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HINWEIS: Am 17.4.1970 startete die “Junge Welt” ein Preisausschreiben. Die Teilnehmer sollten einen Tag im Jahr 2000 beschreiben. Eine dieser Zukunftsvisionen ist - nach persönlicher Genehmigung durch den Verfasser (Dietmar Passenheim) - nachfolgend abgedruckt. Am 8.1.2000 - 30 Jahre nach dem Preisausschreiben und 10 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands - fand die Prämierung der Gewinner statt. Dietmar Passenheim erhielt den 1. Preis und wurde zu einer Feier der “Jungen Welt” eingeladen. Der schriftliche Beitrag wird durch Fotos von der Feier ergänzt. Die Aufnahmen sind Eigentum von Dietmar Passenheim und wurden ebenfalls durch persönliche Genehmigung zur Verfügung gestellt.

 

Dietmar Passenheimzur Person:

“1970 beteiligte ich mich als 16 jähriger Schüler an einem einzigartigen Preisausschreiben der“Jungen Welt”. Ich schrieb meine Träume auf Papier, wie ich mir die Zukunft in 30 Jahren vorstelle. Im August 1970 wurde ich einer der stolzen 500 Gewinner und begann auf meine Preiseinlösung zu warten.

Inzwischen floss viel Wasser die Elbe herab, der Stadt Torgau, wo ich 1953 geboren wurde.

In der Bergarbeiterstadt Borna, bekannt auch als “Zwiebel – Borna”, wurde ich erwachsen. Dort war ich viele Jahre Volkskorrespondent der LVZ, Volontär der Betriebszeitung Espenhain und ehrenamtlicher Sekretär der Stadtleitung der FDJ. Die erste Disko führten wir in Borna durch, entgegen aller Bedenken der großen Genossen.

30 km weiter, in der Messestadt Leipzig, wurde ich leider kein Journalist [siehe nachfolgender Aufsatz], scheiterte aus politischen Gründen daran und lernte gleichzeitig dazu. Hobbymäßig blieb ich bis zur Wende Volkskorrespondent der LVZ. Bei den Montagsdemos in Leipzig war ich natürlich dabei.

Als Baufacharbeiter, Bahnpolizist, Technologe, Werbeleiter, Concierge und Wagenmeister, schlug ich mich bis heute durch das Leben. Inzwischen sind meine zwei Kinder erwachsen und meistern auch erfolgreich ihren Weg. Nach 25 Jahren bin ich dieses Jahr immer noch glücklich mit der gleichen Frau verheiratet. Nach 10 Jahren deutsche Einheit suchte und fand ich, auf Grund der schlechten Politik und Wirtschaftslage, meinen Job in Hessen. Uns trennen zwar 365 km, aber wir sind weiterhin glücklich und schauen weiterhin optimistisch in die Zukunft.”

SCHILDERUNG EINES TAGES IM JAHR 2000
(PREISAUSSCHREIBEN DER “JUNGEN WELT”, 14.7.1970)

Vorwort

Die Einleitung zum Jahr 2000 wird einmal großartig werden! In der ganzen Welt wird die Menschheit dieses Begehen feiern! Taghell wird diese Nacht sein – die Nacht zur Jahrtausendwende!

Zum Feiern werden wir auch guten Grund haben, das alte Jahrtausend, und mit ihm die endgültige Zerschlagung des kriegslüsternenden Imperialismus, werden wir hinter uns lassen. In Zukunft gehen wir weiter, in der friedlichen Erforschung des Weltraums, in die Zeit der Elektronik und Wissenschaft!

Unsere Republik, vereinigt mit der BRD, zu einem friedlichen Deutschland, wird die Potsdamer Beschlüsse von 1945, durch die Vernichtung des aggressiven Imperialismus erfüllt haben! Der nun folgenden Vervollkommnung des Kommunismus steht keine imperialistische Macht mehr im Wege. Darauf aufbauend, auf diesen Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt, ist meine Vorstellung von einem Tagesablauf im Jahr 2000!

 

Donnerstag, den 6. Januar 2000 – Tagesablauf

Urkunde (1. Preis) und Einladung zur Feier im Jahr 2000Durch die am Abend eingestellte Weckrufanlage, werde ich früh pünktlich 7.30 Uhr geweckt. Mit dem Weckruf schaltet sich das Radio ein, gleichzeitig setzen sich alle in der Nacht ausgeschalteten Anlagen in Funktion. Ausgenommen freilich die selbstregelnde Klimaanlage.

Unter anderen zeigt meine Fernsprechanlage einen Anruf an. Da ich mich nachts nicht meldete, ist der Anruf auf Band aufgenommen worden. So lauf ich neugierig hin, um nachzusehen, wer mich anrief und weshalb.

Zunächst möchte ich noch einen kurzen Überblick über meine Wohnung geben. Sie unterscheidet sich nicht viel von den anderen Wohnungen. Moderne Möbel, selbständige Schiebetüren, Farbfernseher, Fernsprechcomputer, - alles notwendiger Komfort in unserer modernen Zeit. Besonders stolz bin ich dagegen auf Mucki – ach, wer Mucki ist? Mucki ist mein Roboter, nicht etwa ein so neuer -, das nicht gerade. Er entstammt der Phantasie meines Freundes und mir. Mein Roboter ist ein Selbstlernender Automat, der jedoch als erstes Gebot, den Befehlen seines Erzeugers untersteht. So erledigt Mucki alle notwendigen Arbeiten schnell und vor allem ordentlich. Auch heute wieder verdanke ich es ihm, dass alles ohne großes Zutun meinerseits, seinen Gang geht.

Nachdem ich in Ruhe gefrühstückt habe, verabschiede ich mich und besteige einen der Raketenbusse, der mich täglich rasch in die Redaktion bringt. Wie vielleicht schon ersichtlich wurde, bin ich hauptberuflich als redaktioneller Mitarbeiter bei der Presse tätig. Unsere Nachrichtenverbreitung besteht nicht mehr so wie vor dreißig Jahren – im Gegenteil. Durch drahtlose Übertragung mit Hilfe hochleistungsfähiger elektrischer Anlagen, werden Zeitungen und Zeitschriften – vor allem farbig –gleich ins Haus geliefert.

Mn könnte das etwas übertrieben, mit einem Fernschreiber etwa vergleichen. Man wählt zu Hause die entsprechende Nummer und sofort entsteht die neueste Nummer der gewählten Zeitschrift mit den entsprechenden Fotos! Unsere Aufgabe als Redakteure besteht darin, Manuskripte druckreif ausarbeiten zu lassen, von unserem Nachrichtencomputer. Nach der Auswahl des bestimmten Materials, wird die Zeitschrift zur Veröffentlichung bereits freigegeben.

Heute vergeht die Arbeitszeit wieder sehr rasch, schon ist es 14 Uhr – und vor uns liegt außer dem heutigen frei, das 3 -tägige Wochenende – Freitag – Sonntag. Gemäß meinem festgelegten Programm, werde ich das Wochenende im sonnigen Süden verbringen. Ich freue mich schon darauf, außerhalb unserer Jahreszeiten, wieder einmal mich in der Sonne aalen zu können. Doch bin ich auch auf die kommenden Tage gespannt, täglich gibt es viel Neues und Interessantes – doch jetzt bahnt sich wahrscheinlich etwas “Großes” an. Gestern ist eine Expedition gestartet, auf Grund einer sensationellen Beobachtung brachen sie heute ihre eigentliche Aufgabe ab. Ihr Auftrag besteht jetzt darin, den bisher noch nicht betretenden Abschnitt der Venus genau zu untersuchen.

Sobald Lebenserscheinungen erneut beobachtet würden, diese in der Kamera festzuhalten und zu verfolgen! – Das ist nun wirklich interessant, bin gespannt auf die neuesten Meldungen, die der Rundfunk täglich von zahlreichen Raumstationen übernimmt. Sollte es auf der Venus Menschen geben? Na, wir werden ja in der nächsten Zeit dahinter kommen. – Heute Nachmittag werde ich noch an meinem Fernsprechkurs teilnehmen. Als Redakteur interessiert mich fremdsprachige Literatur, ehe ich sie in einem der Übersetzer einwerfe, lese ich sie lieber selbst. Außerdem lernt man die Sprachen viel besser kennen. Danach benutze ich einen der überall herumstehenden Straßenflitzer, gebe mein Ziel ein und schalte die Automatik ein. Schnell und sicher erreiche ich so den Kulturpalast unserer Stadt. Dort treten heute sehr bekannte Solisten auf. Da ich einerseits mir gern solche Veranstaltungen ansehe und außerdem noch Autogrammjäger bin, darf ich mir diese Gelegenheit heute nicht entgehen lassen, das habe ich mir geschworen.

So vergeht ein großer Teil des Spätnachmuttags mit Spannung und Begeisterung, auch meine Autogrammjagd war erfolgreich! Also fahre ich jetzt heim, wo Mucki bereits auf mich wartet. Bei guter Unterhaltung durch Einschalten des Fernsehers, vergeht die Zeit sinnvoll. Für mich heißt es jetzt zur Ruhe gehen, denn der Atomexpress zum sonnigen Süden, wartet morgen keine 1/10 Sekunde länger mehr!
Feier anläßlich des Preisausschreibens

Dietmar Passenheim in einem Brief an die “Junge Welt” am 11.1.2000:

“[...] Schade, dass ich nur mit der freundlichen Regina Sommer in Kontakt kam, andere junge Welt Mitarbeiter waren vor allem mit sich selbst beschäftigt und erinnerten sich untereinander an alte Zeiten. Katarina Witt sah ich leider nicht, obwohl sie in der JW vom 28.03.88 noch erklärt hat, dass sie am 8.1.2000 als Preisträgerin auch dabei sein wird.

Der Mikrofontechnik war wohl auch aus dem Jahre 1970, von der Ansprache verstand man kein Wort. Dafür ließen sich Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler und Täve Schur gern von mir fotografieren. [...]”

 

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