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GLÜCKLICHER ALS HEUTE
1954 als erstes von vier Kindern einer Vertriebenen Familie geboren und aufgewachsen in der DDR - ich war ein glückliches
Schulkind und alle Bildungswege standen mir offen. Zugegeben, mit zunehmendem Alter wurde ich auch kritischer und
erkannte, dass ich mein Wissen nicht vollständig ausbauen und ausleben durfte, weil in allen Gebieten einem der
sozialistische Gedanke abgefordert wurde, er war ständig präsent. Jedoch war ich ansonsten rundum glücklich. Wir hatten
zwar nicht viel Geld, galten mit vier Kindern trotz aller Fürsorge des Staates vielleicht auch als asozial, obwohl ich
persönlich dieses Wort während dieser Zeit gar nicht kannte. Meiner Schwester allerdings wurde es schon vermittelt.
Gerade wir Mädchen fühlten uns herausgefordert, trieben Sport, dessen Erfolge unsere Schule genoss, aber auch wir fühlten
uns wohl dabei. Wir sangen im Chor, spielten Gitarre, gründeten eine Singegruppe: Ich dachte, wir seien glücklich und beliebt, dabei stießen wir in der Familie auch auf Widerstand und konnten diesen aber überwinden.
Anfangs schliefen immer zwei Geschwister in einem Bett, aber dank des Staates hatte bald jeder sein eigenes. Jährlich
bekamen wir 400 DDR-Mark für Kleidung oder sonstige Anschaffungen. Zwar lebten wir nicht in Luxus, waren aber aufgrund unserer persönlichen Erfolge doch glücklich.
1975 heiratete ich, und wir bekamen 1977 unser erstes Kind, und damit hatten wir Anspruch auf eine eigene Wohnung. Die
gab es aber nicht sofort. Wir lebten bis dahin in einem Einfamilienhaus einer Bergarbeitersiedlung. Klar, da lebte bisher eine
Familie mit vier Kindern, für unsere kleine Familie blieb nur der Platz unterm Dach mit Dachschräge in einem vielleicht 9 qm
großen Zimmer. Im Winter war es dort natürlich kalt, und wir feuerten unser Kanonenöfchen bis die Windeln, die darüber
trocknen sollten, brannten. Gekocht wurde eine Etage tiefer in der Küche der Eltern, die gleichzeitig auch Bad war. Dass es
da zu Konflikten kommen musste, versteht sich fast von selbst. Doch bald zogen wir in eine Wohnung, die uns zustand, mit
zwei Zimmern. Wir waren glücklich, denn nach der Babypause hatten wir beide eine gesicherte Arbeit. Es gab viele Missstände, die ich nicht vergessen habe, aber wir hatten Zuversicht.
Mit den Jahren allerdings sah ich zunehmend, dass die, die uns einredeten, dass es uns gut geht, diejenigen waren, denen
es wirklich gut ging. Gesetze wurden geschaffen, an die nur wir kleinen Arbeiter uns halten mussten, da die, die sie schufen
, sich selbstverständlich darüber hinwegsetzen konnten. Ich musste jeden Arztbesuch dokumentieren und unsere
Vorgesetzten "durften" den Betrieb verlassen; gab es Baustoffe, seltenes Obst oder war einfach nur einmal Frisör angesagt:
Die brauchten sich an der Wache nicht Aus- und Eingangszeit durch Unterschrift bestätigen zu lassen, um sie nacharbeiten zu müssen.
Wenn viele meinen, dass die Reisefreiheit der Grund des Unfriedens in der DDR war, kann ich dem nicht zustimmen. Wir
waren mit dem zufrieden, was wir erreichen konnten, weil wir auch dort - in der Tschechoslowakei - so viele nette Menschen
getroffen haben, mit denen wir bis heute eine fast 30jährige Freundschaft pflegen. Zwar haben wir die Enge bedauert, aber
hingenommen, weil wir rundum Erfolge uns erarbeiten konnten, die uns glücklich machten. Jedem stand grenzenlose
Bildung frei, man hat sich die Freizeit zur Zufriedenheit gestaltet. Wir haben unser Baby geschnappt und haben Diavorträge
bei den Rentnern der Volkssolidarität gehalten, während unser Kind in Frieden vor der Haustür im Kinderwagen schlief. Wir
hatten unsere Ideale noch in Familie und Kindern gesehen, denen wir die Freizeit mit gemeinsamen Unternehmungen
versüßten. Die Kinder waren rundum gut aufgehoben in den Kindereinrichtungen, nach denen man hier erfolglos schreit.
Glücklich waren wir über unser zweites Kind, das 1985 geboren wurde. Jedoch fühlten wir, dass es so auch nicht mehr
lange gut gehen kann. Bald trafen auch wir, zu Atheisten erzogenen Sozialisten, uns in der Kirche wieder, die Konfession
war da egal. Wir sahen die Steine in SED- und vermutete Stasi-Einrichtungen fliegen, und wir erlebten die "erlösende"
Wende. Mein Mann arbeitete im Bergbau unter Tage, hatte trotz drei Schichten, rollender Woche, das heißt: Feiertage und
Wochenenden nur nach gründlicher Absprache, seinen Meister der Metall verarbeitenden Industrie - in 20 km Entfernung
und nur mit Zug und per Pedes erreichbar - gemacht. Er fragte nach, was aus dem Betrieb wird und wurde als Querulant
beschimpft und sah plötzlich Funktionäre in weißen Arbeitssachen aus der Grube ausfahren. Da stand für ihn endgültig fest,
dass die sich schon abgesichert hatten und das Volk, das ihren Wohlstand erarbeitete, verkauften. Ich war schon arbeitslos
, und wir hatten uns schon um eine Stelle beim Deutschen Entwicklungsdienst in Equador beworben, und da lief schon
Einiges, war schon fast alles perfekt. Deutschland lag uns aber doch am Herzen, so dass wir auch hier nach Arbeit suchten und für meinen Mann schließlich auch fanden.
Der Betrieb, in dem er arbeitete, wollte, dass seine Familie nachkommt. So bekam er eine Werkswohnung dazu, richtete
die her, und ich verlebte noch ein halbes Jahr im "Osten", da unsere große Tochter wenigstens dort das Schuljahr noch
abschließen sollte. Dann kamen auch wir im "Westen" an, und ich suchte Arbeit mit allen Hindernissen, die damit
verbunden waren. Ich fand sie und einen Arbeitgeber, der mich zu einem Computerkurs in 400 km Entfernung schickte und
der auch alle Kosten dafür übernahm. Nun war ich ein Technischer Zeichner auf "Westniveau" und tat das, was fünf Jahre
lang 10 Ingenieure auf diesem Platz taten: Maschinen und Anlagen konstruieren. Der Unterschied zwischen den Ingenieuren
und mir bestand darin, dass diese nach einem halben Jahr kündigten und ich mich vom Chef vor lauter Pflichtbewusstsein
sechs Jahre krankenhausreif mobben ließ: acht Monate krank, 14 Wochen stationär in der Psychosomatik und zwei Jahre poststationäre Behandlung.
Heute: Mit 53 Jahren bin ich ein amtlich bestätigtes Wrack - beziehe Rente, die jetzt zur Hälfte doppelt versteuert wird. Mein
Mann, dem es nicht viel besser geht als mir, schleppt sich zur Arbeit, damit das Geld zum Leben reicht und soll mehr als
65 Jahre arbeiten; er ist 56. Unsere Tochter ist Erzieherin mit Fachabi, hat in Abendschule das Voll-Abi gemacht, ist 30
Jahre alt und hatte noch nie in ihrem Leben eine Arbeitsstelle, von der sie ohne Arbeitsamt leben konnte, obwohl sie immer
Arbeit hatte. Unserem Sohn haben wir das Gymnasium ermöglicht, auf dem sowieso nur reiche Kinder waren: Er glaubte,
bei der Armee einen Beruf zu erlernen oder zu studieren, aber da fühlt es sich auch nach Endzeitstimmung an, und er bereut, sich für länger verpflichtet zu haben.
Ich weiss sehr wohl, dass die letzten beiden Absätze nichts mit DDR zu tun haben, aber wir haben alles uns Mögliche
getan, um unser Leben zu finanzieren, und ich bin verbittert, dass ich heute sagen muss: "Kein Wunder, dass unsere
Kinder bei diesen Zukunftsaussichten keine Lust auf Bildung und Arbeit haben, von der sie - siehe uns Alten, die Eltern - am
Ende nur am Existenzminimum herumkrebsen. Dabei betrifft es ja nicht einmal unsere persönlichen Kinder, die noch von
pflichtbewussten Eltern erzogen wurden und nach Arbeit streben, sondern vielmehr die deutschen Kinder unseres Staates." Bei uns kommt null Aufschwung an.

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