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DataIcon  BESUCH IN OST-BERLIN

Meine Eltern sind beide in (Groß-) Berlin geboren. Mein Vater war Jahrgang 1904 und meine Mutter ist Jahrgang 1926. Durch die Aufteilung Berlins in vier Sektoren hat es sich ergeben, das sowohl Vater als auch Mutter, in einem der drei "West-Sektoren" lebten.
Meine Mutter war durch den Krieg Vollwaise und zu allem Übel ist ihr einziger Bruder in Rußland gefallen. Wärend mein Vater noch Verwandschaft in Ost-Berlin und Dresden hatte.

So kam es, das meine Eltern mit mir, ich war etwa 5 Jahre alt, sich aufmachten, um von Berlin (West) über den Grenzübergang Friedrichstraße (Glaspalast) nach Ost-Berlin zu fahren. Da in Berlin ein nahezu perfektes System des ÖPNV [Öffentlicher Personennahverkehr] herrschte, konnten wir das Auto zu Hause lassen und sind mit der U-Bahn gefahren. Die "Einreise" nach Ost-Berlin war problemlos, und der erste Weg auf Ostseite führte meine Eltern zum Zwangsumtausch. Meine Mutter mußte DM 25,00 tauschen, mein Vater (damals schon Rentner) kam mit DM 10,00 "davon" (so meine ich mich zu erinnern).

Wir sind dann zu unseren Verwandten gefahren und wurden dort freudig empfangen. Auf dem Weg dorhin gab es einen kleinen "Zwischenfall"...
 Da wir zu Fuß unterwegs waren (Unter den Linden Richtung Alexanderplatz) kamen wir auf den Fernsehturm (Volksmund:Tele-Spargel) zu. Da die Sonne schien gab es auf der "Kugel", also dort wo Restaurant und Aussichtsplatform sind, eine Reflektion in Form eines Kreuzes. Die habe ich natürlich gesehen, und da ich es irgendwo aufgeschnappt habe, prompt meinen Vater gefragt "Papi, ist das die Rache vom lieben Gott?" und streckte den Arm lang nach oben aus. Das Problem war nur, dass etwa zehn Meter vor uns zwei VoPo's [Volkspolizisten] auf Streife gingen, und ich so laut gefragt habe, dass sie sich sofort zu uns umdrehten.
Mein Vater fing sich als erster, scholt mich für die Äusserung, während meine Mutter sich wohl schon in Stasi-U-Haft sah und heftig mit ihrer Fassung rang. Zum Glück hatten die Polizisten gesehen, dass ein Kind die Frage stellte. Sie lachten und gingen weiter. Wir sind dann ohne weitere "Zwischenfälle" (meine Eltern verbaten mir den Rest des Weges den Mund) zu unserer Verwandschaft gekommen, die uns freudig begrüßte.
Ich bekam ein Spielzeugauto geschenkt. Modell Skoda in Himmelblau mit beweglichen Türen, Motor- und Kofferraumdeckel! Ich habe mit dem Auto die ganze Zeit gespielt und wollte es nicht hergeben. Wir sind dann zum Mittagessen mit unserer Verwandschaft in ein Restaurant in Ost-Berlin gegangen, wo natürlich auch das Spielzeugauto mit musste. Das Restaurant war bis auf den letzten Platz besetzt, und mein Vater begann mit unserer Verwandschaft darüber zu diskutieren, ob wir in ein anderes gehen oder warten wollen - und wer wen zum Essen einläd. Diese Diskussion bekam einer der dort arbeitenden Kellner mit und zudem, das wir aus dem Westen sind. Der "schmiss" daraufhin eine vierköpfige Familie, die sich gerade vorher an den Tisch gesetzt hatte, fast aus dem Lokal und wies uns (wir waren zu sechst) an den nun freien Tisch. Mein Vater protestierte zwar, aber der Kellner warf die andere Familie fast raus. Für mich damals un- dafür heute um so verständlicher, denn diese Familie wollte auch "nur" essen.

Der Weg zurück zur Wohnung unserer Verwandschaft vielief sehr unspektakulär und bedarf daher keiner Erwähnung. Gegen Abend machten wir uns auf nach Hause. Unsere Verwandschaft brachte und mit deren Wartburg zum Übergang Friedrichstraße, und dort sollte sich die an diesem Tag tollste Szene abspielen.
Als mir meine Eltern sagten, dass ich das Spielzeugauto nicht mitnehmen darf, war natürlich das Gejammer groß, aber alles Betteln, Flehen und Heulen half nichts. Das Auto blieb in Ost-Berlin. Vor dem Glaspalast haben wir uns alle verabschiedet, von Drinnen nach Draußen und umgekehrt gewunken und dann ging es zum Zoll(?).
Soweit mir in Erinnerung ist, durfte man nichts, absolut gar nichts, aus der "DDR" ausführen. Nicht mal ein Spielzeugauto. Das umgetauschte Geld haben meine Eltern unserer Verwandschaft zum Bezahlen der Rechnung im Restaurant gegeben. Somit war der Kellner auch "ausgebremst", denn der hatte wohl auf Trinkgeld in West-Mark spekuliert, bekam aber nur Ost-Geld.

Bei der Passkontrolle angekommen hieß es erst einmal Schlange stehen. Wie lange kann ich nicht mehr sagen, aber es kam mir ewig vor. Zuerst kam mein Vater an die Reihe. Der "Grenzer" ist mir noch sehr genau in Erinnerung. Etwa 1, 75 groß und genau so beleibt, was seinen Bauchumfang anging. Die Schirmmütze hatte er so tief ins Gesicht gezogen, dass der Schirm auf dem Rand seiner Brille auflag. Das hatte zur Folge dass er den Kopf sehr weit heben musste, um das Foto im Ausweis (der Berliner Personalausweis war dunkelgrün!) mit der Person, die er kontrollierte, zu vergleichen. Dieses "Spiel" trieb er etwa 2 Minuten: Kopf runter auf das Bild im Ausweis, Kopf wieder in den Nacken, um meinen Vater zu betrachten. Kopf runter - Kopf wieder hoch. Zwischendurch blätterte er noch eine Seite weiter, um sicher zu gehen, dass die Adresse auch wirklich in Berlin (West) ist. Und 1 / 42 ist Tempelhof und Tempelhof ist unbestritten im Westen Berlins. Nach besagten 2 Minuten fasste sich der "Grenzer" ein Herz und sagte zu meinem Vater in allerfeinstem sächsisch "Schieb'n se' ma' de' Brille hoch!" Selbige war meinem Vater auf der Nase etwas nach unten gerutscht und das "Foto-Person-Vergleichsspiel" begann von neuem. Wie lange er noch zum Vergleichen gebraucht hat, ist mir entfallen, aber sicher weiß ich, dass es bei meiner Mutter, wenn überhaupt, nur halb so lange gedauert hat.

 

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