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FÜR ALLE, DIE ES WISSEN WOLLEN
Nachdem wir die letzten Nächte noch immer packen und Listen schreiben mußten, also nicht zum Schlafen kamen, fuhren wir
mit 1 Stunde Verspätung 12 Uhr am 19.12.1989 in Dresden los. Es war eine tolle Fuhre im deutsch-deutschen Konvoi: ein
Wartburg mit Hänger (unser Hausnachfolger war der Fahrer) und ein Opel mit Hänger (King’s Cousin). Hochgetürmt beladen,
rollten wir den Wachwitzgrund hinunter, nachdem wir einen letzten Blick auf unser Haus geworfen hatten. Zu Abschiedsgefühlen war keine Zeit. Wir saßen müde und kaputt im Auto, King [Anm: Ehemann] im Wartburg, Effi [Anm: Hund] und ich im Opel.
Kurz vor der Grenze erwischte uns noch eine Radarkontrolle bei der beide Fahrzeugführer zur Kasse gebeten wurden. Dann kam der voller Spannung erwartete Grenzübergang.
Wartha, sonst taghell beleuchtet, begrüßte uns 16.30 Uhr mit normaler Beleuchtung, und eine kleine Gruppe von Zöllnern kam gerade vom Schichtwechsel, als wir einfuhren.
Wir sahen sie mit gemischten Gefühlen, denn wir dachten an unsere vollgestopften Autos und die kommenden Aufforderungen,
wie: “Öffnen Sie bitte die Kiste Nr. 13.”, die ja sicher ganz unten gesteckt hätte. Nun, erst einmal war die Paßkontrolle an der
Reihe. Dort wurden unsere Papiere, Ausbürgerungsschein und Personalausweis betrachtet, ich rückte etwas ans Licht und
zeigte eine freundliche Miene. Sogar den Personalausweis bekam ich wieder, entgegen den Aussagen im Dresdner Amt. Unser
Hund wurde überhaupt nicht bemerkt, denn der Beamte saß in seinem Häuschen und ließ sich die Papiere nur durch das
Fenster reichen. Mit dem Wunsch zur angenehmen Weiterreise ging es Richtung Zollhäuschen. Dort wurden wir überhaupt nicht
angesehen, sondern gleich weitergewinkt. Nachdem wir auch noch beim bundesdeutschen Kontrollpunkt ohne jegliches
Anhalten durchgefahren waren, hatten wir die ganze gefürchtete Angelegenheit in 5 Minuten hinter uns gebracht. Die Mienen von
King und mir sind nicht zu beschreiben. Wir wußten nicht, ob wir weinen oder lachen sollten. Weiter ging es auf guten Straßen mit bester Beschilderung, und 23 Uhr waren wir angekommen. Ziel war D.-M., die Wohnung
von King’s Schwester. Sie hatten uns einen ausgebauten Bodenraum angeboten, damit wir nicht ins Lager mußten. Schnell
wurden alle Kisten und Kästen in eine Garage gestellt. Unser Cousin fuhr noch nach W. weiter, wir aber erstiegen 3 Treppen in
einem nicht sehr schönen Treppenhaus. Auf dem Boden erwartete uns dann aber ein sehr schönes großes Zimmer, sauber, mit
allem nötigen Mobiliar. Schnell waren die mitgebrachten Federbetten ausgepackt - gegessen hatten wir unterwegs in einer
Raststätte - und wir fielen in Morpheus‘ Arme. Effi hat sich großartig benommen während der Autofahrt.
Der Morgen brachte uns dann die Kenntnis von der näheren Umgebung. Mein Mann hatte mich jedoch schon zuhause
vorbereitet, so war der Schock nicht so groß. Wir wohnen inmitten von Türken und Asylanten in einem Haus, was auf 3
Stockwerke 30 cm geneigt ist. Alle Türen gehen von allein auf oder zu, je nach Hausseite. Nebenan waren früher Hüttenwerke,
in deren Gebäuden jetzt andere Industriebetriebe untergebracht sind. Das Haus gehört dem Thyssenkonzern und steht auf
Zechengebiet. Gleich nach dem Bau, so um 1907 herum, begann es sich auf einer Seite zu senken, jedes Jahr so an die 3 mm. Bald sind wir in einer Sehenswürdigkeit, wie der schiefe Turm zu Pisa.
Nachdem wir unsere Umgebung zur Kenntnis genommen hatten und die unzähligen Kisten und Kästen, die wir von der Größe
und Schwere her selbst gewältigen konnten, in unser schönes Zimmer unter dem Dach geschleppt hatten - King’s Schwester
half uns kräftig - , ging es zum Einwohnermeldeamt. Im Handumdrehen hatten wir einen provisorischen Ausweis als
Bundesbürger mit einem schönen farbigen Passbild vom Fotogeschäft nebenan. Von der Aufnahme bis zum Bild in der Hand
waren nur 5 Minuten vergangen. Die Aufnahmen kosteten DM 19,00. Das ist viel Geld für jemanden, der noch nicht weiß, wieviel er überhaupt in der Tasche haben wird.
Am Nachmittag schleppten dann unser Gastgeber mit seinem Bruder unsere beiden superschweren Kisten 3 Treppen hoch in
unser vorübergehendes Domizil. Wir besuchten die Mutter, die 3 Häuser weiter wohnt, und selbstverständlich hatte unsere Effi
gleich bei der Ankunft ihre Pfützelwiese im Garten gezeigt bekommen. Sie hat sich aufgeregt bei der Übersiedelung und jagte mich die Nächte mehrmals die 3 Treppen hinunter, im Winter!
Übrigens ist das Gras hier wirklich grüner als in Dresden. Gerade wollte ich zuhause schreiben, aber nun muß ich mich gewöhnen, hier mein Zuhause zu sehen, was mir mit der Zeit auch gelingen wird. Ja, die Luftverschmutzung ist hier wesentlich
geringer als Zuhause. Effis Pfoten brauchen nicht gewaschen zu werden nach dem Ringel, auch nicht bei Regen. Zumindest
trifft das Gesagte für die Schwebstoffe in der Luft zu. Nebenan ist ja eine Chemiefabrik, und was da an Schadstoffen in die Luft geht, die man weder riechen noch sehen kann, weiß ich nicht.
Am Donnerstag war der nächste Behördengang, eine Fahrt mit der Straßenbahn nach D. zum Arbeitsamt, also mehr in das
Zentrum. Hier kennt mancher aus M. seine Stadt nicht, nur seinen Stadtteil, aber das soll ja anderswo auch so sein.
Dort wurden unsere Angaben erst mal in einen Computer gegeben. Bei mir war es ein kleines Problem, eine Berufsbezeichnung zu finden. Nun bin ich Textilgestalter und natürlich nicht vermittelbar für eine Arbeit.
Mit ergänzenden Unterlagen ausgerüstet wanderten wir am nächsten Tag wieder auf das Arbeitsamt, und der Computer spuckte
unsere Stammnummer als Arbeitslose aus. Nun werden wir abwarten, was man uns als Arbeitslosengeld zuspricht und in den
nächsten Monaten davon leben müssen. Zunächst aber gingen wir anschließend auf das Sozialamt, wo wir nun jeden Freitag
Sozialgeld, das Minimum zum Leben, in Empfang nehmen dürfen. Ein komisches Gefühl, wenn man sein Leben lang ordentlich verdient hat.
Nach den Feiertagen werden wir noch eine Befragung absolvieren. Da gibt es noch DM 400 als einmalige Zuwendung. Dann
werden wir versuchen, erst mal hier heimisch zu werden und uns etwas erholen von dem nervlichen und körperlichen Stress.
Heute ist der erste Weihnachtsfeiertag. Gestern waren Kinder und Enkelkinder da, also viel Betrieb und Abwechslung, keine
Stimmung für Wehmut und Nachdenken. Für uns gab es ein besonderes Geschenk. Der Schwiegersohn von King’s Schwester
hat für uns eventuell eine 2-Zimmerwohnung, aus der er gerade ausgezogen ist. Gleich wollen wir hingehen und sie uns ansehen
. Wichtig ist ja immer, daß für Effi eine Wiese in der unmittelbaren Nähe ist. Sollte der Wirt uns die Wohnung wirklich vermieten
, hätten wir tatsächlich schon ab 1. Januar eine ordentliche 2-Zimmerwohnung mit Küche und Bad. Aber hier kann man sich
nicht zu früh freuen. Erst muß so etwas vertraglich festgemacht sein. Das Gute ist, daß uns hier alle Verwandten helfen.
Hier bei King’s Schwester leben wir in einer Wohngemeinschaft. Das ist eine ganz gute Sache. King’s Schwester lebt
zusammen mit ihrem Freund und dessen 2 Brüdern. Nun sind wir noch dazugekommen, im Bodenzimmer eine Etage höher.
Jeder zahlt DM 350 in die Haushaltskasse, womit alles (Miete, Telefon und Verpflegung) bezahlt wird. Da alle 4 uns sehr
selbstverständlich aufgenommen haben, fühlen wir uns wirklich wohl. Ein bißchen kommt es mir wie Verrat vor, wenn wir so
schnell wieder ausziehen. Aber daran ist im wesentlichen die Gegend schuld. Außerdem muß man hier zugreifen, wenn sich etwas geeignetes bietet, denn Wohnungen sind rar.
Ja, nun sind wieder ein paar Tage vergangen, und ich will weiterberichten. Leider hat sich bestätigt, dass man erst mit einem
Vertrag einer Wohnung sicher ist. Wir hätten 1000 Mark Kaution plus einen Monat Miete zahlen müssen, um die Wohnung zu
bekommen. Das ist an sich normal, aber unsere Vormieter und andere Mieter aus dem Haus warnten uns vor den unsoliden
Praktiken des Eigentümers. Da wir die Wohnung ja nur ½ Jahr nutzen wollen, bekämen wir Probleme, unser Geld wieder zu
erhalten. Da bleiben wir doch erst mal in unserem Bodenraum, wo wir ja wesentlich billiger leben, was für den Anfang wichtig ist.
Freilich ist es nicht leicht, sich in einen Haushalt einzufügen und sich unterzuordnen. Aber der Rückzug in die 4 Wände ist
immer möglich. Nun werden wir erst mal anfangen, alles aus unseren Kisten und Kästen auszupacken, um es sortiert im langen Korridorgang wieder zu verstauen. Dann findet man alles, was man braucht.
Beim Durchlesen fällt mir auf, daß ich die Miethöhe nicht genannt habe. Die Wohnung hätte DM 525 monatlich gekostet,
inklusive Wasser und Heizung. Das ist relativ billig bei 2 Zimmern, Küche und Bad. Aber die Wohnung liegt im 3. Stock und hat ausschließlich schräge Wände.
Vergessen wir es. Morgen werden wir von King’s Cousin, der uns von Dresden abgeholt hat, nach W. geholt. Ich werde die
Wohnung sehen, auf die King spekuliert. Er richtet sie in Gedanken schon ein, obwohl auch hier erst mit dem Vermieter gesprochen werden muß.
Unser Leben verläuft bescheiden und ruhig, abgesehen von den Wohnungsproblemen. Nachdem nun alle Behördengänge so gut
wie erledigt sind, futtern wir uns bei den Verwandten reihum durch. Unsere Existenz wird vorläufig vom Sozialamt mit DM 154
wöchentlich gesichert, abgesehen von einer einmaligen Zuwendung von DM 210 pro Person, der Hund zählt leider nicht.
Trotzdem sind wir schon Konteninhaber an der hiesigen Stadtsparkasse. Das ist nötig, wenn wir dann das Arbeitslosengeld
überwiesen bekommen. Wann? Die für uns zuständige Sozialbearbeiterin meint, es dürfte nicht so lange dauern und müßte eine Summe sein, mit der man auskommen kann. Also abwarten.
King hat schon seine erste Bewerbung in Arbeit, denn er war bei der Bundesbahn vorstellig und soll die Unterlagen an die
Direktion E. und K. senden. Das besagt natürlich noch gar nichts. Aber hier heißt es kurbeln, kurbeln und nochmals, sich rühren.
Ich habe noch nichts unternommen und werde auch erst mal sehen, daß meine Nerven wieder etwas zur Ruhe kommen. King
hat da auch etwas zu tun. Wir werden eine geraume Zeit brauchen, uns zu regenerieren und einzuleben. Dank der Arbeitslosenunterstützung haben wir auch etwas Zeit dazu.
Die Stadt D. hat uns einen Gutschein für ein Begrüßungsscheckheft ausgehändigt. Ich zitiere: “Wegen der großen Zahl der
Neuanmeldungen in den letzten Wochen sind die Scheckhefte z.Zt. leider vergriffen. Neue Scheckhefte sind ab Januar 1990
wieder erhältlich.” Dann können wir Museen, Theater, den Zoo und den Hafen zum Nulltarif oder zu wesentlich ermäßigten Preisen besuchen. Wir haben es uns vorgenommen. Ob es auch realisiert wird?
Zunächst müssen wir erst mal in das Jahr 1990 rutschen, was hier sicher mit viel Knallerei geschehen wird. Arme Effi!
Sie macht uns überhaupt Probleme, da sie auf die Umstellung übersensibel reagiert. Nur Fressen ist kein Problem, auch das
Gegenteil davon gelingt ihr ganz gut. Aber sonst scheint sie Schmerzen in der Wirbelsäule zu haben, oder es sind
Eingewöhnungsprobleme. Jedenfalls weckt sie mich nachts. Zum Pfützeln, tags oder nachts 3 Treppen runter und wieder rauf, sind schon recht unbequem.
Mit diesem Seufzer erst mal Schluß des ersten Berichtes. Ob weitere folgen werden, weiß ich noch nicht.


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