen. Wir wurden in einen Raum geführt, in dessen Mitte, zwei gemauerte Kästen waren. Zwei Schließer packten mich an den Armen und zwangen mich in den Kasten zu steigen. Der war gerade so groß, das ich drin stehen konnte und mein Oberkörper ragte darüber hinaus. Sie drückten mich an den Schultern nach unten, bis ich in der Hocke war, dann machten sie die Klappe zu. Die hatte ich vorher überhaupt nicht gesehen. Hundehütte, war alles, was ich denken konnte. Plötzlich floss, von unten irgendwoher, Wasser in den Kasten. Eiskalt!!! Das Wasser stieg und stieg und stieg! Mich befiel Panik, wie ich sie noch zuvor erlebt hatte! Ich schrie wie ein Tier! Die bringen mich um, jagte mir durch den Kopf! “Sie können noch raus, wenn Sie wollen. Den Preis dafür kennen Sie“. Ich schrie weiter. Bis ich nicht mehr konnte, dabei hatte ich nicht bemerkt, das kein Wasser mehr kam. Es ging mir bis zum Hals und ich konnte mich nicht bewegen. Nach einer Weile versuchte ich mich hin zu knien, was mir nur unter größter Mühe gelang. Mein Körper wurde nach und nach gefühllos. Aller zehn Minuten kam jemand, wahrscheinlich, um zu sehen, ob ich noch lebe. Zwischenzeitlich hatte ich nur bemerkt, dass die etwas Wasser abgelassen hatten. Wahrscheinlich um zu verhindern, das man ersäuft, wenn man bewusstlos wird. Ich weiß ganz genau, dass ich um 6.30 in den Kasten steigen musste, weil in dem Raum eine große Uhr hing. 16.12 holten sie mich raus und stellten mich hin. Ich fiel prompt um, ich spürte meinen Körper nicht mehr. Die legten mich auf eine Holzplatte und deckten mich mit einem Laken zu. Nach zwei Stunden kamen die wieder und stellten mich wieder hin. Auch dieser Versuch schlug fehl. Die brachten mich dann in eine leere Zelle. Am nächsten Morgen bekam ich Kleidung und einen angeblich “gut gemeinten“ Rat. “Wir bringen Sie jetzt in Ihre Zelle. Sollten Sie irgendjemanden auch nur ein kleines Wörtchen, von unserem netten Beisammensein erzählen, kommen Sie da wieder hinein. Und dann können Sie von uns darin verfaulen. Ist das klar? Und noch etwas. Es gibt für Alles und für Jeden immer noch eine Steigerung.

Haben Sie das verstanden, Frau K,

Wie man von Aufsehern, aber insbesondere von den Mitarbeitern d. Staatssicherheit angesprochen wurde, wurde von diesen Leuten sehr individuell gehandhabt.

Das wurde ganz genau auf jeden einzelnen Gefangenen, auf jede Situation, aber auf jeden Fall immer wieder auf das jeweilige Ergebnis das diese Herrschaften erzielen wollten, abgestimmt. Sprachen die Dich mit „Du“ an und beschimpften Dich mit unflätigen fäkalausdrücken, dann warst Du im besten Fall Dreck und das ganze nur eine reine Informationsübertragung. Sprachen die Dich bei einer „Bestrafung“ mit „Sie“ an, dann war das eine ernste vorwarnung und aus deren Sicht nur ein harmloser Vorgeschmack auf „mehr“.

Behandelten die Dich jedoch mit ausgesuchter Höflichkeit, boten Dir Zigaretten und Kaffee an, sprachen Dich mit Deinem Manen an und ergingen sich nur Andeutungen zwischen den Zeilen und überließen es ansonsten Deiner Phantasie, wie Du am einer dieser Bestrafungen aussehen wirst - dann war das tödlicher Ernst!

Wer das nicht schnell genug lernte und die Herrschaften von der STASI nicht wirklich ernst nahm, der war im eigentlichen Sinne schon tot. Die „spielten“ Dich dann systematisch kaputt.

Und das mussten die noch nicht mal selber tun, dafür hatten die ihre Handlanger unter den Gefangenen.

Und es gab immer genug die für ein Päckchen Tabak so ziemlich alles taten.

Ich nickte. Und dann nahm ich nichts mehr wahr. Wie lange ich im Krankenhaus war und wie lange ich bewusstlos oder geschlafen habe, keine Ahnung. Ich habe auch nicht danach gefragt.

Während meiner ganzen Haftzeit war ich drei Mal in diesem Wasserkasten. Seit dem friere ich schon, wenn ein kühler Luftzug strömt. Auch im Sommer. Aber “weich gefroren“ haben die mich nicht. Seitdem hänge ich am Leben und ich denke, dass meine Zähigkeit daher rührt. Seit dieser Zeit bin ich ein Steh – auf – Männchen. Egal wie oft ich auf die Schn...falle oder kriege, ich bin immer wieder aufgestanden.

Nach dem Motto: “Es ist keine Schande hinzufallen, aber liegenzubleiben, ist Eine“.

 

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