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TEIL I / KAPITEL 1
Heimat
Dresden war nicht nur mein Geburtsort und damit meine Heimat, es war mehr. Ich habe diese Stadt, dieses sächsische
Land mit seiner phantastischen Umgebung abgöttisch geliebt.
Vor allem aber deshalb, weil dort die zwei liebsten Menschen lebten, die ich hatte. Und sie haben mich genauso lieb
gehabt wie ich sie. Meine Großeltern.
Mein Opa war Wissenschaftler- der Denker der Familie.
Meine Oma war ein Allroundtalent.
Sie war Hausfrau, Köchin, Gärtnerin, Organisatorin, Putzfrau, Schneiderin, Handwerkerin und eine hervorragende
Repräsentantin für die internationalen Gäste meines Großvaters. Aber vor allem war sie eine liebevolle Oma und eine gestrenge Erzieherin.
Das Anstands – Regel – Buch von Freiherr von Knigge konnte ich irgendwann fast auswendig, so oft hat mir meine Oma
die Regeln vor gebetet. Ich war oft stinksauer auf sie. Heute weiß ich, wie wichtig ihr Handeln war und
das sie mir damit eigentlich die besten Grundlagen fürs Leben mitgegeben hat. Beide waren für mich etwas ganz
Besonderes. Der Einzige, den ich noch vor sie stellen konnte, war Gott. Das Haus meiner Großeltern lag in den
Weinbergen, nicht ganz oben, aber trotzdem hoch genug für mich. Es war für mich das reinste Kinderparadies.
Es gab für mich nichts Schöneres, als draußen rum zu stromern und die Gegend zu erkunden. Je mehr schönere Plätze
ich entdeckte, umso mehr liebte ich dieses Fleckchen Erde. Ich gehörte dahin und die Weinberge und alles drum herum
gehörten mir. Nur mir. Die Grundschule war sehr klein und stand unmittelbar vor den Weinbergen, in einer Straße mit
wunderschönen alten Kastanienbäumen. Direkt daneben steht mein Geburtshaus, eine ziemlich alte Villa mit einem
riesigen zum Teil sehr gepflegten Garten. Der hintere Teil war etwas verwildert, für die Kinder ein verwunschenes Elfenreich
. Für mich allerdings noch nicht. Ich nutzte den Garten nur für meinen Mittagsschlaf im Kinderwagen, bewacht von einem
großen Airdaleterrier. Der knurrte jeden an, der es wagte sich meinem Wagen zu nähern. Hat mir mein Opa erzählt.
Augustusweg. Der Name passte perfekt zu dieser Straße, an der das Haus stand. Ich konnte mir immer sehr bildhaft
vorstellen, wie August der Starke mit seinem Gefolge durch diese Allee ritt. Diese vielen Bäume! Dieses satte Grün! Dieser
Duft! Einmalig! An der nächsten Kreuzung war jedoch noch nicht Schluss. Rechts geht es nach R. hinunter, links geht es
durch eine Lindenblütenallee hinauf zu den Weinbergen und damit zum höchsten Punkt – nach Wahnsdorf.
Wenn die Blütezeit ist, liegt ein wunderbarer, schwerer süßer Duft über der Allee, der je nach Windrichtung entweder in die
Stadt oder in die Berge zieht. Egal wohin. Es ist ein Wahnsinnsduft!
Es gab mal eine Sage. Oder ein Gerücht? Ich weiß es nicht.
Ist auch egal. Folgendes wurde erzählt:
Schon fast immer mussten die Menschen an irgendeinen Herrscher Steuern zahlen. So auch die Bewohner Dresdens und
ihrer Umgebung vor einigen hundert Jahren. Ob die Stadt damals schon R. hieß, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich
glaube nicht. Und es gab damals auch schon Menschen, die keine Lust hatten Steuern zu zahlen. Und es gab Leute die
zu arm waren. Diese hat man gejagt und sie versteckten sich erst in den Weinbergen, später ganz oben auf den Berg. Mit
der Zeit entstand ein Dorf. Irgendwann kamen auch die Steuereintreiber bis dahin. Doch man hatte die Dorfbewohner gewarnt, sie konnten sich rechtzeitig verstecken.
Als die Steuereintreiber kamen, war die Blütezeit der Linden. Und gerade in diesem Jahr war der Duft so stark wie noch nie.
Als die Soldaten den Befehl bekamen das Dorf nieder zu brennen, verdunkelte sich plötzlich der Himmel.
Die Soldaten blickten nach oben und in dem Moment schwebte eine dicke, gelbliche, unwahrscheinlich stark riechende
Wolke auf sie zu. Sie bekamen keine Luft mehr und wurden ohnmächtig. Alle, Steuereintreiber und Soldaten waren, als
sie erwachten, wahnsinnig. Die Dorfbewohner indes wurden verschont. Seit dem hieß das Dorf Wahnsdorf und die Bewohner mussten viele Jahre keine Steuern zahlen.
Weil sich kein Mensch mehr dort hinauf wagte.
Naja, wie das heute mit den Steuern ist, wissen wir.
Egal, in welche Richtung man blickt, R. ist ein zauberhaftes Städtchen. Eingerahmt von den Weinbergen und begrenzt
durch die Elbe. R. ist auch durch das Indianermuseum von Karl May in der Zwischenzeit zu einem Begriff geworden.
Neben diesem Museum steht eine Kirche, in der wurde ich getauft. Wir sind da sehr oft hin gegangen, bis meine Mutter
einen Satz fallen ließ, den ich nie wieder vergessen sollte.
„Es wäre für uns alle besser gewesen, wenn wir den Kuchen getauft und Dich gegessen und den Tag der Befreiung gefeiert
hätten!“. Mein Tauftag war der 8. Mai. Der Tag der Befreiung. Ich bin nie wieder in diese Kirche gegangen.
Begriffen habe ich den Satz damals nicht, aber gespürt, dass es etwas sehr Böses war. Unmittelbar in nächster Nähe der
Lindenblütenallee ist ein Wald und gleich an seinem Anfang steht eine kleine ehemalige fürstliche Residenz.
Fast schon ein Schloss. Für uns war es ein Schloss. Unser Schloss, unsere Schule. Mit sehr großen und
unwahrscheinlich hohen Zimmern. Was haben wir für Phantasien gehabt!
Was mag wohl alles in diesen Zimmern passiert sein?
Haben sich hier vielleicht ein Prinz und ein armes Mädchen gefunden? Wie viele Hochzeiten mag es hier wohl gegeben
haben? Es gab keine Geschichten über das Schlösschen.
Das machte uns nichts. Wir erfanden welche. Und was für welche! Bei Kindern sind der Phantasie überhaupt keine
Grenzen gesetzt. Von der Schule aus verlief ein Weg in den Wald, sehr steil hinauf.
Der Wald wurde von der Stadt nicht gepflegt, er war ziemlich verwildert. Die Wege waren nicht mehr richtig begrenzt und
verliefen sich meist im dicken Unterholz.
Nicht selten endete einer urplötzlich an einem Abgrund oder man stand an einer halb verfallenen Burgmauer.
Es war sehr gefährlich dort spazieren zu gehen, wenn man sich da nicht auskannte. Wir jedoch, kannten uns in diesem
Wald aus, wie in unserer Westentasche. Er war unser privater Spielplatz. Wir bauten Höhlen, eigene Befestigungsanlagen
und vieles mehr. Ganz oben befand sich eine kleine Plattform, von der aus man ganz R. überblicken konnte.
Bei gutem Wetter konnte man bis nach Dresden sehen.
In den Weinbergen gab es mehrere solcher Aussichtspunkte.
Der höchste und bekannteste ist das Spitzhaus mit dem Wasserturm daneben. Dort oben standen meine Großeltern mit
meiner Mutter und meinem Onkel, als Dresden am 14.02.1945 in Schutt und Asche gebombt wurde.
Es muss ein schauderhafter Anblick gewesen sein. Über 30 000 Menschen kamen damals zu Tode. Schrecklich!
Um zum Spitzhaus zu gelangen gab es mehrere Möglichkeiten. Es gab eine befestigte Straße von Radebeul aus nach
Wahnsdorf und es gab eine Treppe mit über 600 Stufen, die man hochsteigen konnte. Das war für Ungeübte natürlich sehr anstrengend. Für uns war das ein Kinderspiel, nur gingen wir diesen Weg eher selten.
Uns machte es viel mehr Spaß, die halb zerfallenen Wege, durch die Weinberge, zum Spitzhaus zu gehen. Obwohl uns das verboten war.
Aber die verbotenen Früchte schmecken ja bekanntlicherweise immer am Süßesten.
Das Spitzhaus sieht aus wie ein kleines Schloss und hat einen ganz spitzen Turm, daher der Name. Oder weil es auf dem
höchsten und spitzesten Punkt über Dresden lag?
Keine Ahnung, wahrscheinlich beides.
Schon wenn man von der Autobahn nach Dresden reinkam, konnte man es sehen.
Es ist unter Insidern genauso ein Wahrzeichen Dresdens, wie der Zwinger, Schloss Pillnitz oder die Semperoper.
Ich war sieben Jahre alt, als meine Großeltern anfingen, mich mit ins Theater und in die Oper zu schleppen. Heute bin ich
froh darüber, denn ich habe so viele schöne Opern und Operetten gesehen, die ich nicht mehr missen möchte.
Unweit der Schule existierte ein Kinderheim, auch in einem ziemlich alten Gemäuer.
Immer wenn wir daran vorbei fuhren, hörte man die Kinder spielen und lachen.
Später durfte ich das Heim auch mal besichtigen.
Ich hatte damals schon große Schwierigkeiten mit meiner Mutter und litt unter den Spannungen, die zwischen meinen
Großeltern, meiner Mutter und ihrem Mann bestanden.
Deshalb wünschte ich mir nichts sehnlichster, als in diesem Kinderheim leben zu dürfen.
Ich beneidete diese Kinder, denn die hatten offensichtlich keine Sorgen und Probleme.
Dachte ich damals, im Alter von 10 Jahren.
Meine Großeltern haben es nie verstanden, das ich in dieses Heim wollte. Viele Jahre später kannten sie die Antwort.
Ich liebte auch das Haus und den Garten meiner Großeltern. Der Garten war einfach himmlisch!
Darin gab es alles, was es in der DDR nur spärlich oder überhaupt nicht gab.
Mirabellen, Quitten, Kirschen, Pfirsiche, Erdbeeren, Aprikosen und vieles mehr.
Es stand auch ein riesig großer alter Walnussbaum vor dem Haus.
Der Höhepunkt eines jeden Jahres für uns alle war das Schlagen der Nüsse, wenn sie reif waren.
Mm, frische Walnüsse von denen man die Haut noch abziehen konnte! Lecker!!!
Die Walnüsse, die man kaufen kann um Weihnachten herum, kann man damit nicht vergleichen.
Oma züchtete Orchideen und seltene Rosen und hatte damit immer begehrte Objekte zum Tauschen gegen andere
seltene Sachen die es offiziell nicht zu kaufen gab wie z.B. Bananen, Ananas.
Aber das Problem mit der Belieferung der Bevölkerung beschränkte sich nicht nur auf Südfrüchte.
Es gab oft die elementarsten Dinge des täglichen Lebens nicht.
Ende der 70 ziger/Anfang der 80ziger Jahre gab es über viele Monate kaum Fleisch zu kaufen und das Gemüse wurde auch teurer.
Es gab einen Ansturm bei vielen Kleingartenanlagen, denn das war die billigste Methode Gemüse selbst anzubauen.
Selbst der kleinste Balkon in Neubausiedlungen wurde dafür genutzt.
In dieser Zeit hatten auch die Pferdeschlächtereien Hochkonjunktur.
Und es entstanden im Nachhinein viele Witzeleien darüber.
„Warum musste in einer Fleischerei wenigsten eine Wurst hängen? Man hätte sonst die Fleischerei mit einem
Fliesengeschäft verwechseln können“
Dieser Witz war aber die Absurdität schlechthin, denn Fliesen gab es in der DDR auch nur ganz sporadisch, meistens gar
nicht und wenn doch mal ,dann nur unterm Ladentisch.
Für all die Leute die dafür mit Westgeld bezahlen konnten.
Auch die Versorgung mit einfachsten Hygieneartikeln war zeitweise ein großes Problem.
Was haben wir uns nicht alles einfallen lassen müssen, um diese Engpässe zu umgehen.
Der Spruch:
„Wir mussten aus nix etwas machen“ - hatte durchaus seine Berechtigung. Wir waren sehr kreativ beim Erfinden von
Ersatzprodukten, viele Menschen aus der DDR haben das bis heute beibehalten. Ich auch.
Ehe ich etwas Teures kaufen gehe, überlege ich mir vorher, ob es nicht eine kostengünstigere Variante zum selber
machen gibt. Und meistens fällt mir dazu auch etwas ein.
Der Regierung blieb es natürlich nicht verborgen, dass mit seltenen Artikeln unter Hand gehandelt und mit Westgeld bezahlt wurde.
Auf der einen Seite hatte die Regierung eh überall ihre Leute drin, die regelmäßig Berichte abgeben mussten und
andererseits wurde der gesamte Postverkehr von der Staatssicherheit überwacht.
Ich habe diese Praktiken der Stasi einige Zeit hautnah miterlebt, weil ich für ein paar Monate Nachtschicht im
Zentralpostamt in Karl-Marx-Stadt gemacht habe.
Zunächst wurde ich im Briefsortierzentrum eingesetzt. Uns wurde jedem ein bestimmter Bezirk zugeteilt und dazu
erhielten wir eine Liste mit Namen und Adressen und die Anweisung, die Post aus dem Westen für dieses Personen nicht einzusortieren.
Diese Post kam in einen Korb. In einem gesonderten Raum saßen mehrere Beamte und zu denen brachten wir den Korb
entweder wenn er voll war, spätestens jedoch zum Schichtende.
Diese Briefe wurden durchleuchtet. War Geld darin wurde es meistens raus genommen und die Briefe wieder zugeklebt.
Viele Briefe wurden auch gelesen und wurden dem Empfänger danach zugestellt oder er bekam sie nie.
Genauso verhielt sich das im Paketzentrum.
Mit einer ebensolchen Liste wurden die Westpakete heraus gezogen.
Sie wurden aufgerissen und die meisten Westartikel entfernt. Man machte sich nicht einmal die Mühe die Pakete wieder
zu zukleben. Sie wurden so zerrissen ausgeliefert und jeder wusste sofort Bescheid
Und trotzdem stiegen die Anzahl der Pakete aus dem Westen an.
Das war der Regierung natürlich ein Dorn im Auge, weil sie ja daran nichts verdienten.
Von einem Tag zum anderen wurden in jeder größeren Stadt neue Geschäfte eröffnet.
Die eine Kette nannte sich „Delikat“ und die andere „Exquisit“.
In den Delikat-Läden konnte man westdeutsche aber auch einheimische, seltene Produkte zu Wucherpreisen kaufen. In
den Exquisit-Geschäften Markenklamotten wie Lewis, Wrangler etc. zu Exquisitpreisen.
Zu damaliger Zeit verdiente ich im Monat 330 Ostmark, auch „Alu-Chips“ genannt, weil das Geld aus Aluminium hergestellt
wurde. Der Kurs zur Westmark stand damals bei 1 :. 7., danach hätte ich einen Monatsverdienst von 55 Westmark gehabt.
Aber so konnte man ja nicht rechnen.
Eine Dose Ananas kostete 10 Mark, eine Packung Jakobskaffee 22 Mark und eine Lewis-Jeans 350 Mark. Ein ganz
normaler Arbeiter konnte sich die Nase am Schaufenster platt drücken und die Düfte, die aus dem Laden drangen inhalieren und nach Hause gehen und von diesen Sachen träumen.
Aber diese Läden waren ja auch nur für die Oberschichten und für die, die regelmäßig Geld aus dem Westen bekamen,
aufgemacht worden, denn bei denen saß das Geld und nicht bei den kleinen Malochern.
Es war bekannt dass meine Großeltern über genug Geld verfügten. Trotzdem ging meine Großmutter in den seltensten
Fällen in diese Läden einkaufen.
Sie bekam durch ihre Tauschaktionen sowieso meistens, das was sie brauchte und eben die Produkte, die dort verkauft wurden.
Mein Großvater hatte nicht nur einen guten Ruf als Wissenschaftler, er hatte sich auch international einen Namen durch
seine seltenen Kakteenzüchtungen und die Bücher, die er darüber geschrieben hat, gemacht.
Im Garten stand ein riesig großes Gewächshaus mit seiner seltenen Sammlung.
Ich hielt mich dort zu gern auf, beobachtete meinen Opa beim Pfropfen oder lernte da für die Schule.
Vier Jahre später, wir waren inzwischen weggezogen, durften meine Schwester und ich für acht Wochen zu Oma und Opa und auch da zur Schule gehen.
Meine Mutter fuhr zu einer Erholungskur.
Ich freute mich wie verrückt!
Endlich konnte ich wieder dahin, wo ich mich ohnehin am wohlsten fühlte.
Ich fieberte der Schule entgegen. Und wurde herbe enttäuscht!
Das Schlösschen war zu klein geworden.
Die Stadt hatte im Park direkt unterhalb der alten Schule, eine neue große, moderne Schule hin gebaut.
Sie passte überhaupt nicht in dieses beschauliche Bild
Meiner Meinung nach verschandelte die Schule den ganzen Park.
Aus dem Schlösschen war noch ein Zusatzgebäude für das Kinderheim geworden.
Es hatte sich vieles verändert, die Zeit war halt nicht stehen geblieben.
Aber meine Großeltern waren, Gott sei Dank, noch so geblieben wie sie .waren.
Und trotzdem spürte ich ganz genau, dass meine unbeschwerte Kinderzeit auch in Radebeul vorbei war.
Aber immer, wenn ich wieder nach Dresden und Radebeul fuhr, musste ich an die Plätze meiner Kindheit zurück.
Genauso wie ich meiner Oma nie erlaubte, mich in DRESDEN vom Bahnhof abzuholen.
Ich fuhr immer mit der Straßenbahn durch „mein DRESDEN“.
„Na, hast Du Deine Nostalgietour beendet“, fragte Opa immer lächelnd, wenn ich Stunden später eintraf.
Oma und Opa verstanden das, sie waren ja selbst Urdresdener.

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