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TRANSPORT IN DIE FREIHEIT
Wie oft habe ich mir ausgemalt wie es sein wird hier weg zu kommen. Wem ich auf wiedersehen sagen will. Und, und ...
Klare Gedanken fassen kann ich ja schon lange nicht mehr. Jetzt kann ich auch nichts mehr aufnehmen.
Langsam, sehr langsam begreif ich. Endlich fällt auch bei mir der Groschen.
Die Wachtel wird ungeduldig. Die fragt, ob ich lieber bleiben will. Wohl kaum. Ich beeile mich.
Die anderen sehen mich immer noch an. Viele wünschen mir alles Gute.
Aber wir haben schon oft gedacht, dass jemand auf Transport geht und dann sehen wir den im anderen Kommando. Aber
wenn die Wachtel schon Andeutungen macht!
Ich komme hier raus. Ich weis es einfach. Das muss es sein.
Die Wachtel bringt mich zu einer anderen Gefangenen in die Zelle. Wir sollen unsere persönlichen Sachen nehmen und alles andere liegen lassen.
Zum ersten mal, seit ich verhaftet bin, höre ich auf Anhieb. Ich will jetzt nicht noch ein Fehler machen. Das tät ich mir nie verzeihen.
Es ist ein irres Gefühl. Seit so langer Zeit zum ersten mal ein gutes Gefühl.
Habe ich es wirklich geschafft? Das wäre so toll.
Bepackt mit unseren persönlichen Sachen bringt uns die Wachtel in die Schleuse. Dort warten bereits andere Gefangene.
Für alle steht fest, wir gehen auf Transport. Alle fragen und reden durcheinander.
Jeder hat hier schon von solchen Transporten gehört, aber es ist nie jemand zurückgekommen, der das bestätigen kann.
Dennoch, es ist ein schönes Gefühl es sich auszumalen. Fast jeder, nicht nur ich, ist mit seinen Gedanken bereits im Westen. Dabei übersehen wir, das es vorher ganz sicher noch eine Zwischenstation geben wird.
Wenn ich die anderen so beobachte, muss ich feststellen wie schnell sich alles wandeln kann, auch die Menschen. Einige
kenne ich persönlich. Sie sind wie ausgewechselt. Gerade so, als wären sie jetzt aufgewacht. Es ist einfach schön, unfassbar aber schön.
Mindestens drei Stunden sitzen wir schon in der Schleuse. Es ist Nachmittag. Die holen uns. Eine große Minna steht für
uns bereit. Diesmal steige ich gerne ein. Alle plappern wir durcheinander. Ein kräftiger Anschiss, und wir sind still. Keiner
will hier bleiben. Von jedem einzelnen wird der Familienname aufgerufen. Antworten müssen wir mit Vornamen und Geburtsdatum. Genauso wie wir hergekommen sind.
Langsam aber sicher glaube ich auch, dass es in die Freiheit geht. Die Frage ist nur, wieviele Umwege es noch bis dahin gibt.
Als ich hergebracht wurde machten die mir die Handschellen so fest an, das meine Gelenke blau angelaufen sind. Heute
erhält keiner Handschellen. Es ist mal wieder erstaunlich, wie schnell sich alles ändert. Die können auf einmal sogar menschliche Züge zeigen. Daran habe ich ja bis zum heutigen Tag gezweifelt.
Je näher wir Karl-Marx-Stadt kommen, desto ruhiger werden wir alle. In der Stadt angekommen, sieht die Welt nicht mehr
so rosig aus. Noch nicht ausgestiegen, hagelt es schon wieder ein Anschiss. Na, das kann heiter werden. Hoffentlich ist
die Stasi hier freundlicher. Es kann aber auch sein, dass die uns hier noch mal so richtig schikanieren. Vielleicht sind die
ja auch nur neidisch, dass wir in den Westen gehen. Trotz allem fühle ich mich leichter. Gerade so, als hätte mir jemand
einen Stein von der Seele genommen. Ich werde ruhiger. Meine Nerven lassen sich wieder kontrollieren. Die nervliche Anspannung ist immer noch, jedoch kann ich jetzt besser damit umgehen.
Eigentlich dachte ich immer, dass es mich zusammenhaut, wenn ich mal auf Transport gehe, ist nicht. Vielleicht kommt das ja noch.
Krank darf ich nicht sein, dann schicken die einen nicht rüber. Ich muss durchhalten, ich hab es fast geschafft.
Es gibt ja viele Gerüchte, aber keines was besagt, dass die uns zurückschicken. Ihre Macht geht dann doch nicht so weit,
wie die uns immer glauben machen wollen. Abwarten.
Beim Aussteigen geht das Namensspiel wieder los. Vom Auto geht es dann direkt in eine Zelle. Dort liegen
Trainingsanzüge, die wir anziehen dürfen. Ebenso Unterwäsche und Schuhe, eben was man so braucht.
Die Kleidung von Hoheneck schmeißen wir alle über ein Haufen.
Danach müssen wir warten bis vier oder fünf Frauen fertig sind. Zusammen stecken die uns dann in eine Zelle. Die ist noch
kleiner als die in den U- Haften.
Ein Doppelstockbett, ein Dreistockbett, ein kleiner Tisch, Waschbecken und Toilette. Und was am schlimmsten ist,
wieder Fenster aus Glasbausteinen.
Es ist der 29.08.1985. In der Zelle ist eine brütende Hitze und die Luft zum ersticken.
Ich habe Kopfweh, aber das habe ich ja fast immer. Nur manchmal ist es nicht mehr zum aushalten.
Bevor der Wärter geht, frage ich nach einer Schmerztablette. Viel Hoffnung, dass er mir eine bringt, habe ich nicht, aber
fragen kostet ja nichts. Aber, man staune, er bringt mir eine.
Sollte es hier so was wie Menschen geben?
Wieder einmal lassen wir uns in einer Zelle häuslich nieder. Niemand weiss, wie lange wir hier bleiben müssen. Die
Atmosphäre ist anders, lockerer, nicht mehr so zwanghaft. Hier reden wir das Personal auch nicht mehr mit Dienstrang an
. Hier erhalten wir sogar wieder Namen, nicht Nummern wie Strafgefangene, nein, nur unsere eigenen Namen. Gut 15
Monate habe ich das schon nicht mehr gehört. Mein eigener Name klingt seltsam in meinen Ohren. Vielleicht wollen die ja
, das wir sagen, es war gar nicht so schlimm gewesen. Wahrscheinlich ist das auch nur Taktik. Einfach, das wir die vergangene Zeit nicht so schlimm sehen.
Noch am gleichen Abend bringen die jeden einzelnen von uns zu ein paar Stasioberbonzen. Ich werde, wie die andern
auch, gefragt, ob ich immer noch bei meiner Meinung bleibe und die DDR verlassen will. Ob ich Schulden in der DDR habe und ob ich es mir nicht doch noch mal überlegen möchte.

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