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Wir Soldaten der 4. Kompanie des GR 35 hatten die Auffassung, dass es uns, bezogen auf die Verpflegung, ein wenig besser ging, als vielen anderen Einheiten der NVA. Man hatte den Eindruck, dass man uns bei Stimmung halten wollte und alle Organisationspotentiale nutzte, damit es uns einigermaßen gut ging. Was damals so eine DDR-Konsumkaufhalle im Angebot hatte, das hatten wir auch, zum Frühstück und zum Abendessen. Niemals in meinem Leben habe ich so viele Äpfel gegessen wie bei der NVA. Neben der Essensausgabe standen oftmals Kisten oder Stiegen mit Äpfeln und man konnte immer ein bis zwei Äpfel mitnehmen und manchmal auch soviel man wollte. Südfrüchte waren ebenso knapp wie im zivilen Bereich, und so sahen wir Apfelsinen, Mandarinen und Bananen (die einzigen Südfrüchte, die wir kannten) höchstens einmal im Monat. Eine Ausnahme hier waren auch die sogenannten "Durchhaltebeutel", die jeder Grenzsoldat einmal in der Woche erhielt. Ein paar kleine Stückchen Schokolade, Kekse, Trockenobst, kleinere Wurst- oder Fleischbüchsen und hart am Verfallsdatum grenzende Einsatzverpflegung (Suppenbrühwürfel, Suppenkonzentrate, Milchpulver, ein Gemisch aus Bohnenkaffee und Malzkaffee, Malz-und Fruchtbonbons, Tee und Trockenspiritus-Tabletten).
Ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass sich im "Durchhaltebeutel" zwei Schachteln Zigaretten befanden. Der Begriff "Durchhaltebeutel" wurde sicher dadurch geprägt, dass es diese Sonderzuteilung nur bei den Grenztuppen gab und wir spaßhaft-bissig kommentierten, diese Gabe ist dazu da, um uns auf dieser Seite der Mauer zu halten. Besonders begehrenswert waren kleine Schmalzfleischbüchsen, von denen wir dachten, dass die aus Westdeutschland stammten, weil mal auf einer Serie ein Bodenaufkleber mit der Aufschrift "Made in Germany, Osnabrück” befestigt war. Aber dies war sicher nur eine DDR-Exportsendung, welche sich zu uns verirrt hatte. Der Inhalt der Durchhaltebeutel wurde kreuz und quer getauscht, weil sich bei den einzelnen Soldaten besondere Vorlieben für den Inhalt herausbildeten. Da die Staukapazitäten im Armeespind äußerst knapp bemessen waren, wurde das Zeug kiloweise mit in den Urlaub nach Hause genommen. Ich habe erlebt, dass wir auf der Heimreise im Zug stolz unsere Schätze als Wegzehrung auspackten und den armen Schweinen der Motschützen (Motorisierte Schützen=Infanterie) aus Eggesin zur Abfütterung verabreichten.
Die anderen Soldaten dachten, wir lebten in einer Schlaraffenlandarmee. Dieses Verhalten hat uns aber insgesamt geschadet, weil viele Soldaten anderer Einheiten meinten, uns steckt man es vorne und hinten rein, was ja auch im gewissen Maße stimmte. Wenn die anderen mal in der Überzahl waren, wurden wir offen als "Grenzerschweine" oder "Mauerknechte" tituliert.
Im GR 35 waren die Küchenbullen angesehene Soldaten und Unteroffiziere und standen bei uns hoch im Kurs der Beliebtheitsskala. Es war wohl eine Marotte der Regimentsleitung, hier ein Versorgungssystem zu etablieren, das nicht nur klappte wie am Schnürchen, sondern auch im Rahmen der Möglichkeiten qualitätsvoll war. Oder es war Zufall, dass in der Küche eine gute Truppe aktiv war. Da ich öfters mal in die Kaserne in Treptow musste, konnte ich gut vergleichen. Dort war es laut, dreckig und das Mittagessen war fast ungenießbar. Aber dort mussten jeden Tag 5000 Soldaten verpflegt werden, bei uns waren es 2000. Wenn auch unsere Kaserne einen insgesamt vergammelten Eindruck machte - es waren alte abgewohnte Wehrmachtsbaracken zu dieser Zeit, so war der Küchentrakt was Extrafeines. Durch meine Wandzeitungs- und Fotoproduktion hatte ich oft im Speisesaal zu tun und wunderte mich überhaupt nicht, wenn mich ein Küchenbulle bat, mal die Soße für die Rouladen zu kosten. Das hatten die nur als Show gemacht, um ihrem Ruhm noch was draufzusetzen. In diesem Zusammenhang war es dann Brauch, dass es für die Küchensoldaten prinzipiell Freibier gab, wenn ein Soldat des Küchenkommandos in einer Kneipe in Lichtenberg auftauchte, in der gerade Soldaten des GR 35 Bierabende veranstalteten. Berühmt war einmal ein Eisbeinessen, das allerdings dadurch getrübt wurde, dass es kein Pilsner dazu gab, sondern nur Brauselimonade oder Tee. Ältere Soldaten erzählten, dass die Verpflegung vor November 1966 unter aller Sau war und erst mit Versetzung eines Küchenkommandos aus dem Grenzausbildungsregiment 39 so gut wurde. Was nach unserer Zeit war, muss ich noch recherchieren.
Das Essen war insgesamt Thema Nr.1, da es fast zum Spezialhobby wurde, auch im Grenzdienst weiterzuschlemmen. Normalerweise sollte man ja als Soldat, wenn man an der Mauer aufgezogen war, auf dem Postenturm, in Bunkerverstecken, oder auf Streife seine Pflicht erfüllen. Wir pfiffen auf die Pflichterfüllung und spähten nur in dem Zusammenhang, dass man uns beim Brutzeln nicht erwischte. Es wurden ausgeklügelte Methoden entwickelt, sich das Essen abwechslungsreich, nahrhaft und köstlich zu gestalten. Unsere belegten Stullen zu essen und dazu lauwarmen Tee aus der Feldflasche zu schlürfen war unter unserer Würde. Wir waren hier eine seltsam verfressene Truppe. Fast alle hatten wir kleine Taschen-Tauchsieder dabei, damit der Tee oder Kaffee frisch gebrüht werden konnte. Einige hatten einen sogenannten Dunkelstrahler mit, das war ein dunkelgrünes glühbirnenförmiges Keramikteil, in dem elektrische Glühwendel so um die 1000 Watt verheizten, wenn man die Dinger an die 220 Volt Leitung brachte.
Um eine Grenze zur Nacht taghell zu beleuchten, braucht man viele Leitungen und an diese Leitungen haben wir uns ungefragt drangeklemmt. Die notwendigen Drähte, Stecker, Schraubenzieher und natürlich auch Sicherungen hatten wir ständig bei uns.
Die Fresserei hatte zweierlei Zweck. Zum einen tötete es die Zeit, 8 Stunden Wache zu schieben. Zum anderen hatte es unwahrscheinlich Spaß gemacht. Weil das verboten war, wurde ein weiterer Reiz erzeugt, der die einfachste Bulette, welche mit einem Dunkelstrahler auf ordentliche Bratpfannentemperatur hochgepusht wurde, zur Delikatesse mutierten konnte. Wir kochten Eier, brutzelten Rühreier mit Speck und die Krönung waren panierte Schnitzel mit Bratkartoffeln.
Da es nach so einer Aktion auf dem Postenturm ja nicht gerade unangenehm gerochen hatte, wurden Methoden entwickelt, den ansonsten feinen Geruch durch ein bisschen Gestank zu nivellieren oder zu kaschieren. Praktisch war hier, ein paar Körner der Leuchtmunition zu verbrennen, was dann danach roch, als hätte man in der Schicht vor uns Leucht- bzw. Signalmunition verballert. Der Geruch nach gebratener Bockwurst war dann weg.
Ab und zu wurde auch mal ein Postenpaar beim Bruzzeln erwischt. Die Strafe war aber relativ gering. Regelmäßig erwischt wurde ich im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. Noch bevor ich die Kochutensilien verstecken konnte, war die Streife da. Zum Glück war es immer eine Offiziersstreife der eigenen Einheit, die die Augen zugedrückt hat und mitfutterte.
In der Freizeit wurde ebenfalls gebrutzelt. Da wir im Zug einige Angelprofis hatten, die ihre Angeln in den Rummelsburger tunkten, gab es auch gelegentlich hinter unserer Baracke Bratfisch. Die fettesten Fische wurden direkt hinter dem Rummelsburger Knast geangelt, da außer uns Soldaten dort niemand hingekommen ist, und das Angelrevier ansonsten geschont wurde. Besonders in den Wintermonaten nutzte man auch die Platten unserer Kachelöfen in den Stuben, um am Abend Menues zusammenzubraten.
Alles in allem hatte aber die ganze Esserei, welche außerhalb der üblichen Armeeverpflegungsstruktur organisiert wurde , ein wesentliches psychisches Element. Es wurde versucht, ganz einfach Lebenszeit sinnvoll zu nutzen. Die Vorfreude auf ein Essen und das Essen in der Gruppe, waren selbstverständliche Rituale, um sich das Leben in dieser Armee so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Neben reden, lesen, Kino, Fernsehen, Musik und Sport war es eine Möglichkeit, mit der Zeit sinnvoll umzugehen und ganz wichtig, die Armeezeit schneller vergehen zu lassen.
In den Kneipen und Restaurants in Berlin als Soldat essen zu gehen, war ein Kapitel für sich. Wir wussten, dass uns besonders in den volkseigenen HO- und Konsumgaststätten die Kellner und Köche in das Essen spuckten. Also sind wir lieber in Selbstbedienungsgaststätten gegangen. Dort konnten wir sehen, was auf dem Teller landete. Lediglich kleineren privaten Kneipen, die sich in der Nähe der Kaserne auf die Soldatenkundschaft spezialisiert hatten, war anzumerken, dass man als Gast gerne gesehen war. Im "Heinzelmännchen" in Berlin Lichtenberg gab es große dicke Rostbrätel (Kammstücke) und deftige Hausmannskost. Das war aber auf Grund des geringen Soldes selten. Unser Standardmenue waren ansonsten Buletten oder Bockwürste.
Gut war der Soldat bedient, der sich in Berlin ein Bratkartoffelverhältnis besorgte, bei dem man sich beim Ausgang ordentlich durchfuttern konnte. Das war nicht einfach, weil wir Grenzsoldaten ja in Berlin nicht sehr angesehen waren. Aber wenn man sich einigermaßen Mühe gab, klappte das schon. Oft waren die Freundinnen um einige Jahre älter, hatten einen eigenen Hausstand und somit einen eigenen Küchenherd. Da man ja durch die Sonderverpflegung Vorräte anhäufen konnte, war man in keiner Parasitensituation. Man hatte schon was mitzubringen und brauchte kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Im Übrigen ging es uns hier nicht um das Essen - aber das ist ein anderes Kapitel.

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