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Überhaupt nicht unangenehm für mich war die Tatsache, dass ich meinen Wehrdienst in Berlin ableisten musste. Ich machte innerlich drei Kreuze, dass ich nicht in Eggesin bei der Infanterie dienen musste. 18 Monate irgendwo in einer Kaserne im Busch zubringen zu müssen, wäre für mich damals der totale Horror gewesen. Die Konsequenz, bei den Grenztruppen mit der scharfen Waffe zu dienen, war mir am Anfang wenig bewusst. Erst nach einigen Wochen im Grenzausbildungsregiment in Wilhelmshagen wurde mir klar, dass beim NVA-Kommando “Grenze” nicht nur mit Platzpatronen geschossen wird. Aber dazu mehr an anderer Stelle.
Berlin war schon wesentlich interessanter, als irgendwo in einer Baracke der Westgrenze zu landen, wo es außer Füchsen und Dorfkneipen wenig zu sehen und zu erleben gab. War auch Anfangs der Dienst im Grenzausbildungsregiment 39 hart, so gehörte ich nicht zu den Soldaten, die sich nach Dienst in die Betten schmissen, um bis zum nächsten Tag durchzuschlafen und so die Zeit schnell herum zu bekommen. Im Ausbildungsregiment bekam man nach den Grundausbildungswochen, in denen es grundsätzlich keinen Ausgang gab, so ein bis zweimal in der Woche Ausgang: am Anfang von 16.00 bis 23.00 Uhr und nach weiteren 4 bis 5 Wochen bis 01.00 Uhr. Wenn man am Wochenende Ausgang bis zum Wecken haben wollte, musste man schon herausragende Ausbildungsergebnisse vorweisen, um diese längeren Ausgangszeiten zu erhalten.
Wer Ausgang bekam, bestimmte in der Batterie der Spieß. Der hatte die Aufgabe, nur 15- 20 Prozent der Einheit rauszulassen, weil man die Gefechtsbereitschaft erhalten wollte. Man dachte damals, man ist in einer Situation, dass der Krieg nachts um halb Vier losgehen könnte, und dann müsste das entsprechende Personal vor Ort sein. Ich hatte keine große Lust, immer zu den Soldaten zu gehören, die aus militärischen Gründen keinen Ausgang bekommen, und suchte nach Methoden, diesem Widernis zu entgehen.


Wie einige Soldaten Ausgangsscheine zu klauen und zu fälschen, traute ich mich nicht. Mich beim Spieß einzuschleimen lag mir auch nicht. Überragende Ausbildungsergebnisse erzielte ich trotz aller Anstrengung nicht, um mir meinen Ausgang zu sichern. Mein Glück war die Wandzeitung.
In jeder Baracke hing damals eine Batteriewandzeitung, auf der die Ausbildungsergebnisse veröffentlicht wurden. Zum anderen war diese Wandzeitung mit Agitation und Propaganda vollgepflastert, die von der Propagandaeinheit der 1. Grenzbrigade zusammengestellt wurde. Tagesbefehle der Stadtkommandantur, Artikel der Tageszeitung "Neuen Deutschland" und der "Nationalen Volksarmee" wurden ausgehangen. Ich meldete mich freiwillig als "Wandzeitungsredakteur" und hatte dann natürlich den Job, interessante Artikel und Materialien zu besorgen. Diese gab es in Treptow im Stab der ersten Grenzbrigade. Zweimal in der Woche bin ich mit der S-Bahn nach Treptow gefahren, habe mir einen Sack mit Propagandamaterial und Tagesbefehlen vollgestopft und gab mir Mühe, die Wandzeitung proppevoll zu machen. Montags hatte ich die Fußballergebnisse drangepinnt, so dass sogar Soldaten aus anderen Einheiten in unsere Baracke kamen, um die Wandzeitung zu lesen. Ein Glücksumstand war, dass ich bei meiner ersten Beschaffungstour zum Stab auch noch Material für die anderen Einheiten mit einsacken musste und dabei auf die Idee kam, mit Blaupause die Fußballergebnisse zu vervielfältigen. Ergebnis: Unsere Einheit wurde von der Regimentskommandantur als beste Wandzeitung im Regiment und für die Unterstützung der anderen Wandzeitungen in der Kaserne belobigt.
Es machte zwar eine Heidenarbeit, aber ich hatte mir dadurch soetwas wie einen unbegrenzten Ausgangsschein gesichert. Nach einiger Zeit konnte ich kommen und gehen wann immer ich wollte, weil ich Informationsmaterial besorgen musste. Berlin war nun für mich offen, im Gegensatz zu vielen Soldaten, denen der Ausgang nicht gewährt wurde. Als ich dann noch angefangen hatte, die Veranstaltungspläne der Berliner Bühnen und Sportstätten auszuhängen , konnte ich erreichen, Ausgangsscheine für meine "Abendspaziergänge" außer der Reihe zu erhalten. In der Staatsbibliothek Unter den Linden und in den Stadtbibliotheken besorgte ich alle nur möglichen Broschüren und Plakate und sicherte dadurch mein Ansehen und meine kleinen Sonderausgangsprivilegien.
Als ich dann nach einem halben Jahr in das Grenzregiment 35 nach Rummelsburg versetzt wurde, habe ich mich gleich wieder um einen Wandzeitungsposten gerissen und mir dazu noch das dazugehörige Kompanie-Fotolabor als Aufgabe organisiert.
Darum ging es mir hauptsächlich bei dieser Aktion - ich wollte raus. Für Sport habe ich mich weniger interessiert und noch weniger für den Propagandaschnee. Mich zog es in die Berliner Museen und in die Berliner Theater. Aber am wichtigsten war damals für mich, zum Schwoof zu gehen. Berlin als Hauptstadt hatte schon mehr zu bieten, als ein Garnisonsnest irgendwo in der DDR.
Es gab natürlich einige Restriktionen, wo man nicht als Soldat hingehen konnte. In der Einheit existierte eine Liste mit Gaststätten, wo Soldaten der NVA das strikte Verbot hatten, einzukehren. Das waren weniger Etablissements, die verrufen waren, sondern vielmehr Gaststätten, in denen Soldaten der westlichen Armeen verkehrten. Um die Friedrichsstraße herum war fast alles verboten. Die Hotelrestaurants und im Besonderen die Bärenschenke in der Friedrichstraße waren absolut tabu. Wir hatten Order, wenn auch nur ein einziger amerikanischer Soldat eine Gasstätte aufsuchte, sofort die Rechnung zu bezahlen und zu verschwinden."Wo der Gegner sein Bier trinkt - da hat ein NVA Soldat nichts zu suchen".

Ebenfalls strikt verboten war es, sich mit ausländischen Soldaten fotografieren zu lassen. Das wussten die Amerikaner und machten sich einen besonderen Geck, uns einfach auf der Straße zu schnappen, um schnell ein Foto mit einem kommunistischen NVA-Soldaten nach Westberlin mitzunehmen. Das sollte man dann melden - und im Ergebnis dieses Vorkommnisses war man so gut wie verbrannt und erhielt kaum noch Ausgang. Deshalb verschwand auf die andere Straßenseite, wenn französische, englische oder amerikanische Soldaten nur in Sichtweite waren. Im Pergamonmuseum und im damaligen Museum für Deutsche Geschichte unter den Linden wurde ich gebeten, für ein "Gruppenfoto" Pose zu machen und habe dies nicht "gemeldet".
Berlin faszinierte mich als Stadt mit vielfältigen kulturellen Angeboten. Ich bin kreuz und quer mit der S-Bahn in Berlin herumgefahren und habe in alle Stadtviertel meine Nase gesteckt. Der Ausgang galt innerhalb der Stadtgrenzen - und Berlin war groß. Zum Pferderennen nach Hoppegarten, Baden am Müggelsee, ein Besuch im Tierpark usw. waren mein Ausgangsziel und nicht die lediglich vorgetäuschten Tripps zur Besorgung von Propagandamaterial. Wenn ich in Treptow Material abholte, sackte ich immer gleich ein für 14 Tage und habe davon kleine Päckchen gemacht, die ich im Ostbahnhof in der Gepäckaufbewahrung deponierte. Immer wenn ich vom Ausgang zurückkehrte, konnte ich "Ergebnisse" vorweisen. Im Grenzregiment 35 wurde dann aber die Ausgangsgewährung laxer gehandhabt und ich brauchte nicht mehr so “fleissig” sein.

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