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Über das Thema Alkohol und Armee - und hier im speziellen - Grenztruppe und Alkohol kann man sicher dicke Bände füllen. Storys; Trinkerbiographien, Tatsachen, sekundär Erlebtes, Über- und Untertriebenes.

EK-FeierAndenkenserviette vom EK-Besäufnis

 

 

 

 

Meine Erinnerungen beginnen mit dem ersten Truppentransport als frisch gefasster Rekrut von Halle nach Berlin. In Halle, am Clubhaus Hermann Duncker, war der Sammelort für die "Einberufung". Morgens um 7.00 Uhr hatte man sich dort einzufinden, und es fiel auf, dass einige der Rekruten am Abend ordentlich Abschied gefeiert hatten. Eine Unteroffiziersstreife wuselte durch die dort angetretenen Massen und pickte sich die Kandidaten, welche hier auffielen, einfach raus und ließ dieselben verschwinden. Im Zug, der an größeren Stationen bis Berlin noch zwei-, dreimal hielt, um weiteres Rekrutenmaterial einzusammeln, war dieselbe Streife weiter intensiv aktiv und sammelte Kandidaten, die auch nur eine Bierflasche blitzen ließen, ebenfalls ein. Im Ganzen ging die Aktion aber relativ ruhig vonstatten. Lediglich kleine Taschenrutscher machten verstohlen die Runde, und die relativ lange Reisezeit von ungefähr 8 Stunden für wenige Kilometer führte dazu, dass fast alle Rekruten nüchtern und im Gleichschritt in der Grenzausbildungskaserne 39 in Berlin-Wilhelmshagen eintrafen.

Die 66er NVA-Rekrutengeneration hatte noch das Glück, dass Alkohol in der Kaserne offiziell erlaubt war. Es gab eine kleine Kantine. Dort konnte man nach 19.00 Uhr, also nach Dienst und nach dem Abendessen, in aller Ruhe ein oder auch sechs Bier für 0,52 DM für das 0,33l-Glas trinken. Für ca. 65 Pfennig gab es einen Nordhäuser Doppelkorn und für rund ´ne Mark einen Doppelten. Wer auch nur ein wenig mit den Augen oder den Beinen wackelte oder sinnlos rumlallte, bekam nichts mehr zu trinken und demzufolge ging es einigermaßen brav zu. Wenn in den Stuben mal eine "Sause" gemacht wurde, das war nach einigen Wochen in einzelnen Stuben so jeden Abend, gab es selten Exzesse. Die einen tranken nichts, einige wenig und andere knallten sich auch mal den Kopf mit Schnaps und Bier zu. Der schmale Sold reichte aber nicht weit und so verhielten sich allmonatlich die Trinkgewohnheiten ein wenig wellenartig. Lediglich nach den ersten 8 Wochen, an denen es prinzipiell keinen Ausgang gab, kam es beim ersten Ausgang zu ersten "Vorkommnissen". Im Ostbahnhof setzten sich Soldaten im Alkoholtran in den D-Zug nach Dresden, anstatt in die S -Bahn nach Erkner und landeten in den Fängen der Dresdener Bahnpolizei. Das war dann eine kleine Sensation, wenn der "Reisesoldat" nach zwei Tagen wieder in der Kaserne war. 3 Tage Bau und 1-2 Monate Ausgangs- und Urlaubsperre waren dann der Lohn dieser "verwerflichen Tat".

Mir hat zu dieser Zeit Bier nicht im geringsten geschmeckt. Da man aber in den Augen seiner Kameraden auch als Mann dastehen musste, wenn beim Ausgang die Gläser gehoben wurden, trank ich ab und zu mehr, als ich vertragen konnte. Mich haben, wenn wir Ausgang hatten, tausend mal mehr die Berliner Mädchen interessiert, und bei denen konnte man nun mal im Suff nicht landen. Von den Besäufnissen, habe ich mich, wann immer es ging, "abgeseilt"

Eine wichtige Zäsur war der November 1966, als ich nach der Ausbildung in das Grenzregiment 35 versetzt wurde. In diesen Wochen gab es einen Befehl in der Nationalen Volksarmee, dass Alkohol innerhalb der Kaserne nicht mehr verabreicht werden durfte. Einige Wochen, bis Anfang Januar 1967, war es noch möglich, in die Kasernen-Kantine mit einem Ausgangsschein zu gehen, um Bier zu trinken. Das war aber für die Katz, weil da schon aus Daffke und Protest kein Soldat mehr erschienen ist, und dieses Alkohol-Refugium den Unteroffizieren und Offizieren überlassen wurde. Außerdem gab es in Berlin damals schon tausende von Kneipen, die man zum Trinken einige Stunden besetzen konnte.

Nach diesem Befehl ging die Sauferei in der NVA erst richtig los, und in Gesprächen mit Soldaten aus anderen Waffengattungen, die man gezwungenermaßen im Urlauszug der Deutschen Reichsbahn traf, wurde Ähnliches berichtet. Viele Soldaten hatten die Taschen voll mit Alkohol aller Arten und Prozente.

Es setzten wilde Kontrollen ein, die aber nur geringe Ergebnisse erzielten. Der Einfallsreichtum der Soldaten, Alkohol in die Kaserne zu schmuggeln, war unbegrenzt. Wer bequem war, steckte sich einfach ein "Rohr", das war die Dreiviertelliter 39%iger, in die Hosentasche und hoffte auf unversehrte Kontrolle an der Wache. Clevere deponierten das Wässerchen in einige Lebensmittelbüchsen, wenn die Büchsenmaschine zu Hause in einer Fleischerei zugänglich war. Meine Methode und die Methode meiner Kameraden im Zug war primitiv und erfolgreich. Da ich zu faul war, von zu Hause die Flaschen mitzuschleppen, bin ich in einen Lebensmittelladen am Ostbahnhof gegangen und habe mir 1 Flasche Schnaps in zweieinhalb Flaschen Brauselimonade umfüllen lassen. Dort hatte man eine Zange, mit der man die Kronenkorken wieder festmachen konnte. Mit 2 Mark Dienstleistungsgebühr war das Problem gelöst.

Die einen nährt's, die anderen zehrt's.Obwohl bei den Grenztruppen das Ausgangs- und Urlaubsproblem ziemlich gnädig im Verhältnis zu anderen Waffengattungen behandelt wurde, waren die empfundenen Freiräume für uns Soldaten trotzdem ziemlich eng. Die Bevormundungen, wann und zu welcher Zeit man Alkohol trinken durfte, wurden durch allerlei weitere Tricks umgangen. Wir hatten in unserem Zug zwei Methoden, mal einen trinken zu gehen. Das Verbot zu missachten war besonders reizvoll, aber noch reizvoller war es, nicht erwischt zu werden. Direkt hinter der Kaserne am Rummelsburger See hatten wir ein altes Ruderboot versenkt. Das Boot wurde ausgeschöpft, und in einer Viertelstunde waren wir drüben in Stralau in einer Kneipe im Garten. Dort haben wir es uns gut gehen lassen. Bei Dunkelheit sind wir zurück gerudert. Wir waren dann stolz wie die Spanier auf unsere Schlauheit und nicht mehr ganz nüchtern. Die andere Methode war , sich mit Spaten, Rechen und Hacken zu versorgen und als Arbeitskommando im Gleichschritt durch die Wache zu marschieren. Hatte unsere eigene Einheit selber Wachdienst am Kasernentor, ließen wir "Nachahmer" gönnerhaft passieren. Nach 2-3 Stunden war das "Arbeitskommando" wieder retour. Keiner der Offiziere bekam etwas mit, denn alle hielten dicht.

Es gab hier nicht nur lustige Begebenheiten sondern auch nicht wenige Dramen im GR 35. Darauf möchte ich erst nach weiteren Recherchen eingehen: Soldaten verursachten im Suff mit schweren NVA Kraftfahrzeugen Verkehrsunfälle, verursachten Tod und Verletzungen im Zusammenhang im Umgang mit den Waffen. Der Streß des Dienstes und die Struktur der Dienstabläufe innerhalb der Armee hatten im Zusammenhang mit Alkohol auch bei den Offiziers- und Unteroffiziersdienstgraden oft schlimme Folgen. Nicht wenige soffen sich karrieremäßig und soziologisch ins Abseits.

Das Thema Alkohol war innerhalb der Armee hinsichtlich besonderer Vorkommnisse reich an Varianten. Organisierte Feiern waren besondere Gelegenheiten, sich einen hinter die Binde zu kippen.
Unsere Einheit hatte als Patenbetrieb den Bundesvorstand des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund - die Einheitsgewerkschaft der DDR) erwischt, der uns am 16. Dezember 1966 zu einer Weihnachtsfeier in das Gebäude des Bundesvorstandes einlud. Es gab ein opulentes kaltes Buffet und als besondere Zugabe 50 junge Frauen eines Berliner Textilbetriebes, die zur Feier delegiert worden waren. Die Feier ging ganz zahm los mit einem Kammerorchester, das fleißig Weihnachtslieder intonierte, Kerzenlicht und dem Verzehren der Köstlichkeiten mit Kaviar und weiteren Sachen, welche wir nicht einmal benennen konnten.

Später spielte eine Band zum Tanz auf, und 150 Soldaten jagten den Spirituosen und den Frauen hinterher. Die Rechnung ging, so oder so, nicht auf. Gegen 23 Uhr war abrupt Schluß, da sich zwei Drittel der Einheit nach allen Regeln der Kunst betrank und sich mit dem Drittel “Besetzern” der Damen um deren Gunst mit Hilfe der zur Faust geballten Hand stritten. Ein Teil verschwand mit seiner “Beute” in den Gängen und Büroräumen und musste mit allen nur denkbaren Methoden eingesammelt werden. Da wurden auch mal ein paar vernebelte Genossen an Händen und Füßen durch die polierten Flure des FDGB Bundesvorstandes zum LKW geschleift. Das besorgte eine nüchterne Einheit der 1. Grenzbrigade, die zur Hilfe gerufen wurde. Es war ein herrliches Chaos und noch Monate danach wurden die Ereignisse ausgewertet.

Organisierte Treffen mit den "Freunden", also Soldaten der Roten Armee zur Förderung der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft waren ebenfalls eigenartige Ereignisse. Aufgrund der Erfahrungen mit ähnlichen Treffen versuchte man hier den Teufel Alkohol strikt fernzuhalten. Sportfeste waren hier ein bewährtes Verfahren zur "Freundschaftspflege". Auch das ging schief. Man gönnte den einfachen Soldaten nicht einen einzigen Schluck Alkohol. Nur die Offizierschargen hoben offiziell die Tassen. Aber in Windeseile war im Durcheinander Alkohol organisiert. Die armen Kerle der Sowjetarmee bezogen hinterher in unserem Beisein Schläge von ihrer Militärpolizei, die sie anschließend wie Vieh zusammentrieb und an Armen und Beinen auf die großen KRAS-LKWs warf. Mich erstaunte, dass es denen noch viel dreckiger ging, wir uns wie Salonsoldaten vorkamen und uns symbolisch auf die Schultern klopften, wie gut wir es doch beim sozialistischen preußischen Barras hätten. Soldat Hebstreit im ''Tee''

Spätere Kampftrinkerorgien der NVA kenne ich nur vom Hörensagen. Mitte der 60er Jahre ging es noch relativ ruhig zu, und das Thema Alkohol war kein besonderes Problem. Doch erkennbar war, dass seit dem Verbot die Exzesse erst richtig losgingen. Der Spuk der Prohibition war in den USA nach wenigen Jahren vorbei. Die Nationale Volksarmee der DDR hatte hingegen das Kunststück versucht, von 1966 bis 1990 Enthaltsamkeit per Befehl zu verordnen. Dass dieser Befehl das pure Gegenteil erzeugte, war allgemein bekannt. Es blieb aber dabei.

 

 

 

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