|
IDEOLOGIE
Meine politische Überzeugung war nicht systemkonform. Das resultierte überwiegend aus der Geschichte meiner
Familie, durch meine Arbeitskollegen und meine eigenen Wahrnehmungen. Mein Nonsensspruch bei der Armee war immer "Heute mir, morgen dir! Draussen ist es genau so kalt wie vor der Tür.
Kommense rein, könnense rausgucken." Fast alles was ich offiziell zu hören und zu sehen bekam, empfand ich als Unsinn und verlogen.
Mein Vater betrieb eine kleine Spedition, die er kurz nach Kriegsende von meinem Großvater übernahm. Als privater
Unternehmer stand er mit der sozialistischen DDR permanent auf Kriegsfuß. In vielen seiner Gespräche auch mit uns
Kindern bezeichnete er die Systemanhänger als Gauner, Spitzbuben und Halsabschneider. Er konnte sich stundenlang über die Bedingungen, mit denen er leben musste, aufregen.
Mutter versuchte immer, ein wenig zu bremsen, da sie der Auffassung war, Vater rede sich um Kopf und Kragen, wenn
wir Kinder das, was wir so zu Hause hörten, in der Schule oder bei unseren Freunden weiterverbreiten. Uns Kindern war
aber relativ schnell klar, was wir in der Öffentlichkeit, und was wir bei unseren Freunden sagen konnten. Man sprach mit
gespaltener Zunge. In der Schule, im Staatsbürgerkundeunterricht, betete man das nach, was einem erzählt wurde. Zu
Hause in der Familie existierte eine andere Realität. Meine Mutter stammte aus Szombathely in Ungarn, aus einer
weltoffenen Familie, durch die sie schon als Kind nach Holland und später als junge Frau nach England zum Arbeiten
kam. Die Restriktionen, nicht beliebig in Europa herumreisen zu können, belasteten auch sie. So bekamen wir durch sie eine andere, von der offiziellen Staatsdoktrin abweichende Auffassung von der Welt vermittelt.
Allgemein herrschte in der Familie die Tendenz, sich von der Politik fernzuhalten. Großvater war lediglich mal kurze Zeit
in einer SA-Reitersturmabteilung, weil er ein Pferdenarr war. Er schämte sich furchtbar darüber. In die NSDAP ist er
nicht eingetreten, da er sich schon als Geschäftsmann von der Politik fernhalten musste, um in der Kleinstadt nicht Kunden aus einem anderen politischen
Lager nicht zu verlieren. 1958 wurden der Betrieb meines Vaters vom Staat geschlossen und die Konzession als Bahnspediteur entzogen, weil es dann nur noch staatliche Bahnspeditionen gab.
Einen gewissen Linksdrall erhielt ich durch meine Kollegen in den Leuna-Werken und später dann im Buna-Werk. Als
ich aus einem kleinen muffigen Maschinenbaubetrieb in Thüringen 1965 als Dreher nach Leuna kam, erfuhr ich das erste
mal deutlicher, was Solidarität ist. Ob fachlich oder menschlich gesehen, ich bin diesen netten Kollegen der ehemaligen
Hauptwerkstatt Bau 15 noch heute dankbar. Während in meinem ehemaligen Lehrbetrieb eifersüchtige Statuserhaltung
das Systemprinzip der Facharbeiter untereinander war, in das man höchstens mal einheiraten könnte, zählte in
Leuna das, was man leistete und in einem halben Jahr hatte ich die Lohngruppe zu der ich in Thüringen 10 Jahre gebraucht hätte (oder ich hätte die häßliche Tochter vom Meister geheiratet).
Kein Geheimnis war, dass die Kollegen vom Bau 15 am 17. Juni das Tor zugeschweißt hatten, und darauf waren sie
stolz. Es gab eine klitzekleine SED-Parteigruppe im Betriebsteil, die nur veralbert wurde. Das Sagen hatte die Gewerkschaftsorganisation. Egal, ob Arbeitsbedingungen oder Lohngruppeneinstufung: Hier flogen bei
Gewerkschaftsversammlungen die Fetzen, und es wurden gute Ergebnisse für die Mitarbeiter erzwungen. Diese Abteilung brachte Spitzenleistungen und die übliche DDR-Gammelei war absolut verpönt. Materialengpässe gab es
natürlich auch, wie überall in der DDR. Ich hatte aber immer den Eindruck, dass es hier weniger gab. Eine ausgefeilte
Organisation bügelte diese Engpässe im Übrigen auch aus. Standzeiten der Maschinen gab es nicht. Stand die Maschine doch einmal, gab es auch keinen Lohn. Innerhalb weniger Monate erhielt ich eine billige nagelneue
Betriebswohnung und konnte mich durch Unterstützung meiner Kollegen in der Abendschule auf ein Studium vorbereiten.
Alle waren in der freiwilligen Betriebsfeuerwehr, und als die Benzinspaltanlage 1965 in die Luft flog, waren sie die ersten, die den Brand danach eindämmten, ehe die Betriebsberufsfeuerwehr anrückte.
Meine ehemaligen Kollegen in Thüringen dachten, ich tische ihnen Märchen auf, als ich ihnen erzählte, in Leuna gäbe es
mehrere Betriebskantinen mit täglich wechselnden 10 Gerichten, zum Frühstück Rührei, heiße Boullion, Suppen und
Pudding. In der Nachtschicht gäbe es auch warmes Kantinenessen und "gestern habe ich gebackene Forelle gegessen
und vorgestern Hasenbraten". Es gab Bäderbetriebe mit hellen sauberen Dusch- und Waschräumen, Turnschuhe für den
Einsatz an Großdrehmaschinen, Waschmittel und Handtücher umsonst, im Betrieb und um den Betrieb einen tadellosen
Werksverkehr, Fahräder in den Hallen und eine Arbeitsorganisation wie bei den IG-Farben vor dem Krieg. Schwimmbäder
, Kegelhallen, Kinos, Werksbibliotheken, Betriebskindergärten, Ferienheime, Ruderboote, Segelboote. Wer arbeitsgeil war, konnte Überstunden machen, wer das nicht wollte, ließ es bleiben.
Der stolz präsentierte Lohnstreifen und eine Werksbroschüre hatten dann das Ergebnis, dass noch drei junge Kollegen
später kündigten. Einen kleinen Schmu hatte ich aber doch noch gemacht. Auf meinem Lohnstreifen war die Abrechnung von ein und einem halben Monat. Mit der dazugehörigen Auslösung hatte ich soviel Lohn wie das Gehalt
meines ehemaligen Werkleiters. Als ich dann studieren wollte, benötigte ich eine Delegierung des Betriebes. Die Parteigruppe belatscherte mich, in die
Partei einzutreten, um die Delegierung zu erhalten. Ich habe einen Antrag auf Aufnahme in die SED gestellt und dies
meinen Kollegen erzählt. In der darauf folgenden Nachtschicht standen die Maschinen einige Stunden, und ich wurde
ideologisch richtig rund gemacht. In der darauf folgenden Woche zog ich meinen Antrag zurück. Die Delegierung haben mir dann meine Kollegen über die Gewerkschaftsgruppe im Bunawerk
besorgt, wo ich keinen Segen der SED benötigte. Es war damals die Zeit des Aufbaus von Leuna II, über die Erik
Neutsch den Roman "Spur der Steine" schrieb, nach welchem der gleichnamige Film mit Manfred Krug gedreht wurde.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich viele Elemente dieser Geschichten miterlebt habe. Die Kollegen in Leuna und
Buna hatten sich bis zu dieser Zeit nicht alles von der Partei gefallen lassen, und die "führende Rolle" weniger als
anderswo bekämpfen können. Auch ihnen ist es mit zu verdanken, dass dieser Spuk seit über 10 Jahren Geschichte ist.
 |

|