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DataIcon  IM ZUCHTHAUS

Die ganze Sache spitzt sich immer mehr zu. Ich weiss, irgendwann gehen die alle aufeinander los. Selbst die Wachteln merken das und sichern sich ab. Die sind noch wachsamer. Schließlich wollen die auch nicht, das eine auf die andere los geht. Das gibt es so schon öfter, als es einem lieb ist. Schlägereien sind hier an der Tagesordnung.

Eines Tages wird es extrem. Die Mörderin, die ihre Kinder den Hunden vorgeworfen hatte, geht mit einem Messer auf ne andere los. Die hat nichts zu verlieren. Die hat ja schon lebenslänglich. Das alles ausgerechnet in der Freistunde. Wir wollen doch nicht, dass die Wachteln die Freistunde abbrechen. Die Freistunde ins anscheinend nicht nur mir heilig. Man glaubt kaum, wie schnell so viele Menschen zwischen den beiden sind. Selbst von den anderen Kommandos kommen sie dazu. Der einen nehmen sie das Messer weg und schieben sie in eine Ecke, und die andere schieben sie in die andere Ecke vom Hof. Wir passen alle auf, dass sie nicht wieder zusammenkommen. Allerdings können wir auch nicht auf einem Haufen stehen bleiben. Dann würden die Wachteln doch noch was merken.

Die Stimmung bessert sich nicht. Es wird immer schlimmer. Bisher haben wir doch immer zusammen gehalten! Ich kann das nicht verstehen. Ist es der Frust? Oder wollen sich die Frauen einfach nichts mehr gefallen lassen? Ist bei ihnen die Grenze erreicht?

Die Spannung, dazu die Hitze, der Drill von den Wachteln. Irgendwie kann man verstehen, dass alle durchdrehen.

Es wird immer unerträglicher. Wann wann kann ich hier endlich raus.

Im Normalfall ist es so, dass die Politischen, wenn sie die Hälfte abgesessen haben, auf Transport gehen. Nur ist das nicht sicher, und es ist auch schon des öfteren vorgekommen, dass man bis zuletzt sitzt und in die DDR zurückkommt.

Das Personal holt einen dann aus dem Kommando, sagt ihnen aber nichts. In der Regel ist das in den ersten drei Tagen in der Woche. Selten mal am Donnerstag. Wenn die jemanden raus holen, wissen wir meist, was los ist. Es kommt aber auch vor, dass die eine oder andere in ein anderen Strafvollzug verlegt wird. Das wünsch ich keiner, und mir selbst schon gar nicht. Diese Enttäuschung würde ich nicht überstehen.

Ich selbst hoffe jede Woche aufs neue. Meine Hälfte ist um. Und die Hälfte dieser Woche auch. Ich will hier endlich weg.

Müsste ich hier alles absitzen und wieder in die DDR zurück, wäre das mein Ende. Ich müsste das alles noch mal durchmachen. Das würde ich nicht ertragen. Nein, daran möchte ich nicht mal denken.

Ich warte mal wieder auf meinen nächsten Sprecher.

Trotz der Briefe will ich mehr von meinem Vater wissen. Ich weiss, was meine Stiefmutter schreibt, aber ich weiss nicht, ob es stimmt. Um mich zu beruhigen können sie mir ja viel erzählen. Ich bin gereizt, nervös. Ich kann mich bei nichts mehr beherrschen. Alles beziehe ich auf mich selbst, auch wenn ich gar nicht gemeint bin. Ich gehe die Wachteln an. Ich lasse mir von niemanden mehr etwas sagen.

Am Wochenende habe ich Sprecher. Ich zähle schon die Minuten. Endlich kann ich mal wieder ein anderes Gesicht sehen. Meine Stiefmutter wirkt heute zufriedener als beim letzten mal. Sie hat ein Brief für mich, ein Brief von meinem Vater. Ich fass das nicht.

Leider hat sie den der Wachtel gegeben. Jetzt werde ich den nie bekommen. Sie erklärt mir, dass die Frau gesagt hätte, wenn die ihn gelesen hat und nichts zweideutiges drin steht, kann ich den Brief haben. Na, da bin ich ja gespannt.

Ich schöpf neue Kraft. Wo soll ich auch sonst Hoffnung oder Kraft herkriegen.

Der Sprecher ist beendet, und ich warte auf die Erzieherin. Ich frage gleich nach dem Brief. Sie hat ihn noch nicht gelesen. So schnell geht das schließlich auch nicht. Ich soll mich gefälligst gedulden. Nun, Geduld ist nicht meine Stärke, aber ich zwing mich dazu. Nach zwei Tagen frage ich die wieder . Miss Großkotz stellt sich vor mich hin und lässt verlauten, dass ich ja nicht die Schreibadresse von meinem Vater hätte, mir somit der Brief ja gar nicht zusteht. Die dumme Kuh. Das ist doch nichts Neues. Die hat mir doch die Schreibadresse verweigert. Die ist nicht gewillt, mir den Brief zu geben. Vielleicht, wenn ich mich mal gebessert habe.

Da kann die warten, bis die schwarz wird. Meine Wut, mein Hass auf alles hier bricht jetzt auf. Ich greife diese blöde Kuh an. Ich gehe auf die los. Die anderen können mich nicht so schnell festhalten. Ich will die über das Geländer schmeißen. Ich will die umbringen. Mir ist egal, was die dann mit mir machen. Ich bring die um.

Die anderen reißen mich weg. Sie halten mich fest. Loslassen können sie mich nicht mehr. Selbst wenn ich wollte. Ich habe keine Kontrolle mehr über mich. Ich schlage und schreie um mich. Ich muss mich wehren. Ich habe das Gefühl, innerlich zu zerreißen. Es ist eine verzweifelte Ohnmacht. Weinen kann ich nicht.

Sie sollen mich loslassen. Ich muss mich doch wehren. Ich habe nur noch geschrien. Jetzt kann ich auch das nicht mehr. Mein ganzer Körper bebt. So sehr verzweifelt war ich noch nie in meinem Leben. Ich kann nicht mehr. Warum lassen sie mich nicht los. Ich bin körperlich wie auch seelisch am Ende. Warum quälen die mich so? Bin ich gar kein Mensch mehr? Warum hilft mir niemand?

Die anderen bringen mich in die Zelle. Sie versuchen mich zu beruhigen. Von allen Seiten redet jemand auf mich ein. Ich muss aufpassen, dass ich nicht noch ein Verfahren angehängt bekomme. Schließlich habe ich die Staatsgewalt angegriffen. Außerdem habe ich laut gedroht, dass ich die umbringe. Wenn der jetzt was passiert, lasten die das möglicherweise mir an.

Das ist mir doch egal.

Noch immer lassen sie mich nicht los. Erst, als die Tür geschlossen ist, darf ich mich wieder bewegen. Ich bin total durchgeknallt. Ich renn zur Tür in der Hoffnung, die Erzieherin doch noch in die Finger zu kriegen. Ich kann mich einfach nicht beruhigen. Jede Faser meines Körpers bebt. Ich knall mein Kopf voll gegen die Wand. Ich muss mein innerlichen Schmerz verteilen. Ich halte das nicht mehr aus. Mir tut mein Kopf weh, auch mein Herz. Ich ertrag das nicht mehr. Mein Körper zittert. Ich kann nicht mal mehr eine Zigarette halten. Werde ich jetzt verrückt? Ich will hier nicht als Verrückte rausgehen. Ich bin doch ein Mensch. Oder nicht? Lieber Gott bitte hilf mir. Warum sind die so grausam? Warum?

Langsam, ganz langsam werde ich ruhiger. Geistig bin ich nicht mehr anwesend. Ich starre nur noch Löcher in die Wand . Die aus meiner Zelle ziehen an mir. Ich kriege nichts mehr mit. Langsam geht mir alles noch einmal durch den Kopf. Erst jetzt begreife ich, was ich eigentlich getan habe. Ich kann das nicht fassen. Ich habe meine Beherrschung verloren. Meine Nerven gehorchen mir nicht mehr. Oh Gott...

Wenn die mich nicht bald raus lassen, garantiere ich für nichts mehr. Wenn die Wachtel eine Anzeige macht, kann ich mich aufhängen. Alt werde ich hier drinnen nicht. Vielleicht verrückt, aber nicht alt. Ich bin 21 Jahre alt und werde nicht mein halbes Leben hier verbringen. Das ist kein Leben. Dann beende ich das.

 

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