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DDR-RECHENTECHNIK
Nach Abitur und Wehrdienstzeit begann ich in den Achtzigern als Ungelernter in einem Datenverarbeitungszentrum der
DDR als Operator (Bediener). Wie viele andere Betriebe bot dieser Qualifikationsmöglichkeiten (Berufausbildung und
Studium) neben der beruflichen Tätigkeit mit recht großzügiger Unterstützung durch Freistellungen, so genannte Studientage.
Ein Datenverarbeitungszentrum (DVZ) gab es in jedem Bezirk. Dort wurden Projekte gerechnet für Betriebe, die keinen
eigenen Großrechner aufstellen konnten oder durften. Manche Projekte wurden in allen DVZ gerechnet, dazu gehörten
vor allem der Einzelhandel, die Statistik mit dem Einwohnerdatenspeicher und die Verwaltung der PKW-Bestellungen.
Andere Großprojekte wurden nur in einem der 15 DVZ gerechnet, so beispielsweise der Liegenschaftsdienst und
zentrale Handelsprojekte. Kleinere Projekte verarbeiteten Daten für Betriebe im Umkreis des DVZ, vor allem für die Bau- und die Energiebranche.
Die Großrechner in der DDR hatten Anfang der 80er Jahre maximal 4 Megabyte Hauptspeicher und speicherten die
Daten hauptsächlich auf Wechselplattenspeichern von 9,25 oder 29 Megabyte Kapazität oder auf Magnetbändern ab. Eingehende Daten wurden zumeist als Lochkarten oder Lochstreifen angeliefert. Die gesamte Kapazität der
Wechselplattenspeicher eines DVZ mochte sich Mitte der 80er in Bereichen zwischen 30 und 100 Gigabyte bewegt haben.
Der Datenaustausch zwischen den Rechenzentren erfolgte zumeist mit Magnetbändern per Kraftfahrzeug,
Softwarekommunikation über analoge Telefonleitungen wurde erst Mitte der 80er betrieben. Dabei benötigten wir für die
Versendung von 3 Kilobyte Daten im Idealfall 3 Minuten, im Normalfall eine Stunde, und ab und zu musste der Kraftfahrer wieder mal ausrücken.
Die Technik des DVZ bestand aus Geräten, die aus fast allen Ländern des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe,
im Westen als Comecon bekannt, das Gegenstück zur EWG) zusammengewürfelt wurden. Die Zentraleinheiten kamen zumeist aus der Sowjetunion oder der DDR, Lochkartentechnik aus der damaligen CSSR, Lochstreifentechnik aus
Polen, Paralleldrucker aus einheimischer Produktion. Für die Plattenspeicher zeichneten die Bulgaren verantwortlich,
die Magnetbandgeräte waren eine Entwicklung von Carl Zeiss Jena. Es ging das Gerücht, dass die fertig montierten
Magnetbandgeräte erst in die Ukraine gefahren werden mussten, um dort einen kleinen Tastensatz aufzuschrauben.
Die Sowjetunion lieferte für ihre Zentraleinheiten ein auf kyrillischen Zeichen basiertes Betriebssystem, in der DDR
gebaute und betriebene Zentraleinheiten wurden zumeist mit einem mehrere Jahre zuvor von der IBM entwickelten System betrieben. Für die Schaffung der technischen Voraussetzungen gab es im Rahmen des RGW eine eigene
Behörde, das ESER (Einheitliches System elektronischer Rechentechnik), die diese Zuständigkeiten für jedes Land festlegte.
Von den abzuarbeitenden Projekten fand ich die PKW-Bestellungen am merkwürdigsten. Es war eines der größten,
und jeden Monat gingen bei uns mehr als 50000 Lochkarten ein. Diese Verwaltung mochte einiges gekostet haben.
Und das für alle insgesamt drei Autohäuser, die es zu DDR-Zeiten in der Südhälfte des jetzigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt gab.
Die Handelsprojekte lieferten ihre Lochkarten nach dem Leitkartenprinzip an. Dabei stand am Anfang eines Stapels die
Verkaufseinrichtung, und ihr folgten alle Lochkarten mit den Daten der Artikel, die das Geschäft zwei bis fünf Tage
später bekommen sollte. Glücklicherweise passierte es sollten, dass mal eine Leitkarte nicht richtig gelesen wurde,
und alle nun folgenden Artikel dem vorhergehenden Laden zugewiesen wurden. So ging mal in einer Vorweihnachtszeit die Ladung für eine Kaufhalle an einen kleinen Kiosk, der dann unter den Waren verschwand.
Wenn ein Operator einen der vielen raren Artikel begehrte, die nicht immer angeboten wurden, so genannte Bückware
wie Gefrierschränke, Bettwäsche u.ä., suchte er die ausgehenden Daten danach ab. Sein größtes Problem war nun
noch, den Geschäftsinhaber davon zu überzeugen, dass er wusste, was gerade geliefert worden war. Meist half der Hinweis auf die ABI, die Arbeiter-und-Bauern-Inspektion.
Die Bediener in den DVZ arbeiteten zumeist in Vier-Schicht-Systemen, damit die Maschinen rund um die Uhr betrieben
werden konnten. Dabei waren sie, auch wenn die meisten Mitarbeiter bereits dem Alter entwachsen waren, in Jugendbrigaden eingeteilt. So konnte man sie mit Zuckerbrot und Peitsche leichter steuern, indem die Firma zu
kollektiven Feierlichkeiten finanzielle Unterstützung leistete oder auf der anderen Seite die Anerkennung entzog und die
Leitung dieser Gruppe austauschte, wenn die Titel "Brigade der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" oder "Sozialistische Jugendbrigade" nicht erreicht wurden.
Kurz vor der Wende, ich war inzwischen zu einem Kunden des DVZ gewechselt, leistete sich dieser Kunde einen
neuen, höchst modernen Schneider-PC aus dem westlichen Ausland. Der kostete 162000 DDR-Mark und kam über die
Ladenkette An- und Verkauf der DDR. Ansonsten hatten wir dort nur kleine (für die gesamte Kombinatsleitung je einmal
PC1715, BC5110, AC7100, EC1734) und mittlere Rechentechnik (K1630 mit 3 Terminals) aus DDR-Produktion. Zur
Wendezeit mit der Auflösung der Kombinate verschwand die PC-Technik an verdienstvolle Mitarbeiter, den BC5110, ein
in einen unförmigen Typenraddrucker integriertes Rechengerät mit zwei 8-Zoll-Diskettenlaufwerken (Kapazität pro Diskette 64 Kilobyte) wollte aber niemand, denn inzwischen war abzusehen, dass es rechentechnisch einen
Quantensprung gab.

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