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KLASSENFAHRT NACH BERLIN
anläßlich der Ausstellung “Alltag in der DDR” im Stiftsmuseum Wissel
KLASSENFAHRT NACH BERLIN
Am Städtischen Gymnasium Kalkar war es in den 1980er Jahren üblich, die Klassenfahrten der 10. Jahrgangsstufen
nach Berlin zu unternehmen. Entsprechend habe auch ich im April 1986 an einer solchen Berlinreise teilgenommen. Mit
einem Bus der Firma Büns van den Heuvel aus Uedem ging es quer durch die Bundesrepublik bis nach Helmstedt, durch
die weitläufige Grenzabfertigungsanlage in Marienborn, über die 180 km lange Transitstrecke (der heutigen BAB 2) bis zum Grenzübergang Dreilinden nach West-Berlin.
Hier bezogen wir unsere Unterkunft in einem Jugendgästehaus in der Koloniestraße. Das Gebäude war ein
ausdrucksloser Betonbau im Stil der 1970/80er Jahre: zweckorientiert und ohne jegliche Atmosphäre. Die
Mehrbettzimmer, in denen wir - natürlich jeweils nach Männlein und Weiblein getrennt - untergebracht wurden, waren
wohl derart trist, daß ich mich an deren Einrichtung und Gestaltung nicht im Entferntesten mehr erinnern kann. Aber dort haben wir auch nur die wenigen Stunden der Nachtruhe zugebracht.
Interessanter war da schon die Straße, in der unser “Hotel” lag: lauter alte, mehrstöckige Mietshäuser aus der
Gründerzeit mit blaßgrün gestrichenen, gußeisernen Laternen davor. Der ursprüngliche Glanz der mit üppigen
Stukkaturen verzierten Fassaden war längst verblaßt, die einstige Farbigkeit einem mehr oder weniger einheitlichen
Graubraun gewichen und an manchen Ecken bröckelte der Putz langsam vor sich hin. Es war kein abstoßender Anblick
des Verfalls, sondern es wirkte eher, als hätte man die Straße mit ihren alten Häusern einfach irgendwie vergessen.
Beim Spaziergang durch diese Straße fühlte ich mich wie auf einem staubigen Dachboden, auf dem seit Jahrzehnten
ausrangierte Dinge deponiert wurden. Überall gab es was zu entdecken: die meist verschlossenen Tore zu den
Hinterhäusern und Höfen, die geschnitzten Haustüren, verblaßte Schriftzüge an den Wänden und vom Rost befallene
Blechschilder. Das Ganze hatte eine gewisse Atmosphäre, die ich als “Berliner Charme” bezeichnen möchte.
Doch dies sind Impressionen eines altertümelnden Romantikers, die den meisten meiner Klassenkameraden wohl entgangen sein dürften.
Allgemeines Interesse fand lediglich eines der angegrauten Nachbarhäuser, an dem eine Leuchtreklame mit dem
“Berliner Kindl” verheißungsvoll lockte. Im Innern befand sich eine typische Berliner Kneipe in der sich alle versammelten,
die zu aufgedreht waren, um den Abend in der trostlosen Unterkunft ausklingen zu lassen, und die sich nach und nach
der Aufsicht unserer Lehrer hatten entziehen können. Weit weg von Zuhause in dieser großen Stadt wollten wir stürmenden und drängenden Teenager vom Lande noch was erleben.
Unser Ausflug ins “Berliner Nachtleben” gestaltete sich recht harmlos als fröhliches Beisammensein - jedoch nicht ganz
ohne Folgen, wie sich am nächsten Morgen zeigen sollte. Gewiß hatten wir alle schon längst auf den zahlreichen Feten
in den Partykellern der Klassenkameraden unsere Erfahrungen mit dem Alkohol gemacht - doch waren uns im Grunde
nur das heimische “Diebels” und “Krombacher” vertraut. Hier gab’s hingegen das erwähnte “Berliner Kindl”, das es zu
kosten galt. Ich wollte es besonders exotisch und bestellte ein Weizenbier - das erste in meinem Leben. Der Abend war
gerettet, wir hatten was erlebt und unsere Reise mit ein oder zwei Bierchen gebührend gefeiert. Brav und mit der nötigen Bettschwere kehrten wir zur festgesetzten Sperrstunde in unser Quartier zurück.
Am Morgen danach zeigte sich dann, daß die Unternehmungen des Vortags und das fremde Bier uns wohl mehr
zugesetzt hatten, als wir zuvor vermuteten. Nach dem beschwerlichen Aufstehen gab es in dem tristen, neonbeleuchteten Essensraum Frühstück. Ich setzte mich auf einen der unbequemen, gelben Plastikschalen-Stühle an
einem der sechs braun furnierten Preßholztische mit schwarz lackierten Metallbeinen. An den beige gestrichenen Wänden mit breiten braunen Querstreifen hingen über jedem Tisch kleine braune Rahmen mit Hinweisen zur
Essensausteilung, dem Speiseplan oder etwas ähnlichem. Beim Anblick des mir zugedachten Brötchens machte mein
Magen Kopfstand, so daß ich auf dessen Verzehr lieber verzichtete. Aber auch die anderen Mitschüler schienen
teilweise reichlich angeschlagen, was in einer ungewöhnlichen Ruhe zum Ausdruck kam. Am liebsten hätte ich mich
wieder in das Bett gelegt, um das ich am Abend zuvor noch einen großen Bogen gemacht hatte. Aber Kneifen gab’s
nicht, denn an diesem Tag stand ein Höhepunkt unserer Klassenfahrt auf dem Programm: der Ausflug nach Ost-Berlin, der “Hauptstadt der DDR”.
Als wir vor die Tür traten, wehte uns ein sanftes, wohltuend frisches Lüftchen um die Nase. Der launische April begrüßte
uns an diesem Morgen mit winterlichen Temperaturen aber sonnigem, blauem Himmel.
Wir begaben uns zum S-Bahnhof Friedrichstraße, einem der Grenzübergänge für Tagestouristen. Ähnlich wie bereits bei
den Grenzkontrollen an der Transitstrecke wurden wir dort ständig von bewaffneten Soldaten der NVA-Grenztruppen
bewacht. Überall standen sie mit versteinertem, mißtrauischem Blick postiert. Wir gingen durch ein Labyrinth von
Gängen, Absperrungen und Sichtblenden. Vielfach war es so eng, daß wir nur hintereinander gehen konnten. Soweit ich
mich erinnere, sind wir wohl als Gruppe nach Ost-Berlin eingereist, weshalb unsere Lehrer unsere Reisepässe
einsammeln und den Grenzern in einem Stoß übergeben mußten. Dabei war jedoch zu beachten, daß wir einer nach
dem anderen die sogenannte Gesichtskontrolle passieren mußten und zwar in genau der Reihenfolge, wie auch unsere
Ausweise aufeinander gestapelt zuvor abgegeben worden waren. Um diese Reihenfolge einzuhalten, mußte sich jeder von uns seinen Vorder- und Hintermann merken.
Als wir so in Reih und Glied vor dieser hellbraunen Tür mit Kunststoff-Furnier in Holzdekor standen und auf die
Gesichtskontrolle und die Rückgabe unserer Reisepässe mit eingelegtem Tagesvisum warteten, machte sich zunehmend mein Magen bemerkbar. Das Weizenbier vom Vorabend war wohl die Ursache für meine Übelkeit, die durch
die Anspannung bei diesen Grenzkontrollen und die schlechte Luft in den Gängen verstärkt wurde. Ich merkte, daß ich
meinen Mageninhalt nicht mehr lange bei mir halten konnte, doch war nirgends eine Tür zu einer Toilette oder nach
draußen an die frische Luft zu entdecken. Nach einigem Hin und Her mit unserem Klassenlehrer und einem dieser grimmig dreinschauenden Grenzer führte mich einer der bewaffneten Uniformierten in Begleitung eines
Klassenkameraden eiligen Schrittes durch einige auf und ab führende Gänge. Endlich kamen wir im allerletzten Moment
bei einer Toilette an. Während ich mich erleichterte erklärte mein Schulfreund den beiden verdutzten Toilettenfrauen die
mißliche Situation. Nachdem ich mich eiligst wieder etwas frisch gemacht und bei den beiden Frauen mit einem guten
Trinkgeld entschuldigt hatte, lotste uns der Grenzer, der die ganze Zeit an der Türe Wache geschoben hatte, wieder zu
unserer Klasse. Glücklicherweise hatten zum einen mein Schulfreund und ich ziemlich weit hinten in der Schlange
gestanden und zum anderen hatte die Abfertigung der anderen Mitschüler so lange gedauert, daß wir just in dem Moment an der Reihe waren, als wir wieder vor der Gesichtskontrolle ankamen.
Ich ging also durch die hellbraune Tür und trat in einen kleinen, vielleicht 1x2 m großen Raum. Geradeaus war der
Ausgang. Rechts war eine Wand - im gleichen Dekor wie die Türen - an der Spiegel montiert waren. Über mir hingen an
der niedrigen Decke grelle Lampen. Links war über einem etwa 1 m hohen Sockel eine durchgehende Glasscheibe
angebracht. Dahinter saß im abgedunkelten Raum ein Grenzer. Durch die Scheibe, die das grelle Licht und mein
Spiegelbild reflektierte, konnte ich erkennen, wie der im Schatten sitzende Grenzer im spärlichen Schein einer kleinen
Lampe meinen Reisepaß prüfte. Er blätterte mehrfach vor und wieder zurück. Schließlich betrachtete er mein Paßphoto;
er forderte mich mit knappen, strengen Worten auf, meinen Kopf zur Seite zu drehen und wieder zurück. Nach einiger
Zeit, die mir unendlich lang erschien, gab er mir endlich durch eine kleine Öffnung in der Wand meinen Reisepaß und
schickte mich wieder aus der Kabine. Hinter der Tür warteten die anderen aus meiner Klasse, die erleichtert waren, daß
wir es noch rechtzeitig genug zurück geschafft hatten und daß es keinen Ärger deswegen gegeben hatte.
Ärgerlich für mich war es allerdings, daß ich - nachdem wir endlich die ganzen Kontrollen hinter uns gebracht hatten -
feststellen mußte, daß ich meine Armbanduhr verloren hatte. Es war die goldene mechanische Uhr in besonders flachem
Gehäuse, die mir mein Vater ein Vierteljahr vorher geschenkt hatte. Ich hatte sie nur bei besonderen Anlässen tragen
wollen, doch er hatte darauf gedrängt, daß ich die Uhr, in deren Innendeckel sein Name eingraviert war, ständig trage.
Seit etwa zwei Wochen tat ich dies und nun hatte ich sie beim Frischmachen auf der Toilette liegengelassen. - Die Toilettenfrauen werden sich gefreut haben.
Fortsetzung folgt

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