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SCHILLINGBRÜCKE
Einige Brücken in Berlin spielen im Zusammenhang mit der Geschichte der Mauer nicht
unwesentliche Rollen. Für mich persönlich war es die Schillingbrücke, die für mich in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll war. Dieses Foto hatte ich 1967 im Archiv des
Grenzregimentes 35 gefunden und in meinem Armeefotoalbum auf die erste Seite geklebt. Der wüste Stacheldrahtverhau und Reihen von Hohlblocksteinen
versinnbildlichten für mich die Grenze. Das Eisengeländer, das sich schon imStadtteil Kreuzberg befand, war eigentlich zum Greifen nahe. Doch der Stacheldrahtwust, mit
dem man diese Lücke zwischen "Mauer" und Brückengeländer schloß, ließ kaum eine Hand hindurch, um dieses Geländer anzufassen. Dahinter begann eine andere Welt,
"irgendetwas". Kurios an diesem Bild ist, daß sich Westberlin praktisch rechts um die Ecke hinter der Mauer befand. Der Blick über das Wasser geht eigentlich über die Spree in den Osten zum Osthafen.
32 Jahre danach habe ich versucht mit gleichem Blickwinkel zu fotografieren. 10 Jahre nach der Maueröffnung steht das Geländer massiv und sicher genau so wie vordem.
Nichts erinnert mehr an Stacheldraht, Mauer und Grenze. Noch ist es aber eine relativ leere Gegend Berlins. An den Speichern des Osthafens und an den Gebäuden
gegenüber desOstbahnhofes beginnt langsam eine intensive Bautätigkeit, und ich bin mir sicher, daß das hier in einigen Jahren eine quirlige Ecke Berlins sein wird.
Für mich war die Schillingbrücke wichtig, weil ich hier das erste mal mit der Mauer 1962
in Kontakt kam, als man mich nach meiner Festnahme im Postenturm auf der Schillingbrücke das erste mal verhörte.
Als ich später zu DDR-Zeiten ab und zu in Berlin war, versuchte ich immer von der S-Bahn aus einen Blick zur
Schillingbrücke zu erhaschen, ehe die S-Bahn in den Ostbahnhof einfuhr.
Während meiner Armeezeit war die Schillingbrücke mit einer der unbeliebtesten Posten.
Oben im Wachturm saßen die Offiziere und Unteroffiziere des Grenzabschnittes relativ warm, und auf der zugigen Brücke mußten wir einfache Soldaten herumlatschen und 8
Stunden Grenzdienst über die Runden bringen. Wir hatten nur Abwechslung durch die Schubbote, die ab und zu die Brücke passierten, die Möven, die wir fütterten, um die Zeit
totzuschlagen und durch eine andere Grenzstreife, die ab und zu vorbeikam. Der mußten wir stramm Meldung machen. Gefreiter Blablabla und Soldat Blablabla melden keine besonderen Vorkommnisse.
Da alles immer sehr langweilig war, und unser Sinnen und Trachten danach ging, sich die Zeit kurzweilig zu vertreiben, wurden Ereignisse konstruiert. In der Kompanie hatte man ca
. 15 Leuchtspurgeschoß-Pistolen, die zur Signalgebung und für sogenannte Gefechtsfeldbeleuchtung vorgesehen waren. Unterschiedliche Farben der
Leuchtspurmunition bedeuteten entsprechende Vorkommnisse. Zum Beispiel signalisierte ein Stern rot einen Grenzdurchbruch von West nach Ost im Postenbereich. Eine Farbe für
Grenzdurchbruch von West nach Ost gab es natürlich auch, das war ein Stern Grün. Die Munitionsstatistik vom ... besagt, daß ... rot geschossen wurden ... und ... grün. Weiß
war Gefechtsfeldbeleuchtung. Wer grün ballerte, war nicht richtig im Kopf, denn Grenzdurchbrüche von West nach Ost gab es nie! Wir haben dann immer grün geschossen, wenn wir mal dringend aufs Klo mußten.
Auf Toilette gehen war schon mal ein echtes Problem, an das die Mauerplaner nicht
gedacht hatten. Ein Soldat, der in seiner Wachzeit ca. 1 Liter NVA-Tee trinkt, muß mal pinkeln, und die mieseste Armeeverpflegung nötigt auch mal den Soldaten,
ordentlich zu scheißen. Das Resultat war, das alles vollgepinkelt wurde, wo auch nur die geringste Deckung dazu vorhanden war. Hinter die Postentürme, in Hecken,
Kellereingänge der Bürgerhäuser, in die Keller, U-Bahnschächte usw. Eine beliebte Methode zu meiner Zeit war, in eine Plastetüte zu scheißen und die Exkremente im
kühnen Schwung auf Westberliner Territorium zu werfen. Westberliner haben sich auch ab und zu gerächt und mit Gummischleudern Farbbeutel und Scheiße
zurückgeschossen. Das wurde dann als schwere Provokation gegen die Staatsgrenze der DDR an die Führungsstelle gemeldet. Um auszutreten, mußte man nämlich eine
Streife herbeirufen, da man ja seinen Postenbereich nicht eigenmächtig verlassen durfte. Diese Streife war aber manchmal 2 Kilometer weg oder löste jemand anders
beim Scheißen ab. Da nützte auch nicht der Vorwurf der Offiziere, man solle sich gefälligst zusammenreißen und vor Dienst auf Toilette gehen - die hatten nämlich das
gleiche Problem. Auch ein Hauptmann der NVA muß mal dringend aufs Klo - mitten im Grenzdienst. Und so gab es im Zusammenhang mit den NVA-Stuhlgangproblemen
die kuriosesten Vorkommnisse. Man schoß von einem Postenturm auf den anderen, weil man im Schatten des Postenturmes einen hockenden Grenzverletzer vermutete.
Dabei saß dort ein Soldat in der Hocke und verrichtete seine Notdurft. Ein Soldat pinkelte im Dunkeln auf eine 380 Volt Stromversorgungsleitung der
Grenzsicherungsanlage und wanderte mit einem ziemlichen Elektroschaden in die Klinik.
Aber auch die Westberliner wußten sich gegen den Gestank zu wehren, der durch die
DDR-Grenzsoldaten verursacht wurde. Am ... 1967 fuhr ein Fäkalienauto der Westberliner Versorgungsbetriebe auf die Lohmühlenbrücke im Stadtbezirk Kreuzberg und öffnete den größten
Fäkalienhahn. 4 Tonnen feinster Westscheiße pladderten in Richtung Postenturm Lohmühlenplatz/ Harzer Straße. Die
Meldung "Uns haben se eben zugeschissen" wurde nicht gleich für ernst genommen. Ein Exemplar der Bildzeitung, auf
dem scheißende DDR-Grenzer im jeweiligen Abschnitt zu sehen waren, wurde dieser Sendung mit hinzugefügt, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, wozu die Reaktion gedacht war.
Gegen die Ballerei mit den Leuchtpistolen konnten sich die Bürger wenig wehren. Und so wurde manches Kleinkind, das
50 Meter weiter in der Harzer Straße in seinem Bettchen lag, durch das Getöse aufgeschreckt. Ebenfalls so 100 Meter ostwärts im Hinterland der Mauer hatte man Stolperdrähte gespannt, die mit Leuchtraketen und
Leuchtgeschossvorrichtungen verbunden waren. Hoppelte da ein Kaninchen hinein, begann manchmal ein kleines
Feuerwerk, weil die Grenzposten im Abschnitt ebenfalls ihre Sterne in die Nacht jagten. Dazu jaulten dann noch die
Hunde, die an Drähten herumliefen, motorisierte Kradstreifen drehten ihre Gashähne auf, und laute Befehle spektakelten
durch die Nacht. Es wurde zwar durch Befehl festgelegt, daß nur in dringenden Fällen Signalmunition verschossen wird,
aber die Hysterie, einen Grenzdurchbruch mit allen nur denklichen Aktionen verhindern zu helfen, setzte mit stetiger Regelmäßigkeit das Grenzsspektakel in Gang.

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