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TRANSIT-REISE NACH WESTDEUTSCHLAND
Meine Eltern gönnten sich in den 1970ger Jahren den Luxus einer ganzjährig gemieteten Ferienwohnung in Neuhaus bei
Wolfsburg (Niedersachsen). So war es also in unserer Familie Usus, das wir jedes Wochenende freitags gegen Mittag die Sachen ins Auto gepackt haben und über den Übergang Drewitz-Dreilinden nach Wolfsburg fuhren.
Da wir fast immer zur gleichen Zeit, meist gegen 15:00 Uhr, an der Grenze ankamen und mein Vater, warum auch
immer, meist die gleiche Abfertigungsspur nahm, ergab es sich zwangläufig, dass unser Auto bei den Grenztruppen der
DDR bekannt war. Und wie zufällig saß immer derselbe Grenzsoldat im ersten Abfertigunghäuschen. Zuerst war er sehr
reserviert und still, sprach nur die ihm "erlaubten" Worte mit uns. "Guten Tag, die Ausweise bitte. Was ist der Zweck
ihrer Reise?" mehr nicht. Da meine Mutter keinen Führerschein hat, ist es also immer mein Vater gewesen, der mit dem
Soldaten (er war etwa 25 Jahre alt) sprach. Ich habe mir immer die Nase an der hinteren Seitenscheibe plattgedrückt, obwohl das meiner Mutter gar nicht gefiel.
Mit der Zeit, wir fuhren ja jedes Wochenende, lernte uns besagter Grenzsoldat besser kennen. Irgendwann fing er an,
meinen Vater mit Namen zu begrüßen. "Guten Tag Familie W. Gehts wieder nach Wolfsburg?" Ich glaube, dass mein
Vater ihn auch nach seinem Namen fragte, da er seine freundliche Art genauso freundlich erwidern wollte. Leider kann
ich nicht mehr sagen, ob der Grenzsoldat uns seinen Namen verriet oder nicht. Denn "Westkontakte" konnte er sich in
seiner Position nicht erlauben. Er hätte, nach heutigem Wissen, einiges auszustehen gehabt, hätte man ihn dabei
erwischt. Was jedoch klappte, waren Small-Talks. Mein Vater "tarnte" die kleinen Plaudereien, indem er fast stur nach
vorne sah und ganz wenig zum Soldaten hin. Aber dennoch unterhielten sich die beiden. Die Themen dieser
"Gespräche" sind mir leider entfallen. So ging eine gewisse Zeit ins Land, und immer wieder gab mein Vater bei diesem Soldaten unsere Ausweise zur Kontrolle und Visaerteilung ab.
Bis wir eines freitags wieder an die Grenze kamen. Mein Vater fuhr, wie immer, in "seine" Spur. Wer aber nicht da war,
war "unser" Grenzsoldat. Mein Vater tat ganz scheinheilig und fragte, wo denn der Kamerad sei, der die letzte Zeit
immer in dem Häuschen seinen Dienst versah. Er bekam jedoch von dem "neuen" Soldaten keine Antwort. Meine Eltern
haben gemutmaßt, warum er nicht mehr da ist, doch eine sicher Information haben sie nie bekommen. Komischerweise
hat sich eine ähnliche "Beziehung" weder in Marienborn noch auf der Rückfahrt nach Berlin ergeben.
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