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Es freut mich, das die die Kerstin noch nicht haben. Ihr undurchdringliches Netz hat also doch Löcher.

Wer weiss, wo Kerstin ist. Ich drück ihr die Daumen. Andererseits muss ich es ausbaden. Davon bin ich nicht gerade begeistert.

Bei den Stasi-Leuten weht gleich ein anderer Wind. Meine vorherigen Vernehmer müssen aus dem Raum. Dafür kommt noch eine Frau von der Stasi rein.

Leibesvisitation.

Ich soll mich ausziehen, nackt ausziehen.

Das vor dieser Frau. Es ist demütigend. Was hat die davon, mich nackt zu sehen? Ich bin weder aus Schokolade noch habe ich eine Modellfigur.

Für die muss es eine Befriedigung sein, wenn die verlangen kann, das sich andere vor ihr ausziehen müssen. Reden kann man mit der nicht. Da, wo normale Menschen ein Herz haben, kann bei der nur ein Stein sein. Solche Menschen können einem nur Leid tun. Ich bezweifle, dass die zu echten Gefühlen im Stande ist. Mir soll es egal sein. Solange ich nicht ewig in ihrer Nähe sein muss.

Nachdem die jeden Saum meiner Kleidung kontrolliert hat, darf ich mich wieder anziehen.

Mit Kleidung fühlt man sich doch entschieden wohler. Man kommt sich nicht mehr so hilflos vor. Aus meinen Schuhen werden die Schnürsenkel entfernt, dann darf ich auch diese wieder anziehen.

Die Prozedur ist beendet. Jetzt geht meine Reise mit dieser Begleitung weiter. Die bringt mich aus diesem Gebäude heraus. Ich soll in ein Auto, was dort ist, einsteigen. Von außen sieht das Auto ganz normal aus. Von innen ist es in fünf oder sechs Buchten verteilt. In einer dieser Buchten muss ich Platz nehmen.

Es ist furchtbar eng. Kein Fenster nur ein kleiner Spalt. Es gibt nichts. Eine kleine Lampe und ein Stuhl auf den ich mich setzen muss. Es ist so eng das man nicht mal richtig auf dem Stuhl sitzen kann. Ich kann nicht sehen wohin die Fahrt geht. Mir ist so schlecht. Bei jeder Kurve muss ich aufpassen, dass ich mich nicht übergebe. Meine Uhr und den anderen Schmuck haben die mir weggenommen. Ich weiss nicht mal, wie lange diese Horrorfahrt schon geht. Wie eine Ewigkeit, schlimmer jedoch, dass ich nicht weiss, wie lange es noch dauert.

Denken kann ich nicht. Mir wird immer übler. Die Fahrt will kein Ende nehmen. Es müssen Stunden sein.

Endlich. Sie halten an. Die Tür wird geöffnet und ich muss aussteigen. Meine Beine sind wie Gummi . Das erste mal in meinem Leben weiss ich, was es heißt, frische Luft zu atmen. Wie gern tät ich jetzt hier stehen bleiben, weder ein Haus noch ein Auto betreten müssen. Aber ich kann ja nicht selbst entscheiden. Ich bin ja verhaftet. Eingesperrt, weil ich in einem anderen Land in Freiheit leben will. Das Leben ist so ungerecht.

Der Vernehmer aus Boltenhagen hatte recht. Mir ist das Lachen vergangen. Ich bin nur froh, dass der das nicht mitkriegt. Der muss schließlich nicht auch noch an meinem Selbstbewusstsein kratzen.

Die führen mich in ein Haus. Es ist der Staatssicherheitstrakt Grevesmühlen.

Nun weiss ich zumindest, wo ich bin.

Die bringen mich in den dritten Stock. Dort angelangt, muss ich mich in ein Raum setzen und warten. Die Tür bleibt offen. Wieso auch nicht. Weglaufen kann ich ja doch nicht. Vor der Treppe ist ein Gitter, was geschlossen ist. Da komm ich ganz sicher nicht durch.

Bald darauf kommt ein Mann und bringt mir Zettel und Stift. Ich soll eine Stellungnahme über meine Tat schreiben. Ich habe doch alles abgestritten, wie soll ich da eine Stellungnahme schreiben.

So schreibe ich lediglich das ich mir keiner Schuld bewusst bin, ich gar nicht weiss, wessen ich beschuldigt werde. Auch nicht, wieso ich verhaftet wurde. Und ich bitte um baldige Entlassung.

Nach einer Weile kommt der Mann zurück, nimmt den Zettel und geht wieder. Es dauert keine fünf Minuten, dann ist der wieder da. Jetzt ist der nicht mehr so freundlich. Er fordert mich noch einmal auf, eine Stellungnahme zu schreiben, aber diesmal die Wahrheit.

Auf dem zweiten Zettel schreib ich lediglich, dass das die Wahrheit ist und ich mir keiner Schuld bewusst bin und ich nichts hinzuzufügen habe.

Dieses mal lässt der mir länger Zeit. Vielleicht denkt der, ich überleg es mir. Der kommt zurück und liest es gleich in dem Zimmer. Der läuft rot an. Holt aus und haut mir voll eine ins Gesicht. Ich gehe mit samt dem Stuhl etwas weiter nach hinten. Der brüllt wie von einer Tarantel gestochen los. Ich nehme das nicht groß zur Kenntnis. Ich habe ja nichts anderes erwartet. Das jedoch bringt den noch mehr auf die Palme. Wütend fragt der, was ich mir einbilde. Schließlich bin ich nicht umsonst verhaftet worden. Ob ich die Polizei als Lügner hinstellen will. Wenn ich ein Unrecht begehe, soll ich gefälligst auch dafür einstehen.

Ganz wohl fühl ich mich nicht in meiner Haut. Ich kann mich doch nicht selbst belasten. Wie stellt der sich das denn vor? So blöd, wie der mich gern hätte, bin ich nicht. Der ist der Meinung, ich will ihn nur provozieren.

Wäre ich der Bulle, hätte ich gar nichts anderes erwartet. Wahrscheinlich denkt der, wenn ein Mensch von 7.00,Uhr morgens bis zum Nachmittag verhört wird, muss es doch eigentlich reichen. Und nach seiner Meinung muss ich doch aufgeben. So verrückt, wie der der denkt, bin ich nicht.

Er zieht ab. Lange sitze ich da, bis wieder jemand erscheint. Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Die Müdigkeit ist mir vergangen, obwohl es schon so gute 70 wenn nicht sogar an die 80 Stunden nicht geschlafen habe.

Bei mir setzt sich der Gedanke fest, das die mir gar nichts anhaben können, wenn ich nicht selbst was zugebe. Die können mir doch nichts nachweisen, und Gedanken können die nicht lesen. Dann werden die mich wohl, ob die wollen oder nicht, wieder laufen lassen müssen. Ohne Beweise können die mich ja nicht hier behalten. Die letzten Stunden laufen wie ein Film vor mir ab. Habe ich mich wirklich selbst belastet? Ich bin zwar zu weit rausgeschwommen, und es war Sperrgebiet, aber das kann man ja so oder so drehen.

Ich weiss nicht. Ich weis auch nicht, wie es jetzt weiter geht.

Ob es die Kerstin schafft? Oder haben die sie schon? Hoffentlich nicht. Sie ist doch meine einzige Chance.

Mein Vater wird sich Sorgen machen. Er wird die Karte aus Warnemünde erhalten haben und jeden Tag warten, dass ich vor der Tür stehe oder anrufe. Jetzt wird er sich noch mehr Sorgen machen. Was wird er denken? Er weiss ja nicht einmal, wo ich bin. Wie kann er mir da helfen. Mich erschreckt die Erkenntnis, dass mein Vater der letzte ist, von dem ich Hilfe erwarten kann.

Er hatte mir doch immer geholfen. Er war doch immer für mich da.

Ach, sollen die doch machen was die wollen.

Wo kriege ich hier ein Rechtsanwalt her?

Rechtsanwalt Vogel aus Berlin. Der ist der einzige der mir helfen kann. Aber wie komm ich zu seiner Adresse?

Ich bin doch so naiv. Im Grunde weiss ich gar nichts. Ich habe mich auf ein Abenteuer eingelassen, an dem ich schwer zu kauen habe.

Ich musste doch damit rechnen, dass ich hinter Gittern lande.

Mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf. Zum ersten Mal ist mir bewusst, was hier Sache ist. Zum ersten Mal denke ich nicht nur an den nächsten Tag, sondern weiter. Und mir wird klar, dass ich hier wohl eine Weile verbringen muss.

Werde ich überhaupt im Stande sein, so etwas durchzustehen? Ich weis doch gar nichts über das Gefängnis. Nur was halt jeder hört, und das ist nicht gerade das Beste.

Wenn ich doch bloß schon im Westen wäre. Wie schön muss es dort sein. Wie schön muss es in Freiheit sein? Es muss ein wunderbares Gefühl sein, ohne Angst, ohne beschattet zu werden durch die Straßen gehen zu können. Die Menschen dort werden gar nicht wissen, was sie für ein Glück haben. Diese Menschen werden Handlungen wie meine nie verstehen können. Aber wir können es ihnen doch auch nicht übel nehmen. Sie wissen es ja nicht anders.

Wer weis schon, wie viele im Knast sitzen, weil sie die DDR verlassen wollen.

Es kommt wieder jemand. Ein anderer Mann. Er fordert mich, auf mitzugehen. Wieder in ein anderes Zimmer. Ich frage den Mann ob ich ein Glas Wasser haben kann. Nein.

Seit früh um 7. 00 Uhr habe ich weder etwas gegessen noch etwas getrunken. Ich darf noch nicht mal zur Toilette.

Diese Barbaren kann man doch kaum noch als Menschen bezeichnen. Oder die haben nichts, was einem Menschen gleicht.

 

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