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FLUCHT UND VERHÖR
Wir schwimmen weit hinaus. Trotz der Wellen sehe ich, dass das Militärboot auf uns zusteuert. Ich mach der Kerstin
Richtungswechsel klar. Wir schwimmen zurück an Land. Sind halt Urlauber die schwimmen waren. Das Boot kommt immer näher auf uns zu. Am Strand sehe ich auch welche, die in unsere Richtung laufen.
Soldaten mit Gewehren.
Ist es vorbei?
Wir sind doch so lange gelaufen. Sind immer unterwegs gewesen und haben immer aufgepasst, in keine Kontrolle zu
kommen - und jetzt das. Ich fasse es nicht. Aber ich begreife schnell, dass Männer mit Gewehren vor uns stehen. Es ist vorbei.
Ich weiss nicht ,ob ich mich darüber freuen soll, oder ob ich traurig sein soll, dass unsere Flucht zu Ende ist, noch bevor
sie richtig begonnen hat.. Irgendwie bin ich erleichtert. Hätten wir es überhaupt lebend über die Ostsee geschafft?
Unsere Verfassung ist doch dermaßen schlecht, das wir gar nicht weiter konnten. Allein vom Willen ist es nicht möglich, 38 Kilometer zu schwimmen. Kerstin und ich haben einfach keine Kraft mehr.
Die führen uns ab. Wir nehmen unsere Klamotten. Umziehen können wir uns nicht. Wir sehen uns an. Unser beider
Gedanken ist sofort wieder Flucht. Vielleicht schaffen wir es ja doch. Einfach aufgeben, das ist nicht mein Ding. Das geht nicht. Nicht nach all den Qualen.
Wir versuchen, nicht zu türmen. Sie weisen uns darauf hin, dass die beim Fluchtversuch schießen. Das glaube ich
denen sogar. Wahrscheinlich täten die auf die Beine schießen, aber ein Krüppel möchte ich auch nicht werden. Nein, das Risiko ist zu groß.
Was nützt mir denn die Freiheit, wenn ich nichts mehr davon habe. Warten wir halt auf eine bessere Gelegenheit.
Jeder von uns beiden muss vor einem Mann mit Gewehr laufen. Immer am Strand entlang. Die bringen uns auf eine
Wache der Strandpolizei. Es werden unsere Personalien aufgenommen und danach jeder in ein anderes Zimmer
gebracht. Schon bald holen die uns wieder heraus. Im Dauerlauf geht es zu einem Jeep. Dieser fährt auch gleich los, so wie wir drinnen sind. Wohin die Fahrt geht, wissen wir nicht.
Die Angst steigt in mir auf. Was kommt jetzt alles? Lassen die uns wieder laufen, so wie in Neuruppin?
Irgendwie ist die Situation anders. Herausreden ist nicht mehr so einfach. Absprechen können wir uns auch nicht. Ich
hoffe ja nur, dass unsere Aussagen so einiger Maßen übereinstimmen.
Ich muss an mein Vater denken. Er war auch schon mal im Gefängnis. Er hatte angeblich den Staat , die DDR, bedroht.
Er hatte immer Angst, dass die mich auch eines Tages einsperren würden. Er weis, was es heisst ,im Gefängnis zu
sitzen. Viel hatte er darüber nie erzählt. Verständlich, denn ich weis soviel, dass die ihn gequält hatten. Er musste 180 Tage im Wasserbad stehen .Das wenige was ich damals erfuhr, hatte mich schon schockiert.
Seine Worte kommen mir wieder in Gedächtnis. Im stillen beginne ich zu beten. Lieber Gott lass nicht zu, dass die mich auch so quälen.
Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Panik ergreift mich. Panik vor dem was mich erwartet. Es sind so viele Gedanken in
meinem Kopf. Ich kann sie nicht sortieren. Wie verhalte ich mich nur? Streite ich alles ab? Haben die Beweise? Ich weis es nicht. Im Grunde können die uns doch nichts. Wir sind doch nur weit heraus geschwommen.
Die Fahrt endet auf einem Polizeirevier. Wieder im Trab aussteigen und hinein in die gute Stube. Unsere Sachen
nehmen die uns gleich weg, nur das was wir uns im Auto drüber gezogen haben, behalten wir an. Weder Zigaretten noch
irgend etwas anders lassen die uns. Das fängt gut an. Wie es weiter geht, möchte ich eigentlich gar nicht wissen.
Ich bin starker Raucher. So eine angespannte Situation und dann nicht rauchen? Das grenzt an Folter.
Die sperren mich in einen Raum. Da gibt es ein Fenster. Vor dem Fenster sind Gitter und noch ein Fensterladen aus
Eisen. Der erste Eindruck ist niederschmetternd. Mich packt Wut auch Verzweiflung. Ich möchte schreien doch meine Kehle ist wie zugeschnürt.
Ich sehe mir den Raum genauer an. Ein Tisch, ein Stuhl sonst nichts.
Die haben immer noch die Kerstin in der Mangel. Ich frage mich nur wie lange noch. Schlimm für mich ist, das ich nicht
weiss, was die Kerstin sagt. Diesmal kann ich ja nicht hinter der Tür stehen und lauschen. Ich frage mich, wie ich mich
nur selbst in so eine blöde Situation bringen konnte. Ich wusste doch, dass ich aufpassen muss, und jetzt?
Wäre ich allein gewesen, könnten die die Aussagen nicht nachprüfen.
Ändern kann ich es jetzt eh nicht mehr.
Es sind beinahe zwei Stunden vergangen. Ich höre die Kerstin. Sie wird in das Zimmer mir gegenüber gebracht. Jetzt holen die mich.
Meine Knie sind wie Pudding. Mein Herz zerspringt mir fast vor Angst.
Die bringen mich in ein Raum, in dem bereits ein anderer Mann wartet. Er sitzt an einem Schreibtisch. Ich muss mich
auf ein Stuhl setzen. Meine Sachen liegen neben mir.
Ich warte. Als nichts weiter passiert hole ich mir aus meiner Tasche meine Zigaretten. Die brüllen mich fürchterlich an.
Ich hätte nicht zu rauchen, und niemand hätte mir erlaubt, an meine Tasche zu gehen. Ich starre die Bullen nur an. Ich
weiss gar nicht, was die wollen. Das sind doch meine Zigaretten. Was ich ihnen natürlich auch mitteile. Aber schon
handle ich mir den nächsten Anschiss ein. Langsam merke ich, wo es langgeht. Wieder nehmen die meine Personalien auf und das Frage Antwort Spiel beginnt.
Was wir hier wollen... ob wir mit jemandem verabredet sind...oder ob wir eine Flucht vorhaben...
Ich lass den reden. Ich habe doch eh nur eine Möglichkeit. Zu schweigen. Damit ziehe ich mir allerdings wieder den Zorn der Bullen auf mich.
Ich tät mich am liebsten in ein kleines Mauseloch verkriechen, aber das geht ja nicht. Ich muss auf dem Stuhl sitzen
bleiben und alles über mich ergehen lassen.
Sollen die mich doch einsperren. Gehen lassen die mich ja doch nicht. Die sollen nur endlich aufhören mit diesen immer
wiederkehrenden Fragen. Für die steht doch sowieso alles fest. Wieso dann noch die Fragerei.
Ich bin so müde. Ich will nur noch schlafen und am liebsten nicht mehr aufwachen.
Das letzte halbe Jahr war doch nur Schrecken und Angst. Was jetzt kommt, wird ganz sicher nicht besser werden. Ich
muss stark sein. Die dürfen mich nicht kaputt kriegen. Ich hab doch meinem Vater versprochen, durchzuhalten. Ich habe
es versprochen, und ich werde es halten. Sollen die doch machen was die wollen. Ich werde ja eh nicht gefragt. Die Angst kann ich nicht verlieren, aber ich kann lernen, damit umzugehen.
Es ist mir egal wie es weiter geht. Eines Tages ist es vorbei. Dann komme ich nach dem Westen. Das werden auch die nicht verhindern.
Das Verhör geht an mir vorüber. Da ich eh nicht antworte, schweifen meine Gedanken ab. Ich höre gar nicht, was die erzählen.
Ich höre jemanden schreien. Auch ich werd angeschrien. Ich erschreck mich. Ich bin doch mit meinen Gedanken ganz
wo anders. Ich bin nicht darauf gefasst. Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu sortieren und es mir nicht anmerken zu lassen.
Oh, ich würde so gerne eine rauchen.
Der Bulle merkt das, und gibt mir eine Zigarette. Vielleicht denkt der, ich beantworte dann seine Fragen. Falsch gedacht
. Ich lass mich nicht erpressen. Ganz ohne Antworten lassen die sich aber doch nicht abspeisen. Irgendwas muss ich denen erzählen.
So nach und nach berichte ich die gleiche Geschichte wie in Neuruppin, nur auf Boltenhagen bezogen. Ich gehe einfach
mal davon aus, das Kerstin auch bei der Geschichte geblieben ist.
An den Reaktionen der Bullen kann ich erkennen, dass ich ein großen Fehler gemacht habe. Ich bin da wohl gerade in
einen riesigen Fettnapf getreten.
Die Kerstin möchte ich am liebten erwürgen. Wie kann man nur so dämlich sein und was Neues erfinden. Ich habe
immer gedacht, die hat ein bisschen Verstand. Jetzt bin ich da nicht mehr so sicher.
Jetzt soll ich die Aussage auch noch unterschreiben. Ich bin ja nicht verrückt.
Mein üblicher Kommentar, ich unterschreibe nicht.
Die machen noch einen Versuch. Die denken, die haben sich verhört. Ich gebe nicht nach. Die geben schon bald auf.
Es erstaunt mich. Soll das denen egal sein? Kann ich mir nicht vorstellen. Da muss noch was anderes kommen.
Die bringen mich in den Raum von vorhin zurück. Ich kann nur erahnen, was die mit mir machen werden.
Ich höre die Kerstin. Sie wird wieder geholt. Wahrscheinlich überprüfen die jetzt wer gelogen hat. Hoffentlich fällt sie jetzt
nicht darauf rein. Es dauert nicht lange, und ich werde wieder geholt. Diesmal geht es in einen anderen Raum. Der liegt gegenüber.
Kerstin sehe ich nicht. Wer weiss, wo sie steckt
Ich betrete das Zimmer und sehe mich um. Das Zimmer ist winzig. Gern würde ich es wieder verlassen. Wenn die Zellen
auch so klein sind, krieg ich Platzangst.

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