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WIE DER COMPUTER ÜBER DIE GRENZE GELANGTE
Ich gehöre zu der ganz kleinen Gruppe von West-Bürgern, die fast regelmäßig in der DDR waren, obwohl sie dort keine
Verwandschaft hatten. Das lag daran, dass mein bester Freund und späterer Kompagnon sehr viele Verwandte dort hat
und ich nach meiner ersten Klassenfahrt (so um 1978/79) regelrecht infiziert war. Für Geschichte und Philosophie habe
ich mich immer brennend interessiert - und das auch später studiert. Deshalb war die DDR für mich immer das spannendste Reiseland der Welt.
Episoden aus dieser Zeit könnte ich dutzende erzählen. Zum Beispiel, als wir den ersten Euroscheck in Salzwedel
eingelöst haben. Oder dann auch später, als wir mit Dresdnern zusammen zwei Firmen in Dresden aufgebaut haben.
Eine Geschichte steht aber ganz oben in meiner "Erzählskala". Und die gibt es hier:
In der DDR waren Computer immer absolute Mangelware und gnadenlos überteuert. Ein Rechner, der hier für 2.000 Mark
zu haben war, wurde dort für über 100.000 DDR-Mark angeboten - aber es gab ihn trotzdem nicht zu kaufen. Ein Cousin
meines Freundes hatte uns deshalb gebeten, ob wir ihm nicht ein bereits abgeschriebenes Modell aus unserem Firmenvermögen zukommen lassen könnten. Das muss so um das Jahr 1987/88 gewesen sein.
Ich hatte schnell ein Gerät im Blick: ein Laptop ohne Bildschirm und ohne Festplatte. Wir hatten das Teil irgendwann
einmal günstig erstanden. Weil es aber schon damals nicht das Wahre war, wurde es so gut wie gar nicht eingesetzt.
Also weg damit! Vom Leistungspektrum entsprach das Teil etwa dem 100.000 DDR-Mark-Rechner, war jedoch ohne
Festplatte. Der Neupreis lag bei etwa 1.800 D-Mark. Und noch was: die Marke war völlig unbekannt. Ich habe sie weder vorher gekannt noch hinterher jemals wieder von ihr gehört.
Mein Freund fuhr also zum Verwandtenbesuch. An der Grenze trug er den Rechner wahrheitsgemäß in die Spalte
"Gegenstände, die in der DDR verbleiben" seiner Zollerklärung ein. Der Grenzer schaute sich den Zettel an und meinte:
"Wenn der Computer auf dem Gebiet der DDR bleiben soll, muss er aber verzollt werden." Na prima! "Und der Zoll für
solche Geräte beträgt 60 Prozent vom Wert." Noch besser! Aber was ist das komische Ding denn schon noch wert??
Mit viel Glück zahlt da jemand noch 300 Mark (ohne Festplatte! Wer will da mehr bezahlen!). Davon 60 Prozent, das konnte man vielleicht noch auftreiben.
Der Grenzer ging in sein Büro und holte einen dicken Wälzer. Darin standen die zollpflichtigen Waren alphabethisch
aufgelistet. Und - man glaubt es kaum - auch dieser, genau dieser Computer! Namentlich erwähnt! Keine S... kennt
dieses Gerät, nur das "Zoll-Buch" der DDR-Grenzer ...! Und das beste, daneben stand der Wert: knapp 80.000 Mark der
DDR! Mein Freund, der schon einige Grenzerfahrungen hinter sich hatte und merkte, dass die Sache dem Grenzer
etwas peinlich war (zumal er die Familie kannte, an die der Computer gehen sollte), mein Freund also nahm den
Grenzer zur Seite und fragte: "Zwei Sachen müssten Sie mir mal erklären: erstens lese ich die ganze Zeit, wie wichtig
Computer für die DDR sind. Gleichzeitig weiss jeder, dass es keine zu kaufen gibt. Jetzt bringe ich einen, und sie wollen
, dass ich dafür noch Geld bezahle ...? Und zum zweiten: selbst wenn ich den Zoll bezahlen wollte, wo sollte ich jetzt, kurz nach Mitternacht, rund 50.000 DM herbekommen?"
Vermutlich hätte der Grenzer sogar ein Auge zugedrückt (wie gesagt, er kannte die Familie meines Freundes ganz gut),
wenn der eine oder andere Kollege nicht schon mitbekommen hätte, was da lief. Deshalb ist mein Freund auf das Angebot eingegangen, den Computer an der Grenze zu lassen und bei der Rückreise wieder mitzunehmen.
Das hat mein Freund auch getan. Ein paar Monate später war Weihnachten. Da hat mein Freund ein Päckchen gepackt, hat den Computer reingesteckt und einfach rübergeschickt - das hat perfekt funktioniert!!

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