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Es ist fast dreißig Jahre her, da bin ich noch mit dem Zug in die DDR gefahren. Genauer gesagt, nach Wolmirstedt, da kam nämlich meine Mutter her. So bis Wolfsburg war alles o.k. Danach kam dann der Streß: erst der Bundesgrenzschutz, dann die Experten der DDR. Letztere schlossen den Zug ab und schickten Hunde unter ihm durch. Das hatte schon etwas Bedrückendes. Ich freute mich ehrlich, wenn ich damit durch war. In Magdeburg bin ich dann raus aus dem Zug, um mir vor Wolmirstedt auch die Umgebung noch anzuschauen. Das Erste, was mir auffiel, war die Gaststätte für Uniformierte im Bahnhof. So etwas kannte ich überhaupt nicht. Rund um den Bahnhof waren riesige neue Gebäude. Ich wußte nie, ob ich sie schön oder schlecht finden sollte. Deshalb habe ich mich darauf geeinigt, daß seien wohl die Zeichen des Fortschritts. Die Buchhandlung und der Pfeifenladen hatten es mir besonders angetan. Bücher waren billig, und ich wollte etwas über die andere Welt erfahren. Vielfach war das, was ich gelesen habe, ga nicht so anders. Teilweise moderner, teilweise mit Ideologie zugedeckt. Nach Wolmirstedt ging es mit einem alten Reichsbahnzug. Der zuckelte so, daß mir das mit dem Verbot des Blumenpflückens wieder gegenwärtig wurde. In Wolmirstedt sah alles alt aus und war grau. So ein bißchen Farbe habe ich vermißt. Über die Straße hing so ein Banner: “Wir kämpfen für den Frieden.” Was für ein Widersinn, ist mir dazu eingefallen.
Und die Verwandten? Die lieben Verwandten... Die einen sangen das hohe Lied des Westens, wobei sie eigentlich meinten, was es da denn alles gebe. Und die anderen meinten, wir leben hier und daraus müssen wir das Beste machen, Politisch war keiner. Keiner versuchte mich vom System zu überzeugen oder legte mir dar, wie marode es doch sei. Die Verwandten lebten einfach, arbeiteten, kauften ein, sahen Westfernsehen oder saßen in der Kneipe. Irgendwie schien alles geregelt, und man hatte sich daran gewöhnt, daß man sich als Bürger keinen Kopf machen sollte . Zur VP (Volkspolizei) bin ich selbst zum Anmelden nicht gerne gegangen. Die waren außerordentlich unfreundlich. Ich war für sie wohl der Klassenfeind. Mein Gruß wurde nicht erwidert, mein Paß wortlos entgegengenommen und zurückgegeben. 
Ach ja, dann war das da noch mit den Beziehungen. Ich rauchte damals noch schlimmer als heute und hatte kein Geld. Den Unterschied zwischen “Casino” und “f6” fand ich trotzdem heraus. Mein Onkel konnte “f6” kaufen. Wenn ich kam, gab es keine mehr. Ich wunderte mich, ich ärgerte mich. Dann war ich mit der Sache durch. Sie war mir fremd. Deshalb konnte ich sie seinerzeit nicht erklären. Was habe ich mir mitgenommen für meinen Zwangsumtausch? Bücher und Pfeifen, die ich damals sammelte.
Was hat die DDR für einen Eindruck auf mich gemacht? Um es mit Biermann zu sagen: Es ging alles seinen sozialistischen Gang. Mir war er unheimlich ruhig, mir hat er nicht gefallen. Das war nicht meine Vorstellung von einer besseren Welt. Bei uns brachte man sich ein, arbeitete mal hier, mal da. Da ging man zur Arbeit und kaufte ein. Mehr sollte, mußte vielleicht ja auch nicht sein...

 

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