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ES GEHT DOCH WEITER! - FÜR ALLE, DIE ES WISSEN WOLLEN: Fortsetzung
Inzwischen feiern wir das Osterfest, und da wir zwei Leutchen mit Hund und Katze die Welt zu diesem Fest nicht aus den Angeln
heben, finde ich die Muse und die Muße, meinen Bericht zu beenden. Eigentlich hätte ich zum zweiten Mal 3 Stunden arbeiten müssen, eine kleine Aushilfsbeschäftigung in einem Ausflugslokal in der
Nähe. Aber das Wetter ist gastunfreundlich, also schreibe ich. Natürlich müßte ich räumen, um unseren vielen Kram zu ordnen und griffbereit unterzubringen. Aber berichte ich erst mal der Reihe nach:
Wir sind verhältnismäßig ruhig in das Jahr 1990 gerutscht. Gegen Ende Januar wußten wir, wieviel Arbeitslosengeld wir beide
monatlich zur Verfügung haben. Da wir noch 1989 hier landeten, gelten für uns die alten Bestimmungen, nach denen wir etwas
über 3 Jahre Anrecht auf Arbeitslosengeld haben. Doch ich bekomme schon im kommenden Jahr meine Rente und werde nicht
mehr vermittelt. King hat einige Bewerbungen laufen und ist sehr zuversichtlich. Denn hier auf dem Lande bzw. in den
Kleinstädten ist für einen älteren Menschen die Chance größer, nochmal eine Beschäftigung zu finden. Seine Vielseitigkeit kann
ihm da sehr nützlich sein. Wir sehen diesem Problem sehr ruhig entgegen. Aber ich habe dem Geschehen vorgegriffen.
Zunächst hatte King eine Bewerbung bei der Bundesbahn laufen, denn sie versuchen, langjährige Reichsbahnangehörige wieder
unterzubringen. Aber er hat von zwei Direktionen eine Absage bekommen, da er gesundheitlich für den Schienenbetrieb nicht mehr tauglich ist. Seine Augen waren schon in Dresden der Grund dafür.
Nach diesen Absagen konnten wir auf die Wohnungssuche in W., unserer Wunschgegend, gehen. Zuerst haben wir versucht, auf
Anzeigen in der Zeitung zu reagieren, aber das war furchtbar. Vor jeder zu besichtigenden Wohnung stand eine
Menschenschlange. Was man den Vermittlern zahlen muß, hatte ich schon berichtet. So haben wir kurz entschlossen ein
Inserat in eine Zeitung gegeben, die im Raum W. viel gelesen wird. Unsere Chance sahen wir auch hier in unserem Alter. Rentner
werden gern genommen, Familien mit Kindern nicht, Hunde dann schon eher. Aber wir haben die Effi im Inserat trotzdem
verschwiegen. Da eine Beschäftigung bei der Bundesbahn ausfiel, waren wir völlig ortsunabhängig und haben versucht, mit Blick
auf unsere baldige Rente, im Grünen unterzukommen. MIt der Miete konnten wir verhhältnismäßig hoch gehen. Das erste
Angebot war eine Traumwohnung zu ebener Erde, im Seitenteil eines völlig alleinstehenden Hauses. Aber die Besitzerin war eine
ebenso alleinstehende alte Dame, sehr katholisch und ohne Toleranzbereiche. Wir erhielten gottseidank eine Absage. Dort hätten
wir mit Sicherheit Nerven gelassen. Unter dem Druck, unser Haus für den neuen Besitzer frei machen zu müssen, hätten wir die Wohnung auf jeden Fall, trotz der Bedenken, genommen. Es kam anders.
Auf die gleiche Anzeige meldete sich dann auch, als wir schon eine neue aufgeben wollten, unsere jetzige Wirtin. Schon am
Telefon stellten wir fest, daß die Angebotswohnung für unsere zweitausend Bücher zu klein ist. Trotzdem sind wir zur Vorstellung und Besichtigung gefahren. So kam es, daß wir schon am 7. März umgezogen sind.
Ja, und nun sitzen wir hier in einem wunderhübschen kleinen Ort mit zwei Kirchen und fünf Kneipen. Die Einwohner, teils normal,
teils sehr distinguiert, die Nachbarschaft ausgesprochen nett, denn die 2 “unnetten” haben wir noch nicht kennen gelernt. Zudem
haben wir hier auch ein altes Schloß, sehr kaputt, nur teilweise als Ateliers für Künstler ausgebaut, mit Finanzspritze eines
Fördervereins und dem Land Nordrhein-Westfalen, das den Künstlern ein Jahr arbeiten hier finanziert. Doch das alles wissen wir nur vom Drumherumlaufen und aus dem Prospekt.
Aber was wir wissen: Wie und wo wir wohnen. Wir wohnen in einem Seitenhaus einer alten Gerberei. Ganz allein im ersten Stock, Wohnfläche etwas über 50 m², einschließlich
Bad und Küche. Der Dachboden und die Waschküche, sprich Heizung, stehen voller Kisten, Kästen und Schränke. In der Garage haben wir Platz gemacht für den Rest, der noch in Dresden steht, uff!
Hier ist es wunderschön; die Umgebung, die Aussicht aus den Fenstern, die Zentralheizung mit Erdgas, die Plastfensterrahmen
(sind leichter zu putzen) und die herrliche Luft. Auch die Wirtsleute sind sehr nett zu uns. - Nur unser vieler Kram und der wenige Platz sind ein Alptraum.
Wenn alles nach Plan verläuft, werden wir in 3 Jahren wieder umziehen, dann in den ausgebauten Dachboden der Gerberei, wo
wir voraussichtlich eigene Gestaltungswünsche mit verwirklichen können. Nur wird die Wohnfläche nicht viel größer. Aber was solls, wir werden älter, und es ist Zeit, sich zu reduzieren.
Unsere Effi ist ein junger Hund geworden, liegt wohl an der Luft. Hier hat sie wieder eine Wiese zum Pfützeln, die sie sich mit der 16jährigen Pudelhündin der Wirtsleute teilen muß.
Vergangene Woche hatten wir Besuch, mit dem wir uns die Städte W. und B. angesehen haben. Eine schöne Umgebung!
Da unser Kredit genehmigt ist, werden wir uns als erstes Fahrräder kaufen. Schon das Einkaufen in H. wird dadurch billiger, denn
mit dem Bus kostet die Stufe I DM 1,80, nur eine Fahrt! Nach W. bezahlen wir DM 3,60, dann noch DM 7,80 bis D.-M., wenn wir
zur Schwiegermutter fahren, zum wöchentlichen Besuch. Für sie ist “ihr lieber Jung” schon wieder zu weit weg gezogen. Wir
allerdings sind glücklich, hier in der dieser schönen Gegend und der viel besseren Luft gelandet zu sein. Morgen werden wir zu
Kings Tante nach X.-B. fahren, einen Osterbesuch machen und die nötigen Gartenarbeiten absprechen. Überhaupt sind wir hier
von einigen Verwandten sehr herzlich aufgenommen worden und versuchen, uns als Dank nützlich zu machen. Kings Cousin hat alle Transporte gefahren und uns damit viel Geld und Aufregung erspart.
Für mich selbst ist erstaunlich, daß ich keinerlei Gedanken an unser Haus in Dresden verschwende. Hier fühle ich mich, bis auf den knappen Wohnraum, in allem wohl.
Die Landschaft ist ohne Berge überhaupt nicht langweilig, allerdings haben wir eine sehr schöne Ecke Erde erwischt. Ein wenig
viel Wind wird sein, aber damit kann man leben. Momentan haben wir von unseren Wirtsleuten noch den Fernsehher, den
Kühlschrank, die Kaffeemaschine u.a. geliehen. Es ist unglaublich, wie nett sie uns aufgenommen haben!
Manchmal kommt mir unser Wechsel nach hier - mit dem vielen Glück, was wir dabei gehabt haben - ganz unwahrscheinlich vor.
Allerdings waren in Dresden unsere Nerven schon kaputt, und bis hierher hat es weitere gekostet. Nun müssen wir zusehen, daß
wir wieder einigermaßen ruhig werden. Da kommt uns die Arbeitslosigkeit entgegen. So können wir alles etwas langsamer angehen.
Gerade gab es Krach zwischen Effi und unserem übernommenen Kater. Effi ist eifersüchtig und ein richtiger Stinkstiefel. Da die
Wirtsleute, wie schon gesagt, auch eine Hündin haben, passen wir bei Begegnungen mächtig auf. Gemeinsames
Spazierengehen geht bestens, aber wir denken, daß Effi auf dem Grundstück irgendwann mal plötzlich Krach anfängt. Das ist unser einziges Problem in der hiesigen Wohngemeinschaft.
Eigentlich müßten wir rundum glücklich sein, aber die Vergangenheit, unsere kaputten Nerven und unsere menschlichen Unzulänglichkeiten spielen uns oft Streiche.
Ist das Undankbarkeit? Ich glaube nicht. Auch nicht Unbescheidenheit. Manchmal, wenn ich durch die Wiesen gehe, öffnet sich
mir das Herz, ich muß die Hände falten und danken. - Gott? Dem Schicksal? - Auf alle Fälle mit einem tiefen Glücksgefühl. Dann folgen wieder Tage mit Depressionen und Ängsten. Wovor?
Gerade bricht die Sonne wieder durch die Wolken, das Wohnzimmer ist lichtdurchflutet und wir sehen optimistisch in die Zukunft.
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