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WELCHE AUSWIRKUNGEN HATTE DAS ERLEBTE AUF MICH HAT UND WIE BIN ICH DAMIT NACHTRÄGLICH UMGEGANGEN?
Die Zeit geht weiter. Sie geht für jeden weiter. Auch für mich.
Dinge verblassen, andere bleiben ein Leben lang in einem haften.
Ich bin mit einem halben Jahr in die DDR gekommen. Mit 21 und einem halben Jahr wieder zurück in die BRD. Die Hälfte
meines Leben habe ich also in der DDR verbracht.
Die Erinnerung an die letzten zwei Jahre in der DDR sind heute noch schlimm für mich. Es waren viele Zeiten, die mich
bewegten. Zeiten die mir die Ohnmacht, die ich hatte, widerspiegelten. Ich konnte nie sein, wie ich wollte. Immer wieder,
so lange ich denken konnte, musste ich gegen ein Regime, mich gegen eine Denkweise wehren, die ich für mich
ablehnte. Ich wollte einfach selbst entscheiden. Selbst über mein Leben über meine Handlungen. Die vielleicht nicht
immer in Ordnung waren, aber es waren meine Entscheidungen. Doch die DDR oder deren Regime ließen nicht zu, dass man selbst dachte oder gar handelte.
Man hatte sich unter zu ordnen. Auch ich. Und damit hatte ich ein Problem, vom ersten Tag an.
Ich habe viele Dinge in der DDR erlebt. Dinge, über die ich nie gesprochen habe. Dinge, die mich verzweifeln ließen, die
mich rebellisch, gegen diesen Staat leben ließen.
Heute weiss ich, da ich ja die Hälfte meines Lebens inzwischen auch in der BRD, also im Westen verbracht habe, dass
alles was, man macht, seinen Preis hat.
Ich denke heute noch, dass die DDR nicht schlecht war. Nur die, die sie regiert haben, die waren die schlimmen. Die
meisten Menschen in der DDR wussten gar nicht, was mit denen passiert, die nicht der Meinung der Regierung sind. Sie
wussten nichts von politisch Inhaftierten. Von den vielen, vielen Fluchtversuchen. Sie wussten nichts. Und viele wollten auch nichts wissen.
Ich bin gefragt worden, welche Auswirkungen das Erlebte auf mich und mein weiteres Leben hatte. Und wie ich damit umgegangen bin.
Tja. Ne gute Frage.
Als ich damals in Gießen ankam, aus diesem Bus ausgestiegen bin, war das nicht; so jetzt kann ich machen was ich
will. Nein. Mit meinen Gedanken, mit meinem Kopf war ich immer noch eingesperrt. Mein Körper war frei, im Westen.
Mein Geist, der war noch lange nicht da. Und meine Seele? Meine Seele hat so tiefe Narben, dass die heute noch nicht verheilt sind.
Ich habe das alles nie verarbeitet. Ich habe lediglich gelernt, damit zu leben.
Wenn ich das, was ich als Buch veröffentlichen lassen will, aufschreibe, sehe ich alles vor mir. Vieles durchlebe ich aufs
neue. Obwohl es so viele Jahre her ist, höre und sehe ich immer noch Dinge vor mir. Ich fühle den Schmerz der Grausamkeiten. Die Ohnmacht, dieses Nichtmenschsein.
Mir laufen noch heute die Tränen, wenn ich über meine Gedanken schreibe. Wenn die Gefühle ansatzweise beschrieben werden, leben diese Gefühle.
Manche Dinge kann man nicht vergessen. Manche sollte man nicht vergessen.
Ich weiss, dass in diesen Gefängnissen, nicht nur in Hohneck, die Menschen unsagbares erlitten haben. Es gab eine
Menge Menschen davon die haben sich dem Schicksal gefügt. Ich konnte das nicht. Ich hatte nichts mehr, nur meinen
Stolz. Und den wollte ich mir um keinen Preis nehmen lassen. Denn wenn sie meinen Stolz gebrochen hätten, hätten sie mich gebrochen. Und das konnte ich nicht zulassen.
Also habe ich nie meine Klappe gehalten. Also habe ich selten gemacht, was vorgeschrieben war. Also könnte man zu
dem Schluss kommen, ich war ja selbst Schuld.
War ich das wirklich?
In Hohneck gab es Frauen, die mir geholfen haben. Frauen, mit denen ich lange danach noch Kontakt hatte. Sie haben
vieles anders verarbeitet. Sie haben weniger Schmerz durchlebt. Sie haben sich angepasst. Ich nicht.
In den U Haften, im Zuchthaus, man musste immer kämpfen. Irgendwann kann man das nicht mehr.
Ich bin mit all dem aufgewachsen. Mein Vater wollte mit mir die Westberliner Botschaft besetzen. Da war ich 11 Jahre
alt. Er wurde eingesperrt. Ich kam ins Kinderheim. Von dort aus sollte ich adoptiert werden. Mein Vater hat seinen
Ausreiseantrag zurückgezogen. Nur damit ich nicht zur Adoption freigegeben werden kann. Er hat einen hohen Preis dafür bezahlt. Ich selbst aber auch.
Ich bin mein ganzes Leben in der DDR beschattet worden. Schon deshalb, weil ich im Westen geboren wurde. Ich hatte
keine normale Kindheit. Ich hatte auch keine normale Jugend. Ich bin von zu Hause abgehauen. Immer mit dem
Hintergedanken, ich schaffe es in den Westen. Ich war naiv. Gutgläubig. Heute würde ich sagen, dumm. Aber ich habe zu meinen Idealen gestanden.
Mit 15 wurde ich im Palast der Republik festgenommen. Ich bin da nur rein, weil es kalt war und ich etwas trinken wollte.
Ich war minderjährig, und ich hatte nachts nichts auf der Straße zu suchen. Ich wurde verhört, irgendwann in ein Durchgangsheim gebracht. Da habe ich die Prügel meines Lebens erhalten.
Heute kann ich darüber reden. Damals habe ich niemandem, nicht mal meinem Vater etwas gesagt.
Mein ganzes Leben kämpfe ich mit den Hinterlassenschaften der DDR. Die sie in meinem Körper und in meiner Seele hinterlassen haben.
Als ich hier rüber kam, bin ich das erste halbe Jahr überhaupt nicht unter Menschen gegangen. Ich hatte Probleme,
belanglose Gespräche zu führen. Ich konnte nicht auf Menschen zugehen. Das kann ich bis heute nicht. Ich habe bis
heute Bindungsängste. Das heißt, alles was ich an menschlichen Beziehungen in meinem Leben hatte, ist in die Brüche
gegangen, weil ich manche Dinge nicht verarbeitet habe. Wer will sich schon mit der Vergangenheit eines anderen
auseinander setzen. Auf Dauer geht das nicht. Ich habe nie geheiratet aus Angst, meine Freiheit, die ich so schwer erkämpft hatte, zu verlieren. Menschen zu vertrauen ist heute noch schwer für mich.
Die Menschen in meinem Umfeld, die mich lange kennen, wissen mich zu nehmen. Andere verstehen nicht, warum ich
nicht locker mit ihnen umgehe. Ich kann und will es nicht erklären. Daher mein Buch. Vielleicht zeigt das ein bisschen .
Körperliche Schäden habe ich und habe ich nicht. Ich habe, solange ich inhaftiert war, Kopfschmerz , Migräne, gehabt.
Es gab eigentlich fast nie einen Tag, an dem es nicht so war. Ich hatte Magenkrämpfe, Rückenschmerzen, Brechen war
da normal, ich hatte Angst blind zu werden, weil ich bei den Verhören immer mit einer Lampe geblendet wurde und dann in Hohneck ständig Neonlicht um mich hatte. Beim Nähen, überall.
Da gab es eine Brille, die niemandem mehr gehörte. Die habe ich aufgesetzt, um überhaupt nähen zu können. Ich hatte
jede Menge ausgebrochener oder abgebrochener Zähne. Da ja manchmal im Essen, im Brot auch Steine waren. Von
den Kakerlaken will ich nicht reden. Ich habe immer gefroren. Ich war immer, wie die meisten Frauen auch, erkältet. Im
Winter, als ich dahin kam, konnte ich diese Kälte kaum ertragen. Drinnen kalt, draußen kalt, und das Duschen war auch kalt. Man könnte sagen, das härtet ab. Aber Erkältungen, gar Lungenentzündungen waren normal.
Heute, bis heute habe ich außer den seelischen Problemen auch noch immer körperliche Probleme. Mein Rücken ist
kaputt. Meine Wirbelsäule war schon nicht in Ordnung, bevor ich da rein kam. Da drinnen gab es den Rest. Ich habe bis
zum heutigen Tage chronisch Migräne. Ich habe also mindestens die Hälfte des Monats Kopfweh. Ich habe zwei Fehlgeburten hinter mir, weil mein Körper neues Leben abgestoßen hat. Funktionell ist alles in Ordnung.
Hormonstörungen durch das Hängulin was man uns ins Essen, Trinken gemacht hat, sind Auslöser. Kann ich nicht beweisen.
Meine Zähne sind zur Hälfte mit Kronen überzogen. Ich trage, seit ich hier angekommen bin, eine Brille. Meine Nerven
sind nicht sehr stabil. Meine Seele weint heute noch.
Heute bin ich beim Neurologen Dauerkunde. Ich habe MS, ca 20 Jahre rückdatiert, als es wohl durch eine Virusinfektion
oder Ähnliches ausgelöst wurde. Das geht in die Zeit der Inhaftierung.
Das heißt, meine Gesundheit wird im Lauf der Jahre nicht besser werden.
Nur beweisen, dass es Dinge aus dieser grausamen Zeit sind, kann ich nicht.
Für manche Dinge habe ich keine Zeugen. Für gesundheitliche Dinge könnten auch andere Dinge ausschlaggebend gewesen sein.
Ich muss es also nehmen, wie es ist.
Ich habe gelernt, tolerant zu sein. Auch tolerant mir selbst gegenüber. Im Grunde geht es mir gut. Ich bin nicht reich,
aber ich habe ein Dach über dem Kopf, habe genug zu Essen und eine handvoll richtig guter Freunde. Und ich versuche, das Leben jeden Tag zu leben.
Nachdem die Grenze offen war, habe ich 1990/91 einen Strafantrag gegen diverse Leute gestellt. Dieser Strafantrag
wurde so behandelt, dass ich beweisen sollte, mit Zeugen, was, wann, wo und wie gewesen war.
Waren jemals Zeugen dabei? Nein.
Ich musste immer mal wieder zur Polizei. Dort wurde ich nicht über den Sachverhalt befragt, sondern nur über einzelne
Punkte. Die völlig aus dem Zusammenhang gerissen waren.
Ich sollte Menschen identifizieren, wie sie 15 Jahre später aussahen. Wie sie hießen. Es hatte sich nie jemand
vorgestellt. Damals hatte man die Leute in Uniform gesehen. Die Bilder waren im Zivil bei einer Freizeitgestaltung. Ein
Hauch von Unsicherheit, die man zeigte, ließ diese Befragung darauf hinaus laufen, dass ich denke ,es könnte der und
der gewesen sein, mir aber nicht sicher bin, weil sie in Uniform alle gleich aussehen würden. Hatte ich nie gesagt, aber es wurde so hingestellt.
Irgendwann habe ich meinen Strafantrag zurückgezogen. Schon deshalb, weil man mich im Lauf der Zeit als Täter und
nicht als Opfer hingestellt hatte.
Neben diesem Buch „DDR – Ein schwerer Weg“ habe auch noch ein anderes geschrieben über meine Jugend, als Geschichte.
Das hier habe ich 1987 begonnen. Ich konnte nicht über meine Vergangenheit reden. Ich habe Rotz und Wasser geheult
und keiner hat mich verstanden. Dann habe ich mir eine Schreibmaschine gekauft und es aufgeschrieben. Die erste
Fassung war so, dass ich alle Buchstaben verdreht hatte und selbst überlegen musste wie die Wörter heißen. Ja und jetzt habe ich es überarbeitet.
Ich könnte zu jedem Absatz eine Geschichte erzählen. Schreiben ist anders.
Ich hoffe für mich, um das endlich jedem mitzuteilen das mein Buch veröffentlicht wird.
Die finanziellen Mittel habe ich ja nicht. Aber vielleicht findet sich ein Sponsor.

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