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MISSTRAUEN
Man traute uns nicht. Das ganze System der Grenzsicherungs-methodik war auf Misstrauen nach allen Seiten aufgebaut. In mehrfacher Hinsicht war das Überwachungssystem auch nach
innen aufgebaut. In den Schulungen und der gesamten agitatorischen Einflussnahme wurde die Grenze zwar als "antifaschistischer Schutzwall definiert", welcher als Bollwerk nach außen dienen
sollte. Selbst aber der Dümmste konnte sehen, dass die Anlagen dazu da waren, dass die eigenen Bürger die Grenze nicht überwinden konnten.
Und so glotzte man befehlsgemäß die ganze Nacht mit dem Feldstecher in das Hinterland und war gehalten, loszuballern, wenn sich jemand unbefugt der Mauer
näherte. Das kam aber relativ selten vor, da die "Grenzverletzer" schon im Hinterland abgefangen wurden. Ein in die Tiefe gestaffeltes Überwachungssystem ließ kaum eine Maus durchschlüpfen.
Grundsätzlich stand man als sogenannter "Doppelposten" mit einem 2.
Kameraden, welcher erst beim Wachaufzug zugeteilt wurde. Ein ausgeklügeltes System sorgte dafür, dass man jede Wache mit einem anderen Kameraden stand.
Eine Wiederholung war höchst selten. Besonders selten kam es vor, dass man mit den Kameraden der eigenen Stube zusammen Dienst “schruppen” konnte.
Grundprinzip der Wachzusammenstellung war, dass vorhandene Gruppenbeziehungen, Freundschaften oder sogar gleiche Interessen einen Ausschluss für eine Doppelposten-Zusammenstellung bedeuteten. Lediglich
mathematisch statistische Zufälle wegen Urlaubsverschiebungen und Krankheit ermöglichten es manchmal, mit einem Kameraden aus dem eigenen Zug auf
Posten zu stehen. Die Zeitdauer des Wehrdienstes brachte es zudem mitsich, dass man zum Ende hin mit Kameraden aufzog, welche man in irgendwelchen
Zusammenhängen kennengelernt hatte. Man war irgendwie immer froh, wenn die Entlassungskandidaten (Eka‘s) wieder zu Hause waren und man mit den neuen des 2. Diensthalbjahres wider neu "mischen" konnte.
Vom Prinzip her war jeder Soldat der Grenztruppen ein potentieller Deserteur. In diesem Zusammenhang war die
ungeschriebene "Hauptaufgabe", dass jeder jeden zu bespitzeln hatte.
Für mich war es aber gleichzeitig erstaunlich und selbstverständlich, mit welcher Geschwindigkeit sich das Sozialbeziehungssystem innerhalb einer Kompanie
ordnete und organisierte. Man wusste nach wenigen Tagen, wem man trauen konnte und bei wem man vorsichtig sein musste.
Die Sympatien und Antisympathien innerhalb einer Gruppe wurde natürlich auch von
der Kompanieführung erkannt, und es wurden hier bewusst Spannungen erzeugt, indem man z.B. Soldaten zusammen in eine Stube legte, die sich nicht ausstehen
konnten. Gab es dadurch aber gröbere Konflikte, wurden Streithähne auch mal wieder getrennt. Zuviel Stress musste vermieden werden.
Das Hauptwerkzeug des Sozialisierungssystems war schlicht und einfach die ca. 8-9 Stunden-Wache. In dieser Zeit
konnte man relativ unbeobachtet und vor allem ungestört miteinander reden. Mag sein, dass auch mal dieser und jener
Posten abgehört wurde, aber da man selber permanent misstrauisch war, konnte man schon Mittel und Wege finden, wann man wo was sicher sagen konnte.

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